"Schädlichkeit der Impfstoffe": Franzosen misstrauen öffentlichen Berichten

Studie zum "Verschwörungswahn": 25 Prozent der befragten Franzosen glauben an den "Bevölkerungsaustausch"

Ein Viertel der befragten Franzosen stimmten dem Satz zu, dass die "Einwanderung absichtlich von unseren politischen, intellektuellen und in Medien aktiven Eliten organisiert wird, um am Ende die europäische Bevölkerung durch Einwanderer zu ersetzen"; 10 Prozent teilten diese Auffassung voll und ganz, 15 Prozent "stimmten eher zu". 41 Prozent waren ganz und gar nicht mit dieser Behauptung einverstanden. 18% "eher nicht".

Insgesamt 10 Behauptungen aus dem Bereich der "Verschwörungstheorien" wurden kurz vor Weihnachten etwa 1.760 repräsentativ ausgewählten Französinnen und Franzosen per online-Fragebogen vorgelegt. Die eingangs zitierte Behauptung, die den härtesten politischen Kern hat, liegt bei der Zustimmung auf Platz vier.

Regierung mit Pharmaindustrie "unter einer Decke"

Den ersten Platz mit 43 Prozent Zustimmung hat die Behauptung, dass die "Regierung und die Pharmaindustrie unter einer Decke stecken, um die Wirklichkeit der Schädlichkeit von Impfstoffen vor der großen Öffentlichkeit verborgen zu halten". Es ist die einzige Behauptung, wo der Anteil der Zustimmung höher ist als der Nicht-Übereinstimmung. Nur 41 Prozent der Befragten waren nicht einverstanden mit dieser Behauptung (22% ganz und gar nicht, 19 Prozent "eher nicht").

Die zweitplatzierte Behauptung hat mit dem Autounfall von Princess Diana zu tun, der offensichtlich noch immer Gegenstand vieler Spekulationen ist. Die drittplatzierte Äußerung postuliert, dass "die Illuminati die Bevölkerung manipulieren wollen". 25 Prozent der Befragten fanden dies glaubwürdig.

Dass jeder vierte Franzose eine derartige Äußerung als glaubwürdig einstufen, 10 Prozent voll und ganz, 15 Prozent "eher", stellte Le Point als Zeichen dafür heraus, dass der "Verschwörungswahn" (franz. "complotisme") sich in Frankreich zu einem "ein wichtigen Phänomen" entwickelt.

Das ist denn auch die zentrale Aussage der Studie, die von der Stiftung Jean Jaurès in Auftrag gegeben wurde. Die Stiftung ist politisch eng mit der Parti socialiste, den französischen Sozialdemokraten, verbunden, die durch den Siegeszug der Macronschen Bewegung La République En Marche politisch stark verloren hat, sich aufgespalten hat und in Umfragen bei einstelligen Werten liegt.

Nur zwei von drei Franzosen "verschlossen" gegenüber VT-Behauptungen

Als große Erkenntnisse der Studie (hier in einer guten Übersicht) werden vom Leiter der Conspiracy Watch, die ebenfalls an der Studie beteiligt ist, Rudy Reichstadt, hervorgehoben, dass nur zwei von drei Franzosen sich mehr oder weniger verschlossen gegenüber Verschwörungstheorien zeigen. Jeder fünfte (21 Prozent) aber sich mit 5 der ausgewählten zehn Behauptungen einverstanden erklärt.

35 Prozent glauben an keine der zehn Antworten, 17 Prozent an eine. 12 Prozent glauben an zwei, daraus ergeben sich die 64 Prozent mehr oder weniger "verschlossenen". Die ersten beiden Gruppen, die etwas über die Hälfte stellen, 52 Prozent, wird als "total oder sehr" verschlossen bezeichnet.

Auf der Gegenseite gibt es 21 Prozent, die 7 (jede(r) zehnte) oder 5 bis 6 Aussagen (11 Prozent) für zutreffend halten.

"Klassiker" und Antisemitismus

Unter den zehn Aussagen1 sind politisch relativ harmlose Klassiker, z.B. der NASA-Mondlandungsfake (letzter Platz, 9 Prozent Zustimmungsanteil) oder Chemtrails (vorletzter Platz, 15 Prozent Zustimmungsanteil), politisch interessante, aber kaum mehr aufregende Klassiker wie die Verstrickung der US-Regierung bei 9/11 und die Kontrolle des weltweiten Drogenhandels durch die CIA. Beide erzielen relativ hohe Zustimmungswerte mit 17 und 19 Prozent.

Dem folgt dann eine Aussage mit einer hohen Zustimmungsrate von 22 Prozent, die es politisch sehr in sich hat, sie ist glasklarer Ausweis von Antisemitismus: "Es gibt eine zionistische Weltverschwörung."

Erwartungsgemäß hat die Studie politischen Zusammenhängen nachgespürt und bestätigt, was niemanden groß überraschen wird, zum Beispiel dass diejenigen, die größeren Wert auf das Leben in einer Demokratie legen, weniger empfänglich für die Behauptungen sind. Auch dass die Schulbildung und der berufliche Erfolg eine Rolle bei der Einschätzung der Aussagen spielen, war zu erwarten.

Der große Glaubwürdigkeitsverlust der Medien

Interessant ist, dass die größere Auswertung der Studie hervorhebt, dass das Lager der Medienskeptiker nicht mit "Komplottisten" in eins gesetzt werden kann. Es ist sehr viel größer.

Die Skepsis bzw. das Misstrauen gegenüber Medien dokumentiert auch in Frankreich einen echten Glaubwürdigkeitseinbruch - auch im Vergleich zu anderen Institutionen (Armee, Polizei, Schule und Justiz liegen zum Teil beträchtlich über dem Vertrauenswert, der Medien beigemessen wird).

Bemerkenswert ist zuletzt auch, dass 46 Prozent der Befragten dafür waren, die Meinungsfreiheit "im Kampf gegen fake news" einzuschränken und 46 Prozent gegen solche Maßnahmen der Einschränkung der liberté d'expression waren. Beide Lager waren demnach gleich groß. (Thomas Pany)

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