Scheindebatte: Fracking ist keine Rettung aus der Gaskrise

Experten und Lobbyisten fordern vom Bundestag, das Verbot des umstrittenen Verfahrens zu überdenken. Der Schatz unter Deutschland solle gehoben werden – eines Tages, vielleicht in einigen Jahren.

Deutschland steckt in einer Erdgas-Krise – und vor diesem Hintergrund rücken einheimische Ressourcen in den Blickpunkt: Riesige Mengen an Erdgas lagern unter Deutschland und laut Geologen könnte mit ihnen das Land über Jahrzehnte hinweg versorgen.

Die größten Vorräte liegen in Niedersachsen; es gibt sie aber auch in Nordrhein-Westfalen. Die Gasmenge, die sich theoretisch fördern ließe, schätzen Geologen auf eine Größenordnung zwischen 380 und 2.340 Milliarden Kubikmeter.

Bei einem deutschen Jahresverbrauch von rund 90 Milliarden Kubikmeter könnte das Land zeitweise damit versorgt werden. Die Geologen betonen aber, dass mit der geschätzten Menge nicht gesagt ist, dass diese auch wirklich wirtschaftlich erschlossen werden können.

Das Problem an der Sache: Das Erdgas müsste mittels der umstrittenen Fracking-Technologie gewonnen werden. Dabei wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien unter Druck in tiefe Gesteinsschichten gepumpt. Dieses wird aufgebrochen und das eingeschlossene Erdgas kann entweichen.

Expertenbericht verzögerte parlamentarische Debatte

Das Verfahren wurde 2017 in Deutschland verboten – bis 2021. Danach sollte der Bundestag darüber entscheiden, ob es bei dieser Regelung bleiben solle. Das Verfahren ist noch in der Schwebe.

Die "Expertenkommission Fracking" hat ihren Bericht von 2021 erst Ende Juni eingereicht, hatte der Bundestag auf eine Anfrage der "Welt" geantwortet. Wann darüber im Parlament beraten werde, müssten die Parteien nun entscheiden.

Der Vorsitzende der Expertenkommission, Holger Weiß, trommelt inzwischen für dieses Verfahren. Die Abneigung gegen Schiefergas könne man "eigentlich nur mit ideologischen Vorbehalten erklären", sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS). Einer sachlichen Grundlage entbehre das.

In der Diskussion führten Kritiker immer wieder das Argument an, das Trinkwasser könnte durch Fracking gefährdet werden; doch jetzt wischte es Weiß vom Tisch. Das Vorsorgeprinzip im Wasserschutz sei sakrosankt, sagte er. Die benutzten Flüssigkeiten seien kein Gift. "Das ist Spüli", so Weiß. "Heutzutage kann man Fracking mit einem vertretbaren Restrisiko machen."

Im Kern stimmte dem auch Christoph Hilgers zu, der Geologe am Karlsruher Institut für Technologie ist. Fracking sei eine etablierte Technologie, sagte er. Wenn man es richtig mache, sei das Risiko gering.

Fracking hilft nicht aus der Gaskrise

Einen Grund dafür, dass Fracking immer noch nicht angewandt wird, sieht Ludwig Möhring, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Erdgas, Erdöl und Geoenergie, bei den Regierungen der Bundesländer. Sie würden die Möglichkeit von Probebohrungen hintertreiben, sagte er in der FAS.

Landesregierungen, die gesetzlich verpflichtet wären, den Probebohrungen zuzustimmen, haben sich von vorneherein ausdrücklich gegen Probebohrungen ausgesprochen. Unsere Industrie hat diese klare Positionierung respektiert und keine Anträge gestellt.

Ludwig Möhring in der FAS

Doch in der aktuellen Notlage würde Fracking keinen Beitrag leisten, dessen ist sich Möhring bewusst. Im Deutschlandfunk erklärte er: Eine Förderung sei erst nach einer gesellschaftlichen Diskussion, Gesetzesänderungen, weiteren Erkundungen und Probebohrungen möglich. Und dann würde es noch zwei bis vier Jahren dauern, bis überhaupt gefördert werden könne. (Bernd Müller)

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