Schimpfen auf den IWF im Netz

Die Stimmung in Argentinien richtet sich zunehmend gegen den IWF, das Internet erlebte in den Krisentagen einen enormen Bedeutungsschub

Befürchtungen, nach denen der argentinische Peso nach der Aufhebung der Bindung an den US-Dollar in den freien Fall geraten könnte, haben sich nicht bestätigt. Diese gute Nachricht wird dieser Tage aus dem südamerikanischen Land verlautbart. Bei einem Blick hinter die Kulissen wird aber deutlich, dass diese Ruhe auf dem nationalen Geldmarkt in erster Linie auf die weitgehende Aussetzung betreffender Bankgeschäfte beruht. So wurde erst Tage nach der Festlegung des Dollarkurses von 1,40 Peso im Ankauf und 1,70 Peso im Verkauf der Sortenhandel am vergangenen Donnerstag wieder eröffnet. Argentinien tastet sich mit äußerster Vorsicht Schritt für Schritt in die Normalität vor.

An den Banken bilden sich derzeit lange Schlangen: Die Menschen tauschen ihre Dollar gegen Peso ein, um nötige Einkäufe zu tätigen. Dabei werden meist nur kleine Beträge getauscht, das Misstrauen in den vermeintlich stabilen Wechselkurs ist nach wie vor groß.

Nach der Bekanntgabe des Rettungsplanes für die argentinische Wirtschaft samt dem zugehörigen Notstandsgesetz dauern die Verhandlungen mit ausländischen Investoren und der Regierung unter dem Linksperonisten Eduardo Duhalde an. Besonders die spanische Regierung hatte sich besorgt über Belastungen ihrer Unternehmen geäußert und die neuen Machthaber am Rio de la Plata vor allzu kühnen Schritten gegen die spanischen Firmen gewarnt. Daraufhin erklärte der stellvertretende argentinische Wirtschaftsminister Jorge Todesca vor wenigen Tagen: "Am einfachsten wäre es, den Peso massiv zu entwerten." Doch damit liefe die Regierung Gefahr, die gerade erst abgeflauten Unruhen wieder zu schüren und das Schicksal der drei Vorgänger zu erleiden.

Und so bleibt weiter offen, ob die Regierung dem Druck aus dem Ausland standhalten kann. Der spanische Ministerpräsident José Maria Aznar nutzt die EU-Ratspräsidentschaft seines Landes indes, um den Druck auf Buenos Aires zu erhöhen. In einer gemeinsamen Erklärung mit dem EU-Ratspräsidenten Romano Prodi verlieh Aznar vergangene Woche seiner Forderung nach einem "glaubhaften Wirtschaftsplan" Nachdruck.

Protest am Donnerstag Abend letzter Woche vor dem Regierungsgebäude

Man muss kein Wirtschaftsfachmann sein, um diese Vorstöße als Verzweiflungsdiplomatie zu entlarven. Spanische Banken und Unternehmen werden in Argentinien schwerste Verluste erleiden. Die britische Finanzgruppe HSBC hat errechnet, dass die verlorenen Gelder allein für spanische Banken und Transnationale sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes Spaniens ausmachen werden. Betroffen sind unter anderem die Finanzhäuser Banco Vizcaya Argentina, Santander Centro Hispano und das Telefonunternehmen Telefonica www.telefonica.es. Für Verstimmung sorgte zudem die Ankündigung Duhaldes, aus Erdöl- und Erdgasexporte eine neue Steuer erheben zu wollen.

Doch nicht nur zu den Betroffenen ist das Klima kühl, auch der Internationale Währungsfonds (IWF) pflegt derzeit nicht die besten Beziehungen zu dem südamerikanischen Land. Schließlich ist die Krise kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres erst ausgebrochen, nachdem der Fonds weitere Gelder für das hochverschuldete Argentinien verweigert und so den Staatsbankrott provoziert hat.

Die stellvertretende IWF-Chefin Anne Krueger gab sich am Freitag alle Mühe, den ersten Eindruck zu überspielen. "Nein, nein, nein", beeilte sich Krüger der Frage eines Journalisten zu entgegnen, ob die Notverordnungen erst aufgehoben werden müssten, bevor der IWF mit der Regierung Duhalde verhandele.

Das war offenbar die Version für die Presse, denn andere Töne scheinen in Buenos Aires angekommen zu sein. Die Regierung habe wenige Tage nach Amtsantritt einen "unverständlichen Brief" von Krueger erhalten. "Uns ist unklar, ob die Punkte darin Forderungen sind oder nicht", sagte Vize-Wirtschaftsminister Todesca. Auf jeden Fall solle sich der IWF erst zu Wort melden, wenn er wirklich etwas zu sagen habe, fügte der Argentinier schroff hinzu.

Der Konflikt in den oberen Kreisen der Politik wird im Volk angeregt kommentiert, vor allem per Email. "Die politische Email hat seit dem 18. Dezember (Beginn der Krise, d.A.) enorm an Bedeutung gewonnen", schreibt Horacio Bilbao in der Tageszeitung "Clarin". Dutzende elektronische Postwurfsendungen seien Tag für Tag in den Mailboxen eingegangen. Forderungen, Vorschläge, Meinungen und Berichte hätten auf diesem Weg Verbreitung gefunden. "An alle Einwohner dieses schönen, aber bankrotten Landes weiterleiten", heißt es im Betreff einer Mail. Darin die Forderung: "Seien wir solidarisch: Kaufen wir keine verteuerten Produkte und boykottieren wir die Supermarktketten, die ihre Preise angehoben haben."

Diese Art der Kommunikation hat in Argentinien umso größere Bedeutung, als Politik und auch Medien äußert zentralisiert sind. Die größten Tageszeitungen befinden sich in der Hauptstadt, wo sich auch die politische Macht ballt. Es erstaunt nicht, dass daher auch Argentinien sein eigenes Indymedia"-Projekt besitzt.

Nach Einschätzung des Clarin-Journalisten Bilbao hat sich das Genre der "politischen Email" in Argentinien in den vergangenen Wochen einen festen Platz ergattert. Es seien schließlich nicht nur sinnlose Sprüche, die da verschickt wurden. Auch hätten politische Gruppen das Medium genutzt, um in kürzester Zeit zu Demonstrationen und andere politische Aktivitäten zu mobilisieren, sagt der Clarin-Mitarbeiter: "Die Resonanz dieses Schriftverkehrs spricht für die Bedeutung des Internet und seiner Kommunikationsformen in solchen Situationen." (Harald Neuber)

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