Schachmatt

Präsident John F. Kennedy nach der Landung in Dallas, einen Tag vor seiner Ermordung. Bild: U.S. federal government

William King Harvey und die Lizenz zum Töten

Bislang hatte der "amerikanische James Bond" Bill Harvey stets unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemordet. Ein Anschlag auf den eigenen Präsidenten war politisch nur mit einer Coverstory zu tarnen - und mit ergebenen Medien, welche die Fehlspuren nicht hinterfragten. Um die Geschichte vom verrückten Einzeltäter glaubhaft zu machen, bedurfte es jedoch eines hohen Aufwands an Desinformation.

Anzeige

Da ein Scheitern des Plans keine Option war, mussten die Planer des Attentats auf Nummer Sicher gehen und ihrem Opfer mit mehreren Schützenteams aus unterschiedlichen Positionen auflauern. So vermutete Militärgeheimdienstler L. Fletcher Prouty ein Kreuzfeuer von drei Teams, Bezirksstaatsanwalt Jim Garrison ging sogar von vier Positionen aus. Wer genau die Handlanger waren, die den Finger am Abzug hatten, wo genau sie sich verteilt hatten und ob sie zum Teil gar mit verdeckten Tarnwaffen und CIA-typischen Schalldämpfern schossen, spielt letztlich keine Rolle. 121 Zeugen auf der Dealey Plaza hörten dort Schüsse und rochen Pulverdampf, etliche liefen zum Grashügel, um die Schützen zu verfolgen. Experten vermuten, dass Harvey u.a. Killer der korsischen Mafia beauftragt habe, die erst kurz vor dem Attentat instruiert worden seien.

Den Planern musste klar sein, dass ein im Kreuzfeuer erschossener Delinquent nicht zu einem Alleintäter passte, da die Kugeln aus verschiedenen Richtungen kamen. Daher war es von vorne herein erforderlich, der Form halber die Leiche passend zu machen. Doch im Kugelhagel von Dallas war der Präsident nicht sofort tot, so dass die Ärzte im Parkland-Krankenhaus um dessen Leben kämpften. Im Anschluss hieran führten sie eine erste Leichenschau durch, bei der die mit Schusswunden erfahrenen Ärzte frontale Einschüsse notierten. Doch ohne jede Rechtsgrundlage wurde die offizielle Autopsie nicht in der Stadt des Tatorts, sondern im Bethesda-Marinekrankenhaus in Virginia durchgeführt.

Seit die Leiche in Dallas an Bord der Air Force One gebracht worden war, befand sich diese im Machtbereich des geschworenen Kennedy-Hassers General Curtis LeMay. Der tumbe Air Force-Chef ließ es sich nicht nehmen, der Autopsie von einer Empore aus beizuwohnen und dabei seine stets präsente Zigarre zu rauchen. Die Ergebnisse des unter Befehl stehenden Militärarztes, der noch nie in seinem Leben obduziert hatte, wichen von denen der mit Schusswunden erfahrenen zivilen Ärzten in Dalles ab - die sich daraufhin beeilten, ihre Ergebnisse zu widerrufen. Dass die Einschusslöcher in der Kleidung nicht mit den nun pathologisch festgestellten übereinstimmten, war nicht deren Problem.

Selbst der im Eigentum eines Beerdigungsunternehmers stehende Sarg, mit dem die Leiche Kennedys von Dallas ausgeflogen wurde, nahm ein skurriles Schicksal: Er wurde von LeMays Air Force mit Gewichten bepackt an einer besonders tiefen Stelle über dem Meer abgeworfen.


Sofort nach den Schüssen war ein Fahndungsaufruf nach Oswald durchgegeben worden. Die Quelle dieser auffällig frühen Personenbeschreibung ist bis heute unbekannt. Doch offenbar lief beim Cover Up etwas schief. Der Statist wider Willen Oswald war nicht bei seiner Festnahme erledigt worden, sondern verließ das Schulbuchlager unbehelligt. Bei seiner später unter ominösen Umständen erfolgten Festnahme in einem Kino, der ein seltsam motivloser Mord am Streifenpolizisten J.D. Tippit vorausgegangen war, lieferte Oswald den Polizisten keinen Vorwand für einen Schusswechsel.

Anzeige

Inzwischen hatte sich Allen Dulles persönlich in ein militärisches Sperrgebiet nach Camp Peary begeben, das die CIA als geheimen Kommandostützpunkt nutzte. Was der pensionierte CIA-Chef auf dem in der Geheimdienst-Folklore als "Die Farm" bekannten Gelände zu suchen hatte, ist unklar. Dulles verließ es allerdings erst wieder, als der Mafioso Jack Ruby in plumper Manier Oswald zum Schweigen brachte, wenn auch ohne schlüssiges Motiv. Als Mitglied der ehrenwerten Gesellschaft durfte Ruby einen Mordauftrag nicht ablehnen, selbst wenn dies die sichere Haft oder den eigenen Tod bedeutete. Tatsächlich wurde berichtet, dass Ruby vor dem Mord einen geheimnisvollen Anruf erhielt, der ihm sichtlich aufs Gemüt schlug. Jahre nach dem Attentat bot er vergeblich an, zu reden, allerdings nicht auf Territorium der Südstaaten. Aufgrund seiner Krebserkrankung war Ruby ein Zeuge, der absehbar von selbst verschwinden würde.

Die Kontaktpflege zur Mafia war nun einmal William King Harveys Aufgabe. Als 1975 Harveys Ansprechpartner Sam Giancana wegen des Attentats aussagen sollte, wurde er von Kugeln durchsiebt. Johnny Roselli machte vor der Church-Kommission Aussagen. Als er auch zum Kennedy-Mord befragt werden sollte, fand man seine zerhackte Leiche in einem Faß im Meer treibend - eine für die Mafia untypische Form der Exekution. Im Bonanno-Clan will man wissen, Roselli sei einer der Schützen gewesen.

Allen Dulles ließ sich von Johnson in die Warren-Kommission bugsieren, die er dominierte und manipulierte. Insbesondere verhinderte er jegliche Untersuchung in Richtung CIA, die Harvey hätte in Verlegenheit bringen können. Die offensichtlichen Schwächen des Warren-Reports wurden von den US-Medien eisern ignoriert, die Dulles stets im Griff hatte. Um Zweifler als lächerlich zu brandmarken empfahl die CIA-Abteilung für psychologische Kriegsführung 1967 in einem Memo hierzu den eigens entwickelten Begriff "Conspiracy Theorist" (Verschwörungstheoretiker).

Eine aufgetauchte Filmaufnahme des Kaufmanns Abraham Zapruder, die nicht zum Alleintäter Oswald passte, zog TimeLife-Verleger Henry Luce durch Kauf von Filmrechten und Original aus dem Verkehr. Luce, ein Förderer des italienischen Faschismus, der noch 1938 Hitler zum "Mann des Jahres" ausgerufen hatte, war ein enger Freund von Allen Dulles, ließ ihn sogar seine Frau Clare Boothe Luce vögeln. Im Gegenzug lieh der CIA-Chef dem Verleger seine Dauergeliebte Mary-Anne Bancroft. Zudem war Luce ein einflussreiches Mitglied der Studentenverbindung Scull&Bones, welcher der Nazibankier und Dulles-Mandant Prescott Sheldon Bush vorstand. Der Zapruderfilm gelangte erst 1975 in die Medienöffentlichkeit, als das Mordprogramm der CIA publik wurde.

Als Harveys Stellvertreter in Rom, F. Mark Wyatt, seinen Chef beim Ausnüchtern weckte und vom Attentat in Dallas berichtete, kamen Harvey nur verächtliche Worte über die Lippen. Wyatt hatte erstmals 1998 über Harveys geheimnisvolle Reise nach Texas im November 1963 berichtet.

Die von Kennedy protegierte Annäherung der Christdemokraten endete mit dessen Tod ebenfalls. General Giovanni die Lorenzo, vormals Leiter des Militärgeheimdienstes und der Carabinieri, drohte Staatschef Nenni mit einem Putsch, falls der Kurs nicht revidiert werde. Als CIA-Stationschef in Rom empfahl William King Harvey 1964 den italienischen Militärgeheimdienstler Renzo Rocca, der selbst über bewaffnete Handlanger verfügte, zum Kontaktmann für das Gladio-Netzwerk. Rocca sollte terroristische Attentate auf Politiker der Christdemokraten verüben, um diese den italienischen Kommunisten in die Schuhe zu schieben.

Wyatt berichtete entsetzt von Plänen Harveys, Mafiakiller für Mordaufträge an Linken anzuheuern. Als er einmal protestierte, hätte Harvey eine Waffe auf ihn gerichtet. Wyatt beantragte sein eigene Versetzung und beschwerte sich bei Vorgesetzten, doch Harvey schützte eine unsichtbare Hand

In den 1970er Jahren wurden Pläne im Stile Harveys in die Tat umgesetzt, etwa der scheinbar von linken Terroristen verübte Mord an Aldo Moro oder der blutige Bombenanschlag auf den Bahnhof in Bologna, die tatsächlich Rechtsterroristen zu verantworten haten.

Die erhoffte Mitwirkung an verdeckten Operationen in Laos blieb dem nach Europa abgeschobenen Harvey verwehrt. Der "amerikanische James Bond" Harvey eiferte dem literarischen Geheimagenten nicht nur bei der Lizenz zum Töten nach, sondern bewies auch große Kompetenz im Konsum alkoholischer Getränke. Nachdem letzteres seiner Gesundheit zusetzte, kehrte er aus Rom ins CIA-Hauptquartier in Washington zurück, wo er der einstige Held des Berliner Spionagetunnels wieder die Abhörabteilung leitete, bis er 1969 in den Ruhestand ging.

Nachdem politische Ausschüsse wie die Warren-Kommission und die Rockefeller-Kommission das Kennedy-Attentat mit Scheuklappen "untersuchten", nahm sich Senator Frank Church 1975 die CIA vor. Church zitierte hochrangige Personen in den Zeugenstand, darunter CIA-Chef Richard Helms, der dunkelsten Geheimnisse des inzwischen verstorbenen Dulles wahrte und lieber den Hut nahm, als sein Schweigen zu brechen.

Den Ermittlern des Church-Komitees galt Harvey als Hauptverdächtiger des Kennedy-Attentats. Der bestand darauf, nie etwas getan zu haben, das nicht autorisiert oder zügellos gewesen sei. Tatsächlich spricht alles dafür, dass der Haudegen stets nach den Vorgaben seiner Vorgesetzten handelte, zu denen er wohl Dulles auch nach dessen Demission zählte. Damit hatte Harvey klar signalisiert, dass eine weitere Untersuchung das politische Washington mitreißen würde, das die Beseitigung Kennedys gebilligt hatte. Wie schon bei der Untersuchung des vereitelten Putsches durch die American Liberty League 1933 gab man der Staatsraison den Vorzug.

Weitere Befragungen waren nicht mehr möglich, da Harvey bald nach seiner Aussage an Herzversagen starb. Dieses Leiden dürfte dem schlechten Gesundheitszustand des in die Jahre gekommenen Alkoholikers geschuldet sein. Ironischerweise war "Herzversagen" allerdings auch die scheinbare Todesursache eines damals nicht nachweisbaren Giftes, das die CIA mit einer speziellen Pistole in sich auflösenden Eisprojektilen verschießen konnte. Ob diese unheimliche Waffe jemals eingesetzt wurde, ist nicht bekannt.


Harveys rechte Hand Morales war nach dem Kennedy-Attentat u.a. dem CIA-Agenten Felix Rodriguez zur Hand gegangen, als dieser in Bolivien 1965 Che Guevara aufspürte und exekutierte. Manche wollen Morales 1968 im Ambassador-Hotel in Los Angeles gesehen haben, als erneut angeblich ein verwirrter Alleintäter Sirhan Sirhan diesmal den neuen Präsidentschaftsbewerber Robert Kennedy erschoss - mit erheblich mehr Schüssen, als das Magazin der Waffe des Verdächtigen hätte fassen können. Unter der Tarnung als "Entwicklungshelfer" führte Morales für die CIA in Laos und Vietnam "Schwarze Operationen" durch. In Chile destabilisierte er die Linken und eliminierte persönlich missliebige Politiker. 1973 verhalf er Putschist Augusto Pinochet zur blutige Diktatur. Anschließend arbeitete er in Washington für die CIA als Berater über rechtsgerichtete Diktaturen in Südamerika.

Die Männer der von Harvey und Morales aufgebauten CIA-Station ZR/Rifle in Miami gelten vielen als die ausführenden Hände des Kennedy-Mords, darunter E. Howard Hunt. Hunt selbst räumte 2007 auf dem Sterbebett verklausuliert seine Beteiligung sowie die von Morales und seines Chefs Harvey ein. Hunt hatte als Watergate-Einbrecher Berühmtheit erlangt, der für Präsident Nixon Wanzen im Wahlkampfbüro der Demokraten legen sollte. Nixon selbst sprach auf einem seiner Tonbänder von der "ganzen Schweinebucht-Sache", womit er wohl die damals noch geheime Struktur von Harvey und Morales Mordorganisation meinte, die aus Veteranen der Invasion auf Kuba bestand.

Der ebenfalls zum Trinken neigende Morales prahlte Freunden gegenüber mit dem Kennedymord. Als er die CIA verließ, sicherte er sein Haus mit modernsten Alarmsystemen, was er Freunden gegenüber mit Furcht vor den eigenen Leuten begründete. Nach Einlieferung in ein Krankenhaus erschien dort ungewöhnlich viel Polizei. Eine Autopsie wurde an Morales Leiche nicht durchgeführt.

Als der Kinofilm "JFK" eine erneute Untersuchung provozierte, wurde schließlich ein Großteil der noch gesperrten Dokumente der Öffentlichkeit vorzeitig zugänglich gemacht. Man räumte ein, dass es wohl eine Konspiration gegeben haben musste, beließ es jedoch dabei. Ca. ein Prozent der Akten wurden jedoch zurückgehalten, darunter die Steuerakte von Oswald, die Aufschluss über seine nachrichtendienstliche Verwendung geben dürfte. Gesperrt sind auch die Reisedokumente von William King Harvey, der im November 1963 etwas Geheimnisvolles in den USA zu erledigen hatte.

Wenn die 3.603 noch gesperrten Akten am 22.11.2017 der Öffentlichkeit übergeben werden, sind kaum Überraschungen zu erwarten. Etliche Details sowie die politischen Hintergründe sind etwa in Talbots "Schachbrett des Teufels" (vgl. Interview mit dem Allen-Dulles-Biographen David Talbot) nachzulesen. Dennoch zogen es etwa 2013 zum 50. Jahrestag des Jahrhundertattentats die Medien sowohl in den USA als auch in Deutschland vor, das Thema zu beschweigen und stattdessen brav die Geschichte von Dulles und Harvey wiederzukäuen. Dabei machen sie bis heute eifrig ausgerechnet vom hierzu von der CIA entwickelten Kampfbegriff Verschwörungstheoretiker Gebrauch.

Anzeige