Scham für die Flugscham

Die Chimäre einer Steuerung der Gesellschaft durch Moral

Ein Gespenst geht nicht nur um in Europa - nein, nicht erneut das Gespenst des Kommunismus, sondern das der Scham. Und anders als beim Kommunismus haben sich auch keine Mächte zur Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet. Vielmehr ist mittlerweile breite Zustimmung und Wohlwollen nicht nur der Mächtigen z.B. zur "Fridays-for-Future" Bewegung und damit verbundenen moralischen Ansprüchen zu vermerken. Dies wohl auch, weil eine Kritik der Moral selbst oft moralische Empörung hervorruft. Es ist plausibel geworden, etwa Fleischkonsum zu ächten, hingegen Stolz über den praktizierten Veganismus zu empfinden, sich z.B. der Flugreisen zu schämen, hingegen Achtung ob des vergleichsweise mühsamen und teuren Zugreisens zu ernten.

Im Folgenden geht es nicht um die Sache des gesellschaftlich verursachten, aufgrund seiner Geschwindigkeit bedrohlichen Klimawandels. Wir gehen davon aus, dass dieser wissenschaftlich klar belegt ist. Die wissenschaftlich bewiesene Schädlichkeit des CO2-Ausstoßes, etwa durch individuelle Massenverkehrsmittel, Flugreisen oder durch Massentierhaltung soll nicht in Frage gestellt werden. Hinterfragt werden soll aber die Form des Protests, die offensichtlich Hoffnung in Appelle an individuelle Verantwortlichkeit setzt und davon ausgeht, dass eine moralische, also an Achtung und Missachtung geknüpfte Bewertung individuellen Verhaltens positive Effekte zeitigen könnte.

Doch was ist verwerflich daran, festzustellen, dass dann, wenn wir alle achtsamer mit der Umwelt umgehen, wir alle Ressourcen schonender leben, etwa auf Massentierhaltung verzichten würden, wir alle z.B. unnötige Fernreisen vermeiden, lokale Produkte konsumieren, die Welt zu einem besseren Ort machen würden, den die Menschheit bedrohenden Klimawandel vielleicht sogar abwenden könnten? Liegt die Achtung gebietende Stimmigkeit geforderter Verhaltensweisen nicht auf der Hand?

Verwerflich ist an diesen Forderungen die offensichtlich werdende naive, unrealistische Wahrnehmung der modernen Gesellschaft. Verwerflich ist die dabei zutage tretende, am Thatcherismus angelehnte Vorstellung von "Gesellschaft", bestehend schlicht aus der Summe individueller, selbstverantwortlicher (bestenfalls Familien verpflichteter) Subjekte:

They are casting their problems at society. And, you know, there's no such thing as society. There are individual men and women and there are families. And no government can do anything except through people, and people must look after themselves first. It is our duty to look after ourselves and then, also, to look after our neighbours.

Margaret Thatcher

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Es ist diese Anschauung von Gesellschaft, eher noch das Verleugnen gesellschaftlicher Strukturen, die auch andere Formen der Scham plausibilisiert. Etwa die Scham für Arbeitslosigkeit oder für den Empfang von Sozialhilfen ("Hartz IV"). Werden gesellschaftliche Phänomene, wie hier etwa die Beeinflussung des Arbeitsmarktes durch Rationalisierung und Automatisierung oder etwa Altersdiskriminierung, unterschätzt oder gar negiert, so bleibt nur individuelle Verantwortlichkeit - und Scham im Angesicht individuellen Scheiterns bis hin zur Selbstverleugnung.

Gesellschaft abseits von Moral

Die moderne Gesellschaft ist multiperspektivisch an funktional ausdifferenzierten Teilsystemen orientiert, welche je unterschiedliche gesellschaftliche Leistungen erbringen. So ist die wirtschaftliche, an Profiten orientierte Logik von Märkten, die auf die Abdeckung des (zukünftigen) Bedarfs an Gütern abzielt, z.B. nicht in Einklang zu bringen mit der an Wahrheit orientierten Logik der Wissenschaft. Politik etwa, der Logik der Macht unterworfen, die kollektiv bindende Regulierungen ermöglicht, kann z.B. keine Orientierung geben in Transzendenz betreffenden Fragen der Religion.

Simple moralische Schemata, wie der kategorische Imperativ ("Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."1) setzten für ihre Plausibilität deshalb entsprechend simple Auffassungen von Gesellschaft voraus - nämlich, dass diese schlicht aus der Summe von (nach Möglichkeit) eigenverantwortlich und moralisch handelnden Individuen besteht.

In der modernen multiperspektivisch, also etwa an Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft, Erziehung und Bildung, Politik, Religion ausgerichteten Gesellschaft lässt sich jedoch schlicht keine konkrete Handlungsmaxime ausmachen, von der wünschenswert oder auch nur tauglich wäre, dass sie "allgemeines Gesetz" würde. Handlungsmaximen, generalisierend an Wahrheit orientiert, würden etwa Ehen oder Familien kaum tragbaren Belastungen aussetzen, würden Politik ineffizient, wenn nicht gar unmöglich machen. Religiös orientierte Handlungsmaximen würden, zum "allgemeinen Gesetz" erhoben, in eine Theokratie führen.

Konkrete Erfahrungen damit, politische, an Macht ausgerichtete Handlungsmaximen zum "allgemeinen Gesetz" zu machen, gibt es etwa in der in der untergegangen Sowjetunion. Als "Sozialismus" verbrämt hatte diese etwa eine ineffiziente, Mangel verursachende Wirtschaft, eine uninspirierte Kunst, ein doktrinäres Bildungssystem oder auch nur schlicht, in dogmatischer Ausrichtung am "Diesseits", ein Verbot von Religion zur Folge.

Auch mit der Generalisierung von wirtschaftlichen, an der Logik von Märkten orientierten Handlungsmaximen gibt es gegenwärtig, programmatisch etwa als "Thatcherismus" oder "Reaganomics", konkrete Erfahrungen. Folge sind "schlanke Staaten", die auch traditionell hoheitliche Aufgaben wie die Steuergesetzgebung "Marktkräften" überlassen. Die sich in Konsequenz ergebende Minimierung des Steueraufkommens führt zu Finanzierungsproblemen, etwa verfallende Infrastrukturen der Verkehrswege und des Bildungswesen, oder etwa die Justiz betreffend. Konsequent ist dann, dass die Lösung der Probleme staatlicher Finanzierung einmal mehr den Kräften des (Finanz-)Marktes überlassen wird und einen massiven Anstieg staatlicher Verschuldung zur Folge hat. Nicht zuletzt den Arbeitsmarkt verstärkt marktwirtschaftlichen Kräften zu unterwerfen (etwa durch die Hartz IV-Gesetzgebung), führte dazu, dass Deutschland mittlerweile den größten Niedriglohnsektor Europas vorzuweisen hat, breite Bevölkerungsschichten verarmen und Vermögensunterschiede so groß sind, wie selten zuvor.

Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben

Es ist möglich, es dabei zu belassen, schlicht zu bemerken, dass es nicht schadet, wenn Protestbewegungen naiven gesellschaftlichen Vorstellungen unterliegen, kommt ihnen doch lediglich die Funktion zu, auf (zukünftige) Probleme hinzuweisen. Protestbewegungen sind gewissermaßen als Rauchmelder der Gesellschaft zu verstehen.

Festgehalten werden muss allerdings, dass eine Bewegung, die auf individuelle Verantwortlichkeit, ihr Heil in der Propagierung individuellen, moralisch achtenswerten Verhaltens setzt, sich genau jener Marktlogik bedient, die maßgeblich zu den immer dringlicher werdenden ökologischen Problemen beigetragen hat.

Kants kategorischer Imperativ ("Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.") lässt sich nämlich auch als Suchschema für Profite versprechende marktwirtschaftliche Nischen verstehen. Leicht abgewandelt könnte es dann heißen: "Wirtschaftlich ist Handeln nach derjenigen Maxime, durch die du im Sinne ihres wirtschaftlichen Erfolgs zugleich wollen kannst (oder zumindest erhoffst), dass sie ein 'allgemeines Gesetz' werde, also größtmöglichen Erfolg am Markt erringen kann."

Es war demnach wirtschaftlich, z.B. Glasflaschenpfand ersetzende PET-Flaschen auf den Markt zu bringen. Mit Blick auf den durchschlagenden Erfolg, die Profitabilität dieses neuen Verpackungsmaterials, nicht zuletzt bedingt durch dessen Leichtigkeit und geringen Preis, ist Produktion und Kauf heute tatsächlich gewissermaßen zum "allgemeinen Gesetz" geworden. Gleiches gilt für die Einführung von Billigflügen für selbst kürzeste Distanzen. Profite und Popularität hinsichtlich dieser Form des Reisens lassen schlussfolgern, dass es auch Billigfluggesellschaften gelungen ist, den wirtschaftlich interpretierten "kategorischen Imperativ" erfolgreich anzuwenden.

Natürlich lässt sich kritisch entgegnen - und Philosophen würden dies verständlicherweise auch tun -, dass sich gerade an den erwähnten Beispielen zeigt, dass ein Kauf von PET-Verpackungsmaterial und dass Reisen mittels Billigflügen angesichts dadurch verursachter ökologischer Probleme: etwa eine Flut an Plastikmüll, Ressourcenverschwendung, CO2-Ausstoß, gerade nicht "allgemeines Gesetz" werden dürfe und daher unmoralisch sei. Würden nämlich die nunmehr sichtbaren negativen ökologischen Folgen berücksichtigt, würden sie gleich zu Beginn "eingepreist", wäre der Kauf dieser Produkte bzw. Dienstleistungen unwirtschaftlich und könnte nicht, im Sinne eines fulminanten marktwirtschaftlichen Erfolgs, "allgemeines Gesetz" werden.

Dem ist zu erwidern, dass jeglichem Handeln, auch wenn es an "allgemeinen Gesetzen" ausgerichtet sein soll, immer nur ein begrenzter gegenwärtiger, und zudem spekulativ zukünftiger Stand des Wissens verfügbar ist. Insofern ist zumindest davon auszugehen, dass o.g. wirtschaftlich ausgerichtete Interpretation des Kategorischen Imperativs als eine seiner realistischen Auslegungen zu verstehen ist. Zudem ändert der Einwand nichts daran, dass sich die moralischen, auf individuelle Verantwortlichkeit setzenden Appelle von Klimaaktivisten genau jener Marktlogik bedienen, die zu gegenwärtigen ökologischen Problemen beigetragen haben.

Davon auszugehen, dass durch einen individuellen markt-moralischen Bewusstseinswandel etwa die Nachfrage nach Billigflügen oder nach schädlichem Verpackungsmaterial aus Kunststoffen ausgedünnt oder sogar zum Verschwinden gebracht werden könnte, entspricht der gleichen Logik von Märkten - nur in grün -, die diese wirtschaftlichen Nischen erst profitabel gemacht haben. Insofern ist auch nicht erstaunlich, dass sich in diesem Kontext, in der Möglichkeit Kompensationszahlungen für CO2-"Fußabdrücke" zu leisten, ein Markt für den Ablasshandel mit Klimasünden etabliert hat. Auch das Motto der deutschen "Fridays-for-Future" Bewegung ist in diesem Zusammenhang nur konsequent: "Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun." (Moliere)

Politik statt Moral

Niklas Luhmann wies der Ethik die Aufgabe zu, vor Moral zu warnen.2 Man kann in Anwendung und Abwandlung dieses Grundsatzes festhalten, dass aktuell Aufgabe sein müsste, eine Scham gegenüber moralischen Erwartungen, wie etwa der Flugscham, zu entwickeln. Es ist angesichts der dringlichen ökologischen Probleme nicht mehr ausreichend, "marktgerechte" Lösungen zu erhoffen, die sich auf ein individuelles, zunehmend achtenswertes Handeln stützen. Erforderlich ist politisches Handeln, das darauf setzt, mit Macht kollektiv bindende Regulierungen durchzusetzen.

Nötig wäre wohl eine drastische gesellschaftliche Selbstbeschränkung. Zu etablieren wären Parteien, die z.B. schlicht darauf setzen, Kurzstreckenflüge, touristische Langstreckenflüge, Massentierhaltung, hubraumstarke Autos (etwa SUV) kollektiv zu verbieten. Parteien, die rigoros eine ökologische Landwirtschaft und den Ausbau der Produktion von erneuerbaren Energien nicht nur fördern, sondern fordern. Und diesen Parteien müsste in demokratischen Wahlen dauerhaft und zudem in der Mehrzahl der großen Staaten der Welt Erfolg beschieden sein.

Eine derartige beständige Selbstbeschränkung über Generationen hinweg, und damit ohne unmittelbar sichtbare Erfolge für die individuellen Wähler dieser Parteien, lässt sich gesellschaftlich (spezifisch: demokratisch) kaum erfolgreich lediglich durch Protestbewegungen oder durch abstrakt bleibendes wissenschaftliches Wissen vermitteln. Zumal die Wähler dieser Parteien etwa massive Arbeitsplatzverluste bei allenfalls geringer staatlicher Alimentierung und erhebliche Einschränkungen des Konsums (bis hin zu Notstandsregulierungen) in Umsetzung der von ihnen gewählten Parteiprogramme hinnehmen müssten. Wohl nur in Konfrontation mit (Dauer-)Katastrophen, etwa Hungersnöten durch Ernteausfälle oder massiven Restriktionen des Konsums von Wasser (also durch ohnehin aufgezwungene Einschränkungen), würden sich Selbstbeschränkungen gesellschaftlich plausibilisieren lassen und wären, zumindest in den Fristen von akut wahrgenommenen Bedrohungen, im Sinne von kollektiv bindenden Einschränkungen politisch umsetzbar.

Die moderne multiperspektivisch ausdifferenzierte Gesellschaft ist von keiner zentralen Instanz aus durchgreifend steuerbar. Insofern kann nicht ausgeschlossen werden, dass selbst (welt-)politisches Handeln angesichts der massiven globalen ökologischen Probleme scheitern könnte.3 Die Stabilisierung der globalen Durchschnittstemperaturen wäre dann nicht gesellschaftlichem (spezifisch: politischem) Handeln, sondern ungünstigen, lebensfeindlichen Bedingungen der Umwelt des Gesellschaftssystems zuzuschreiben. Nicht zuletzt eben weitaus höheren globalen Durchschnittstemperaturen als heute. Auch der Verlust von großen fruchtbaren bzw. industrialisierten Landstrichen durch einen drastisch ansteigenden Meeresspiegel, Hungersnöte durch immer wiederkehrende Ernteausfälle angesichts von Dürren, ausfallender Fischfang durch Überfischung und Verseuchung der Ozeane, Trinkwassermangel durch sinkendes bzw. verseuchtes Grundwasser, hätten letztlich eine Begrenzung des CO2-Ausstoßes durch die sich dadurch auch ergebende Deindustrialisierung der Gesellschaft zur Folge.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich in zeitlichen Dimensionen von Hunderten von Jahren herausstellen wird, dass eine Stabilisierung des wesentlich durch CO2 verursachten Temperaturanstiegs nicht der Seite des Gesellschaftssystems zugerechnet werden kann, sondern dessen Umwelt. Also eine Stabilisierung der globalen Durchschnittstemperatur auf vermutlich weitaus höherem Niveau also heute erfolgt, die aus gesellschaftlicher Perspektive Umweltkatastrophen und nicht eigenem Handeln zuzurechnen ist. Demnach bedingt ist durch eine Verwüstung von großen Landstrichen durch Wasser (angesichts steigenden Meeresspiegels) und durch Trockenheit. Eine Stabilisierung der klimatischen Bedingungen der Erde durch regelmäßig wiederkehrende Ernteausfälle und Wassernotstand (etwa Fischfang und Trinkwasser betreffend), die eine sich wechselseitig bedingende Entvölkerung und Deindustrialisierung zur Folge hat.