Salat statt Beton - Gärtnern in der Stadt

Freiham - Gartenstadt des 21. Jahrhunderts

Landwirtschaftliche Aktivitäten bestimmen seit jeher die Münchner Stadtgeschichte, nicht nur von den 50.000 städtischen Kleingärtnern. Von 4.000 Hektar landwirtschaftlicher Fläche gehören 2.500 Hektar zehn Gutsbetrieben an. Darüber hinaus gibt es 13 Interkulturelle Gemeinschaftsgärten, zwei Jugendfarmen und 18 Krautgärten. In einigen Schulen ist Gartenbau Bestandteil des Unterrichts: Die Schüler bauen selber Kräuter an und lernen, wie sie riechen und wachsen. Die Kräuter werden später in der Schulküche verwertet.

Foto: Schaugarten Witzenhausen. Mit freundlicher Genehmigung der Transition Town Witzenhausen

Am Stadtrand von München wird es bald ein naturnahes, zukunftsweisendes Wohngebiet geben: In Freiham wird auf 350 Hektar Land Wohnraum für rund 20.000 Menschen entstehen - in kleinteiliger Struktur, mit Freiraum und viel Grün. Ein Freiluftsupermarkt ermöglicht die Selbsternte, auch eine Baumschule ist geplant.

Bestehende Äcker und Wiesen werden nicht asphaltiert, sondern landwirtschaftlich genutzt - als Krautgärten oder naturnahe, wandernde Spielflächen. Öffentliche und private Freiflächen dürfen mit essbaren Pflanzen bepflanzt werden. Bis zu ihrer Bebauung werden die Flächen temporär landwirtschaftlich genutzt. 2017 sollen die ersten Bewohner einziehen.

Interkulturelle Gärten

Während den westlichen Großstädtern der Bezug zum Garten häufig fehlt, ist er in den landwirtschaftlich geprägten südlichen Ländern fester Bestandteil des Alltags. Deshalb bringen Einwanderer, wenn sie nach Deutschland kommen, ihre individuellen Erfahrungen in der Gartenpraxis mit - und häufig auch exotische Gewächse, die sie hier anpflanzen - wie die Vietnamesin Hang Lam, die zum harten Kern der IG in München-Perlach gehört. Sie kommt jeden Tag eine Stunde in ihren Garten, "um den Kräutern beim Wachsen zuzuschauen". Unter ihren Kräutern und Tomaten sind auch Gewürzkräuter aus Vietnam.

Die ersten Internationalen Gärten entstanden 1996 in Göttingen auf Initiative deutscher und zugewanderter Familien aus zwölf Ländern. Heute gibt es rund 100. Diese Gärten bieten einen Raum, in dem sich Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen einander annähern, andere Sprachen und Ansichten kennen lernen.

Im Sprachengewirr verständigt man sich über Gemüse, Kräuter und Gartenbaumethoden. Jeder bringt etwas aus seiner Kultur mit. Deutsche und Nichtdeutsche bauen beim gemeinsamen Gärtnern Ängste ab und räumen Vorurteile aus. Gemeinsam mit den deutschen Nachbarn wird gegrillt, gegessen, es werden Erfahrungen ausgetauscht.

Man lernt sich kennen und entflieht gleichzeitig den Sorgen des Alltags. Gemeinschaftsgärten werden somit zum besonderen Ort der Völkerverständigung. Gärtnern kann auch zur Therapie werden, wie im Rosenduftgarten auf dem Gelände des Gleisdreiecks in Berlin. Von den rund 30 Frauen, die hier Beete angelegt haben, kommen die meisten aus Bosnien.

Während des Gärtnerns entfliehen sie nicht nur der alltäglichen Gegenwart, sondern auch den belastenden Erinnerungen aus dem Jugoslawienkrieg der 1990er Jahre, in dem viele Frauen ihre Angehörige verloren. Für einige von ihnen ist das Gemüsebeet nicht nur wichtiger Bestandteil, sondern auch der wichtigste Halt im Leben.

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