Schlacht um Mosul und das Leiden der Zivilisten

Bombardierung von Zielen in Mosul. Bild: NinivehMC

Artilleriebeschuss und Luftangriffe auf die Altstadt lassen die Opferzahlen steigen, aber die Medienberichterstattung unterscheidet sich von der vergleichbaren Aleppo-Offensive

Vereinzelt wird Kritik über die Offensive in Mosul (Mossul) laut, seit die irakischen Truppen und schiitischen Milizen, die mittlerweile formal in die Armee integriert wurden, mit der Unterstützung der Amerikaner auf dem Boden, vor allem aber aus der Luft, die Offensive auf die Altstadt begonnen haben (Mosul: Die Befreiung und die hässliche Fratze des Krieges. Dorthin haben sich die IS-Kämpfer zurückgezogen und buchstäblich in einem Labyrinth von Tunnels eingegraben. Und sie sind geschützt durch vermutlich noch einige hunderttausend Zivilisten, die noch nicht fliehen konnten oder dies auch nicht wollten. Die Bewohner sind eingeschlossen oder eingekesselt, nachdem auch die letzte Brücke zerstört wurde, sie erhalten keine Nahrung, Trinkwasser ist nach UN-Angaben knapp oder sie haben in vielen Stadtteilen keinen Zugang dazu, viele, die die Flucht geschafft haben, sind verletzt. Die Menschen fliehen vor dem IS, vor dem Beschuss durch die irakischen Truppen und die US-geführte Koalition und aufgrund von Hunger und Durst.

Aus West-Mosul sind nach Angaben der Vereinten Nationen seit Beginn der Offensive vor 23 Tagen um die 117.000 Menschen geflohen (täglich etwa 5000), aus ganz Mosul sind es bislang um die 250.000. Nach Berichten gibt es in der umstellten Stadt immer weniger Lebensmittel und Trinkwasser. Die Menschen fliehen zunehmend auch deswegen, weil sie zwischen den IS-Kämpfern und den Angriffen auf Mosul unter die Räder kommen.

Aus Mosul Flüchtende. Bild: NinivehMC

Zwar heißt es immer, der IS würde sich hinter den Zivilisten als menschlichen Schutzschilden verstecken, doch die irakische Regierung hatte selbst die Menschen aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben und nicht zu fliehen, wohl auch aus Angst, die vielen Flüchtlinge nicht versorgen zu können. Zu Beginn der Offensive sollen in Mosul noch bis 1,5 Millionen Menschen gewohnt haben. IS-Kämpfer gehen extrem hart gegen Menschen vor, die fliehen wollen, allerdings haben Teile der sunnitischen Bevölkerung in Mosul und auch von außerhalb dort Schutz beim IS vor den schiitischen Milizen gesucht oder waren/sind Anhänger oder Sympathisanten des IS. Das Vorrücken der Truppen hat die Bevölkerungsdichte in der Altstadt noch einmal erhöht. Die nehmen Männer in Gefangenschaft und behandeln sie mitunter brutal.

Mit Artillerie, Kampfhubschraubern, Kampfhubschraubern und Drohnen werden in Mosul vermutete Stellungen des IS angegriffen. Bilder zeigen, dass es wie schon bei vorhergehenden Offensiven in Falludscha oder Ramadi, aber auch in Aleppo große Schneisen von Zerstörungen gibt. Nach Berichten soll in Mosul ein Großteil der Infrastruktur zerstört worden sein. Oft positionieren IS-Kämpfer auf den Dächern oder im Erdgeschoss oder in Kellern von bewohnten Häusern. Werden IS-Kämpfer und deren Stellungen von der Luft aus oder mit Artillerie bombardiert, sind zivile Opfer kaum vermeidbar und werden in Kauf genommen. Teil der Strategie des IS ist natürlich auch, den Angreifern vorzuwerfen, dass sie viele Zivilisten töten.

Französische Artillerie feuert auf Ziele in Mosul. Screenshot aus YouTube-Video

Auffällig ist in den täglichen Berichten der von den USA geführten Anti-IS-Koalition, dass zwar die angeblich getroffenen und zerstörten Stellungen, Fahrzeuge, Gebäude oder Tunnel aufgelistet werden, aber nicht von der Zahl der Getöteten und Verletzten gesprochen wird, schon gar nicht von etwaigen zivilen Opfer, die nur dann zur Sprache kommen wie jetzt in Al-Jinah (Pentagon-Sprecher: "Sie wissen, wir würden so etwas niemals tun"), wenn sie von so vielen Quellen berichtet werden, dass man darauf eingehen muss, auch wenn die - vielleicht versehentliche - Bombardierung der Moschee und zivile Opfer abgestritten werden.

Zur Rhetorik gehört auch, zuerst immer von getöteten Terroristen zu sprechen, so beispielsweise bei der Operation im Jemen, und dann, wenn es anders nicht geht, auch den möglichen Tod von Zivilisten einzuräumen. Trotz aller inszenierten Transparenz ist dies allerdings die Praxis aller kriegsführenden Parteien.

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