"Same Kombilohn as last year, Frau Dr. Merkel"

Nicht alles, was eine dicke Kombi ist, ist den Lohn wert

In den letzten Jahren war - politisch gesehen - vieles dafür geeignet, Frau Dr. Angela Merkel von Banalitäten wie Lohnhöhen abzulenken. Kein Wunder, wenn ihr deshalb entgangen ist, dass es Kombilöhne bereits gibt. Aber wir helfen gerne mit etwas Aufklärung.

Wir kennen das bestimmt alle: Wie etwas definiert wird, ergibt sich aus dem Kontext. Ein großer weißer Teller mit einer halben Kirschtomate, etwas Basilikum und zwei Salatblättern darauf stellt wahlweise eine Diätmahlzeit, einen Beweis für mangelnde finanzielle Mittel oder Nouvelle Cuisine dar. Und neue Bezeichnungen sind nicht erst seit dem Moment als aus Raider Twix wurde in Mode. In der Politik sprechen Zyniker mittlerweile von Neusprech, wenn aus getöteten Zivilisten Kollateralschäden werden.

Insofern ist es kein Wunder, wenn aus dem staatlich subventionierten Dumpinglohn nun ein Kombilohn wird. Aber eigentlich haben wir den doch schon – ein Grund, sich einmal, sozusagen von Frau zu Frau, an Frau Dr. Angela Merkel zu wenden. Denn schließlich möchte ich nicht, dass sie, kaum dass sie endlich die erste Kanzlerin Deutschlands ist, womöglich als unwissend dasteht, nur weil die ergänzende Sozialleistung in Form von Arbeitslosengeld II an ihr vorbeigegangen ist.

Sehr geehrte Frau Dr. Angela Merkel,

Sie können Zeit und Arbeit sparen!!!

Dieser Brief wird Sie sicherlich verwundern, denn ich bin weder eine Politikerin noch eine sonstige Bekannte von Ihnen, sondern lediglich eine der zig unbekannten Frauen in Deutschland, die jetzt in Jubel ausbrechen können, weil eine von "ihnen" es geschafft hat, Kanzlerin zu werden.

Gut, ich jubel(t)e nicht, aber das tut nichts zur Sache. Für mich war die Kanzlerfrage ähnlich wichtig wie die Frage, ob nun Herr Beckstein, Herr Schily oder Herr Schäuble Innenminister werden bzw. bleiben wird. Es hat ein wenig den Anschein, als würde man sowieso nur den günstigsten Fusel in verschiedenen Flaschen bekommen, was auch für die Idee des Kombilohnes gilt. Denn, Frau Dr. Merkel – und hier kommen wir zu dem richtig positiven Teil dieses Briefes: die Diskussion um den Kombilohn kann eingestellt werden. Jetzt, sofort – ist das nicht wunderbar? Wieviel Zeit könnten Sie, Herr Steinbrück und Herr Müntefering jetzt wohl sparen? Diskussionen, Abmachungen, Streitgespräche und Formulierungen, all das müsste gar nicht sein, denn der Kombilohn ist längst da.

Um das Ganze zu vereinfachen:

Ein Kombilohn besteht aus zwei Komponenten:

  1. geringfügiger Verdienst
  2. ergänzende Sozialleistungen

Eventuell gibt es sogar noch eine Prämie für denjenigen, der einen gering bezahlten Arbeitsplatz anbietet, wenn er damit z.B. einen Empfänger von Arbeitslosengeld II beglückt. Das nennt sich dann Lohnkostenzuschuss.

Eine ergänzende Sozialleistung könnte auch Arbeitslosengeld II sein. Und wir haben schon die Möglichkeit, bei einer nur gering bezahlten Arbeit ergänzendes Arbeitslosengeld II zu erhalten. Ja, sehr geehrte Frau Dr. Merkel, diese Möglichkeit gibt es schon und sie wird auch gerne genutzt. Denn schon jetzt gibt es das, vor dem Herr Müntefering so warnte: die Stundenlöhne, die sich im 3-, 4- oder 5-Euro-Bereich bewegen. Nicht nur als 400-Euro-Job, der übrigens auch schon einmal 35 Stunden enthält, denn netterweise wurde die Begrenzung auf 20 Stunden pro Woche geöffnet. Nein, es gibt ganz normale Verkaufstätigkeiten oder ähnliche Jobs, die bei 40 Stunden je Woche (diverse Überstunden nicht eingerechnet) 800 Euro brutto aufs Konto spülen. Davon bleiben einem Single dann 630 Euro, was ungefähr das ist, was Arbeitslosengeld II auch für den Single bedeuten würde. Da eine solche Arbeit der Zumutbarkeitsregelung entspricht, ist somit bereits dafür gesorgt, dass der Leistungsbezieher sich nicht drücken kann. Verdient er noch weniger, so steht ihm bereits Arbeitslosengeld II als ergänzende Leistung zu.

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel, Sie merken es: Ich möchte Ihnen helfen, Zeit zu sparen und somit die Debatte um den Kombilohn abkürzen. Natürlich steht es Ihnen, wie auch den anderen Herrn und Damen der Politik, frei, ein neues Gesetz auf den Weg zu bringen, das das Kombilohnmodell möglich macht. Sie können auch noch weiter gehen und per Gesetz realisieren, dass jemand seine Sozialleistungen durch ein Gehalt in Höhe von 1 Euro pro Stunde aufbessern kann, wenn die Tätigkeit gemeinnützig ist. Dies müsste dann natürlich überprüft werden, damit kein Missbrauch stattfindet und keine regulären Arbeitsplätze dadurch verloren gehen. Auch wäre es denkbar, ein Gesetz zu verabschieden, nach dem Ehegatten, die bereits krankenversichert sind, 400 Euro pro Monat hinzuverdienen könnten, ohne dadurch weiter steuerlich belastet zu werden. Sie sehen, Frau Dr. Merkel: Wenn Sie den Kombilohn weiter etablieren wollen, dann gibt es noch viel zu tun, noch viel zu regeln. Wenn es sein muss, eben doppelt und dreifach...

Mit freundlichen Grüßen

(Twister (Bettina Winsemann))