Schattigste Eichen, schweigend rauschende Wälder

Walter Leistikow: Abendstimmung am Schlachtensee, um 1900. Bild: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Repro: Hans-Joachim Bartsch

Deutsche Widersprüche wachsen im Wald immer wieder nach

Das Mittelalter gilt als finster. Auf seine Wälder trifft das nicht zu. Die waren eher licht. Auch die sozialen Verhältnisse verfinsterten sich erst mit der frühen Neuzeit, der Zeit des Umbruchs. Hexenverfolgungen hatten Hochkonjunktur, und wer einem Baum das Haupt, das heißt die Krone abschlug, hatte damit zu rechnen, dass auch ihm der Kopf abgeschlagen wurde. Ebenso wenig war das Schälen einer Eiche zu empfehlen. Der Delinquent sollte getötet und seine ausgeweideten Därme, um den Stamm gebunden, zur "Wiederbekleidung des Baumes" verwendet werden.1 Die Zeiten sind lange vorbei, aber nicht ganz. Wenn heute in städtischem Umfeld Bäume zur Fällung anstehen, stellen sich engagierte Bürger "wie ein Mann" (im Gender Mainstreaming auch wie eine Frau) vor die Bäume oder klettern hinauf. Zuletzt geschehen am Stuttgarter Hauptbahnhof. Auf die ausübenden Planer machen diese Menschen den Eindruck, als würde ihnen "etwas herausgerissen".

Dieses Gefühl ist schon seit der Antike bekannt. Eine Metamorphose liegt zugrunde: Mensch wird Baum wird Mensch. Im Schlechten - so bei den drakonischen Strafen - wie im Guten, wenn der Wald Sehnsuchtsort und Gegenentwurf zur Zivilisation wird. Ort des Wünschens und des Verwunschenen, lieblicher Ort (locus amoenus) und Angstraum, heimisch und unheimlich. Wer den Waldsaum überschreitet, tritt in eine andere Welt. Die Überwindung der Grenze kann mit Verzauberung, Erstarrung bestraft werden, kann aber auch, wenn die Passage gelingt, mit Heilung und Glück belohnt werden.

Wir treten in die Gesellschaft der Ritter und der Nibelungen ein. Im Waldesinneren, dem Zauberspiegel, treffen wir, ohne es zu wissen, aufs Innere unserer Seele, die Vergangenes aufgespeichert hat. Dunkle Begierden, verbotene Lust und Schuldkomplexe treten uns als absonderliche Figurationen entgegen. Wir fürchten uns und sind voller Erwartung. Diese Ambivalenz spitzte sich in der deutschen Romantik zu. Seit jener Zeit hat sich Deutschland, sein Überleben und seine Zukunft an den Wald bindend, in den Augen anderer Nationen ethnisiert, wenn nicht exotisiert. Aber der Wald der Romantik war kein Anderes der deutschsprachigen Gesellschaft.

Die Heiligung des Waldes als erhabene Natur verträgt sich mit der undurchsichtigen Wildnis. Das Wilde wird domestiziert, kann aber jederzeit wieder aufflackern. So empfanden sich die Deutschen der antinapoleonischen Kriege, und sie beglaubigten es durch den Ursprungsmythos, dass sie immer schon so waren, trotz vieler zwischenzeitlicher Migrationen. Sie waren die Personifikation ihrer Wälder: edle Wilde, aber wenn gereizt, dann gepackt von einem 'furor teutonicus'. Mit diesem Zorn hatten sie in der Hermannsschlacht 9 n.Chr. aufbegehrt und die Legionen des Varus geschlagen. Eingedenk der Niederlage beschrieb der römische Geschichtsschreiber Tacitus Germanien als von schaurigen Wäldern und abscheulichen Sümpfen entstellt. Das deuteten die vermeintlichen Nachfahren für sie selbst schmeichelhaft in Ur-Wald um. Aber ein dunkler Urwald lässt sich historisch so wenig ausfindig machen wie alle anderen Anfänge menschlicher Geschichte. Rodungen hatten schon fünf Jahrtausende zuvor eingesetzt. Der Wald ist Kulturlandschaft. Welche überlieferten Zeugnisse auch immer es von der ersten Natur geben mag, es ist Natur aus "zweiter Hand", bearbeitet.

Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald, Jungdeutsche Tagung, 1925. Bild: Deutsches Bundesarchiv (Bild 118-30). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Die von Menschen geschaffene Kulturlandschaft ist gleichbedeutend mit einer Leidensgeschichte, mit Zerstörung durch Siedlungsbau und monokulturelle Landwirtschaft. An diesem Punkt dreht sich für Simon Schama2 die Perspektive um: Das Leiden an der Kultur erst bringt den Ursprungsmythos eines unberührten, unschuldigen Arkadien, bringt Utopien hervor.

Ein solcher Umschlagspunkt lag im 18. Jahrhundert. Das Ende der offenen lichten Hutewälder war gekommen, in denen die Bauern ihre Weiderechte wahrgenommen hatten. Seit der Merowinger- und Karolingerzeit hatte der Adel seine Herrschaft durch Aneignung des Jagdrechtes zu verfestigen gesucht. Zunächst erklärte er das Wild zu seinem Eigentum. Das Wild braucht dichte Wälder, und es schädigt die Felder. Am Ende wurden Koppeln fürs Vieh eingerichtet, und die Trennung von Wald- und Weidewirtschaft war besiegelt. Die lichtkronigen Eichen, Wahrzeichen der Hutewälder und ergiebig für die Schweinemast, waren obsolet geworden. Sie störten sogar, denn zeitgleich entwickelte sich die forstwirtschaftliche Nutzung des Waldes durch die Anlage von Weichholz-Kulturen. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt wuchs den Eichen ein kollektives Bewusstsein zu. Sie wurden mythologisiert als der quasi heilige Baum der Deutschen.

Mythos, Markt und Musen

"O Vaterland, du gleichst der dicksten, schattigsten Eiche, im heiligen Hain", dichtete Klopstock. Nun stand die Eiche für alles und jeden: Luther, Tilly, Bismarck, den Kaiser und Hitler. Die nach letzterem benannten Bäume wurden nicht gefällt, sondern entnazifiziert. England mit seinen Weidelandschaften und Landschaftsgärten galt als kraftlos, die französischen Besatzer galten sogar als "waldmörderisch", die Hand an Eichen legend. Bei näherer Betrachtung hält die deutsche Eichen-Apotheose - wie jede Ideologie - der Realität nicht stand. Der Freiheitsbaum der Französischen Revolution war die Eiche, und auch in England hat sie eine längere Tradition als "königlicher Baum". Sie entspricht nicht einmal einer germanischen Tradition. Der Weltenbaum aus der Edda ist die Esche. Ask und Embla, die ersten Menschen, gingen aus dem Holz der Weltesche Yggdrasil hervor, und an ihr hatte sich in seinem Selbstopfer Odin aufgehängt, um das Weltwissen zu erlangen. Der Baum wird zum Träger der Runen, ob aus Zweigen gelegt oder eingeritzt.

Die Eiche scheint sich weniger für die Erfindung der Zeichenschrift zu eignen. Sie rauscht. Aber die "Parallelgeschichte" zum Christentum wird deutlich. Der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis können auf verschiedene Baumarten übergehen. Christliche und heidnische Mythen konkurrierten bis ins 20. Jahrhundert miteinander, sind aber auch dehnbar.

Caspar David Friedrich: Klosterruine Eldena bei Greifswald

Die Ideologie hat sich bis heute als blind gegenüber der Empirie erwiesen. Knapp ein Drittel der Fläche Deutschlands ist mit Wald bedeckt, was auch in der Literatur zu der häufig kolportierten Behauptung führt, dieses Land sei am waldreichsten. Aber die skandinavischen Länder, Portugal und sogar Frankreich haben einen höheren Anteil. Die Waldweide und der ungeregelte Holzeinschlag hatte auch in Deutschland bis ins 18. Jahrhundert manche Waldgegend versteppen lassen. Der Bedarf an Bau- und Brennholz stieg, und Salzsiedereien sowie Erzschmelzen benötigten ihren Teil. Die Flussufer mussten mit Pfählen befestigt werden - um besser flößen zu können.

Gerne wird bei diesem Raubbau eine Ursache übersehen, die Karl Marx als "ursprüngliche Akkumulation" analysiert hat: die Umwandlung des englischen Acker- und Waldlandes in Schaftriften, um flandrische Wollmanufakturen zu beliefern. Die Landbevölkerung wurde als "industrielle Reservearmee" in die Städte getrieben. Kurz, der Kapitalismus wütete, in England am radikalsten, "verspätet" auch in Deutschland. Der Wald bekam einen Marktpreis. Das Privateigentum setzte sich gegen gemeinschaftliche Allmenderechte durch. Wer diese Rechte nutzte, war nun Waldfrevler und Holzdieb. Der Schwarzwald wurde abgeholzt und die Stämme nach Holland geflößt, um Schiffe zu bauen und Häuser zu gründen. Wilhelm Hauff beschreibt in Das kalte Herz diesen "Holländerhandel". Die Gegenbewegung in Deutschland ließ sich nüchtern an. 1713 brachte Hans Carl von Carlowitz einen Begriff auf, der heute zu weltweiten Ehren gekommen ist: Nachhaltigkeit. Nur so viel Holz soll geschlagen werden, wie nachwachsen kann. Eine moderne Forstwirtschaft entstand, die den Wald ökonomisierte. Geschaffen wurden Monokulturen.

Georg Friedrich Kersting: Auf Vorposten, 1815

Wieder nichts für Romantiker? Die Wirtschaft wurde mechanisiert und rationalisiert - Vorbereitung der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Die Gesellschaft säkularisierte sich. Aber der Wald wurde, obwohl er es nicht hergab, sakral. Die Romantik ist Reaktion, durchsetzt mit Aufruhr. Das Biedermeier ist Flucht. Zwei Jahre, nachdem sein Freund Theodor Körner im Befreiungskrieg gegen Napoleon gefallen war, malte Georg Friedrich Kersting 1815 den Dichter nebst zwei anderen Freunden "auf Vorposten" im Eichenwald. Alle hatten in Lützows Freikorps gekämpft, bekannt durch den von Körner selbst gedichteten Refrain "Lützows wilde verwegene Jagd". Der Maler war der einzige Überlebende. In einem zweiten Bild gestaltete er eine Kranzwinderin, die Ehrenkränze aus Eichenlaub für die Toten flicht, welche unter Eichen begraben liegen. Auf Vorposten im Wald hätten sie gegen Napoleons Truppen eh nichts ausrichten können. Zwar gab es in der Französischen Revolution schon Vorläufer von Partisanen, die in der Landschaft Deckung suchten, das Lützowsche Korps war jedoch ein preußisches. Das Gemälde ist Fiktion, wie auch Napoleon als Wiedergänger des Varus gedeutet wurde. Aber es wurden immer noch offene Feldschlachten geschlagen. Der Wald ist bei Kersting zur Gedenkstätte für postgermanische Helden geworden. Für Caspar David Friedrich, der Ruinen einfügte, birgt der Wald Schätze der Vergangenheit. Er ist Erinnerungsraum.

August von Kreling: Erwin von Steinbach im Waldesdom, 1849. Bild: Niedersächsisches Landesmuseum Hannover

Der Wald, der Vergangenes vergegenwärtigt, wurde selbst zur Architektur. August von Kreling malte 1849 "Erwin von Steinbach im Waldesdom". Steinbach war ein schon von Goethe verklärter Baumeister des Straßburger Münsters. Er wandelt wie in einem Kirchenschiff unter dem gotische Bögen bildenden Spalier von Laubbäumen, die empor zum Licht streben. Der Hintergrund gibt den Blick auf das Münster frei. Die Gotik, italienisch als "barbarisch" konnotiert, wird durch die Waldformation zum Inbegriff eines deutschen Nationalstils. Steinbach schaut visionär zur Waldkuppel hoch, als würde er Konflikte mit Frankreich vorausahnen. Zurück zur Literatur und zu Ludwig Tieck. Für ihn ist die Waldeinsamkeit mit Rauschen erfüllt. Oder steht der Wald "schwarz und schweiget", wie bei Matthias Claudius?

Es wird von der Kunstgattung und davon abhängen, ob der Wald als lautloses Traum-Phantasma oder naturalistisch aufgefasst wird. Musikalisch ist die Frage lösbar. Die romantischen Komponisten haben die schönsten Beweisstücke geliefert, dass Naturraum in Klang überführt werden kann. Eichendorff erkannte den Wald als Hallraum der Seele. Mendelssohn-Bartholdy vertonte Eichendorffs Frage: "Wer hat dich, du schöner Wald / aufgebaut so hoch da droben?" Der Kreis schließt sich bei Carl Maria von Weber. Er komponierte die Tag- und Nachtseite des Waldes aus und schlug ein "klassizistisches Portal" in den Wald.3 Wer hat aber nun den Wald "hoch da droben" aufgebaut? Hans Magnus Enzensberger fand heraus: "Die Forstbehörde, die Forstgenetik, die Forstaufsicht, die Forstmathematik, der Forstwirtschaftsrat und der Forstingenieur."

Erziehung zum Untertan oder zum Waldflaneur?

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten röhrende Hirsche in die Salons, während neckische Frauen, ebenfalls wäldlerisch, sich auf Breitleinwand über dem Ehebett tummelten. Wilderer hielten auf Gemälden Einzug in Wirtshausrunden; keine Kugel durchlöcherte die Krachlederne. Die "Leiter forstwirtschaftlicher Anstalten" wurden in Gala-Uniformen gesteckt. Dass sie einmal polizeiliche Funktionen ausgeübt hatten, um Wilddieben das Handwerk zu legen, wurde von dieser kunstgewerblichen Produktion, die das im Biedermeier gründende Genre einmal hinauf und wieder herunter malte, verwischt. Schon ist die Brücke zum Heimatfilm geschlagen, der durch Liebe die alten Konflikte dem neunzigminütigen Ende zuführt. Auf der anderen Seite stand die Monumentalisierung der nationalen Ikonografie des Waldes wie im Hermannsschlacht- und im Kyffhäuserdenkmal. Aus Klassen wurde die Masse gezimmert, indem die Köpfe mit solch aufgeblasenen "Schlagbildern" besetzt wurden. Aus der biedermeierlichen Respektabilität der Kleinbürger wurden Autoritarismus und Kriegsgeschrei - die Zeiten von Kaiser- und Hitlereiche. 1911 beschrieb der Soziologe Werner Sombart fast liebenswürdig die Juden als städtisch gewordenes Wüstenvolk. Der implizite Vorwurf lässt jedoch Böses ahnen: Sie sind baumlos.

Filmplakat, 1954. Bild: Deutsches Historisches Museum, Berlin

Noch nahmen die Juden am ersten Weltkrieg teil und strömten zusammen mit den urdeutschen Wandervögeln in den Wald. Aber aus dem Wandern wurde Marschieren, und der Wandervogel wurde gleichgeschaltet. Juden wurde das Betreten der Wälder verboten. In "Bunkerwäldern" wurden Munitionsfabriken und Kriegsgefangenenlager eingerichtet. Im Forst von Bialowieza im polnisch-sowjetischen Grenzgebiet vertrieb das Polizeibataillon 322 die Einheimischen aus ihren Dörfern, nahm einen Teil als Geiseln und exekutierte sie, um den Urwald für Reichsjägermeister Göring zu "säubern". Der Vorwand hieß Partisanenverfolgung. Vom Polizeibataillon 101 ist überliefert, dass es die Gefangenen im Wald ihre eigene Grube graben ließ. Die Hybrid-Wisente, die Göring in Bialowieza aussetzen ließ, pries er als "gemanische Urviehcher".4

Eine halboffene Waldlandschaft mit Raumkanten (Hobrechtsfelde bei Berlin) kommt der Ästhetik und der Biodiversität zugute. Bild: Haike Weichel

Das Wald-Phantasma wurde zum Albtraum. Der bekannteste Landschaftsplaner der Nazis, Wiepking-Jürgensmann, schlug im Rahmen des "Generalplan Ost" waldartige Begleit- und Überpflanzungen von mehrfach abknickenden Hauptstraßen vor, um sie vor Luftangriffen zu tarnen. Der Waldmythos gipfelte in Wehrhaftigkeit. Wiepkings Dienstherr, Heinrich Himmler, ordnete dagegen die Abholzung von Bäumen und Büschen in 500 m breiten Streifen an, um einen "geschützten Partisanenkrieg gegen Deutschland zu verhindern". Zur Tarnung wurde dann wieder der Belower Wald benutzt, um 16.000 Häftlinge des KZ Sachsenhausen zusammenzutreiben. In den letzten Kriegstagen waren Häftlinge von der SS auf Todesmärsche geschickt worden, um sie der Befreiung durch die Alliierten zu entziehen.5

Röhrender Hirsch. Geschenk des VEB Röhnkunstschnitzerei an den Ministerpräsidenten der DDR, Otto Grotewohl, zu dessen 65. Geburtstag, 1959. Bild: Deutsches Historisches Museum, Berlin / Arne Psille

Seitens der deutschen Bevölkerung hielten sich die Gefühle der Dankbarkeit gegenüber den Alliierten in Grenzen, bedienten diese sich doch am deutschen Wald, wie schon nach dem Ersten Weltkrieg Holzreparationen an Frankreich zu leisten waren. Die "Schutzgemeinschaft Deutscher Wald" wurde gegründet, um die Besatzungsmächte vom Holzeinschlag abzubringen und wiederaufzuforsten. Ein Dreißigjähriger Friede brach an, beendet durch ein plötzliches Unheil: das Waldsterben. Prophezeit wurde, dass durch anthropogene Ursachen, den sauren Regen, der Wald bis 2002 abstirbt und mit ihm die menschliche Gesellschaft. Teils naturwissenschaftlich, teils religiös motiviert war der Aufruf zu Umkehr und protestantischer Enthaltsamkeit. Ist die gemeinsame Quelle beider Motive ein Schuldkomplex, angerührt aus den Komponenten unberührte Natur (Tabu), Opfer, Krieg und Sühne?

Das Waldsterben, entdeckt Anfang der 80er Jahre. Plakat des Bundes Naturschutz in Bayern. Bild: Deutsches Historisches Museum, Berlin / Arne Psille

Ist der Wald gar schuld am Sonderweg des deutschen Geistes? In der mythologisierenden Geschichtsschreibung wie auch in bildlichen Darstellungen der Romantik wird der Hain zum Gesamtkunstwerk, zum für sich selbst stehenden Kult, ohne ein sich absonderndes Bild, ohne Symbol. Der deutsche Wald ist Kultur, während in den westlich und südlich angrenzenden Nationen Kultur erst durch Raum geschaffen wird und Raum nur entsteht, wenn er durch Rodung der Wildnis abgewonnen wird.6

Walter Ruttmann: Spaziergang im Walde, 1915. Bild: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Repro: Michael Setzpfandt

Joseph Beuys reagierte frühzeitig auf die Waldgefährdung durch zivilisatorische Störungen. Seine Programm zur documenta 7 von 1982: Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung. 7.000 Eichen wurden in Kassel gepflanzt. Auf die mittelalterliche Legende vom Kreuzholz, das immer wieder verschwand und in neuer Form wieder auftauchte, spielt er an, wenn er schreibt: "Heute wird der Wald von selbst zu dem, wozu das Kreuz Christi benutzt wurde." Das Holz ist nicht Symbol eines Todes, es ist selbst tot.

Wald und Ästhetik kommen durch das Gesamtkunstwerk eines Künstlers (wieder) zusammen. Die Beuys'schen Bäume werden zu friedlichen Erziehern. Andere Wege durch den Wald sind möglich als in militärischer Formation. Heer und Wald werden nicht länger identifiziert, bis ein "marschierender Wald" (Elias Canetti) herauskommt. Das war der deutsche Holzweg. Heute kann sich der Blick den vielen Mikrokosmen nähern, aus denen der Wald besteht. Vom Weg abzuschweifen, ist (wo nicht Naturschutz besteht) das eigentliche Ziel. Die schwedische Autorin Kerstin Ekman kennt einen Ausweg nach innen:

Wir haben genauso viele Gründe, uns zu fürchten, wie die Menschen des Mittelalters. (…) Und heute wie damals bewaffnet man sich. Zwischen den Bäumen hört alle Angst auf. In der schummrigsten Nacht.

(Bernhard Wiens)

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