Saudi-Arabien: Ölproduktion durch Huthis empfindlich getroffen

Bild: Tansim News Agency/CC BY 4.0

Drohnenangriffe auf die wichtigste Ölraffinerie von Saudi Aramco und das zweitgrößte Ölfeld versetzen Schocks. Update: Pompeo bemüht sich um Schadensbegrenzung des US-Images, macht Iran verantwortlich."Kein Beweis, dass die Angriffe aus dem Jemen kamen"

Die Brände sollen mittlerweile unter Kontrolle sein, aber die Auswirkungen des Huthi-Drohnenangriffs auf die wichtigste Ölraffinerie des staatlichen Konzerns Saudi Aramco in Abkaik und das große Ölfeld in Khurais sind noch nicht absehbar.

Wie groß die Aufregung ist, die der frühmorgendliche Angriff auf zwei bedeutende Elemente der saudi-arabischen Ölinfrastruktur ausgelöst hat, ist an Nachrichten abzulesen, wonach "die Hälfte der saudischen Ölproduktion" infolgedessen eingestellt werden muss.

Die Meldung wird freilich bis zum frühen Samstagabend weder von Saudi Aramco noch vom Herrscherhaus bestätigt. Saudi-Aramco hält sich mit Auskünften auf Presseanfragen bedeckt, so die AP. In ihrem Bericht zitiert sie gleichwohl Experten aus dem Think-Tank- und Energieberaterumfeld in Washington, die auf die besondere Bedeutung und die Verwundbarkeit der Ölverarbeitungsanlagen in Abkaik (auch: Bakiak oder Abqaiq) verweisen. Die Treffer könnten langwierige Reparaturarbeiten nach sich ziehen.

Der Schock über den neuerlichen Beweis der erstaunlichen Reichweite und Treffsicherheit, die die Huthi-Drohnen mittlerweile erlangt haben, geht weit über Riad und Washington hinaus. Sollte es zu Unterbrechungen beim Ölnachschub aus Saudi-Arabien kommen, so wären asiatische Staaten am härtesten betroffen, kommentiert Crude Oil Peak die "dramatischsten Angriffe auf das saudi-arabische Königreich seit Beginn des Jemenkriegs vor viereinhalb Jahren" (New York Times).

Über die Fördermengen, die nun infrage stehen, gibt es differierende Angaben. Sie schwanken zwischen fünf Millionen Fass täglich, die bei einer Tagesgesamtproduktion von 9,8 Millionen Barrel, etwa die Hälfte ausmachen, wie der genannte FAZ-Bericht meldet - "damit gehen der Ölförderung auf der Welt rund fünf Prozent täglich verloren" -, und die tägliche Produktion von 8,45 Millionen Fass Rohöl, die laut New York Times betroffen wäre.

Laut einer detaillierten Schilderung der Saudi-Aramco-Ölverarbeitungsanlagen in Abkaik haben diese eine Kapazität von 7 Millionen Fass täglich. Klipp und klar wird statuiert, dass der Anlagenkomplex die wichtigste Produktionsanlage für Arabian extra light und Arabian light crude oils ist. Das Rohöl wird vom Ghawar Ölfeld, dem möglicherweise nur angeblich größten bekannten Ölfeld der Welt, nach Abkaik gepumpt. Das weiterverarbeitete Öl geht nach Ras Tanura, dem großen Exporthafen im persischen Golf.

Das Ölfeld in Khurais (Churais), das andere Ziel der Huthi-Angriffe, soll nach dem Ghawar Ölfeld das zweitgrößte sein. Im Oktober 2018 wurde seine Produktion auf 1,5 Millionen Fass täglich geschätzt.

Reichweite und Signal

Khurais liegt etwa 180 Kilometer östlich von Riad, Abqaik ist gute 300 Kilometer in nordöstlicher Richtung von der saudischen Hauptstadt entfernt. Was dies über die Reichweite der Huthi-Drohnen aussagt, ist auf dieser Karte hier gut ersichtlich. Die Entwicklung wird Saudi-Arabien ernsthafte Sorgen bereiten. Manche Beobachter meinen, dass sich Rüstungsunternehmen auf neue Aufträge vorbereiten können. Die von den USA bereitgestellte Abwehr ist solchen Angriffe gegenüber ersichtlich nicht gut gewappnet, wobei die Drohnen ja immerhin eine lange Strecke im Himmel über dem Wüstenkönigreich zurücklegten.

Dass die Großfeuer (hier und hier) durch Drohnenangriffe ausgelöst wurde, wird von saudischer Seite offenbar nicht bestritten. Die Angriffe ereigneten sich am Samstag frühmorgens, gegen 3 Uhr, so Einwohner in Abqaiq.

Der Sprecher der Huthis sprach im Fernsehsender al-Masirah TV, der zur Ansar-Allah-Bewegung gehört, davon, dass insgesamt 10 Drohnen bei den koordinierten Angriffen eingesetzt wurden und dass weitere folgen würden, falls Saudi-Arabien seine Angriffe auf Huthis im Jemen nicht beendet.

Wie der aktuelle Drohnen-Angriff der Huthis in der westlichen Öffentlichkeit aufgefasst wird, bringt die New York Times auf den Punkt: Einmal geht es um das Signal, wonach die Fähigkeiten der Huthis, Saudi-Arabien zu treffen, deutlich angestiegen ("escalated") sind und zum anderen um Iran, das bei der technischen Weiterentwicklung der Drohnen eine unterstützende Rolle spielt. Gut möglich, dass dies zum Gesamtpaket der abgestuften Reaktionen Irans auf die Kampfansagen des gegnerischen Lagers gehört, mit denen Iran dokumentiert, dass man die US-Verbündeten an neuralgischen Stellen treffen kann.

Der Zeitpunkt war jedenfalls geschickt gewählt. Saudi-Aramco will demnächst an die Börse. Die Ölmärkte werden am Montag reagieren. Der neue Energieminister aus dem Familienzweig der Salmans, ein Halbbruder des Kronprinzen, der für den Militäreinsatz der Saudis im Jemen verantwortlich ist, hat keinen guten Start.

Update: Pompeo "keine Beweise, dass Angriffe aus dem Jemen erfolgt sind"

Inzischen hat Energieminister Abdulaziz bin Salman mitgeteilt, dass Angriffe eine Unterbrechung der Produktion von 5,7 Millionen Fass Rohöl nach sich ziehen. Etwa 50 Prozent der Produktion von Saudi Aramco falle zeitweise aus ("knocked out temporarily", Arab News). Die Schadensermiuttlung sei noch nicht abgeschlossen.

Bemerkenswert ist, dass die Meldung der Arab News, die eng mit dem Haus Saudi verbunden ist, darauf achtet, dass die Huthis und Iran zwar als Übeltäter im Jemen und in der Region herausgestellt werden - aber nicht als direkt Verantwortliche für die Angriffe. Die würden noch ermittelt, so der Sprecher der saudi-arabischen Koalition im Jemenkrieg, Turki Al-Maliki.

Auch US-Minister Pompeo twitterte in diesem Sinne. Zwar ist für ihn sicher, dass Iran hinter den Angriffen steckt - sogar als Initiator. Aber es gebe keine Beweise dafür, dass die Angriffe aus dem Jemen erfolgt seien: "Iran has now launched an unprecedented attack on the world’s energy supply. There is no evidence the attacks came from Yemen."

Es kursierten gestern Hinweise, Mitteilungen oder Gerüchte, dass die Angriffe auch aus dem Irak oder von Stellungen der Hiszbollah erfolgt sein könnten. Die faktischen Grundlagen für diese Möglichkeit müssten sich klären lassen. Offensichtlich ist, dass Saudi-Arabien und der große Schutzbruder USA in dieser Version sehr viel besser aussehen und der Erfolg der Huthis nicht so groß ausfällt. Diese Version passt genau zur politischen Propaganda Saudi-Arabiens und den USA, ob sie der Wirklichkeit entspricht?

(Thomas Pany)