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Ab 22. April: Adbusters rufen "TV Turnoff Week" aus.

Einmal im Jahr eine Woche lang kein Fernsehen! Diese von den kanadischen AdBusters angeführte Kampagne mit weltweiten Mitstreitern, findet heuer von 22. bis 28. April statt. Zielsetzung dabei: zumindest für eine kurze Zeitspanne und mit freiem Entschluß aus der gigantischen, weltweit verwobenen Unterhaltungsmaschinerie des Fernsehens zu entfliehen.

Fernsehen, dieser aus Talkshows und aggressiven Filmen bestehende, mit rasch geschnittenen News aufgepeppte, die Werbung umrahmende Unterhaltungsbrei, vermüllt zusehends die menschliche Denk- und Handlungsfähigkeit. Bei der TV Turnoff Week soll wenigstens einmal im Jahr der Kopf von der Verstopfung mit den durchschnittlich jährlich rund 1220 Stunden Fernsehkonsum (Deutschland)1 befreit werden. Übrigens, die durchschnittliche berufliche Jahresarbeitszeit lag im Jahr 1997 in Deutschland (West) nach Arbeitgeberverbände-Angaben bei 1573 Stunden.

Aldous Huxleys düstere "Schöne neue Welt" mit ihrer Droge "Soma" und die moderne, um das Fernsehgerät zentrierte Lebenswirklichkeit des ausgehenden Jahrhunderts haben Parallelen. Das Fernsehen ist für die großen Mehrheiten auf dieser Welt eine gigantische Droge geworden, eine Narkosemaschinerie, welche Eigeninitiative, Individualität, Selbstreflexion und "persönliches Leben" lähmt und stattdessen medienindustriell vorgefertigte Wirklichkeitskonstruktionen ins Wohnzimmer liefert. Nicht nur ins Wohnzimmer, immerhin die Hälfte der US-Kinder haben schon einen Fernseher im Kinderzimmer stehen.

Es ist nicht allein die scheinbar große Auswahlmöglichkeit, was Fernsehen so anziehend für den modernen Menschen macht, sondern auch die Geschwindigkeit und die gefahrlose Präsenz, die es vermittelt, etwa beim Krieg am Golf oder im Balkan. Natürlich spielt auch der günstige Preis eine Rolle - es kostet ja, hat man erst einmal das Gerät, praktisch nichts. Ein Buch lesen ist da im Regelfall teurer.

Sich einer so universalen Droge wie dem Fernsehen zu entziehen, ist schwer. Aber es gibt inzwischen Hilfen und Unterstützung. "White Dot", eine britische Initiative, um der Fernsehsucht Herr zu werden, liefert mit dem eben erscheinenden Buch "Get A Life" einen Ratgeber, und zum organisierten Ausbruch aus der selbstgewählten Sklaverei des Fernsehkonsums hilft ein von der Washingtoner Initiative "TV-free America" zusammengestelltes Organizer's Kit.

Fernsehen und Konsum gehören zusammen. Chevrolet, die US-Topmarke, was Werbeausgaben anlangt, gibt rund zwei Drittel ihrer 348 Millionen Dollar Schaltungskosten für Werbung mit der Fernsehwerbung aus, folgt man hier einer Statistik von Advertising Age. Tatsächlich ist Fernsehen, wie zusehends auch die Printmedien, ein Unternehmen um mit Werbung ein möglichst gutes Geschäft zu machen. Was Niveau, Bildung oder Kultur anlangt, das soll sich über den Markt von selbst regeln.

Fernsehen, also das passive sich Überflutenlassen mit schnellen bunten Bildern, wie auch ein zusehends beschleunigter Ablauf der inszenierten, wirtschaftlich und politisch gestalteten Realität, macht Menschen "autistisch". Tatsächlich bewegen sich heute viele oft in einer milden Form von Autismus durch den Hightech-Dschungel des Alltags, so als säße man vor dem Fernsehgerät: mit umgehängten Walkman in der Bahn, um sich von den anderen Passagieren akustisch zu absentieren; das Auto wird eine physisch noch unmittelbarere Abgrenzung zur Umwelt, ein eigener mobiler Mikroraum; es wird auf dem Gehsteig, in den Verkehrsmitteln, auf Gängen, in Lehrveranstaltungen gegessen, gelesen, mobiltelephoniert, gehustet und geniest, so als wären die Anderen bloß eine Staffage neben dem eigenen Fernsehgerät.

Berufsarbeit, Shopping, Fernsehen - dieses verhängnisvolle Dreieck aus Gelderwerb, Konsum und Trance - müßte wohl aufgebrochen werden, sonst gehen wir alle an Affluenza zugrunde, wie Alan Bisport in seinem Beitrag "Shop 'Til we Drop" diese Konsumtrance nennt.

Auf den "Shopaholic", zu dem der moderne Verbraucher sich oft schon reduziert hat, macht auch der zweite Schwerpunkt der AdBusters aufmerksam, der im Spätherbst aktuell wird: Der "Buy Nothing Day" am 26. November 1999. Kaufen, nur um sich gut oder besser zu fühlen und um andere zu beeindrucken, sollte obsolet sein in einer Welt, wo jetzt schon ein Fünftel der Bevölkerung vier Fünftel der Ressourcen vernutzt und die Einkommensdisparitäten sich verschärfen, also Armut zu- statt abnimmt. (Karl Kollmann)

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