"Scheener Herr aus Daitschland"

Vermischte Nachrichten vom grünen Strand der Spree

1955 veröffentlichte ein Autor namens Hans Scholz einen Roman, der sich der jüngsten deutschen Vergangenheit so direkt stellte wie kaum ein belletristisches Werk zuvor und der völlig unerwartet zum Bestseller wurde. Fritz Umgelter machte daraus einen der ersten Straßenfeger des Fernsehens. Eine Erinnerung an einen Roman und einen TV-Mehrteiler, die sehr zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind.

So gut wie ein Roman

Als die ersten Literaturkritiker jubelten, dass Hans Scholz mit Am grünen Strand der Spree ein großer Wurf gelungen sei, gingen die meisten Experten davon aus, dass sich hinter diesem Allerweltsnamen ein etablierter Romancier verbergen, dass es sich um ein Pseudonym handeln müsse. Den in Berlin geborenen Hans Scholz, der heuer hundert Jahre alt geworden wäre, gab es aber wirklich, er versteckte sich keineswegs, und "Scholzi" hatte einen vielseitigen Lebenslauf zu bieten: Studium der Kunstgeschichte, Saxophonspieler in einer Tanzkapelle, Meisterschüler im Fach Malerei an der Preußischen Akademie der Künste, Kriegsdienst bei den Gebirgsjägern, Gefangenschaft, Innenarchitekt, Kunstsammler, Lehrer an der Volkshochschule, Drehbuchschreiber für Werbe- und Dokumentarfilme, Flaneur, Stimmungskanone, oft an der Seite von Susanne Erichsen zu sehen, der Miss Germany von 1950 und vom Magazin Time als deutsches "Fräuleinwunder" gefeiert.

Das Buch trägt den Untertitel "So gut wie ein Roman". Scholz hatte eigentlich eine Reihe von Novellen geschrieben, für die er keinen Verlag finden konnte, weil, so die Begründung, die Leute nur Romane lesen wollten. Deshalb dachte er sich eine Rahmenhandlung aus, in die sich die Novellen integrieren ließen. Dafür gab es berühmte Vorbilder: Boccaccios Decamerone, Die Serapionsbrüder von E.T.A. Hoffmann, Das Wirtshaus im Spessart von Wilhelm Hauff. Bei Scholz treffen sich an einem Aprilabend des Jahres 1954 einige Freunde in der Westberliner Jockey-Bar, in der sie schon vor dem Krieg zusammengesessen haben und vertreiben sich die Zeit mit Geschichten. Hans Schott macht Werbefilme, Bob Arnoldis ist Schauspieler, der Maler Fritz Georg Hesselbarth arbeitet als Berater beim Film und verfasst Drehbuch-Exposés, und der Vierte am Tisch, Hans-Joachim Lepsius, war früher Major im Generalstab, ist erst kürzlich aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und wurde sogleich von seiner Frau vor die Tür gesetzt. Die am nächsten Morgen sehr stattliche Getränkerechnung bezahlt der reiche Anwalt Dr. Brabender, der hofft, dass die Freunde seinen Vetter Lepsius etwas aufheitern und in die bundesrepublikanische Wirklichkeit einführen können.

Diese Wirklichkeit hatte viel mit selektivem Erinnern und noch mehr mit Vergessen zu tun. Wie es dem deutschen Landser nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs ergangen war, erfuhr man in So weit die Füße tragen, einem ebenfalls 1955 erschienenen "Tatsachenroman" von Josef Martin Bauer. Berichtet wird von der Verschickung deutscher Kriegsgefangener nach Sibirien, von deren Leiden in einem Bleibergwerk an der Beringstraße und von der Flucht des zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilten Clemens Forell, die ihn schließlich zurück ins heimatliche München bringt. 1959 machte Fritz Umgelter daraus einen TV-Sechsteiler, der von den Kritikern verrissen wurde und dem Fernsehen einen seiner ersten großen Publikumserfolge bescherte (im selben Jahr wurde Der Andere ausgestrahlt, der erste der Durbridge-Krimis).

Damals gab es noch keine Messung der Einschaltquote, aber der vom späteren Traumschiff-Kapitän Heinz Weiss verkörperte Clemens Forell war Tagesgespräch, und laut einer Umfrage bewerteten 90 Prozent der Seher So weit die Füße tragen mit "gut" oder "sehr gut". Der produzierende NWRV, aus dem der WDR und der NDR hervorgingen, war davon so angetan, dass er beim Meinungsforschungsinstitut Infratest eine weitere Umfrage in Auftrag gab, die sensationelle Neuigkeiten zutage förderte. Einem Teil der Zuschauer gefiel der "Gedanke eines verfilmten Fortsetzungsromans im Fernsehen", die Handlung sollte nicht langweilig, sondern spannend sein, die Befragten fanden es gut, wenn eine Episode da anknüpfte, wo die vorherige aufgehört hatte, und die Intervalle zwischen den einzelnen Teilen sollten nicht zu lang sein, damit das Gedächtnis nicht übermäßig strapaziert wurde.

Solcherart angespornt, brauchte man nun noch eine Vorlage für den nächsten "Fernsehroman", den wieder Fritz Umgelter in Szene setzen würde. Am grünen Strand der Spree bot sich an, weil das Buch bereits episodisch angelegt war, weil es mit inzwischen mehr als 200.000 verkauften Exemplaren einen hohen Bekanntheitsgrad hatte, und weil Hans Scholz mit dem Berliner Fontane-Preis ausgezeichnet worden war, was, so hoffte man, die Kritiker gnädiger stimmen würde als bei der "sibirischen Karl-May-Geschichte" (Tagesspiegel) um Clemens Forell. Was Umgelter daraus machte, war gegenüber So weit die Füße tragen, der Nachkriegsvariante von Ein Mann will nach Deutschland (NS-Propagandafilm von 1934, dessen Held heim ins Reich will, um gegen den Feind in den Krieg zu ziehen), ein Quantensprung.

Deutscher Soldat in Polen

Wie ist das wohl, wenn man zum Bildungsbürgertum gehört, wenn man im Land von Goethe, E.T.A. Hoffmann und Theodor Fontane aufwächst, um sich dann, nach tausend braunen Jahren, als Angehöriger einer Nation wiederzufinden, die als der Inbegriff des Bösen gilt? Und was macht man damit? Scholz’ Antwort: Man wird sich über die Vergangenheit im Klaren und berichtet schonungslos von dem, was gewesen ist, weil sonst kein Neuanfang gelingen kann. Dabei ist mit Widerstand zu rechnen. Gleich am Anfang erfährt man, dass die Post der an der Ostfront eingesetzten Soldaten zensuriert wird. So war das früher, sagt Scholz damit, und in einer Demokratie, wie wir sie jetzt haben, hat die Zensur nichts verloren (bei allem, was im Roman passiert, muss man das Erscheinungsjahr 1955 immer mitdenken). Darum setzte er auch durch, dass die erste, auf eigenen Erlebnissen basierende Episode im Buch blieb, obwohl sie der Verlag gern weggelassen hätte.

Jürgen Wilms, ein anderer aus der alten Jockey-Runde und zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, ist bisher nicht aus Russland zurückgekehrt. Lepsius hat ihn vor seiner eigenen Entlassung in einem Gefangenenlager getroffen und das, was von Wilms’ Kriegstagebuch noch übrig war, nach Deutschland geschmuggelt. Aus diesem Tagebuch liest er jetzt vor. Es beginnt am 5. Juni 1941 in einem polnischen Nest namens Maciejowice. Wilms notiert seine Beobachtungen und macht Photos als Beleg. Jüdische Frauen und Kinder müssen eine Straße bauen. Die Zivilbevölkerung wird ausgehungert. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion, während der Kämpfe um die Festung von Brest-Litowsk, werden jüdisch-orthodoxe Männer gezwungen, am Sabbath die stinkenden Leichen der gefallenen deutschen Soldaten zu bergen. "Wer darf Menschen erniedrigen?", schreibt Wilms in sein Tagebuch. "Wer darf das eigentlich?" (In Brest ermordete das Polizei-Bataillon 307 etwa 4000 Juden, was Scholz auch gewusst zu haben scheint.)

Weil immer hungernde Kinder am Rand des Feldlagers stehen, macht der Koch mehr Essen, als für die Truppe nötig wäre. Das wird an die zum Betteln gezwungenen Kinder verteilt. Mit dabei ist ein kleiner jüdischer Junge, den die anderen Kinder vertreiben und dem Wilms Brot und Wurst gibt. Damit sind zwei wichtige Elemente der deutschen "Vergangenheitsbewältigung" nach 1945 benannt: 1. Die Wehrmacht hatte das Pech, in Adolf Hitler einen kriminellen Oberkommandierenden zu haben, bestand aber selbst aus aufrechten deutschen Männern (gelegentlich mit einem Herz aus Gold) und hielt sich an die international anerkannten Regeln der Kriegsführung, während Verbrechen gegen die Menschlichkeit grundsätzlich - und ohne Wissen der Wehrmacht - von der SS begangen wurden, und: 2. Auch in anderen Ländern gab es einen aggressiven Antisemitismus, für den es nicht die Deutschen brauchte (ein Relativierungsargument, das mit Hinweis auf Korea und Vietnam noch darum ergänzt wurde, dass die anderen auch Krieg führten, ganz ohne deutsche Beteiligung, und deshalb nicht besser waren). In der wenigen Sekundärliteratur zu Am grünen Strand der Spree, die ich gefunden habe, wird regelmäßig der Vorwurf erhoben, Scholz beteilige sich an der damals üblichen Exkulpierung der Wehrmacht. Die Autoren, die das schreiben, haben ein anderes Buch gelesen als ich oder vielleicht nur Aufsätze über den Roman. Auch Umgelters Fernsehadaption ist auf eine Weise direkt, wie es das, der einschlägigen Sekundärliteratur zufolge, zu der Zeit gar nicht gab.

Das Buch ist voller Figuren, die in den Krieg ziehen, weil das zur Familientradition gehört, weil es das Vaterland verlangt und dergleichen mehr. Wilms liebt die vor den Nazis nach Paris geflohene Jüdin Ruth Esther, ist aber nach Deutschland zurückgekehrt, statt bei ihr zu bleiben. Jetzt ist er als Soldat in Polen, fragt sich, was er da soll und bekommt Briefe von Jutta, seiner blonden Verlobten, die gerade Urlaub in Florenz macht. Briefe wie diesen:

Und dann sieh mal, das mit den Juden. Du kümmerst Dich da um Dinge, die Dich doch eigentlich als Deutschen gar nichts angehen. Vati hat gesagt, die Juden sind an ihrem eigenen Unglück schuld, und es wäre eine historische Tat, daß man ihre Macht in Deutschland gebrochen hat. Nun glaube ich ja, daß nicht alles im Sinne unserer Regierung ist, was dort im fernen Polen geschieht. Es gibt immer mal Heißsporne und außerdem örtliche Härten, die Du zufällig siehst und die gewiß nicht sein sollten. […] Sei doch bloß vorsichtig, Du änderst ja doch nichts, und es dankt Dir kein Mensch, wenn Du an solche Sachen überhaupt bloß denkst! […] Ich jedenfalls möchte nicht in irgend etwas verwickelt werden.

Scholz’ Freundin Susanne Erichsen beschreibt in ihrer sehr lesenswerten Autobiographie das allgemeine Wegsehen als Teil einer Gehirnwäsche:

Mein Stiefvater war ein Mensch mit strikten Prinzipien. Dass ordentliche Frauen sich nicht schminkten, gehörte ebenso dazu wie seine Haltung, über Unangenehmes nicht zu sprechen. Als im November 1938 die Synagogen brannten und jüdische Geschäfte zerstört wurden, ging unser Familienleben weiter, als wäre nichts geschehen. Was man nicht ansprach, gab es für uns nicht. Wenn ich Fragen stellte, so wurden sie einfach vom Tisch gewischt: "Das geht uns nichts an! Das ist Sache der Politiker!" Mit den Jahren hatte ich mir diese Lebensweise zu Eigen gemacht. Fragen zum Tagesgeschehen im Dritten Reich kamen mir nicht mehr in den Sinn, nachdem mir in der Schule, beim BDM oder durch meine Eltern immer ganz einfache Erklärungen aufgedrückt wurden.

Hans Scholz sieht hin und bringt zur Sprache, um dann zu fragen, ob das schon reicht? Jürgen Wilms erfährt immer wieder, dass es zu wenig ist. In Maciejowice wird er nach der Ausgangssperre von einem jüdischen Mädchen angesprochen. "Scheener Herr aus Daitschland …", sagt es und hofft, dass es der Soldat sicher über den Stadtplatz bringen wird, weil im Schatten bereits die Männer vom "jüdischen Ordnungsdienst" warten, die versuchen, deutscher als die Deutschen zu sein. Wilms begreift erst, als das Kind vom Ordnungsdienst blutig geschlagen wurde: "Aber so bin ich. Stehe bloß immer da und gucke; und es ist immer zu spät, etwas zu tun."

Dem Jahrhundert ins Gesicht sehen

Scholz’ Ortsangaben sind sehr genau und überprüfbar. An der Bahnstrecke nach Smolensk, in einer in der weißrussischen Stadt Orscha eingerichteten Marketenderei, unterhalten sich die deutschen Landser über das, wovon man bei der Wehrmacht angeblich nichts wusste, bei Scholz aber durchaus. Einer sagt, dass morgen die Juden erschossen werden sollen. In Nowo-Borissow habe er das schon einmal miterlebt. Frauen und kleine Mädchen hätten sich nackt ausziehen und bis zum Abend auf ihr Ende warten müssen (mehr zu diesem Massaker im 2002 erschienenen Katalog zur zweiten Wehrmachtsausstellung). In der Ukraine, sagt ein Kurier, sei das genauso; es seien auch Juden aus dem Reich dabei, aus Holland und aus Frankreich. Das gehe durch alle Länder, ergänzt ein Mann aus einer Sanitätseinheit. Von seinem Bruder wisse er, dass in Litauen die Juden, auf Rettung hoffend, ihr ganzes Hab und Gut an deutsche Landser geben, oder an Bauern, die ihre Kinder verstecken sollen. In der Fernsehfassung schließt Umgelter die Szene mit dem bislang linientreuen Unteroffizier Jaletzki ab, der Wilms zuvor mit disziplinarischen Maßnahmen gedroht hat, weil er seine Hemden bei Juden waschen ließ und dem jüdischen Knaben zu essen gegeben hat. Inzwischen hat es auch dem Parteigenossen Jaletzki die Sprache verschlagen. Er verlässt wortlos und betreten die Kantine, an den Mänteln der Sanitäter vorbei, die wie eine stumme Anklage beim Eingang hängen.

Das Massaker in Orscha hat nichts mit "Heißspornen" und "örtlichen Härten" zu tun, sondern ist ein genau durchorganisierter Völkermord, der nur möglich wird, weil alle mitmachen, von den Eisenbahnern, die die Opfer in Viehwaggons nach Osten bringen bis zur Feldgendarmerie, die den Platz absichert. Und Wilms stolpert auch nicht zufällig in etwas hinein, wie im Brief der Verlobten und in der Sekundärliteratur zu lesen, sondern er nimmt zwei Stunden Urlaub, um "dem Jahrhundert ins Gesicht zu sehen". Hauptmann Rahn, der Kompanieführer, hat das schon hinter sich. Er hat beschlossen, seine Pflicht als Soldat zu tun ("ich leiste, was ich zu leisten habe") und erhält dafür das Ritterkreuz.

Im Fernsehfilm kommt Wilms auf dem Weg zum Ort des Massakers an polnischen Kindern vorbei, die nachspielen, was sie von den Deutschen gelernt haben: einer muss der Jude sein und wird von den anderen "erschossen". Sie spielen "Pogrom", meint ein Mädchen, und die Kinder erwarten dafür ein Lob, so wie die Männer vom jüdischen Ordnungsdienst in Maciejowice hoffen, dass sie selbst verschont werden, wenn sie besonders brutal zu den anderen Juden sind und so, wie sich die hungernden Polen eine Extra-Ration aus der Gulaschkanone verdienen wollen, indem sie den jüdischen Jungen vertreiben. So etwas später zu verwenden, um die eigene Schuld zu relativieren, sagen Scholz und Umgelter, ist infam.

Bei Umgelter ist das Massaker fast noch quälender als im Roman, weil sich der Regisseur Zeit lässt, viel Zeit. Heute würde man die Bilder mit irgendeiner Musiksauce übergießen. Hier hört man nur den Wind, die Maschinenpistolen und das Knirschen der Schuhe im Schnee, als die Opfer wie Schlachtvieh zu der Grube geführt werden, die man für sie ausgehoben hat. Alles läuft schrecklich ordentlich ab (Wilms im Tagebuch: "Deutsche Polizisten führten die Aufsicht in alten grünen Uniformen. Ich stand oben am Grabenrand, sah das, sah das und glaubte es nicht."). Um anzudeuten, dass die Juden beim Erschießen nackt sind, als finale Demütigung (im Fernsehen, das auch angesichts des Holocaust auf Anstand und Sitte achtete, hätte man das 1960 nicht zeigen können), müssen sie die Schuhe ausziehen, die auf einen großen Haufen geworfen werden.

Die Menschen in der langen Schlange wirken wie betäubt, die Täter wie Roboter. Ein SS-Mann hat es sich bequem gemacht, sitzt mit baumelnden Beinen da und bedeutet mit eiskaltem Lächeln, welche Position die Opfer einnehmen sollen, als wäre er der Regisseur des Todes. Worte braucht er nicht. Er raucht eine Zigarette, und wenn er die Asche wegschnippt, ist es das Signal zum Schießen. Als Henker hat man lettische Hilfstruppen rekrutiert. Sie tragen weiße Armbinden, und Umgelter sorgt dafür, dass der Fernsehzuschauer erkennen kann, was auf ihnen steht: "Im Dienste der deutschen Wehrmacht". Darum hat er vorher die Binden mit dem Roten Kreuz an den Mänteln der Sanitäter gezeigt: um visuell zu verknüpfen, was im Nachkriegsdeutschland fein säuberlich getrennt wurde. In der Maschinerie des Massenmords greift ein Rädchen in das andere, gibt es keine klare Trennung zwischen SS und Wehrmacht.

Im Roman gibt es eine Nebenhandlung mit einer jungen Russin. Sie und andere Partisanen werden von einer Jägerdivision auf LKW in einen Wald gefahren, um dort liquidiert zu werden. Statt sich von einem Deutschen retten zu lassen, geht die Russin lieber mit ihren Leidensgenossen in den Tod. Umgelter verdichtet das, macht aus der Partisanin die Schwester des jüdischen Jungen, dem Wilms zu essen gibt. Beide Geschwister befinden sich in der zur Grube geführten Menschenmenge. Die junge Frau schenkt Wilms ihr Passbild, zur Erinnerung an sie als Individuum. Das ist ihr Sieg über die Mörder, die wollen, dass nichts als ein anonymes Paar Schuhe von ihr bleibt.

Im Film schaut der SS-Mann dem Jungen und seiner Schwester ins Gesicht, dann schnippt er wieder die Asche weg (das ist auch deshalb ein so starkes Bild, weil es die Verbrennungsöfen der Vernichtungslager vorwegnimmt; vorher hat man schon Schornsteine und Stacheldraht gesehen, und Wilms dazwischen). Im Roman wird ein kleines Mädchen ohnmächtig, was den Ablauf stört:

Die Schützen sind auf ohnmächtige Delinquenten nicht vorbereitet. Ungenügende Einweisung in den Dienst des Schützen. Da sinkt ein Schleier, zart gemustert, von einzelnen, blassen Schneeflocken, und abermals ein Schleier, dichter gestirnt, über die kleine Ohnmacht, als flüstere irgendwo jenseits der Grenzen des stummstockenden Himmels sich das Wörtlein: Gnade. Es schneit. Einer der Schützen beugt sich über das Kind. Die Kleine wird noch während ihrer Ohnmacht erschossen. Das ist die Gnade.

Wilms, der schon bei einer früheren Gelegenheit festgestellt hat, dass ihm die Courage fehlt, um Widerstand zu leisten, läuft durch den Schnee davon: "Er rennt, er rennt, der feige Herr aus Deutschland …". 1800 Menschen werden umgebracht. Wer trotz geschickten Stapelns nicht mehr in die Grube passt, wird in zufällig dort herumliegende Betonröhren gestopft, damit alles seine Ordnung hat. Später, als wachhabender Unteroffizier (wer wegschaut, wird befördert), erstattet Wilms dem Hauptmann Bericht: "Auf Wache nichts Neues!" Im Fernsehfilm zeigt vorher noch ein Kameraschwenk die Männer aus Wilms’ Zug. Sie alle blicken schweigend in die Richtung, aus der die Salven der Maschinenpistolen zu hören sind, und jeder weiß genau, was da passiert.

Von der Wahrheit angesprungen

Ende der 1950er befand sich das junge Medium Fernsehen in einem Dilemma, das Walter Pindter, Herstellungsleiter bei Am grünen Strand der Spree, so beschrieb: "Auf dem Sektor Unterhaltung weiß man gar nicht mehr, was man machen soll. Der Bunte Abend ist tot, Quiz-Sendungen gehen nicht mehr, Zirkus und Varieté will kein Mensch mehr sehen" (wenn man Zirkus und Varieté durch Kochsendungen und Schmonzetten ersetzt, ist man bei den Öffentlich-Rechtlichen von heute). Also wurde, so Pinther, "die Idee des ‚Fernsehromans’" geboren, "der in epischer Breite in mehreren Folgen eine Geschichte erzählt".

Medienhistorisch ist das interessant, weil das Fernsehen damit eine Entwicklung wiederholte, die sein Konkurrent, das Kino, längst hinter sich hatte. Vorläufer des Fernsehromans sind die Mehrteiler, die Regisseure wie Louis Feuillade (Les Vampires), Joe May (Die Herrin der Welt) oder Fritz Lang (Die Spinnen) in den 1910ern drehten. Hier sollte man kurz innehalten und staunend zur Kenntnis nehmen, dass die ARD tatsächlich einmal zur Avantgarde gehörte und sich an einer anspruchsvollen, den langen Atem erfordernden Form versuchte, statt uns zu zwingen, amerikanische Serien auf DVD zu kaufen oder die wenigen vorzeigbaren Eigenproduktionen zu später Stunde zu versenden, um die ungeliebten Kinder schnell wieder loszuwerden (Dominik Grafs Im Angesicht des Verbrechens).

Der erste Fernsehroman, So weit die Füße tragen, erzählte vom Leid der deutschen Kriegsgefangenen, was in der BRD gut ankam, wenig Raum für Kontroversen bot und die Erwartung weckte, dass es nun so weitergehen würde. Als am 22. März 1960 "Das Tagebuch des Jürgen Wilms" ausgestrahlt wurde, war das zumindest für den Teil des Publikums, der weder das Buch noch das 1956 vom SWR produzierte Hörspiel kannte (mit Hans Scholz als Werbefilmer Schott), ein Schock. Auch das deutsche Kino, das schon wieder Kriegsfilme produzierte (nun eben mit der Aussage, dass Kriege schlecht sind, sonst aber nur mit geringen Änderungen), hatte auf so etwas nicht vorbereitet. Empörte Zuschauer machten ihrem Ärger brieflich und telefonisch Luft. Tenor: Die Vergangenheit die Vergangenheit, die Juden die Juden sein lassen, endlich auch mal das Leid der Deutschen anerkennen und sich ansonsten über das Wirtschaftswunder freuen. Damals wurde ein Beschwerde-Klassiker geboren, der sich damals vom real praktizierten Umgang mit dem Dritten Reich löste und nie wieder an diesen andockte. (Das Leid der Landser, der Heimatvertriebenen und der Ausgebombten war in den 1950ern durchaus ein Thema, auch wenn später das Gegenteil behauptet wurde.)

Lob gab es jedoch auch. Im Booklet zur DVD-Ausgabe ist ein Brief abgedruckt, den ein Teenager aus Hamburg an die Bild am Sonntag schickte:

Ich bin im Jahre 44 geboren, heute 15 Jahre alt. Bis jetzt haben ich und meine Mitschüler in der Schule nichts über das grausame Hitlerregime gelernt. Nun sah ich im Fernsehen den 1. Teil der Serie "Am grünen Strand der Spree" und freue mich, ihn nicht verpasst zu haben. Meine Eltern erzählten mir wohl manchmal über "früher", doch erst durch diesen Film kam mir richtig zum Bewusstsein, was die Deutschen den unschuldigen Juden antaten. Wenn Leute gegen so einen Film sind, dann kann es doch eigentlich nur die pure Scham sein.

Die Kritiker waren aufgewühlt. "Die entsetzliche, die furchtbare, grauenhafte, zu schnell vergessene Wahrheit sprang die Menschen vor dem Bildschirm an", stand im Tagesspiegel, und der Telegraf konstatierte: "Die Darstellung der Panzerkämpfe, des Massenmordes, des Leidenszuges der noch in der Stunde des Todes Verhöhnten, Gedemütigten war so stark, daß der Schlaf später nicht kommen wollte." Martin Morlock, der als "Telemann" Kritiken für den Spiegel schrieb, erkannte Stärken des durch Gebühren finanzierten Mediums, von denen die heutigen Programmverantwortlichen nichts mehr zu wissen scheinen:

Und wiederum stellte sich heraus: Das Fernsehen kann Romane erzählen; ausführlicher, werktreuer als die Filmindustrie. Es kann sich Zeit nehmen […]. Und noch etwas kann das Fernsehen, was der Film nicht kann: Es kann politisch unbequem sein, ohne Gefahr zu laufen, vor leere Stuhlreihen oder in den Wirkungsbereich von Stinkbomben und weißen Mäusen zu geraten. Zumindest kann es die Vorstellungskraft derer beleben, die millionenfachen Mord für eine Frage der Arithmetik halten.

Vielleicht würde man aus der aktuellen Krise heraus- und wieder zu mehr Qualität finden, wenn sich die ARD an die eigene Vergangenheit erinnern und etwas dafür tun würde, ihre Archivschätze einem heutigen Publikum nahezubringen. Bei der jetzt verfügbaren DVD-Ausgabe von Am grünen Strand der Spree ist es so wie meistens: man weiß nicht, ob man sich darüber freuen soll, dass der Mehrteiler überhaupt angeboten wird oder ob man sich ärgern soll, weil dieses überteuerte Digi-Pack an Lieblosigkeit kaum zu übertreffen ist. Die DVDs aus der Plastikhalterung zu lösen, ohne sie dabei zu zerbrechen, ist ein Kunststück. Mir kommt es vor, als wäre das ein Produkt für Käufer, die sich neben die ungelesenen Bücher auch ein paar DVDs ins Regal stellen, diese aber nicht ansehen wollen. Da reicht dann eben ein Booklet mit drei Seiten Text, der so schlampig geschrieben ist, dass der auf präzise Formulierungen achtenden Herrenrunde in der Jockey-Bar die Haare zu Berge stehen würden.

Die ARD im Umgang mit ihrer Vergangenheit: lieblos

Man muss die fast 500 Minuten dieses Mehrteilers nicht mit einem durchgehenden Audiokommentar versehen. Aber ein paar Hinweise darauf, wie kunstvoll die fünf Episoden miteinander verknüpft sind, wie sie sich gegenseitig kommentieren und was sonst noch alles in Am grünen Strand der Spree verborgen ist, wären schon deshalb hilfreich, weil daraus ersichtlich würde, wie zynisch und geistig verarmt die endlosen Kriminal-, Arzt- und Patente-Frau-nimmt-ihr-Schicksal-in-die-Hand-Filme sind, mit denen wir jetzt zugemüllt werden. Hier nur zwei Beispiele:

Der Ort Maciejowice, in dem wir Jürgen Wilms das erste Mal begegnen, ist in der polnischen Geschichte sehr wichtig, weil dort 1794 ein Aufstand polnischer Patrioten niedergeschlagen wurde, die versuchten, die Teilung ihres Landes abzuwenden (Hintergrund des Vorbehaltsfilms Ritt in die Freiheit, über den ich hier schon geschrieben habe). Mit der Wahl dieses Schauplatzes ist eine politische Aussage verbunden (man könnte etwa an den Aufstand im nicht weit von Maciejowice entfernten Warschauer Ghetto denken oder auch an Graf Stauffenberg, der durch Episode 2 geistert), und die polnische Geschichte wird auf eine unerwartete Weise zur deutschen in Bezug gesetzt. Episode 4 spielt in der "Ostzone" des geteilten Deutschland, und die männliche Hauptfigur stammt aus dem nun zu Polen gehörenden Schlesien.

Und was ist mit diesem nur halb wieder ausgewischten "Jeszce Pol…" gemeint, das jemand an eine Wand geschrieben hat und das Wilms Rätsel aufgibt? "Jeszcze Polska nie zginela" ("Noch ist Polen nicht verloren") ist die erste Zeile der polnischen Nationalhymne und war ursprünglich als Antwort auf das "Finis Poloniae!" gemünzt, das der Anführer der Aufständischen nach der verlorenen Schlacht von Maciejowice ausgerufen haben soll, diesem aber wohl nur von einer deutschsprachigen, in Schlesien erscheinenden Zeitung zugeschrieben wurde - im Rahmen einer von Preußen gesteuerten Pressekampagne, mit der die polnische Bevölkerung auf die Teilung des Landes vorbereitet werden sollte, bei der auch die Preußen ein Stück abbekamen. Das augenzwinkernde "Noch ist Deutschland nicht verloren!" von einem der Herren in der Jockey-Bar weitet den Blick und ist die Aufforderung, über das deutsch-polnische Verhältnis neu nachzudenken. Wenn man die Bedeutung von Maciejowice kennt, sieht man vieles in Am grünen Strand der Spree neu und anders. Bereits ein kleiner Hinweis, werte ARD, hätte das intellektuelle Vergnügen heutiger Zuschauer gesteigert, die nicht halb so blöd sind, wie man bei den Öffentlich-Rechtlichen vermutlich glaubt.

Scholz macht das gern: die Geschichte durch die Verwendung bestimmter Namen zeitlich, räumlich und thematisch auszuweiten. Wilms’ Hauptmann trägt denselben Familiennamen wie Helmut Rahn, der Schütze des Siegtores beim WM-Finale in Bern 1954, nach dem man in Deutschland das Gefühl hatte, nun wieder wer zu sein (und die Vergangenheit tunlichst vergessen zu können). Wilms’ Verlobte schreibt in einem ihrer Briefe, dass Jürgen aussieht wie Heinz Rühmann (Juttas Mutti findet das auch). Der stets bestens informierte Hans Scholz gehörte eher nicht zu den Fans des Schauspielers. Rühmann hatte ein Nachkriegstief als freier Produzent erlebt (sein Partner war der für seine Leistungen beim Aufbau des deutschen Fernsehens mit dem Großen Bundesverdienstkreuz bedachte Alf Teichs, früher in leitender Stellung bei der Terra tätig, der Produktionsfirma von Jud Süß), war bei Erscheinen des Romans wieder Publikumsliebling, und seine Anhänger hatten damit begonnen, an der Legende vom Künstler zu stricken, der nur scheinbar mitgemacht, tatsächlich aber subversive Inhalte in seinen Filmen versteckt hatte (wo die wohl abgeblieben sind?).

Umgelter geht ganz ähnlich vor wie Scholz. Der Kinostar Heinz Rühmann war zu teuer und zu alt, und er hätte die Rolle des Jürgen Wilms in so einem Fernseh-Mehrteiler auch nicht angenommen. Also dachte sich Umgelter etwas anderes aus. Am Anfang sitzen Schott (Werner Lieven), Hesselbarth (Bum Krüger) und Arnoldis (Günter Pfitzmann) an ihrem Tisch in der Jockey-Bar. Den Vierten in der Runde, Major im Generalstab a. D. Hans-Joachim Lepsius, sieht man zunächst nur von der Seite oder von hinten. Wenn etwas lange her sei, meint er, denke man unwillkürlich, die anderen von damals könnten gar nicht mehr leben. "War ja auch immer ein mächtiges Aufgebot mildernder Umstände vonnöten, wenn einer leidlich davonkommen sollte", erwidert der Maler Hesselbarth. Dann kommt die Rede auf dessen neue Tätigkeit. "Und was machen Sie nun genau gesagt beim Film?", fragt Lepsius. Bei dieser Dialogzeile ist das Gesicht des Darstellers erstmals von vorn zu sehen, in Großaufnahme. Es ist Malte Jaeger. Was er beim Film gemacht hat, sollte man schon wissen, wenn man ihn da sitzen sieht, und Umgelter zeigt durch die Art der Inszenierung, dass er das von seinem Publikum auch erhofft.

"Wisst ihr noch, was für ein strahlender und prächtiger Bursche der früher war?", meint Bob Arnoldis, als Lepsius das Tagebuch des Jürgen Wilms aus der Garderobe holt, um daraus vorzulesen. "Drittes Reich und Hitlers Offiziere, da gibt es tausend Dinge, die kein Mensch je begreifen wird." In Goebbels’ Propagandakino spielte Malte Jaeger meistens einen Soldaten. Er brachte es auf rekordverdächtige sechs Vorbehaltsfilme, die bis heute nicht öffentlich gezeigt werden dürfen. Einer davon ist Legion Condor von Karl Ritter (in Wunschkonzert, wo Carl Raddatz mit der Legion auf der Seite Francos in den spanischen Bürgerkrieg eingreift und Guernica bombardiert, war er auch dabei), und prompt fragt Jaeger, als Lepsius, ob er nicht beim Film unterkommen könne - als Fachberater und wegen der Spanischkenntnisse, die er sich bei seinem Einsatz mit der Legion Condor erworben habe.

Das ist ein spannender Moment. Lepsius ist unter anderem deshalb ein so interessanter Charakter, weil er in den Jahren der russischen Gefangenschaft isoliert war und nichts davon mitbekommen hat, wie sich seine Landsleute unterdessen mit der Vergangenheit arrangiert haben. Wie ein Zeitreisender wurde er vom Jahr 1945 in das Jahr 1954 versetzt und muss nun von den alten Freunden darauf hingewiesen werden, was mittlerweile politisch korrekt ist und was nicht. Wer 1954 zum Film will, erfährt Lepsius von Bob Arnoldis, erwähnt diesen Teil des Lebenslaufes besser nicht:

Sagen Sie Condor nicht so laut! Hier sind wir zwar mächtig gegen den Kommunismus, dürfen es aber seinerzeit nicht gewesen sein. Gegen den Nationalsozialismus sind wir aber auch, weil er damals immer gegen die armen Kommunisten … und so weiter. Verstanden?

Lepsius versteht nicht, weil er gewissermaßen mit der Brille des Dritten Reichs auf die Gegenwart blickt (in der fünften Episode wird das umgedreht, da reist Arnoldis gedanklich in die Vergangenheit und bleibt doch in der Gegenwart, aber dazu später). Wer damals bei der Legion Condor war, auf den wartete bei den Nazis die enorm geduldige Ilse Werner als Belohnung (Wunschkonzert). Und wer sich als strammer Antisemit gerierte, die Juden instinktiv erkannte und sie aus der Stadt werfen oder aufhängen wollte, der durfte Kristina Söderbaum heiraten wie der Aktuarius Faber in Jud Süß.

Das war Malte Jaegers schlimmste Rolle. Für die Botschaft des Films ist der Aktuarius ganz wichtig, doch wie üblich in Jaegers Karriere spielte er eine Nebenfigur. Das waren die "mildernden Umstände", die ihn "leidlich davonkommen" ließen, wie Hesselbarth sagt. Anfang der 1950er kehrte er zurück auf die Leinwand. 1955 war er im Stauffenberg-Film Es geschah am 20. Juli zu sehen, 1958 stand er erneut für Veit Harlan vor der Kamera, zusammen mit Kristina Söderbaum (Ich werde dich auf Händen tragen). Wenn ausgerechnet er aus dem Tagebuch vorliest, in dem über das Massaker an den Juden berichtet wird, ist das voll bitterer Ironie. Und wenn der Unteroffizier Jürgen Wilms zu 25 Jahren Zwangsarbeit nach Sibirien transportiert, der Ex-Major Lepsius aber freigelassen wird, was er sich selbst nicht erklären kann, ist das auch ein Kommentar darüber, wie willkürlich und zufällig die Filmbranche nach 1945 entnazifiziert wurde (oder eben nicht).

Malte Jaeger

Malte Jaegers Mitwirkung in Am grünen Strand der Spree ist ein Gewinn. Den einst forsch auftrumpfenden, jetzt innerlich zerbrochenen, nachdenklich und leise gewordenen Offizier spielt er sehr gut, und durch seine Vorgeschichte fügt seine bloße Präsenz dem Mehrteiler eine weitere Reflektionsebene hinzu. 1960 durfte Umgelter noch auf viele Zuschauer hoffen, die ihn erkennen würden, weil Jud Süß einer der meistgesehenen Filme des Dritten Reichs gewesen war. Inzwischen ist das nicht mehr so, da die Murnau-Stiftung als (vermeintlicher) Rechteinhaber die Aufführung untersagt, was wieder einmal zeigt, dass man durch solche Maßnahmen nicht nur einen alten Propagandaschinken aus dem Verkehr zieht, sondern auch das Bezugssystem beschädigt, innerhalb dessen andere Künstler (hier: Fritz Umgelter) operieren. Im schlimmsten Fall werden bestimmte Teile eines Films ihrer Bedeutung beraubt, indem man einen ganz anderen Film unter Verschluss hält. Die ARD hätte das durch ein paar Hinweise wenigstens abmildern können, aber daran bestand wohl kein Interesse. (Ich will nicht annehmen, dass man da Sachen auf den DVD-Markt wirft, ohne sich vorher zu vergewissern, was man aus dem Archiv geholt hat.)

Systematisch gepflegte Todessehnsucht

"Aber sagen Sie, was mag aus einem Manne wie dem Rahn geworden sein?", fragt Hesselbarth. Für den deutschen Film kann man das leicht beantworten. Er war in den 1950ern schon wieder mit jenen Offizieren bevölkert, die sich selbst und anderen gegenüber streng, aber irgendwie doch gütig sind, die das Herz auf dem rechten Fleck haben, leider aber einem verbrecherischen Regime dienen und nach einigem Hin und Her die Konsequenzen ziehen, was mit dem Tod endet wie bei General Harras in Des Teufels General. Vor 1945 starb der Offizier für den Führer (um dem Vaterland zum Sieg zu verhelfen wie in Unternehmen Michael), nach 1945 gegen ihn (um dem Vaterland noch mehr Krieg zu ersparen), aber strukturell blieb alles wie gehabt. Deshalb waren oft nur kleine Änderungen nötig, um in den 1950ern alte Drehbücher verfilmen zu können, die im Dritten Reich nicht mehr realisiert worden waren. Aus den Uniformen komme er gar nicht mehr heraus, meint der Schauspieler Arnoldis, weshalb Lepsius es doch als Militärberater versuchen könne: "Wir haben hier nämlich abrüstende Pazifisten und aufrüstende Heldensöhne gleichzeitig zu sein. Man ist prinzipieller Kriegsgegner, aber, bei Lichte besehen, mehr des vorigen Krieges als des nächsten."

Scholz erteilt jeglicher Offiziers-Romantik eine Absage, indem er den Drehbuchentwickler Hesselbarth über Hauptmann Rahn bemerken lässt:

Diese Art Menschen sind manchmal der sogenannte Abgott ihrer Truppen, aber bei Lichte besehen doch recht ungemütlich. Ich kenne den Typus und bin der Meinung, es ist weniger ihre Kampf- und Mordlust, die abstoßend wirken könnte, als vielmehr eine Art - wie soll ich sagen? - systematisch gepflegter Todessehnsucht, ein manierierter Kult mit der eigenen Formfestigkeit und Selbstbeherrschung, die an immer schärferen Graden des Schmerzes sich zu examinieren trachtet.

Da ist man nicht mehr weit von den Sadomaso-Nazis entfernt, für die sich das Kino Ende der 1960er zu interessieren begann. Umgelter übernimmt Passagen wie diese oft wörtlich, was den Kritiker des Spiegel so ärgerte, dass er anregte, den Regisseur demnächst durch einen Kollegen zu ersetzen, der sich weniger sklavisch an die literarische Vorlage hält. Umgelter, der darauf achten musste, Schauspieler auszuwählen, die solche Dialoge sprechen konnten, ohne sich zu blamieren, war sicher auch klar, dass vielleicht die Charaktere von Fontane so reden, aber kein angeheiterter Besucher einer Nachtbar im Jahre 1954. Ich würde annehmen, dass er die Gespräche so beließ, weil er mit der künstlerischen Absicht des Autors sympathisierte.

Scholz ist ein Stilist, der virtuos mit verschiedenen Tonlagen und Sprachebenen arbeitet, von der "Berliner Schnauze" über den märkischen Dialekt bis zur gewählten Ausdrucksweise im alten Preußen. Dem Menschenverachtenden des Dritten Reichs setzt er die Sprache des Bildungsbürgertums entgegen, als letzte Zuflucht vor bis dahin kaum vorstellbaren Verbrechen. Scholz wäre aber nicht Scholz, wenn er mit einfachen Grenzziehungen (Kultur gegen Barbarei) zufrieden wäre. Der Divisionskommandeur Johann Beatus, Freiherr von Hach und zu Malserhaiden, Hauptfigur der zweiten Geschichte und Angehöriger der alten, Hitler ablehnenden und ihm doch zuarbeitenden Offizierskaste, spricht bei Bedarf ebenso geschliffen wie Hesselbarth, wenn dieser den "zynisch-brillanten Systematiker nibelungischer Untergänge und funebren Pompes" beschreibt. Schon hat man wieder beunruhigende Verbindungen, wo mit Abgrenzung zu rechnen war.

Statt die Briefe der Soldaten an der Ostfront zu zensurieren wie 1941, werden sie 1944 gleich ganz vernichtet. General von Hach hat sich deshalb mit dem Führer angelegt und wurde nach Norwegen versetzt, wo es seit dem Einmarsch keine militärischen Kampfhandlungen mehr gab. Scholz beschreibt spöttisch das Leben im Offizierskasino, in dem sich die Beamten um ihre Pension sorgen, in dem der General mit seiner schlechten Laune die Stimmung verdirbt und nicht viel Spannenderes passiert als das Warten auf die neuen Zeitungen aus dem Reich (da steht dann, dass Marika Rökk eine Munitionsfabrik besucht und Willi Forst die Grundausbildung mitgemacht hat). Umgelter lockert das mit visuellen Informationen auf wie in der Szene, in der dem General ein ausgestopfter Vielfraß präsentiert wird und ein Hitlerbild an der Wand hängt.

"Genügt das reine Bewußtsein der innerlichen Ablehnung? Ist das schon eine Leistung?" fragt Jürgen Wilms in seinem Tagbuch. "Ach, es ist zuwenig. Es ist sicher zuwenig." Der junge Leutnant von Sternberg findet das auch und unterstützt den norwegischen Widerstand. Von Hach war früher Graf Stauffenbergs vorgesetzter Offizier und Ausbilder in Bamberg. Nach dessen Attentat auf Hitler beschließt der General, im Grenzgebiet zu Schweden auf Elchjagd zu gehen - für alle Fälle, denn er könnte verhaftet werden. Dabei entdeckt er zufällig, dass Sternberg norwegischen Untergrundkämpfern bei der Flucht nach Schweden hilft.

Die für Scholz typische Ironie: weil der eine, der einen inneren Widerwillen gegen das Nazi-Regime empfindet und dann doch mitmacht, nicht unter falschem Verdacht bei der Gestapo landen will, wird der bisher Unverdächtige, der echten Widerstand leistet, enttarnt und verhaftet. Der General reagiert wie ein Automat, und Umgelter inszeniert das auch entsprechend. Ohne nachzudenken, nimmt er Sternberg in Arrest und bringt ihn zum Hauptquartier. Daraus entwickelt Scholz eine bitterböse Satire auf deutsche Pflichterfüllung und den autoritären Charakter. Obwohl man im Kasino eigentlich nur noch darauf wartet, dass die Engländer kommen und alle gefangen nehmen, und obwohl Sternberg nichts gemacht hat, was der deutschen Seite schaden könnte, weil der Krieg sowieso verloren ist, wird er wegen Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt. Die Bestimmungen sehen es so vor. Sternberg überlebt nur, weil ihm der NS-Führungsoffizier vor der Hinrichtung unbedingt aus Mein Kampf vorlesen will und weil der General einmal das Menschliche tut, statt stur der Dienstvorschrift zu folgen.

Von der Schlacht bei Kunersdorf zur Miss Germany

Am grünen Strand der Spree ist kein Durbridge-Krimi, wo man gespannt darauf wartet, wer als nächstes ermordet wird und auf welche Weise. Aber man weiß nie, wohin einen die nächste Geschichte führt. Oder wer hätte gedacht, dass nach Norwegen im Jahre 1944 der Siebenjährige Krieg kommt? Damit nicht genug, ist der Held ein Nachfahre des letzten Sprosses eines Zweiges der italienischen Familie Bibiena, der einst mit den spanischen Eroberern nach Südamerika segelte, dort eine Inkaprinzessin heiratete und mit ihr Kinder zeugte (das Buch bietet einige schöne Varianten von dem, was unter den Nazis als "Rassenschande" galt). Der aktuelle Graf da Bibiena, Ettore, unternimmt nun mit indianischem Gefolge eine Europareise und gerät in die Schlacht von Kunersdorf (1759), Preußens größte Niederlage und wichtiger Bestandteil des Mythos vom Alten Fritz.

Hans Scholz war ein Lokalpatriot von der sympathischen Sorte. An geschichtlichen Prozessen interessiert und Preußen gegenüber durchaus kritisch, war er doch strikt dagegen, die Schuld am Dritten Reich diesem allein in die Schuhe zu schieben. Die Erlebnisse des Ettore da Bibiena sind sein Gegenentwurf zu den Fridericus-Filmen, mit denen das Publikum zwischen 1933 und 1945 auf möglicherweise preußische, bestimmt aber nationalsozialistische Werte eingeschworen werden sollte (Veit Harlans Der große König beginnt auch mit der Schlacht bei Kunersdorf). Im Mittelpunkt steht wieder die Frage: Schaut man zu oder unternimmt man etwas. Ettore wird angesichts des Gemetzels klar, dass man etwas tun muss - allerdings nicht kämpfen, sondern heilen. Also kümmert er sich mit Geld und guten Taten um die Verwundeten, während der Pfarrer vor sich hin salbadert und der Apotheker von der kommerziellen Verwertung des Heilmittels träumt (Chinin), mit dem die Indianer wahre Wunderdinge vollbringen.

Die Hitlersche Art der Kriegsführung trennen Welten von dieser Auseinandersetzung im Jahre 1759. Es gibt keinen Vernichtungswillen, statt Blitzkrieg trinkt man noch eine Tasse Kaffee, bevor man in die Schlacht zieht, niemand bemüht Volk und Vaterland zur Rechtfertigung schlimmster Verbrechen, und Begründungen für einen Krieg werden in Am grünen Strand der Spree sowieso nie gegeben, weil Scholz wie Umgelter das offenbar für verlorene Zeit halten. Eine Kirche wird zum Multikulti-Lazarett umfunktioniert, in dem Russen, Österreicher und Preußen einträchtig nebeneinander liegen, die Indianer machen Musik wie in der Wellness-Klinik. Zum Dank für sein beherztes Eingreifen (zu dem er von einer gebührend gewürdigten Frau animiert wurde, weil die Männer das Naheliegende leicht übersehen) bekommt Ettore von einem Russen eine Tabatiere geschenkt, die schmerzlich an ein silbernes Zigarettenetui erinnert, das Jürgen Wilms beim Massaker in Orscha in die Grube wirft, um den ermordeten Juden durch diese Grabbeigabe wenigstens einen Rest von Respekt zu erweisen. Trotz der lockeren Episodenstruktur ist der Roman wirklich sehr kunstfertig aufgebaut. Für Umgelters TV-Mehrteiler gilt das auch.

An die Stelle der Vorsehung, mit der Hitler sich im Bunde wähnte, tritt - für Nicht-Kombattanten - der glückliche Zufall. Der Fähnrich Wenzeslaus Bogdan von Zehdenitz stirbt mit dem Namen einer gewissen Rosalba auf den Lippen. Als Ettore ihr die Nachricht vom Tod des Fähnrichs überbringt, stellt sich heraus, dass die Tochter eines berühmten Architekten und Bühnenmalers (Scholz hat die eigenen Talente auf viele Figuren im Roman verteilt) zum europäischen Zweig der Bibienas gehört, was mit einer Familienzusammenführung per Heirat endet. Da es sich um ein "Preußisches Märchen" (Titel der TV-Episode) handelt, werden gute Taten auch belohnt.

Wer verschachtelte Geschichten mag, kommt bei Am grünen Strand der Spree voll auf seine Kosten. Erzählt wird die Ettore-Episode in einer alten Chronik, von der Barbara Bibiena dem Maler Hesselbarth berichtet hat, als sie ihm Modell saß (Roman) bzw. aus der Barbara vorliest (TV), als sie am Vorabend des Zweiten Weltkriegs zu Gast auf dem Stammsitz der Familie Zehdenitz ist (Hesselbarth hat daraus die Rohfassung eines Drehbuchs in Novellenform gemacht, die er den Freunden in der Jockey-Bar vorträgt). Die schöne Barbara, Babsy oder Babsybi genannt, die erst am Schluss persönlich auftaucht, ist die Heldin und das emotionale Zentrum des Romans.

Vorbild war die bereits erwähnte Susanne Erichsen, die Miss Germany von 1950 und Scholz’ Meinung nach "die einzige legitime Schönheitskönigin, die es je gegeben hat". Dementsprechend ist Barbara Bibiena "eine lächelnde Mahnung für jedermann, wie eigentlich ein Mensch auszusehen habe", eine Göttin in Menschengestalt, was nie übertrieben oder unpassend wirkt, weil Scholz das Überirdische ironisch bricht und seine die Ereignisse in ein magisches Licht tauchende Traumfrau geschickt in der Realität verankert, indem er sie mit dem Tod konfrontiert und altern lässt. Umgelter hat die Rolle mit der Schweizer Schauspielerin Elisabeth Müller hervorragend besetzt. Elisabeth Müller war ein Publikumsliebling der 1950er und darf hier zeigen, dass sie mehr konnte, als vom deutschen Unterhaltungskino gewünscht.

Zwischen Barbara Bibiena und Hans-Wratislaw von Zehdenitz-Pfuell, einem Verwandten jenes Fähnrichs, ohne dessen Tod Rosalba und Ettore Bibiena nie zusammengekommen wären (und ohne den es Babsybi nicht gäbe), ist es Liebe auf den ersten Blick. Am Tag nach der Verlesung der alten Chronik fahren die beiden mit Barbaras Lehrer Dr. Förster (er hat das barocke Spanisch des Manuskripts in ein barockisierendes Deutsch übertragen, was dem ihn dabei unterstützenden Sprachvirtuosen Hans Scholz sicher viel Freude machte) nach Kunersdorf, um den Schauplatz der Schlacht von 1759 zu besichtigen. Bei einer weiteren Exkursion treffen sie auf deutsche Truppen, die unterwegs sind, um Polen zu überfallen (oder um "zurückzuschießen", wie es in der Nazi-Propaganda hieß).

Auf verschlungenen Wegen

Der TV-Mehrteiler von 1960 ist bedächtig erzählt, wirkt nach heutigen Maßstäben wortlastig. Ein Cutter hätte aus jeder Folge ganz schnell 10 oder 15 Minuten herausgeschnitten. Dem Film würde man damit sehr schaden. Wer sich dem ruhigen Rhythmus überlässt, wird viele Bezüge entdecken, die einer dynamischeren Schnittfolge zum Opfer fallen würden. Umgelter kann auch durchaus visuell erzählen, nicht nur dialogisch. Der Beginn des zur Teilung Deutschlands führenden Weltkriegs wird durch zwei Reihen von Soldaten symbolisiert. Dazwischen, in einem durch den Aufmarsch am Weiterfahren gehinderten Auto, sitzt das junge Liebespaar, das sich gerade erst gefunden hat und das der Krieg nun auseinander reißt. Barbara wird Deutschland mit ihrem Vater verlassen. Hans könnte mit ihr gehen, wird sich aber den Soldaten anschließen. Die Begründung ist so dumm wie alle anderen, mit denen die Figuren in Am grünen Strand der Spree es rechtfertigen, wenn sie in der Krieg ziehen: alle Männer der Familie Zehdenitz haben es so gemacht, und deshalb wird Hans es ebenfalls so halten.

Der Kommentar folgt beim Tischgespräch in der Jockey-Bar. Da erfährt man, dass von der traditionsbewussten Familie Zehdenitz höchstens einer von Hans’ Brüdern übrig ist, der als Fremdenlegionär in die Gewalt der Viet Minh geraten sein soll. Alle anderen, Frauen wie Männer, sind tot. Die Erwähnung deutscher Söldner in Vietnam - diesen Krieg führten damals noch die Franzosen - ist einer von zahlreichen, wie beiläufig eingestreuten Hinweisen in Scholz’ Roman auf Gegebenheiten, die man teils erst Jahrzehnte später wirklich zur Kenntnis nahm. Buch und TV-Adaption stoßen einen mit schöner Regelmäßigkeit auf Dinge, die man bereits in den 1950ern hätte wissen können - und dies wohl auch tat, um sie dann zu vergessen oder zu verdrängen. Beim Lesen (und Sehen) fragt man sich öfter, ob das, was man über die Nachkriegszeit gelernt hat, alles so stimmen kann?

Auch die Handlung kommentiert das Verhalten der Charaktere. Wer eine Frau liebt und trotzdem in den Krieg zieht, und sei es aus sehr ehrenhaften Motiven, kommt darin um. Die narrative Funktion der Zehdenitze besteht darin, im Kampf zu sterben, um sodann, durch ihren Tod und auf verschlungenen Wegen, eine Ehe zu stiften (das ist wieder die Scholz’sche Ironie). Wie gut sich Fritz Umgelter auf Hans Scholz eingestellt hatte, den Meister des verschachtelten, sich gegenseitig reflektierenden Erzählens, der schon postmodern war, als in Deutschland noch keiner wusste, was das ist, zeigt sich in Episode 4. Wenn sowohl Rosalba (1759) als auch Barbara Bibiena (1939 bis 1954) von Elisabeth Müller verkörpert werden, lässt sich das noch mit verwandtschaftlichen Genen erklären.

Jetzt aber kommt Peter Pasetti in die Jockey-Bar, den man zwei Wochen vorher als den chilenischen Granden Ettore da Bibiena gesehen hat (die Episoden wurden 14-tägig ausgestrahlt) und der inzwischen Peter Koslowski heißt, aus Breslau stammt und seinem Beruf als Schauspieler nicht mehr nachgehen kann, weil er im Krieg ein Bein verloren hat. Pasetti/Bibiena/Koslowski setzt sich, als nun fünfter Akteur der Rahmenhandlung, zu den anderen an deren Tisch, um sogleich - als er selbst, also als der vom Schauspieler Pasetti verkörperte Ex-Schauspieler Koslowski - in die Geschichte einzutauchen, die er erzählen und in der er, ohne es zu wissen, Babsy Bibiena treffen wird, die Nachkommin der Inkaprinzessin, mit der er, hätte er die Rolle des Ettore nicht inzwischen mit der des Schlesiers Koslowski vertauscht, verwandt wäre und deren reales Vorbild die Schönheitskönigin Susanne Erichsen war, das deutsche "Fräuleinwunder".

So viel Verspieltheit, ein so gekonntes Wechseln zwischen verschiedenen Realitäts- und Fiktionsebenen (mit Lepsius alias Malte Jaeger deutet es sich schon an) hätte ich dem Fernsehen der Adenauer-Zeit nie zugetraut, bevor ich diesen Mehrteiler sah. Schade, dass das Booklet zur DVD-Ausgabe Susanne Erichsen nicht kennt (wie Lepsius und Jürgen Wilms war sie nach dem Krieg in einem von Stalins Gefangenenlagern und musste in einem Bergwerk arbeiten, bevor sie ein international gefragtes Model wurde). Sonst hätte man eine weitere Reflektionsebene hinzufügen und das Photo abdrucken können, auf dem sie und Hans Gehringer, der Chef eines damals berühmten Modehauses, darauf warten, erstmals ein TV-Programm zu sehen (vermutlich 1953). Susanne Erichsen schaut uns dabei an, und am Handgelenk trägt sie ein Armband wie das von Babsybi in der Serie, die 1960 über die - im Photo noch leere - Mattscheibe flimmern würde. Das wäre ganz im Sinne von Hans Scholz gewesen, der uns durch eine uralte Form der Kommunikation, das Geschichtenerzählen, in ein Spiegelkabinett hineinlockt, aus dem man klüger herauskommt, als man vorher war. Umgelter und seinem Co-Drehbuchautor Reinhart Müller-Freienfels ist es zu danken , dass das beim Übertragen auf das TV-Format nicht verlorenging. (Hier auch ein großes Lob an die ARD, die das fünfteilige SWR-Hörspiel von 1956 ausgegraben und als mp3 mit dazugepackt hat, was den Vexier-Charakter noch erhöht.)

Kriegs-Brandstifter und Gräberfelder

Die Ankunft des Einbeinigen in der Jockey-Bar (passenderweise haben wir Pasetti zuletzt, als Ettore, beim Ausritt mit Rosalba gesehen) ist der Beginn einer ganz bezaubernden Liebesgeschichte - und der verschmitzte Hinweis, dass Scholz an Stevensons Schatzinsel dachte, als er die Geschichte schrieb. Hier ist der Schatz die schöne Barbara Bibiena. Koslowski erzählt von einer Begebenheit, die sich im vergangenen Jahr (Herbst 1953, also wenige Monate nach dem Aufstand vom 17. Juli) im brandenburgischen Markgrafpieske zugetragen hat. Wer da mal gewesen ist, weiß gleich, dass der Tod eine wichtige Rolle spielen wird, weil es in dem (real existierenden) Dorf acht Friedhöfe gibt, was sich niemand recht erklären kann. Peter Koslowski hat hier ein Häuschen geerbt, in dem er jetzt lebt und einer mysteriösen Dame, die er nur als "Bastienne" kennt und die ihm ihre wahre Identität verschweigt, Unterkunft gewährt, da es weit und breit keine Fremdenzimmer gibt. Hintergrund ist die sich verfestigende Teilung Deutschlands und die zunehmende Einschränkung der Reisefreiheit. Bastienne muss damit rechnen, als Spionin verhaftet zu werden.

Im Roman wird am Beispiel eines kürzlich geborenen Hengstfohlens erläutert (nicht in Leitartikelform, sondern durch sehr stimmige Dialoge der Landbevölkerung), wie im Arbeiter- und Bauernstaat die Landwirte schleichend enteignet werden, wie man sie in Abhängigkeit von staatlich kontrollierten Organisationen bringt, die Produktionsmittel monopolisiert (eigentlich eine Spezialität des Kapitalismus, den das Ulbricht-Regime bekämpfte) und die Bauern bei fehlendem Wohlverhalten in den Ruin treibt. Es gibt auch einige beklemmende Momente, in denen nachts die Stasi umgeht und sich keiner vor die Tür traut. Schorin, ein an sich harmloser Sonderling und Heimatforscher, wird als Subversiver abgeholt und dann zu 25 Jahren verurteilt (wie vorher die deutschen Landser in russischer Gefangenschaft), weil er das Sorbentum wiederbeleben will. Der TV-Film lässt Schorins Verhaftung weg und beschränkt sich auf eine Rückblende, in der die von Schorin mit großen Hoffnungen willkommen geheißenen Russen beim Vormarsch auf Berlin das Dorf plündern. Nur im Roman vergewaltigen sie dabei auch die Frauen. (Man hätte gern gewusst, warum bestimmte Dinge ausgespart wurden und ob es dazu Unterlagen im Archiv des Senders gibt. Ein Booklet, liebe ARD, könnte so was leisten.)

Im Wald bei Markgrafpieske liegt noch überall Kriegsgerät von der Schlacht um Berlin herum, und es gibt viele Gräber der Gefallenen. In einem davon ruht Hans-Wratislaw von Zehdenitz, dessen Leichnam Bastienne in den Westen bringen will. Mit Koslowskis Hilfe (sie nennt ihn "Bastien") kann sie das Grab lokalisieren, aber als sie sich dort mit einem Bestattungsunternehmer verabredet, ist es nicht mehr da. Des Rätsels Lösung führt zurück in die letzten Kriegstage und auch tief in die Welt der alten Sagen und Legenden, an die Schorin die Erinnerung wach hält und die in dieser geschichtsträchtigen Gegend auch noch einen magischen Einfluss auf die Gegenwart haben. Im Film kommt Edgar-Wallace-Atmosphäre auf, wenn Koslowski/Bastien mit seiner Beinprothese durch den nächtlichen Wald hetzt, wenn er vom Friedhof her einen Schrei hört und wenn Bastienne danach genauso verschwunden ist wie das Grab. Verstärkt wird das Unheimliche noch durch die Präsenz von Fritz Rasp (als Schorin), der den deutschen Film über Jahrzehnte mit denkwürdigen Gestalten bereichert hat, vom Schmalen in Metropolis bis zu seinen Auftritten in Der Frosch mit der Maske und in Die Bande des Schreckens.

Auch im Fernsehfilm enthalten ist die komische Szene beim Bürgermeister, der auswendig Gelerntes vom "Terror des Adenauer-Regimes", "fortschrittlichen Massen der werktätigen Arbeiter und Bauern" oder der "Wühl- und Zersetzungsarbeit" der "Kriegs-Brandstifter und USA-Imperialisten" herunterrasselt, um Bastienne sodann ihre Unterschrift für die "Ächtung der Atombombe" abzuverlangen. Der Mann wirkt dabei so roboterhaft wie der NS-Führungsoffizier in Norwegen, der 1944 im einstudierten Brustton der Überzeugung etwas von "Wunderwaffen" und vom baldigen "Endsieg" faselt. Historische Kontinuitäten sind Scholz sehr wichtig, die guten (der früheste Aufstand gegen die Mächtigen, der erwähnt wird, der "Berlinische Unwille", datiert von 1440) wie die schlechten, weil sich daraus etwas für die Gegenwart lernen lässt.

In einer schönen Szene sitzt Bastien mit Bastienne, in die er längst verliebt ist, bei den Eheleuten Pausin am See. Die Pausins sind seit Generationen selbständige Fischer und die Existenz bedrohenden Schikanen ausgesetzt, weil ihre Lebensform nicht zum jetzt im Osten favorisierten Gesellschaftsmodell passt. Das wirft nicht zum ersten Mal die Frage auf, ob man bleiben oder gehen soll (Roman wie Mehrteiler entstanden vor dem Bau der Berliner Mauer). Die Leiche des im Krieg gefallenen Hans von Zehdenitz wird bleiben, weil es in Markgrafpieske einen Menschen gibt, der mit dem Grab emotional verbunden ist (auch die persönliche Schuld spielt, wie meistens bei Scholz, eine Rolle). Wie es sich mit den Lebenden verhält, wird der Fortgang der Liebesgeschichte zwischen Bastien und Bastienne erweisen.

Bis ans Ende der Welt und aller Tage

Koslowski hat seit der Affäre um das Grab keinen Kontakt mehr zu Bastienne, von der er sich schlecht behandelt fühlt. Seine Zuhörer aber wussten von Anfang an, dass es sich nur um ihre alte Freundin Barbara Bibiena handeln kann. Ehe das weiter ausgeführt wird, platzt der hässliche Westdeutsche in Gestalt von Direktor Gatzka aus Oberkassel bei Bonn mit seiner Gattin Käte in die Jockey-Bar. Gatzka hatte einen Unfall und ist ein schrecklicher Autofahrer, obwohl er früher beim NSKK war. Das Nationalsozialistische Kraftfahrkorps, eine paramilitärische Organisation der Nazis, kümmerte sich um die Verkehrserziehung (in enger Zusammenarbeit mit dem ADAC), organisierte einen Pannenhilfsdienst und leistete Unterstützung bei der Deportation der Juden.

Direktor Gatzka ist der Beleg dafür, dass es in beiden deutschen Staaten gruselige Kontinuitäten mit dem Dritten Reich gibt. Nach problemloser Entnazifizierung hat er Karriere im Wirtschaftswunderland gemacht. Jetzt sitzt er feist in der Jockey-Bar und sondert dumme Sprüche über Westberlin ab, das für ihn nur ein sinnloses Zuschussgeschäft ist, weil es demnächst sowieso von den Russen geschluckt werde. Bob Arnoldis inspiriert das zu einer spontan erfundenen Geschichte, in der ein gewisser Hans-Werner Hofer (im Film sieht er aus wie Arnoldis alias Günter Pfitzmann) mit dem Zug nach Florenz fährt. Das ist die Stadt, aus der Jutta ihrem Verlobten Jürgen Wilms Briefe über italienische Offiziere schreibt, während Wilms miterleben muss, was mit den Juden geschieht, die in Viehwaggons - und mit Hilfe von NSKK-Männern wie Gatzka - deportiert werden. Am grünen Strand der Spree ist, um das ein letztes Mal zu sagen, sehr kunstvoll konstruiert.

Weil er von den Nazis die Nase voll hat, reist Hofer 1935 nach Italien, seit den Staufern das Sehnsuchtsland der Deutschen. Hier wird es höchste Zeit, die sehr gelungene, mit Bedacht verwendete Musik von Peter Thomas zu erwähnen (teils Adaptiertes, teils selbst Komponiertes). In der ersten Episode noch äußerst sparsam eingesetzt, wird sie im Verlauf der fünf Folgen immer präsenter. In der letzten, "Capriccio Italien", flirtet Hans-Werner Hofer zu Schlagermusik der 1950er mit den Damen, obwohl wir uns doch eigentlich im Jahr 1935 befinden. Das ist kein peinlicher Missgriff, sondern gut ausgedacht. In der Kunsttheorie ist das Capriccio ein lustvoll-gewollter Regelverstoß. Deshalb tragen auch die Frauen in Italien die Mode, die Susanne Erichsen nach ihrem Sieg bei der ersten deutschen Miss-Wahl der Nachkriegszeit als Mannequin präsentierte, kein Dirndl wie Eva Braun in den Filmchen, mit denen uns Guido Knopp historische Authentizität vorgaukelt.

Darin ist eine kleine Geschichtstheorie versteckt. Wenn wir erzählend die Vergangenheit rekonstruieren, sehen wir diese notwendigerweise durch die Brille der Gegenwart. Der Erzähler ist im Bild vom Gewesenen immer mit enthalten. Die absichtlich eingebauten Anachronismen zeigen, wie sich Vergangenheit und Gegenwart vermischen. So spiegelt sich das Jahr 1935 (Hofers Italienaufenthalt) im Jahr 1954 (das Treffen in der Jockey-Bar), und dazwischen, als eine Art Reflektionsachse, gibt es noch Jutta, der wir nie begegnen und die im Jahr 1941 in Italien Urlaub macht, während ihr Verlobter, Jürgen Wilms, den Mord an den Juden miterlebt. Wer gern möchte, dass ihn das Fernsehen zum Denken anregt, kann darüber lange philosophieren. Das Medium war damals schon viel weiter, als Prof. Knopp mit seinen je nach Bedarf aneinander montierten Zeitzeugen.

Weil das Ganze eine Phantasie ist, trifft der junge Herr Hofer auf einige durchaus willige junge Damen. Cornelia allerdings, die in Florenz eine Pension leitet, wie es die jetzige Gattin von Direktor Gatzka 1935 gemacht hat und die auch aussieht wie diese (Helen Vita), ist ein schwieriger Fall. Hofer darf seiner Aphrodite beim morgendlichen Duschen zusehen, aber er darf nur schauen, aus "kunstgeschichtlichen Erwägungen", nicht anfassen, was ihn fast zur Verzweiflung treibt: "So kann Kunstgeschichte nun und nimmer getrieben werden. Nicht die geringste Erlaubnis wird mir erteilt, nicht die geringste Befugnis … und dabei gerate ich unrettbar immer mehr in den Bann Ihres Zauberanblicks, Ihres glänzenden, gliedererregenden Wunders."

Das Gliedererregende nimmt ein jähes Ende, als Hofer entdeckt, dass er nur die Begleitmusik zu Cornelias Romanze mit dem Grafen Chiaroscuro spielen soll. Der Graf muss als Soldat nach Libyen, um dort Aufständische zu töten (im Film ist es Abessinien, das heutige Äthiopien, in das die Italiener 1935 einmarschierten) und trägt bereits eine Uniform, die auch Mussolini gut stehen würde. Dagegen kann Hofer nichts ausrichten, Cornelia schmilzt in Chiaroscuros Armen dahin. Enttäuscht reist er ab. Im Zug trifft er einen Mann, der ihm bekannt vorkommt. Es ist der Graf Chiaroscuro. Um nicht mit Hitler, dem "Strizzi aus Braunau", in einen Topf geworfen zu werden, gibt sich Hofer als Holländer aus. Und was macht Umgelter, der kongeniale Regisseur, aus dieser Vorgabe des Romans? Er besetzt den italienischen Grafen mit Johannes Heesters.

Graf Chiaroscuro klärt Hofer bei einem Glas Champagner über seine Sicht der Dinge auf. Statt sich nach Afrika einzuschiffen, wie vom faschistischen Staat gewünscht, ist er unterwegs zu seiner Gattin nach Brasilien. Die schmucke Uniform hat er sich in Cinecittà nur ausgeliehen. Der ritterliche Held, so der Graf, hat sich in Zeiten der allgemeinen Wehrpflicht und der daraus resultierenden Millionenheere überlebt. Bei den Frauen aber kommt der Todgeweihte noch gut an, und darum spielt der Graf die Komödie gern mit: "Jedenfalls kleine militärische Schlußapotheose und Abgang in stolzer Trauer. Salute!" Nachdem ständig Männer Soldat geworden sind - aus Tradition, für das Vaterland, aus Pflichtbewusstsein und so weiter -, und nachdem die gesamte Familie von Zehdenitz deswegen ausgerottet wurde (oder noch wird, wir sind gerade im Jahre 1935), tritt jetzt, am Schluss, der erste auf, der einen guten Grund dafür nennen kann, warum er in den Krieg zieht: er tut nur so, um die Frauen rumzukriegen (Liebschaften kann man bei Kriegsausbrüchen auch sehr gut beenden, sagt er) und geht dann nicht hin: "Glauben Sie mir, wer viel und fröhlich lebt, nimmt nicht so leicht zu Kriegen seine Zuflucht …" (Alice Schwarzer würde das ganz schrecklich finden, aber weil das ein Roman von 1955 ist, sollten wir hier gnädig sein.)

Während Hans-Werner Hofer zurück nach Deutschland fährt, darf sich der Leser/Zuschauer überlegen, was ihm lieber ist: mit Graf Chiaroscuro Frauen erobern und fremde Länder bereisen oder mit dem Panzer fahren und an einem Bauchschuss sterben wie Hans von Zehdenitz in einem Dorf mit acht Friedhöfen. Und weil Hans Scholz trotz der schlimmen Dinge, die er schildert, ein extrem menschenfreundliches Buch geschrieben hat, darf auch der auf ein Happy Ending hoffen, der in den Krieg gezogen ist und dort ein Bein verloren hat.

Die Freunde in der Jockey-Bar sind bereit zum Aufbruch. Da erscheint Babsy Bibiena nach ihrem Morgenritt. Peter Koslowski erkennt die Bastienne aus seiner Geschichte in ihr. Wird er nun mit ihr wegreiten wie Ettore mit Rosalba im "Preußischen Märchen", in den Sonnenaufgang hinein? Zunächst ist er noch mürrisch. Dann lässt er sich dazu bewegen, zu ihr ins Auto zu steigen. Babsybi will wissen, wohin sie ihn bringen soll. Zweimal - einmal in Gedanken und einmal ausgesprochen - hat er das vorher schon beantwortet: "Mit Ihnen, liebes Wundergebilde, bis ans Ende der Welt und aller Tage!" Das wiederholt er nun, und weil Zaubersprüche beim dritten Mal in Erfüllung gehen, darf er mit der modernen Reinkarnation der Inkaprinzessin in einem Amischlitten davonfahren, während die anderen fröhlich beschwipst nach Hause, ins Hotel oder in die nächste Bar torkeln.

Ein Rätsel bleibt: Die öffentlich-rechtlichen Anstalten, die diesen erstaunlichen Fünfteiler vor über 50 Jahren in Auftrag gaben und zur besten Sendezeit ausstrahlten, sind dieselben, die heutzutage ihren Programmauftrag darin sehen, mit seichter Unterhaltung der Demenz Vorschub zu leisten. Wie konnte das passieren? Vielleicht sollte man die Verantwortlichen dazu verdonnern, einen Archivschatz wie Am grünen Strand der Spree studieren zu müssen (es gibt schlechtere Fortbildungsveranstaltungen), bevor sie die nächste Degeto-Produktion abnicken. Wer daraus nichts lernt, muss bis ans Ende seiner Tage dabei zuschauen, wie Christine Neubauer, Veronika Ferres und Iris Berben nach Afrika fahren, um da den Schwarzen zu zeigen, wo’s langgeht wie früher Hans Albers (Carl Peters, 1941), Luis Trenker (Germanin, 1942) und Heinz Rühmann (Quax in Afrika, 1943-45). Wir, die Gebührenzahler, aber bitte nicht.