Schlaf wird schick

Sense-Werbevideo. Screenshot: TP

Investoren setzen auf einen Paradigmenwechsel und auf Optimierungstechnik

Bis vor kurzem herrschte die Ideologie vor, dass Schlaf ein negativer Statusindikator ist: Man bewunderte Napoleon, der angeblich nur vier Stunden pro Nacht schlief, und verachtete George W. Bush, der zugab, täglich neun Stunden im Bett zu verbringen (obwohl es sich in beiden Fällen objektiv betrachtet um Politiker handelte, die Kriege anfingen, welche sie nicht gewannen). Vor zehn Jahren hatte diese unter anderem durch kokainistische Banker beförderte Ideologie solche Ausmaße angenommen, dass der Slogan "Schlaf ist der neue Sex" auf den Punkt brachte, wie aus der nächtlichen Erholung ein neues tabuisiertes Vergnügen wurde, von dem man potentiell immer zu wenig hat (vgl. Shutdown Day).

Die Weniger-Schlaf-Ideologie hatte allerdings immer mehr mit einer Realität zu kämpfen, in der die naturwissenschaftliche Forschung zeigte, wie wichtig Schlaf für die Plastizität des Gehirns und das Erinnerungs- und Lernvermögen ist (vgl. Schlaf, der Gedächtnisgärtner, Schlaf macht potenziell schlau und Schlaf putzt Hirn) - und dass Schlafmangel das Immunsystem schwächt und das Risiko für Übergewicht und für Krankheiten von der Diabetes bis hin zur Depression deutlich erhöht (vgl. Schlafmangel führt zu "Munchies" und Zuwenig Schlaf macht alt und krank).

Andere Studien wiesen nach, dass die Auswirkungen von Schlafmangel beim Autofahren so negativ sind wie die von Alkohol (der bei Verkehrskontrollen besser festgestellt werden kann). Übermüdung sorgt aber nicht nur beim Autofahren dafür, dass Fehler gemacht werden: Einer im letzten Jahr von der Rand-Corporation veröffentlichten Statistik nach summiert sich der dadurch entstandene Schaden alleine in den USA auf jährlich 411 Milliarden Dollar.

Mehr als Matratzen, Ohropax, Zopiclon und Placebos

Der New York Times nach ist der Druck der Realität auf die Ideologie nun so groß geworden, dass ein Paradigmenwechsel im Gange ist: Man versucht Schlaf heute vielerorts nicht mehr zu vermeiden, sondern ihn zu bekommen und zu verbessern. Deshalb glauben Investoren, dass sich aus einem vorher weitgehend auf Matratzen, Ohropax, Zopiclon und Placebos beschränkten Markt ein Milliardengeschäft entwickeln wird, an dem sie teilhaben wollen (vgl. "Schlafen ist kein geringes Kunststück").

Der an der University of California in Berkeley forschende Neurowissenschaftler Matthew P. Walker hat mit dem britischen Unternehmer James Proud bereits ein Gerät auf den Markt gebracht, das den erwarteten Bedarf bedienen soll: Sense ist eine mit Sensoren ausgestattete Kugel, die die Luftqualität und andere Faktoren misst und meldet, die sich auf den Schlaf auswirken. Die mit Sense ermittelten Daten werden von Walker für seine weiteren Forschungen verwendet, deren Ziel ihm zufolge die "Wiedervereinigung der Menschheit mit dem Schlaf ist, um den man sie beraubt hat".

Hirnwellenanalyse und eine "Schlafkapsel"

Knappe 9.000 Kilometer davon entfernt, in Paris, will der Softwareentwickler Hugo Mercier diesen Sommer Dreem auf den Markt bringen: Ein aktuell von 500 Freiwilligen getestetes Stirnband, das mittels Hirnwellenanalyse den Schlaf verbessern soll, und für dessen Entwicklung er nach eigenen Angaben etwa zehn Millionen Euro eingesammelt hat. Noch etwas bizarrer wirkt die Idee des Australiers Ben Olsen, dessen am Finger getragenes Thim auf paradoxe Weise gegen Schlafstörungen helfen soll, indem es den Träger in regelmäßigen Abständen weckt. Olsen bietet darüber hinaus eine Re-Timer-Nachtbrille an, die verspricht, gestörte innere Uhren mit grün-blauen Lampen, die auf die Augen strahlen, zurückzusetzen. Angeblich hat er bereits 30.000 davon verkauft.

David Rose, der Autor von Enchanted Objects - Design, Human Desire and the Internet of Things forscht derweilen am MIT Media Lab an einem neuen Möbelstück: einer "Schlafkapsel", für die er sich von Hängematten, Insektenkokons und Windeln inspirieren lässt. Außerdem experimentiert er mit Gutenachtgeschichten und Klängen, die den Schlaf fördern sollen. Experimentelle Gutenachtgeschichten mit Ambient-Klängen finden sich auch auf dem Album Dreaming With Jeff, mit dem der Schauspieler Jeff Bridges unlängst einen Überraschungserfolg landete. Der Sohn von Lloyd Bridges will jetzt einen "Sleep Club" ins Leben rufen, der eine Anlaufstelle für alles werden soll, was mit Schlaf zu tun hat.

Für Manager, die verhindern wollen, dass sie oder andere Angestellten ihrer Firma zu wenig Schlaf bekommen, gibt es mittlerweile neben Angeboten wie dem Online-Schlaftrainer Sleepio auch "Schlaferziehungskurse", wie sie Nancy H. Rothstein, die "Schlafbotschafterin" des Karrierenetzwerks LinkedIn und Direktorin der Circadian Corporate Sleep Programs veranstaltet. Unter ihren Kunden befinden sich der NYT zufolge mehrere Fortune-500-Firmen. Einen Schritt weiter geht der Gesundheitsdienstleister Aetna, der seinen Angestellten einen Bonus von bis zu 500 Dollar verspricht, wenn sie nachweisen, dass sie an 20 Tagen am Stück mindestens sieben Stunden pro Nacht geschlafen haben.