Sawahiri: "Wir haben keine Unschuldigen getötet"

Der angeblich zweite Mann von al-Qaida beantwortet Fragen, die an ihn über das Internet gestellt wurden

Auch al-Qaida sieht sich offenbar genötigt, sich nicht mehr nur netzwerkartig in flachen Organisationen lose zu organisieren. Mit abnehmender Aufmerksamkeit will man Sympathisanten für das islamistische Modell eines archaischen Gottesstaates gewinnen, die in ihren Organisations- und Kampfformen aber ganz modern sein und sich der neuesten Technologien bedienen sollen. Den Nutzen des Internet als Medium hat man schon lange entdeckt, aber jetzt hat man einen ersten Versuch gemacht, aus der einseitigen Kommunikation auszutreten: Partizipation und Einbeziehung sind als Bindungsmittel gefragt. Eine Talkshow, die möglicherweise al-Qaida gerne veranstalten würde, ist natürlich unter den Bedingungen, den Aufenthaltsort geheim halten zu müssen, nicht möglich.

Also hat al-Qaida, vertreten durch al-Sawahiri, eine Idee gehabt. Schließlich ist es nicht mehr zeitgemäß, nur hin und wieder einmal irgendwelche Ton- oder Videobotschaften in ermüdender Länge im Netz unterzubringen, wo sie sich viral verbreiten. Daher durften die Menschen da draußen in der Welt nach einem Aufruf von al-Qaidas Propaganda-Abteilung as-Sahab im Dezember 2007 über das Internet Fragen an den großen Vizevorsitzenden der Terrororganisation für den Heiligen Krieg und die Befreiung der muslimischen Länder von unerwünschten westlichen Einflüssen einsenden. Jetzt wurde eine erste Auswahl der Fragen und der Antworten veröffentlicht. Offenbar sollen weitere Antworten folgen.

Richtig angepasst an die neuen Kommunikationsbedingungen hat sich Al Sawahiri allerdings nicht. Ausschweifend spricht er über eineinhalb Stunden lang und versichert dabei immer wieder, dass man im Auftrag Allahs handele und dass der "Dschihad gegen die Kreiuzfahrer" schlicht für jeden Muslim verpflichtend sei. Er habe sich, so beginnt er, Gottes Beihilfe versichert und aus den vielen Fragen 90 ausgewählt hat, die er beantwortet. Die NEFA Foundation hat eine Übersetzung angefertigt, auf deren Richtigkeit muss sich erst einmal verlassen, wer arabisch nicht beherrscht.

Sawahiri, der Koran-Fundamentalist, der auf der wörtlichen Auslegung beharrt und die Scharia als Gesetz durchsetzen will, will die "wichtigsten" Fragen beantworten und wählte als erste, warum al-Qaida bei den Anschlägen den Tod von Unschuldigen in Kauf nimmt. Das ist in der Tat eine peinliche Frage, der sich Sawahiri, darin ganz der gewohnte Ideologe, schlicht entzieht, indem er sagt, man habe keine Unschuldigen getötet. Und falls dies vorgekommen wäre, so sei dies ein "unbeabsichtigter Irrtum" gewesen. Ganz im Gegenteil, so der Terrorchef im Namen der Religion, man bekämpfe gerade diejenigen, die Unschuldige töten. Man hätte Menschen massenweise töten können, habe aber immer Muslime gewarnt, dass sie sich nicht dort aufhalten sollen, wo sich die Feinde – weiterhin als Kreuzfahrer bezeichnet - befinden, die Amerikaner, Juden und ihre Alliierten.

Kaum verwunderlich ist, dass Sawahiri die oft geäußerte Argumentation des Pentagon einfach umdreht. Die Besatzungssoldaten und überhaupt die Ungläubigen würden sich hinter der islamischen Bevölkerung verstecken und sie als "menschliche Schilde" verwenden. Sawahiri betont, dass man die Gotteskämpfer immer ermahne, auf die Muslime Rücksicht zu nehmen, die "Ungläubigen" und ihre angeblichen Helfer sind aber unterschiedslos das Ziel. "Allah", so sagt Zawahiri, den Gotteskrieg beschwörend, "hat uns damit geehrt, Amerika – den Kopf des internationalen Unglaubens – und seine Alliierten – England, Spanien, Australien und Frankreich – in Afghanistan, im Irak, auf der arabischen Halbinsel, im Jemen und in Algerien anzugreifen." Das seien die Väter und Beschützer Israels, das man dann angreifen werde, wenn "die Besatzer aus dem Irak vertrieben" wurden.

Lange wird dann eine Fatwa des al-Dschasira-Fernsehpredigers Jussuf al Qardawi verhandelt, der zwar ein Fundamentalist ist, aber al-Qaida-Terroranschläge verurteilt hat, während er Anschläge in Israel, auch wenn zu ihren Opfern Zivilisten zählen, befürwortet. Sawahiri wirft dem ideologisch konkurrierenden Geistlichen vor, dass er der "amerikanischen Denkschule" angehöre und verurteilt auch, dass dieser den israelischen Staat im Prinzip anerkennen würde, sobald es einen palästinensischen Staat gibt.

Deutlich wird an den Fragen und Ausführungen, dass die islamistischen Gruppen und Bewegungen keineswegs geschlossen sind und es eine wachsende Notwendigkeit zu geben scheint, sich von Konkurrenten abzusetzen. Erstaunlich ist gelegentlich die Wortwahl. So warnt Sawahiri davor, die Fatah-Angehörigen als Ungläubige zu titulieren, und fordert zur Unterstützung von Hamas auf, allerdings mit der Einschränkung, sie bei Irrtümern auf "faire, wissenschaftliche und freundliche" Weise zu kritisieren.

Offenbar steht al-Qaida unter Rechtfertigungsdruck seitens der Islamisten, weil die Organisation nicht direkt Israel angreift. Schon zuvor hatte Sawahiri alle Muslime dazu aufgerufen, die Juden und ihre Verbündeten überall auf der Welt anzugreifen. Bin Laden hatte vor kurzem in zwei Tonbandbotschaften Europa gewarnt und ebenfalls zu einem heiligen Krieg für die Palästinenser aufgerufen. Die vielen Botschaften und die zunehmende Propaganda-Aktivität könnten bedeuten, dass der Einfluss von Bin Laden und Sawahiri sinkt und sie zunehmend an Glaubwürdigkeit in den eigenen Reihen verlieren. Wahrscheinlich hat man den Einfluss von al-Qaida, die sich selbst als Gegenspieler zur USA inszenierte, was von Medien und der US-Regierung zur Vereinfachung der Lage übernommen wurde, überschätzt. Jetzt könnte nur wieder die unübersichtliche Vielzahl der islamistischen Gruppen deutlicher werden.

Nach dem Irak, so wiederholt Sawahiri später noch einmal, werde der Dschihad sich gegen Jerusalem richten. Der Dschihad sei "die stärkste Macht in der Geschichte der Menschheit", sagt Sawahiri, der sich damit offenbar selbst nicht nur als Handlanger Gottes, sondern auch als geschichtsmächtige, epochale Figur stilisiert. Dazu passt, dass der Dschihad von al-Qaida jenseits aller irdischen Werte über allen internationalen Abkommen stehen soll und etwa auch die Vereinten Nationen als "Feind des Islam" angesehen werden. Ein Krieg zwischen USA und Iran sei eine Möglichkeit. Wer auch immer daraus siegreich hervorgehe, müsse dann bekämpft werden. Mit dem Iran und den Schiiten gibt es keine Solidarität. Die USA sei schon am Zerfallen, aber das könne Jahrzehnte dauern. Wichtig seien auch die Bekämpfung und der Sturz der korrupten Regime in Ägypten oder Saudi-Arabien, betont Sawahiri. Dafür verkündet er, dass Osama bin Laden gesund und munter sei. Aber auch er müsse eines Tages sterben, selbst wenn er zuvor nicht erkranken sollte, während "Allahs Religion bleiben wird, bis Allah die Erde und alles auf ihr übernimmt". (Florian Rötzer)