Saddam war das Ziel der Luftangriffe

Doch die versuchte Enthauptung des Irak scheint nicht gelungen zu sein

Angeblich wurden die ersten Luftangriffe mit Marschflugkörpern auf Ziele am Rande von Bagdad geführt, weil der Geheimdienst CIA Informationen über den Aufenthaltsort von hohen Regimemitgliedern und vor allem von Saddam Hussein in Händen gehabt haben soll. Eine "Enthauptung" des Irak ganz zu Beginn wäre vielleicht schon das Ende des Krieges gewesen. Aber offensichtlich Lebt Saddam noch.

Saddam Hussein im irakischen Fernsehen nach den Luftangriffen - oder einer seiner Doppelgänger?

Das Pentagon weist natürlich zurück, dass man Saddam Hussein oder die oberste Führungsschicht in einem schnellen Schlag vernichten und so das Land seiner Führung berauben wollte. Bush sprach in seiner Rede von "ausgewählten Zielen von militärischer Bedeutung". Natürlich will man nicht gleich mit einem Misserfolg beginnen. Gleichwohl suchte der CIA bereits monatelang alle Paläste, Bunker und anderen Orte zu identifizieren und zu überwachen, in denen sich Hussein aufhalten und Schutz suchen könnte.

Wie die Washington Post berichtet, soll CIA-Chef Tenet gestern US-Präsident Bush gesagt haben, dass man zufällig herausgefunden habe, wo sich Saddam gerade aufhalte und wo er auch in den nächsten Stunden mit "hoher Wahrscheinlichkeit" sein werde - nämlich offenbar in einem Gebäude im Süden Bagdads oder in einem im Zentrum. Das würde, wenn es denn stimmt und der Geheimdienst nicht auf eine Täuschung hereingefallen ist, die Gelegenheit sein, mit ein paar Marschflugkörpern den Diktator zu töten und vielleicht doch noch ohne wirklichen Krieg mit einem "chirurgischen" Eingriff die Macht über das Land übernehmen sowie die weltweite Kritik konterkarieren zu können.

Bekanntlich soll Saddam oft seinen Aufenthaltsort wechseln und dabei keinem vorhersehbaren Muster folgen, weswegen offensichtlich auch die amerikanischen Geheimdienste nie Bescheid wussten, wo er sich befindet (Saddam ist nicht einer, sondern viele). Auch im ersten Krieg und bei der Bombardierung während Desert Fox wurde Saddam nicht ausgemacht, die Versuche, ihn mit Schlägen aus der Luft zu töten, schlugen allesamt fehl. 1991 wurde beispielsweise ein Fahrzeug beschossen, in dem Hussein sitzen sollte, es stellte sich jedoch heraus, dass der Diktator eine ganze Reihe von diesen Fahrzeugen besaß und so die Amerikaner austricksen sonnte. Jetzt zu wissen, wo Saddam - oder einer seiner angeblichen Doppelgänger - sich tatsächlich länger aufhält ("target of opportunity"), wäre tatsächlich eine große Chance, auf die Bush mit seinem Beraterstab auch schnell zugegriffen und den Krieg kurz nach Ablauf des Ultimatums gestartet hat.

Die Marschflugkörper schlugen, gesteuert durch das GPS-System, dessen Genauigkeit bereits seit gestern zurückgesetzt worden war, an den Zielen in und am Rande der Stadt ein - mit unbekanntem Ergebnis. Das irakische Fernsehen meldete, dass Saddam am Leben sei. In einer Rede, drei Stunden nach dem Luftangriff, trat Hussein einmal wieder in Uniform auf und sagte, dass der "kleine Bush" ein schwerwiegendes Verbrechen begangen habe, man aber den Gegner besiegen werde. Saddam rief die Menschen zum Kampf auf. Der Informationsminister Mohammed Saeed al-Saha kündigte den Beginn des Dschihad an. Darauf verwies auch Saddam und versuchte wie stets, den Palästina-Konflikt für sich zu nutzen.

Anders als bei Desert Storm können die Zielkoordinaten für die GPS-geleiteten Präzisionsraketen schnell eingegeben werden, so dass man nicht mehr Stunden benötigt, sondern schnell auf neue Ziele schießen kann. Es heißt jedoch, dass Saddam nicht nur zahlreiche Paläste besitzt, sondern sich auch viele Bunker und ein weit verzweigtes Tunnelsystem unter Bagdad hat bauen lassen, so dass er hier vor den meisten Bomben zumindest sicher wäre. (Florian Rötzer)