Sarkozy vollzieht Wende gegenüber der Bush-Regierung

Der Besuch des neuen französischen Präsidenten beim Bush-Clan markiert eine Wiederannäherung und gemeinsame Interessen

Auch deutsche Medien berichteten ausführlich über den – vorgeblich “privaten“ – Besuch des neuen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy während seines Urlaubs bei seinem US-Amtskollegen George W. Bush und dessen “Familienclan“. Dabei stand jedoch im Vordergrund der Berichterstattung die Abwesenheit der angeblich kurzfristig an Angina erkrankten Präsidentengattin Cécilia Sarkozy, aber auch zweier ihrer Kinder bei dem Empfang. George W. Bush bekundete sein “Verständnis“ dafür, wenngleich er auch erklärte, er möge die “dynamische Frau“ gern alsbald kennen lernen. Auch über das Menu waren die Medienmacher gut im Bilde und unterrichteten ihr Publikum, es habe Hamburger, rote Bohnen und Hotdogs gegeben.

Die samstägliche Stippvisite des action- und publicitysüchtigen Politikers Sarkozy, der auch im Urlaub nicht einfach einmal ausspannen kann, bei den Bushs in ihrem Feriendomizil in Kennebunkport (Maine) hat unterdessen mehr als nur symbolische Bedeutung. Bei einem Arbeitstreffen vor dem Mittagessen sei es auch um internationale Konfliktfelder wie “den Irak, Libanon und Darfur“ gegangen, verlautbarte hinterher in der französischen Presse. Es handelt sich um die bisher spektakulärste Manifestation der Wiederannäherung zwischen dem offiziellen Frankreich und der US-Regierung, die zwar noch unter Sarkozys Amtsvorgänger Jacques Chirac einsetzte, aber erst nach dem jüngst erfolgten Wechsel im Pariser Elysée-Palast in ihre “warme Phase“ eintreten konnte.

Überdies wurde berichtet, dass der französische Erdölkonzern Total 2009 an der Seite des US-Konzerns Chevron in den Irak zurückkehren will. Beide Gesellschaften schlossen zwar bereits zu Ende des Jahres 2006 ein Kooperationsabkommen im Hinblick auf die Ausbeutung des Ölfelds Majnoon nahe der iranisch-irakischen Grenze. Aber erst jetzt wurde diese Annäherung zwischen französischen und US-amerikanischen Branchenriesen, die im Hinblick auf das noch zu verabschiedende neue irakische Ölgesetz erfolgt, bekannt.

Frankreich kommt auch beim Wunsch der amerikanischen und britische Regierung nach einer verstärkten Rückkehr der Vereinten Nationen in den besetzten Irak ins Spiel. Die beiden hauptsächlich hinter der Invasion im Irak vom März/April 2003 stehenden Mächte hatten damals auf eine Absegnung ihres Vorgehens durch die UN verzichtet, nachdem sich zuvor angedeutet hatte, dass sie im UN-Sicherheitsrat auf Widerstände stoßen könnten. Neben Russland hatte sich damals insbesondere Frankreich gegen die Pläne für eine militärische Intervention ausgesprochen. Zeitweise hatte die französische Außenpolitik die Möglichkeit, von ihrem Veto im UN-Sicherheitsrat Gebrauch zu machen, in Erwägung gezogen. Zur Lackmusprobe kam es dabei freilich nicht, da US-Amerikaner und Briten es dann vorzogen, gleich ganz ohne Unterstützung durch die Vereinten Nationen – und außerhalb des geltenden internationalen Rechts – in dem Staat des Mittleren Ostens zu intervenieren. Heute aber, wo die beiden führenden Besatzungsmächte mit der katastrophalen Situation im Land überfordert scheinen, würden sie es gerne sehen, wenn die UN einen größeren Part an der Bewältigung oder auch Verwaltung des Desasters übernimmt. So soll die UN-Niederlassung im Irak eine größere Rolle bei Fragen wie die Wiederaufbau, den humanitären Hilfslieferungen oder auch der Reintegration der rund vier Millionen irakischen Bürgerkriegsflüchtlinge spielen, allerdings nicht beim Umgang mit den Ölressourcen. Da dies aber auf der Ebene des Sicherheitsrates geklärt werden muss, ist Frankreich wichtig.

Diese drei Meldungen stehen in einem inhaltlichen Zusammenhang, denn es handelt sich bei ihnen nur um unterschiedliche Manifestationen der offenen Annäherung zwischen Paris und Washington in Fragen der Außenpolitik. Das Zerwürfnis, das der Auftritt des damaligen französischen Außenministers Dominique de Villepin vor der UN-Vollversammlung in New York im Februar 2003 markierte – er erhielt stehenden Applaus der versammelten Diplomaten für sein Plädoyer gegen die bevorstehende Invasion im Irak -, scheint vorüber. Damals hatten rechte Kreise in den USA eine heftige Kampagne gegen die französische “Verräternation“ losgetreten, die fanatische Züge trug und bei der sich Nationalismus zum Teil mit religiösem Wahn mischte. Die spektakuläre Umbenennung der "French Fries" (alia Pommes frites) in "Freedom Fries", obwohl diese Speise ursprünglich aus Belgien und nicht aus Frankreich stammt, war dabei nur die winzige Spitze des Eisbergs. Hotel- und Restaurantbesitzer sowie Politiker gossen vor laufenden Kameras teuren französischen Wein in die Gosse. Und noch zu Anfang dieses Jahres malte etwa der Ex-Gouverneur von Massachussetts und jetzige Anwärter auf die Präsidentschaftskandidatur der US-Republikaner, Mitt Romney, das “sozialistische und bürokratische“ Frankreich in den finsteren Farben eines Gott ungefälligen Landes: “In Frankreich, zum Beispiel, scheint es, wird die Ehe häufig als ein Vertrag mit siebenjähriger Laufzeit geschlossen, wobei eine der beiden Parteien nach Ablauf dieser Frist ihrer Wege geht“, fantasierte der Politiker im Februar 2007 zusammen.

“Sarkozy L’Américain“

Egozentrik mischte sich einmal mehr mit dem Bemühen um politische Profilierung, als Nicolas Sarkozy am 11. und 12. September 2006 New York und Washington D.C. besuchte, pünktlich zum fünften Jahrestag der Attentate von 2001. Aus diesem Anlass ließ der damalige französische Innenminister sich mit US-Präsident George W. Bush im Oval Office ablichten und verkündete mit stolzgeschwellter Brust, zu Hause nenne man ihn “Sarkozy l’Américain“.

Hinterher wurde sein PR-trächtiger Auftritt mit dem mächtigsten Mann der Welt in Frankreich zum glatten Reinfall, da die von Sarkozys Kommunikationsteam verbreiteten Fotoaufnahmen durch kritische Betrachter in der Presse - namentlich beim auf Enthüllungen spezialisierten Canard enchaîné - im Nachhinein berichtigt wurden. Das berühmt gewordene Foto von Sarkozys Besuch beim US-Präsidenten zeigt die beiden Männer nebeneinander, und es vermittelt den Eindruck, als seien sie genau gleich groß. In Wirklichkeit trennen Sarkozys und Bushs Körpergröße aber 15 Zentimeter. Das Bild war so lange aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen wurde, bis der Eindruck stimmte. Le Canard enchaîné aber druckte die Aufnahme in einer retuschierten Fassung ab, die die tatsächlichen Proportionen wieder herstellte. Das Bemühen Sarkozys, lästige Details zu verbergen, hatte im Endeffekt den gegenteiligen Effekt: Das Bild wurde zum Lacherfolg beim Publikum.

Die Sache hatte damals aber einen ernsten politischen Hintergrund. Denn tatsächlich bricht Nicolas Sarkozy, obwohl selbst aus der neogaullistischen Partei (dem ehemaligen RPR, der 2002 in der konservativen Einheitspartei UMP aufging) kommend, in außenpolitischer Hinsicht mit sämtlichen Prinzipien, Dogmen und Mythen des französischen Gaullismus. Letzterer hatte über Jahrzehnte hinweg den Anschein einer sehr weitgehenden Unabhängigkeit in der Außenpolitik erwecken wollen, der darüber hinweg täuschen konnte und mochte, dass Frankreich den Status einer Weltmacht zusammen mit einem Großteil seiner Kolonien verloren hatte. Diese Politik hatte ihre Blütezeit in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals baute das offizielle Paris darauf, dass auch nach der Welle der Entkolonialisierung ein Agieren als traditionelle Großmacht weiterhin möglich sei: Frankreich solle sich nun, als starker und gefestigter Nationalstaat, den jungen, frisch entstandenen Republiken in Afrika oder Asien, bzw. ihren Eliten, als Vorbild und Partner anbieten.

Dieser Kurs fand seinen Höhepunkt, als Präsident Charles de Gaulle mit seiner Rede von Phnom Penh am 1. September 1966 von dem durch die USA geführten, verbrecherischen Krieg in Vietnam klar distanzierte. Er hatte aber auch seine negativen Aspekte, als etwa die Baath-Diktatur im Irak in den siebziger Jahren durch breite Teile der französischen politischen Klasse als “arabischer Gaullismus“ bezeichnet und glorifiziert wurde.

Frankreich und der Irak: Rückblick auf eine langjährige "Sonderbeziehung"

Frankreichs frühere spezifische Position im Irak lässt sich vor allem auf seine außenpolitische Situation während der Siebziger Jahre zurückführen. Die Kriege gegen die Unabhängigkeits-Bewegung in Algerien (1954-1962) und die "Suez-Expedition" (1956) - also der Überfall auf das nasseristische Ägypten, zusammen mit Großbritannien und Israel, infolge der Nationalisierung des Suez-Kanals - hatten Paris im Mittelmeerraum diplomatisch isoliert. Bis wenige Tage vor dem Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 lieferte Frankreich größere Waffenmengen ausschließlich an Israel, sein außenpolitisches Problem weiter verschärfend. Daraufhin beschloss das spätgaullistische Regime, das Ruder herumzureißen - und leitete das ein, was später als die politique arabe De Gaulles' zum Quasi-Mythos geworden ist. Unter De Gaulles' Nachfolgern Georges Pompidou (1969 bis 94) und Valéry Giscard d’Estaing (1974 bis 81) kam diese Politik zu ihrer Blüte.

Doch zunächst fehlte es an seriösen Partnern, da die imperialistischen Einflusszonen im Nahen und Mittleren Osten weitgehend abgesteckt waren. Saudi-Arabien, aber auch der Iran unter dem Schah standen unter dem Einfluss der USA. Die Briten behielten eine gewisse Kontrolle in ihren früheren Kolonien am Golf wie Kuwait oder Bahrain. Zwar bewahrte Frankreich sich einen (kulturellen) Resteinfluss als ehemalige Protektoratsmacht im Libanon und in Syrien, doch in Damaskus war damals noch der sowjetische Einfluss dominierend.

Im Jahr 1970 konnte Pompidous Außenminister Michel Jobert immerhin 110 Mirage-Kampfflugzeuge an Libyen verkaufen, doch der libysche "starke Mann" Muammar Gaddafi war nun nicht gerade ein berechenbarer (und vorzeigbarer) Bündnispartner. Doch dann wurde der Irak plötzlich zum devisenkräftigen Land, nachdem seine Erdöleinnahmen binnen zehn Jahren um das 50-Fache infolge der Nationalisierung der ehemals britischen Erdölquellen (1971) und der Ölpreissteigerung von 1973 gestiegen waren. Zudem begann Bagdad sich vom sowjetischen Einfluss abzusetzen. Und so erklärte der damalige rechte Premierminister Jacques Chirac den irakischen Vizepräsidenten Saddam Hussein, der ab 1979 zur Nummer Eins aufrückte, anlässlich seines Empfangs als Staatsgast am Pariser Flughafen Orly am 5. September 1975 gar zu seinem “persönlichen Freund“.

Ein Teil der französischen Sozialisten prangerten die Sonderbeziehung zunächst noch als skrupellose Geschäfte mit einer Diktatur an, doch ihre Kritik verstummte spätestens, als sie 1981 an die Regierung kamen und wenige Monate zuvor der Krieg mit dem Iran begonnen hatte. Letzterer diente daraufhin als Generalrechtfertigung, um jede Kritik an dem vorgeblich bedrohten Regime - das in Wirklichkeit der Aggressor war - hintanzustellen. Bereits in den siebziger Jahren hatte der Irak die gaullistische Partei RPR, eine bestimmte Strömung innerhalb der Sozialdemokratie von Jean-Pierre Chevènement und die linkssozialdemokratische Partei PSU finanziert. Pro-irakisch zu sein, gehörte damals fast zum guten Ton. Auf den Riesenempfängen der irakischen Botschaft in Paris fand sich in den späten 70er Jahren die gesamte politische und intellektuelle Schickeria ein. Seitens der irakischen Offiziellen wusste man den französischen Parvenüs einzuschmeicheln, indem man betonte, im Irak habe man seine Monarchie ja auch "nicht zufällig" an einem 14. Juli gestürzt. Das war im Juli 1958, als - unter starker Beteiligung der irakischen KP - die Republik eine pro-britische Monarchie ablöste. Doch diese Republik war damals längst ihrerseits durch einen Putsch der Baath-Partei beendet worden.

Die politische Klasse Frankreichs lieferte auch ideologische Begründungen dafür, warum die irakische Seite im damaligen "ersten Golfkrieg" die bessere sei. Es handelte sich aber nicht um einen "völkischen" Nationalismus, sondern im Gegenteil um ein Derivat der - längst, unter imperialistischen Verhältnissen, zur Staatsideologie gewordenen und instrumentalisierten - Berufung auf die Aufklärung, die freilich unter solchen Bedingungen nicht sehr viel mit ihren bürgerlich-revolutionären Ursprüngen gemein hatte. Man berief sich auf den damals noch laizistischen Anspruch der irakischen Diktatur, der diese mit dem republikanisch-universalistischen Laizismus in Frankreich verbinde. Dabei müsse man eben auch mal Fünfe gerade sein lassen, was die Herrschaftsmethoden betreffe - schließlich, so zögerten führende französische Sozialisten hinter den Kulissen nicht zu äußern, habe sich die junge französische Republik 1793 auch mit wenig schmeichelhaften Methoden gegen die aufständischen, königstreuen Bauern der Vendée zur Wehr gesetzt.

Das “moderne und republikanische" Regime im Irak wurde als Bollwerk zur Verteidigung der Zivilisation gegen die andringenden "barbarischen Horden des iranischen Fundamentalismus" dargestellt. Dabei wurde locker unter den Teppich gekehrt, dass das irakische Regime im September 1980 den Krieg begonnen hatte - im Glauben, von den politischen Wirren im Iran, infolge von Revolution und umittelbar darauf einsetzender islamistischer Konterrevolution, profitieren und ein "Machtvakuum" ausfüllen zu können. Drittklassige französische Schriftsteller, die zu Aktivisten der irakischen Sache geworden waren, ließen sich in Kampfuniform in Basra, das unweit der Front lag, ablichten. Die (im damaligen Kontext eher US-freundliche) Pariser Abendzeitung Le Monde hat in ihrer Ausgabe vom 23. August 1990 ein wenig schmeichelhaftes Portrait über "20 Jahre französische Irakophilie" gezeichnet.

Unterdessen hatte diese Haltung in den 1980er Jahren noch politische Nachahmer in Kreisen gefunden, die sich ihrerseits für besonders aufgeklärt-modern hielten und auf die notwendige Verteidigung der Zivilisation beriefen. So hatte ein damaliger Abgeordneter der westdeutschen Grünen namens Otto Schily im Herbst 1987 für Zoff in der Bundestagsfraktion der Ökopartei gesorgt - durch eine Presseerklärung unter dem Titel "Solidarität mit Frankreich am Golf".

Schon unter Chirac: Abkehr von der alten Politik

Diese Versuche Frankreichs, über seine Präsenz im Irak eine eigenständige Großmachtrolle in der Region und darüber hinaus zu behaupten, gehören heute der Vergangenheit an. Le Monde schrieb in ihrer Sonntagsausgabe, es sei ein Anzeichen für die Annäherung zwischen beiden Ländern – Frankreich und den USA – gewesen, dass Jacques Chirac in seinem Buch vom März 2007 ("Mon combat pour la paix") geschrieben hatte, dass “niemand den Sturz von Saddam Hussein bedauert“ habe. Dabei vergisst die als seriöseste französische Zeitung geltende Publikation jedoch, dass eine solche Positionierung auch seitens von Chirac keineswegs neu war. Vielmehr hatten er seinen ehemaligen “persönlichen Freund“ von 1975 längst schon fallen gelassen, bevor die US-Amerikaner 2003 zum zweiten Mal militärisch im Irak eingriffen.

Beim ersten Angriff einer durch die USA angeführten Allianz auf den Irak, im Januar/Februar 1991, war Frankreich noch mit 20.000 Soldaten dabei gewesen. Damals regierte freilich der “Sozialist“ François Mitterrand, gestützt auf einen rechtssozialdemokratischen Premierminister (Michel Rocard). Lediglich der Linksnationalist Jean-Pierre Chevènement, damals noch amtierender Verteidigungsminister, trat zwölf Tage nach Ausbruch der Kampfhandlungen zurück und erinnerte sich seiner noch kurz zuvor hinausposaunten pro-irakischen Positionen. Aber die damalige Rechtsopposition unter Jacques Chirac und Valéry Giscard d’Estaing kritisierte diese Unterstützung für die Militäroperationen zu jener Zeit keinesfalls. Vielmehr zieh Chirac den damaligen Präsidenten unseliger Schlappheit, nachdem François Mitterrand am 7. Februar 1991 erklärt hatte, Frankreich wolle gegen den Irak von seiner Seite her keine ABC-Waffen einsetzen - eine Erklärung, die der damalige neogaullistische Oppositionspolitiker Jacques Chirac als unverantwortlich bezeichnete, "solange das Leben vieler unser Soldaten auf dem Spiel steht".

Das internationale Kräfteverhältnis ließ es den damals regierenden französischen Sozialisten ebenso wie den bürgerlichen Rechten angeraten erscheinen, den ehemaligen Verbündeten fallen zu lassen und sich den stärkeren USA (politisch wie militärisch) anzuschließen. Von “persönlicher Freundschaft“ zu dem Diktator in Bagdad war damals längst keine Spur mehr. Aber Männerfreundschaften hören ja in der Politik bekanntlich ohnehin dort auf, wo das Interesse beginnt.

Warum hat dann Frankreich unter der Präsidentschaft Chiracs 2003 doch noch einmal gegen eine Intervention im Irak opponiert? Das Engagement von 20.000 französischen Soldaten in der damaligen US-geführten Allianz von Anfang 1991 hatte keine nennenswerten Ergebnisse für das Land eingebracht: Frankreich erhielt keinen der lukrativen Aufbauverträge für die Kriegsschäden im reichen Emirat Kuwait zugeschustert, anders als US-Firmen, Briten oder Japaner. Deswegen versuchte Paris ebenso wie Moskau, bereits ab 1992 - und verstärkt ab 1995 - wieder Geschäftsbeziehungen zum amtierenden Regime in Bagdad zu knüpfen, da im Nachbarland Kuwait für sie nicht viel zu holen war. Aber die USA setzten damals auf internationaler Ebene eine Politik durch, die das irakische Öl vom Weltmarkt fernhalten wollte; der Irak sollte zwar im Inneren unter Kontrolle von Saddam Hussein verbleiben, aber nach außen hin "eingedämmt" und wirtschaftlich geschwächt bleiben.

Die Erdöl-Förderverträge, die Frankreichs führender Konzern Total (der wenig später mit der belgischen Fina und dem französischen Ölriesen Elf-Aquitaine fusionieren sollte) 1995 sowie Russlands Ölfirma Lukoil im Jahr 1999 im Irak abschlossen, wurden deswegen nicht ausgeführt: Sie standen unter dem Vorbehalt der Aufhebung des Embargos. Jetzt aber, im Jahr 2003, wollten Frankreich und Russland nicht noch einmal das Nachsehen haben und sich erneut aus einer Nachkriegordnung "ausgeklammert" sehen. Daher warfen die beiden Mächte nun ihr diplomatisches Gewicht in die Waagschale, um von der kriegerischen Ungeduld der US-Regierung zu profitieren, ohne aber jemals die grundsätzliche Möglichkeit der Zustimmung zu einem Krieg - als ultima ratio - ausgeschlossen zu haben. Zu nicht unwesentlichen Teilen also ging es um das Erzielen möglichst günstiger Kräfteverhältnisse zwischen den rivalisierenden Mächte, um das - hinter den Kulissen erfolgende - Austarieren von Gewichten in einer künftigen Ordnung im Mittleren Osten.

Es ist möglich, dass die Zuspitzung dieser Widersprüche der französischen Regierung dabei zeitweise aus dem Ruder gelaufen ist. Das bedeutet, dass sie gegenüber einer unnachgiebigen Haltung der US-Regierung, die vorwiegend allein über den Nachkriegs-Irak bestimmen wollte, eine härtere Position durchhalten musste als ihr eigentlich ursprünglich lieb gewesen wäre. Anfang Januar 2003 jedenfalls hatte Chirac seine Militärs noch auf eine mögliche Teilnahme an einem Golfkrieg vorbereitet.

Gründe für die heutige Umorientierung

Seitens der US-Regierung ist es eindeutig das momentane Desaster im besetzten Irak, das sie von einer Politik der weiteren systematischen Ausgrenzung Frankreichs (und eventuell weiterer Mächte) Abstand nehmen lässt. Auf französischer Seite wiederum ist die Strategie einer weltpolitischen Autonomie gegenüber den USA seit den neunziger Jahren de facto passé: Präsident Chirac hat seit Ende 1995 eine offene Wiederannäherung an die NATO betrieben, deren militärischen Verbund Präsident de Gaulle 29 Jahre zuvor verlassen hatte.

Aber auf verbaler und symbolischer Ebene knüpfte Frankreich freilich noch einmal an die vorangegangene Periode an, als Chirac und sein damaliger Außenminister Dominique de Villepin – mit seine Rede vor der UN-Vollversammlung im Februar 2003 – ihr Nein zum Irakkrieg der Administration Bush formulierten. Der Glanz verblasste zwar schnell wieder, aber ein Symbol war gesetzt. Zu realer Weltpolitik auf eigenen Füßen hat Frankreich jedoch nicht mehr die Mittel. Zu groß ist der Abstand bei den Militärausgaben gegenüber den USA. Auf dem afrikanischen Kontinent - wo Frankreich seit vier Jahrzehnten einen Neokolonialismus mit äußerst klassischen Methoden betrieb und sich lange Zeit nicht einmal die Mühe gab, den Anschein einer Modernisierung seiner Praktiken zu erwecken - wird seine Einflusssphäre durch das Vordringen von US-Interessen und chinesischer Konkurrenz zunehmend angeknabbert.

Vor diesem Hintergrund bleiben der französischen Rechten zwei grundsätzliche Möglichkeiten: Entweder die Annäherung an die militärisch stärkeren und in Afrika offensiv gewordenen USA, um als ihre (Junior-)Partner einen Teil des bisherigen Einflusses zu halten – oder aber die nationalistische Fundamentalopposition gegen den Statusverlusts des eigenen Landes. Letztere Variante vertrat Jean-Marie Le Pen, als er 1990 infolge des Endes der bipolaren Weltordnung die These von den Intellektuellen der extremen Rechten übernahm, der Hauptfeind sei nun nicht mehr “der Kommunismus“, sondern der vaterlandslose Liberalismus und der Atlantizismus. Vor diesem Hintergrund ergriff der rechtsextreme Politiker nicht nur Partei gegen den US-Krieg im Irak vom Januar/Februar 1991, sondern sogar offen für das Regime von Saddam Hussein. Zum damaligen Zeitpunkt war Jean-Marie Le Pen der einzige führende Politiker mit einer solchen Position, die sich deshalb scheinbar radikal von jener des (von ihm so genannten) “Establishments“ abhob – auch wenn jenes selbst sich zehn Jahre zuvor sehr ähnlich gegenüber dem autoritären Präsidenten des Irak verhalten hatte.

Die bürgerliche Rechte navigierte hingegen lange Zeit irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Polen herum. Nicolas Sarkozy legt ihr nun aber einen Übergang zur offenen Annäherung an die USA, ihre Außen- und Militärpolitik nahe. Im Frühjahr 2003 schwieg er – was bei diesem Politiker nun wirklich äußerst selten vorkam - zum Ausbruch des Irakkriegs. Seine Berater, wie der Pro-Atlantiker Pierre Lellouche, verkündeten aber schon damals, in Wirklichkeit verurteile Sarkozy das Nein Chiracs zum Angriff auf den Irak.

Im September 2006 in Washington D.C. hat der Minister es nunmehr offen bekundet: Mit seiner Haltung im Vorfeld des Irakkriegs habe Frankreich “Arroganz“ bewiesen, und die Mittelmacht habe die Weltmacht Nummer 1, die USA, dadurch “erniedrigt“. Doch Opportunismus verpflichtet: In seiner Rede anlässlich seiner offiziellen Kür zum Präsidentschaftskandidaten am 14. Januar 2007 in den Pariser Messehallen lobte Sarkozy die historische Bilanz seines Rivalen Jacques Chirac – dessen politische Karriere in ihren letzten Zügen lag – und hob dabei auch seine Position zum Irakkrieg hervor, der “ein Fehler“ gewesen sei. Seitdem übt sich Nicolas Sarkozy an einer feinsinnigen Unterscheidung: “In der Form“ habe er die französische Politik unter seinem Vorgänger und früheren Rivalen Chirac von 2003 abgelehnt, “in der Sache“ ihr jedoch Recht gegeben. (Bernard Schmid)

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