Saudi-Leaks: Einblick in die Aktivitäten eines großen Meinungsmanipulators

WikiLeaks veröffentlicht zigtausende Dokumente des saudi-arabischen Außenministeriums

Über 60.000 Depeschen und andere Dokumente des saudi-arabischen Außenministeriums sind seit Freitag auf der WikiLeaks-Webseite unter dem Titel "Saudi Cables" veröffentlicht.

Die Auswertungsarbeit des Materials durch Medien hat erst begonnen. Die Nachrichtenagentur berichtete am Samstag von einem undatierten Memo, aus dem hervorgehe, dass Golfstaaten den ägyptischen Muslimbrüder 10 Millionen Dollar angeboten hätten, damit diese den inhaftierten Ex-Präsidenten Hosni Mubarak auf freien Fuß setzen.

Demzufolge müsste das Memo mit einem Briefkopf, der angeblich eine Palme zeigt, zwei gekreuzte Schwerter und einen "Top secret"- Schriftzug, aus dem Jahr 2012 stammen. Zitiert wird darin ein ägyptischer Offizieller, der andeutet, dass ein Einverständnis mit den Muslimbrüdern möglich sei.

Ein Kommentar auf dem Memo, verfasst von unbekannter Hand, bewertet dieses politische Manöver aber als "keine gute Idee". Selbst wenn die Muslimbrüder, die damals an die Regierung kamen, dazu bereit wären, sei eine Inhaftierung Mubaraks nicht zu verhindern.

Leser werden mit den Schultern zucken. Dass die reichen arabischen Potentaten mit riesigen Haufen Geld versuchen, politischen Einfluss in der Region zu nehmen, ist ebenso wenig eine Überraschung wie ihre Idee, einen machtpolitisch geistesverwandten Despoten freizukaufen. Dazu kommt, dass die Authentizität des Dokuments nicht gesichert ist.

Wer spektakuläre Enthüllungen erwartet, könnte enttäuscht werden. Genau daran hält sich auch die erste, rasche erfolgte Abwiegelungsreaktion "befreundeter Eliten", wie Marc Lynch, US-Experte für arabische Öffentlichkeiten, feststellt. Deren Tenor lautet: "Geht weiter, hier gibt es nichts Neues oder Interessantes."

Westliche Leser und westliche Medien dürften den saudischen Kommunikatoren und ihren Sympathisanten oder anders Verpflichteten den Gefallen tun. Erleichtert wird dies durch die Informationsflut, dem Nachrichtenleser ohnehin ausgesetzt sind, und durch den großen Einfluss den Saudi-Arabien über Medien hat, die es finanziert.

Demgegenüber steht aber ein großes neugieriges Publikum in der Region. Saudi-Arabien verzeichnet, worauf Statistiken seit Jahren hinweisen, eine irrsinnige Schar an Twitter-Nutzern. Es ist Ramadan , traditionell werden in dieser Zeit gerne viel und lange Stunden Medien konsumiert.

Angesichts dessen, dass sich Saudi-Arabien seit geraumer Zeit ein Standing als große Regionalmacht zu schaffen sucht, mit gravierenden Einmischungen in den Syrien-Konflikt, in die Auseinandersetzung mit Iran, im Jemen-Krieg und mit Annäherungen an Israel, ist eine Neugier auf mögliche Hintergrundoperationen, die sich in den Leaks zeigen, geweckt.

Dazu kommt, dass Saudi-Arabien auch für eine ganze Schar von arabischen Nahost-Kommentatoren ein Dauerthema ist, siehe etwa sehr prononciert beim Angry Arab. Sie werden die Augen offenhalten. Und sie, je nach Lager, versuchen, für ihre politischen Interessen zu verwerten.

Wie dies Saudi-Arabien im großen Stil praktiziert: Das Hauptthema wird vom gut verlinkten AbuKhalil bereits angesprochen: die Kontrolle der arabischen und westlichen Medien durch Saudi-Arabien. "Wie man Schweigen erkauft", heißt ein interessantes Auswertungsgebiet der Saudi-Depeschen auf der WikiLeaksseite.

Saudi-Arabien kontrolliert sein Image durch die Überwachung von Medien und das Bezahlen von Loyalitäten von Australien bis Kanada und überall dazwischen.

Auch das ist prinzipiell keine neue Erkenntnis. Wenn das allerdings mit Details, Abmachungen und Plänen breit und dicht vorgeführt und veranschaulicht wird, bekommt das schon eine politische Dimension.

Die Heuchelei der saudi-arabischen Öffentlichkeitsarbeit, ihre Doppelzüngigkeit wird offenbar, unübersehbar, so Lynch. Das hab sich schon bei den US-Cable-Enthüllungen als Effekt gezeigt wie auch bei Tunileaks. Solche Leaks haben eine Wirkung auf politische Unterströmungen, auf die Zuteilung von Glaubwürdigkeit.

Davon abgesehen haben einzelne Abmachungen mit Medien-Konzernen im Detail auch ihre politische Brisanz, wie eine WikiLeaks-Veröffentlichung jüngst erneut vor Augen führte (Nahm Sony Einfluss auf das schottische Unabhängigkeitsreferendum?).

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