Scary Sabah, der Granaten-Popstar

Irakische Hits gegen die Besatzung

Für die Puristen der Taliban war Musik eindeutig verdächtiges Teufelswerk; dass sie ganz nebenbei auch ohne Soundtrack der "Pop-Art" ziemlich nahe kommen konnten, verraten ein paar bemerkenswert dandyhafte Selbstbildnisse, die ein "Magnum"-Fotograf in Kabul aufstöberte. Um gegen die Ungläubigen zu kämpfen, reichte den Taliban-Kriegern der Swing des a-capella-Singsang aus den Koranschulen des pakistanischen Hinterlandes. Anders dagegen die Dschihadis im Irak.

Ennuyiert vom amerikanischen Pop, der ihnen von Radio "Sawa" (vgl. USA vs. Demokratie "Arab Style") entgegen dudelt, treten irakische Sänger jetzt an zur "Schlacht" der Pop-Hits: "Let's go out and call out the name of God", singt Sabah al-Jenabi zu treibenden Sufi-Rhythmen und lässt die Kassen in den Souks klingeln.

"Geil, dass die Terroristen jetzt auch 'nette Popmusik' zum Anhören haben" kommentiert ein Gnutella-Leser etwas bitter die Meldung, wonach sich CDs mit "Anti-Koalitions"-Songs immer größerer Beliebtheit erfreuen. Im Radio sind diese Stücke verboten, aber in den CD-und Musikkassettenläden in Bagdad, Falludscha und Ramadi sind al-Jenabis Reime - "Die Männer von Falludscha sind Männer mit harten Aufgaben. Sie lähmen Amerika mit Raketen angetriebenen Granaten" - der große Renner, "hottest sale items", auch wenn der Kunde manchmal eine Stunde warten muss, bis der Händler Vertrauen genug hat, um das begehrte Liedgut auf den Ladentisch zu legen.

Im Dezember beschwerte sich ein ziemlich genervter Salam Pax über den von Sufimusik unterlegten Terroristen-Pop:

Warum krieg ich nur immer die verrücktesten Taxifahrer. Der heute spielte eine Kassette mit Songs, welche die Arbeit der "Brüder in Falludscha" preisen... Er sagte mir, wo man eine Kopie dieser antiamerikanischen Popsongs bekommt. Nun, es sind keine richtigen Popsongs, sie wurden eher wie Thikir gesungen, gesungene Poesie, die Allah preisen soll...Aber diesem Zeug zuzuhören, das die Leute in Falludscha für ihre Tapferkeit rühmt, in dem man ihren Glauben verteidigt und dafür betet, dass jeder Tote aus Falludscha durch 2000 ersetzt werden soll, das ist etwas zu viel...Schaut euch die Top Ten der irakischen Charts an und ihr bekommt ein feeling für die Gefühlslage im Irak. Wird es Justin Timberlake sein? Oder "Scary Sabah" mit seinen größten Anti-Koalitions-Hits? ..Das ist nicht lustig

Salam Pax

Nach investigativen Recherchen des Daily-Star-Reporters finden jetzt auch Fahrer, welche die US-Besatzung unterstützen, "Scary Sabah" ganz o.k.

Ich mag die Musik und die Lyrics. Ich weiß nicht warum. Ich bin nicht damit einverstanden, was er sagt. Aber es macht mir gute Laune. "It just makes me feel good."

Bestätigt wird der Musik-Geschmack des Fahrers Hussein von einer Musikwissenschaftlerin namens Fatima Daher ar-Rubai, derzufolge die Attraktivität dieser Songs daher rührt, dass ihre Musik zur irakischen Folklore gehört, die einstmals auf religiöse Anlässe beschränkt war, aber gegenwärtig mehr und mehr für politische Zwecke verwendet wird.

Auch ich fühle mich bewegt, wenn ich diese Musik höre. Wie sich der Rhythmus aufbaut, so bauen sich die Emotionen auf. Es ist eine sehr fesselnde Musik.

Sufi-Musik wurde schon mal für politische Zwecke eingesetzt: In der Großen Rebellion von 1920 gegen die britischen Besatzer sollen Sufi-Hymnen einen großen Rolle gespielt haben bei der Formierung des "kreativen Widerstands". Innerhalb weniger Jahre seien die Briten damals aus dem Land geflohen. Doch diesmal ist es ein wenig anders: die Briten haben (noch) die weitaus besseren Pop-Texter. Wenigstens diese "Schlacht" könnten sie gewinnen. (Thomas Pany)

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