Salat statt Beton - Gärtnern in der Stadt

Foto: Schaugarten Witzenhausen. Mit freundlicher Genehmigung der Transition Town Witzenhausen

Rettet das die Welt?

Noch vor einigen Jahrzehnten bauten die Bewohner von Städten ihr Gemüse selbst an. Damals bevölkerten sogar Hühner, Ziegen, Kaninchen und Schafe die Hinterhöfe. Dann kam das Wirtschaftswunder - Gärten und Tiere verschwanden allmählich aus dem Stadtbild. Inzwischen ist Gärtnern wieder angesagt: Gemeinschaftsgärten schießen wie Pilze aus dem Boden - und das überall auf der Welt.

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Alles begann damit, dass Robert Shaw und Marco Clausen im Jahr 2009 über Nomadisch Grün, einem gemeinnützigen Verein, ein 6000 qm großes Gelände in Berlin-Kreuzberg pachteten, das vorher viele Jahrzehnte brach gelegen hatte. Am Anfang galt es den Müll wegzuräumen. Sie rechneten mit 30 Helfern aus der Nachbarschaft - gekommen sind 150.

Heute ist der Prinzessinnengarten einer von 130 Gärten, die von der Stiftung InterKultur unterstützt werden. Nicht nur vielfältige Nutzpflanzen seltener Sorten werden ohne Chemie angebaut, sondern ihn bereichern auch einige Bienenvölker. In der Saison kann man über 500 Gemüse- und Kräutersorten selber ernten und kaufen. Ein Teil des Erntegutes wird im eigenen Gartencafé verarbeitet. Die Überschüsse gehen wieder in den Garten und in kleine lokale Projekte. So finanziert sich der Garten inzwischen selbst.

Arbeitslose, Migranten und Senioren - immer mehr Menschen werden im Alltag durch behördliche Entscheidungen in eine passive Opferrolle getrieben. "Im Garten tauschen sie nicht nur Erfahrungen über den Gemüse- und Kräuteranbau aus", erklärt Marco Clausen. Der Garten bietet eine Möglichkeit, sich als jemanden zu erfahren, der partizipativ etwas mitgestaltet. Viele erlangen so ein neues Selbstvertrauen.

Plötzlich ist das Gartenwissen russischer oder türkischer Frauen gefragt, die vorher nur am Rande wahrgenommen wurden. Nun können sie ihre jahrelangen Praxiserfahrungen aus der Heimat anwenden und anderen zeigen.

Das Besondere an dem Garten am Moritzplatz ist seine Mobilität: Plastikgitter auf Holzpaletten sowie Säcke, Kisten und Tetrapaks, eben alle Gefäße, die man wegtragen kann, wurden mit Erde befüllt und bepflanzt. Denn die Flächen sind versiegelt und zum Teil noch belastet. Nebenbei werden Flaschen, Tüten, Säcke - alles was normalerweise im Müll landet - wieder verwertet.

Allerdings: Dem Gelände droht der Verkauf - im Juni 2012 wäre es fast soweit gewesen. Ein offener Brief an den Senat mit mehr als 30 000 Unterschriften konnte die Privatisierung gerade noch verhindern. Momentan verhandeln die Initiatoren mit der Stadt über eine Nutzungsverlängerung um weitere fünf Jahre.

In dem 30.000-Einwohner-Städtchen am Rhein hat sich in den letzten drei Jahren Einiges getan: Wo früher Efeu an altem Gemäuer empor wucherte, wachsen nun essbare Pflanzen. Kein Schild mahnt: Betreten der Rasenfläche verboten! Im Gegenteil: Pflücken ist erlaubt.

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Weintrauben, Kürbisse, Tomaten, Erdbeeren, aber auch vergessene Wildpflanzen wie Kornblume und Adonisröschen verschönern das Stadtbild. Die Idee für Essbare Stadt Andernach entwickelte der Geo-Ökologe Lutz Kosack:

Wir fordern die Bürger auf: Bitte bedient Euch, nehmt Euch Früchte und Samen, pflanzt sie in Euern Garten und vervielfältigt die seltenen Sorten!

Denn das Saatgut soll in der ganzen Stadt verbreitet werden. Bis 2010 gab es nur langweilige Grünflächen in der Stadt. Dann hatte der engagierte Stadtplaner eine Vision: Die Dreckecken sollten aufgeräumt, bepflanzt und damit aufgewertet werden. Als diese Ecken aufgeräumt und aufgeblüht waren, weitete man das Projekt auf die ganze Stadt aus, die wortwörtlich zum "Lebensmittel-Punkt" wurde: Ein Fünftel der Grünanlagen sind heute mit Gemüse, Obstbäumen und Beerensträuchern bepflanzt. Nicht nur Angestellte, auch Langzeitarbeitslose arbeiten mit und haben Freude daran.

Im Mittelpunkt steht die Sortenvielfalt: In einem Jahr gab es rund 300 Tomatensorten, im nächsten 100 Bohnensorten. 2012 standen vielfältige Zwiebelsorten im Mittelpunkt. Die Beete mit heimischen Kräutern wie Katzenminze, Taglilien und Grünkohl müssen seltener bepflanzt und gepflegt werden als früher. Die Pflanzen blühen und wachsen von alleine, damit beträgt die Pflege der Beete nur noch ein Zehntel der früheren Kosten. Nicht nur die Stadtverwaltung war vom Gartenkonzept schnell überzeugt. Inzwischen ist Andernach mehrfach ausgezeichnet worden.

Der befürchtete Vandalismus blieb aus. Im Gegenteil: Die Stadt ist heute viel attraktiver als früher und lockt mehr Touristen an. Das buntstielige Mangold sei schöner als jede Rose, freut sich eine Seniorin. Die essbaren Pflanzen steigern die Lebensqualität, und die Bürger erfreuen sich an den Kräutern und Gemüsebeeten. Eine Investition in die Zukunft, meint Lutz Kosack, denn sollte der Klimawandel wirklich kommen, verbessern die Gärten das Klima und werten die Stadt auf


Landwirtschaftliche Aktivitäten bestimmen seit jeher die Münchner Stadtgeschichte, nicht nur von den 50.000 städtischen Kleingärtnern. Von 4.000 Hektar landwirtschaftlicher Fläche gehören 2.500 Hektar zehn Gutsbetrieben an. Darüber hinaus gibt es 13 Interkulturelle Gemeinschaftsgärten, zwei Jugendfarmen und 18 Krautgärten. In einigen Schulen ist Gartenbau Bestandteil des Unterrichts: Die Schüler bauen selber Kräuter an und lernen, wie sie riechen und wachsen. Die Kräuter werden später in der Schulküche verwertet.

Foto: Schaugarten Witzenhausen. Mit freundlicher Genehmigung der Transition Town Witzenhausen

Am Stadtrand von München wird es bald ein naturnahes, zukunftsweisendes Wohngebiet geben: In Freiham wird auf 350 Hektar Land Wohnraum für rund 20.000 Menschen entstehen - in kleinteiliger Struktur, mit Freiraum und viel Grün. Ein Freiluftsupermarkt ermöglicht die Selbsternte, auch eine Baumschule ist geplant.

Bestehende Äcker und Wiesen werden nicht asphaltiert, sondern landwirtschaftlich genutzt - als Krautgärten oder naturnahe, wandernde Spielflächen. Öffentliche und private Freiflächen dürfen mit essbaren Pflanzen bepflanzt werden. Bis zu ihrer Bebauung werden die Flächen temporär landwirtschaftlich genutzt. 2017 sollen die ersten Bewohner einziehen.

Während den westlichen Großstädtern der Bezug zum Garten häufig fehlt, ist er in den landwirtschaftlich geprägten südlichen Ländern fester Bestandteil des Alltags. Deshalb bringen Einwanderer, wenn sie nach Deutschland kommen, ihre individuellen Erfahrungen in der Gartenpraxis mit - und häufig auch exotische Gewächse, die sie hier anpflanzen - wie die Vietnamesin Hang Lam, die zum harten Kern der IG in München-Perlach gehört. Sie kommt jeden Tag eine Stunde in ihren Garten, "um den Kräutern beim Wachsen zuzuschauen". Unter ihren Kräutern und Tomaten sind auch Gewürzkräuter aus Vietnam.

Die ersten Internationalen Gärten entstanden 1996 in Göttingen auf Initiative deutscher und zugewanderter Familien aus zwölf Ländern. Heute gibt es rund 100. Diese Gärten bieten einen Raum, in dem sich Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen einander annähern, andere Sprachen und Ansichten kennen lernen.

Im Sprachengewirr verständigt man sich über Gemüse, Kräuter und Gartenbaumethoden. Jeder bringt etwas aus seiner Kultur mit. Deutsche und Nichtdeutsche bauen beim gemeinsamen Gärtnern Ängste ab und räumen Vorurteile aus. Gemeinsam mit den deutschen Nachbarn wird gegrillt, gegessen, es werden Erfahrungen ausgetauscht.

Man lernt sich kennen und entflieht gleichzeitig den Sorgen des Alltags. Gemeinschaftsgärten werden somit zum besonderen Ort der Völkerverständigung. Gärtnern kann auch zur Therapie werden, wie im Rosenduftgarten auf dem Gelände des Gleisdreiecks in Berlin. Von den rund 30 Frauen, die hier Beete angelegt haben, kommen die meisten aus Bosnien.

Während des Gärtnerns entfliehen sie nicht nur der alltäglichen Gegenwart, sondern auch den belastenden Erinnerungen aus dem Jugoslawienkrieg der 1990er Jahre, in dem viele Frauen ihre Angehörige verloren. Für einige von ihnen ist das Gemüsebeet nicht nur wichtiger Bestandteil, sondern auch der wichtigste Halt im Leben.


Auch in anderen Ländern sind Stadtbewohner auf den Geschmack gekommen - wenn auch nicht überall die Behörden so bereitwillig mitspielen. In Spanien zum Beispiel wird seit Beginn der Wirtschaftskrise verstärkt Gemüse angebaut. 2011 schlossen sich in Madrid acht unabhängige Stadtgärten zusammen.

"Um der Bewegung eine stärkere politische Bedeutung zu geben", erklärt Pablo Llobera, Umweltberater und Aktivist des Netzwerkes. Obst und Gemüse seien dabei nur der sichtbare Teil der Gärten, der weniger sichtbare sei die Nachbarschaftshilfe. Auch fände ein ständiger Austausch mit den Behörden statt: Sie sollen sehen, was hier passiert und den Gärten eine gesetzliche Grundlage geben.

In Barcelona brachte die Stadtverwaltung zunächst wenig Verständnis dafür auf, als engagierte Bürger begannen, vergammelte Grünflächen umzugraben und Gemüse anzupflanzen. Doch die Garten-Guerilla ließ sich von Platzverweisen nicht einschüchtern: Sie besetzte ein öffentliches Grundstück und gründete einen Gemeinschaftsgarten.

In Spanien gibt es kaum Schrebergärten, dafür aber - wie in Barcelona - jede Menge verlassene Häuser, die von Jugendlichen besetzt werden. So erlaubten die Hausbesetzer eines ehemaligen Armenhospizes den Stadtgärtnern, "ihren" Garten zu nutzen. Damit wurden zwar auch die Gärtner zu Besetzern, zudem schwebte über allem eine Räumungsklage. Joana Córdoba, Vorkämpferin der spanischen Stadtgärten, sieht die Dinge pragmatisch:

Schließlich haben wir ein verlassenes Gelände in einen produktiven Garten verwandelt.

Was ist daran kriminell? Zu dieser Ansicht muss auch die Polizei gekommen sein, die nach mehrmaligen Besuchen im Garten nur Menschen vorfand, die friedlich in den Beeten wühlten - und sie gewähren ließ. Von der Sache hat wohl die Stadtverwaltung erfahren. Denn in einem der heruntergekommenen Viertel, in dem Anwohner den Asphalt aufgerissen hatten, um zwischen Müll und Abrisshäusern Gemüse zu pflanzen, erklärten die Behörden die illegal angelegten Beete im Nachhinein für offiziell. Sogar ihre Einzäunung war nun erlaubt.

Ist das erfolgreiche Stadtplanung von unten? Wenn ja, werden die Nachahmer nicht lange auf sich warten lassen. Denn Eins wird deutlich: Die Gemüsebeete in Barcelona werten nicht nur die schäbigen Stadtviertel auf, auch Nachbarn kommen wieder miteinander ins Gespräch, Arbeitlose finden eine sinnvolle Beschäftigung - und neue Freunde.

Im afrikanischen Alltag spielt die Selbstversorgung eine viel zentralere Rolle als in Europa, denn hier ist die Frage der Ernährung häufig eine Überlebensfrage. In den Slums von Nairobi zum Beispiel haben mehrköpfige Familien kein Geld, um sich teures Gemüse auf dem Markt zu kaufen. Doch gerade die Kinder im Schulalter brauchen eine ausgewogene Ernährung, die durch Reis und Hirse auf die Dauer nicht gedeckt wird.

Auf Initiative der italienischen Hilfsorganisation COOPI errichtete man in den Slums so genannte Sackgärten. Sie gehören allein erziehenden Müttern, die ohne fremde Hilfe ihre Kinder durchbringen müssen. Mit Hilfe des Gemüseanbaus in Säcken versorgen sie sich und ihre Familien. Sackgärten bieten den Vorteil, dass sie wenig Raum brauchen, und in dem warmen afrikanischen Klima wachsen die Pflanzen schnell.

Die Bepflanzung geht so: Bevor die Erde in den Sack hinein kommt, wird der Boden mit Steinen beschwert. Bewässert wird mit Regenwasser, das in die tieferen Ebenen und zu den Wurzeln der Pflanzen dringt, die an den Seiten durch die Löcher heraus wachsen. Schon nach drei Wochen ernten die Frauen eigenes Gemüse. Das Pflanzenschutzmittel wird zu Hause über dem Feuer gekocht: Ein scharfes Gebräu aus Chili, Zwiebeln, Knoblauch und Seife. Ausgebracht auf die Gemüsepflanzen, vertreibt es zuverlässig Blattläuse und Schnecken.

Mit Mutterboden und Saatgut kostet ein Sack rund 15 Euro. In einem der Slums ernten heute rund 500 Frauen eigenes Gemüse für ihre Familien, darunter Zwiebeln, Paprika und Kohl. Manchmal bleibt sogar Gemüse übrig, das sie verkaufen und von dem Geld andere Lebensmittel wie Eier einkaufen können. So sichert der Garten dauerhaft eine abwechslungsreiche Ernährung auch in großen Familien.


In Zeiten, in denen Staat und Politik immer weniger Vertrauen entgegen gebracht werden, hält Christa Müller, Autorin des Buches Urban Gardening die Garten-Initiativen an der Basis für besonders wichtig. Für sie steht fest: Gärtnern muss die Welt retten!.

Foto: Schaugarten Witzenhausen. Mit freundlicher Genehmigung der Transition Town Witzenhausen

Auch wenn sie sicher nicht alle Probleme des industriellen Wachstums lösen, sind Gemeinschaftsgärten doch Ausdruck wieder entdeckter Natur in einer zunehmend technisierten Welt. Sie sind wichtige Experimentierfelder - gerade im Hinblick auf die Selbstversorgung.

Und sie üben Kritik an den etablierten Machtstrukturen einer stetig wachsenden Nahrungsmittelindustrie. Denn bei allem Spaß am gemeinsamen Gärtnern geht es vor allem um die Frage: Wie abhängig sind wir eigentlich von den Lebensmittelkonzernen? Sind wir überhaupt noch fähig, unser Essen selbst zu produzieren? Ganz nebenbei lernt so manch einer beim Anlegen der Gemüsebeete, die Lösung seiner Probleme wieder selber anzugehen.

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