Schlacht um Damaskus hat begonnen

Großoffensive gegen Vororte erwartet

In den vergangenen Tagen haben sich die Angriffe der syrischen Armee auf die Vororte rund um Damaskus extrem verschärft. Ob das Regime seine Hauptstadt dadurch auf Dauer halten kann, ist mehr als fraglich: Damaskus ist längst von Rebellen umzingelt.

Vor sechs Wochen klang Fares noch skeptisch, kritisch - und wütend. Die "Jungs" der Freien Syrischen Armee (FSA) von Daraya seien zu unbedarft. Es seien hauptsächlich junge Zivilisten, die sich ohne Ziel, Plan und kämpferische Erfahrung, bewaffnet hätten, schnaubte er damals verächtlich.

Erste Warnung: Das Massaker von Daraya

Daraya, eine 250.000-Einwohner-Stadt, südwestlich von Damaskus gelegen, zählte zwar von Anfang an zu den Rebellenhochburgen, doch seit Mitte Juli 2012 - als die Rede von der "Schlacht um die Hauptstadt" immer lauter wurde -, steht sie ebenso wie alle anderen Vororte von Damaskus konzentriert im Visier des Regimes.

Zwischen dem 20. und 27. August verübte dieses in Daraya eines seiner bislang größten Massaker. Unter den Bombardements und anschließenden Haus-zu-Haus-Exekutionen starben je nach Quelle 300 bis 700 Menschen, die, wie Amnesty International gegenüber Telepolis bestätigte, vorwiegend Zivilisten waren. Fares nickt: Es sei eine kollektive Bestrafung der Bewohner einer Rebellenhochburg gewesen.

Damals richtete sich die Wut des 30-jährigen Schreiners jedoch nicht allein gegen das Regime. Die Brigaden Darayas hätten mit ihrer Hitzköpfigkeit ziellos provoziert. Unter anderem hätten sie wahllos Angehörige der regulären Armee entführt und seien sogar mit der Armee in Verhandlungen zwecks Gefangenenaustausch getreten - als handle es sich um einen Kuhhandel und nicht um einen Aufstand um Freiheit und Würde. Auch in punkto Religion sprach Fares, der selbst ein konservativer Sunnit ist, den "Jungs" wenig Aufgeklärtheit zu.

Sie ließen sich vom Gedanken eines "islamischen Sieges" faszinieren, würden dabei aber nicht einmal den Unterschied zwischen Salafismus und Sufismus (Syriens traditioneller Islaminterpretation) kennen. Fares, der ein entschiedener Verfechter des gewaltfreien Widerstandes ist, suchte lange, sie zu mehr Ruhe, Vernunft und Strategie zu bewegen - was ihm unter anderem auf Facebook die Drohung einbrachte, er möge "aufpassen".

Vergangenen Oktober gründete er schliesslich mit 130 weiteren geachteten Bürgern Darayas einen Zivilrat, der die Stadt, aus der sich die reguläre Armee nach dem Massaker wieder zurückgezogen hatte, verwalten sollte. Auch ein Büro der FSA wurde eröffnet, das sich mit dem Rat absprechen sollte.

FSA als letzte Zuflucht

Fares damalige Zuversicht, so wenigstens halbwegs zu einem friedlicheren, geordneteren Widerstand zurückkehren zu können, ist indes wieder verschwunden. Und nicht nur sie. Auch seine Einschätzung der FSA ist mittlerweile eine völlig andere: Heute bezeichnet er die Männer als Helden, und aus seiner Stimme klingt aufrichtiger Respekt. Das Regime, sagt er, weiche um keinen Preis von seiner zerstörerischen Endkampfvision ab; demgegenüber lege die FSA einen beeindruckenden Widerstandsgeist an den Tag. Fares Sinneswandel gründet auf den Ereignissen der vergangenen zwei Wochen: Die FSA-Einheiten des Nachbarortes Kafr Sousseh beschossen den Militärflughafen von Mazzeh und den republikanischen Palast in Damaskus.

Die reguläre Armee schlug mit voller Wucht zurück: Vier Tage lang standen Kafar Sousseh und das angrenzende Daraya unter Beschuss. Anschließend brannten die regulären Soldaten zahlreiche Felder und Häuser ab. Daraya blutete so zwar aus, doch ein wenig Leben innerhalb des Stadtkerns konnte die FSA bewahren, indem sie die Errichtung von Straßensperren an strategisch wichtigen Punkten verhinderte. In Fares‘ Augen, wie in denen vieler anderer, stieg das Ansehen der Männer seither immens. Der tägliche Beschuss der Stadt - neuerdings auch mit MIG-Kampflugzeugen - geht indes weiter.

"200 Raketen in 90 Minuten"

Was in Daraya passiert, geschieht gegenwärtig in sämtlichen, vorwiegend sunnitisch besiedelten Vororten von Damaskus - ob sie im Norden und Nordosten liegen und somit auf den von den Aufständischen angestrebten Damaszener Abbasidenplatz weisen; oder im Süden und Südwesten, von wo aus der Militärflughafen von Mazzeh und der internationale Flughafen von Damaskus zu erreichen sind. Anders gesagt: Damaskus ist nahezu lückenlos umzingelt und entsprechend schlägt das Regime zu.

Fast jeder, der in den vergangenen Tagen etwa nach Daraya oder Yalda ein- oder ausreisen wollte, wurde verhaftet und die Intensität des Bombardierungen hat sich drastisch gesteigert: Allein während des viertägigen Angriffs auf Daraya vergangene Woche seien an die 200 Raketen innerhalb von 90 Minuten gefallen, berichten Aktivisten übereinstimmend.

Zum Vergleich: Vor wenigen Wochen noch, als das Regime glaubte, Daraya durch das Massaker mundtot gemacht zu haben, flog die Luftwaffe die Stadt zwar tageweise an, schoss in der Regel jedoch nur eine Rakete ab, auf die 15 Minuten später eine zweite folgte. Das Motiv für das Intervall war, die Bewohner aus ihren Häusern zu locken. Sobald diese am ersten Einschlagort eingetroffen waren, um zu helfen, wurde er ein weiteres Mal beschossen. Eine grausam-perfide Taktik - doch gegenüber den jetzigen Vernichtungsschlägen geradezu moderat.

Rebellen rücken vor

Bei aller Eskalation aber sucht das Regime die Luftwaffe von Damaskus fernzuhalten. Im Unterschied zu Aleppo, das zwar Syriens Industriehauptstadt ist, aber dennoch rasch und in weiten Teilen zerbomt wurde, soll im Sitz des Präsidentenpalastes der Status Quo aufrechterhalten werden. Die weit über 50.000 Überwachungskameras und 360 Straßensperren, die laut dem syrischen Wirtschaftsblatt Al-Iqtisadi indes die Stadt zur Festung machen, konterkarieren dies freilich deutlich.

Und dies umsomehr, als die Rebellen vorrücken. Obgleich die meisten Brigaden nach wie vor über qualitativ minderwertigere Waffen verfügen - Aktivisten aus Daraya und Tadamon zufolge seien es vielfach RPG-Panzerabwehr-Granatwerfer russischen Fabrikats, Schilka-Maschinengewehre sowie Mörsergranaten, die einen Durchmesser von maximal 120 mm aufweisen -, verzeichneten sie in den vergangenen Tagen bemerkenswerte Fortschritte.

Vergangenen Donnerstag musste die Straße zum Flughafen von Damaskus infolge der heftigsten Gefechte seit Ausbruch der Revolte gesperrt werden. Auch eroberten die Rebellen die Marj al-Sultan-Militärbasis 15 Kilometer vor Damaskus.

Geisterstädte als Falle für das Regime?

Dass die Schlacht um Damaskus somit längst begonnen hat, bezweifelt daher niemand mehr. Das Regime, so Fares, liegt zwar noch lange nicht in seinen Endzügen - doch es mache Fehler.

So sei Daraya mittlerweile wie leergefegt: Von einst 250.000 Einwohnern seien nur rund 20.000 verblieben. Auch Fares ist geflüchtet und insofern haben die Worte des Gouverneurs der Provinz Damaskus, Hussein Makhlouf, durchaus ihre Wirkung gezeigt: Kurz nach dem Massaker im August sei er persönlich nach Daraya gereist, um den Einwohnern mit der Rückkehr der Armee zu drohen, sollten sie an ihrem Widerstand festhalten. Doch der Erfolg sei ein scheinbarer, sagt Fares: Geisterstädte zögen die Kämpfer der FSA erst recht an, weil ihnen dort keine Zivilisten mehr "im Weg stehen". (Mona Sarkis)

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