Schlechte Aussichten für Ärmere in besseren Wohngegenden

Nach einer amerikanischen Studie erhöht sich ihr Risiko, früher zu sterben

Wohnen in besseren Viertel wird gerne mit höherer Lebensqualität gleichgesetzt. Für die Besserverdienenden mag dies stimmen, für die Armen nicht. Offenbar trifft für die Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter eher das Gegenteil zu, wenn sie in einem besseren Wohnviertel leben: Ihre Sterblichkeitsrate ist deutlich höher als die der Reicheren – und höher als jene der Armen, die in ärmeren Viertel wohnen. Herausgefunden hat das jetzt eine amerikanische Untersuchung, deren Ergebnisse als „provokant“ bezeichnet werden.

Dass Menschen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status, wie Ärmere in der wissenschaftlichen Literatur genannt werden, generell, also egal wo sie wohnen, eine höhere Sterberate verzeichnen als Bessergestellte, dürfte nicht nur den wissenschaftlichen Feldforschern bekannt sein: Armut macht krank, das weiß auch der Volksmund.

Doch könnte man annehmen, dass die mit weniger Mitteln ausgestatteten Bewohner eines wohlhabenden Viertels auch von dessen Vorteilen - bessere ärztliche Versorgung, besser Erholungs- und Freizeitsportmöglichkeiten, bessere Einkaufsmöglichkeiten etc. - profitieren könnten und somit auch an der höheren Lebensqualität teilhaben. Forscher der amerikanischen Eliteuniversität Stanford zeigen nun, dass dies ein Irrglaube ist.

Mit 70 Prozent bezifferten sie das höhere Risiko, früher zu sterben, das Frauen mit geringem Einkommen, die in „higher-income areas“ leben, gegenüber ihren wohlhabenderen Nachbarn haben. Und um 60% ist das Risiko, früher zu sterben, von schlecht verdienenden Frauen in solchen Wohngebieten höher als jenes von ärmeren Frauen, die in schlechteren Wohngebieten leben.

Der Trend für Männer fiel "ähnlich aus, aber weniger dramatisch".

Die üblichen Risikofaktoren wie Alter, großes Übergewicht, hoher Blutdruck und Rauchen spielten für die Untersuchungsergebnisse keine Rolle. Auch was Todesfälle anbelangt, die von chronischen Krankheiten verursacht wurden, zeigten sich nach Angaben der Wissenschaftler keine Unterschiede. Herangezogen wurden Daten von über 8000 Männer und Frauen, die in 82 Wohnviertel lebten, in vier mittelgroßen kalifornischen Städten: Salinas, Monterey, Modesto und San Luis Obisbo.

Die Daten stammen aus einer Studie über Herzkrankheiten, die 1979 begann. Demnach wurde das „Durchschnittsuntersuchungsobjekt“ in einem Zeitraum von mehr als 17 Jahren wissenschaftlich erfasst. Während des Untersuchungszeitraums wurden mehr als 1000 Tote registriert.

Anzumerken ist, dass die extremen Pole von reich und arm ausgeschlossen wurden: Die Forscher hatten mittlere Einkommen im Blick, mit einer Bandbreite von 18.300 Dollar Jahresverdienst am unteren Ende und 46 .900 Dollar am oberen Ende. Der Bildungsgrad wurde als Faktor in der Studie berücksichtigt, ethnische Faktoren jedoch nicht: die Mehrheit der untersuchten Menschen waren zu 83% „nicht-hispanische“ Weiße und zu 11 % „Hispanics“. Sechs Prozent hatten andere ethnische Hintergründe.

Erklärungsversuche

„Aus welcher Perspektive wir auch immer auf die Daten zugriffen, das Ergebnis blieb dasselbe“, gab das Team von Studienleiterin Marilyn Winkleby, Professorin von Stanford's „Prevention Research Center“ der Presse bekannt. Als Erklärung für die Diskrepanz der Risiken, früher zu sterben, führte Winkleby einmal ein wirtschaftliches Argument an, wonach die Kosten in einem bessern Wohnviertel höher seien und Gesundheitsvorsorge und gesundes Essen für Ärmere dort weniger erschwinglich und sich kostenfreie Sozial-und Gesundheitsdienste eher in ärmeren Vierteln fänden.

Zum anderen gehe es den Ärmeren in den wohlhabenderen Wohngebieten möglicherweise schlechter, aus psychologischen und sozialen Gründen. Die Ärmeren würden sich isoliert fühlen, ausgeschlossen von der Community. Die soziale Diskrepanz habe möglicherweise einen Effekt auf die Gesundheit und in solchen Vierteln würde sie eben deutlicher ausfallen: "You look out every day and you're at the bottom of the social ladder".

Armut stigmatisiert: Richard Wilkinson, der an der Universität von Nottingham über Ungleichheiten in der Gesundheit forscht, macht vor allem Stress für das größere Gesundheitsrisiko der Ärmeren verantwortlich. Nach einer Auswertung von 150 Studien kam er zum Ergebnis, dass sich die Gesundheit generell in Gesellschaften verschlechtere, in denen die sozialen Unterschiede größer werden.

Den Rückschluss, dass es Ärmeren in Wohnvierteln von Schlechterverdienenden besser ginge, wollten die Autoren der amerikanischen Studie nicht ziehen, da es ja erwiesenermaßen in wohlhabenderen Wohngegenden auch große Vorteile gebe. Stattdessen wollte man die Blick auf eine Bevölkerungsschicht - "hidden population"- lenken, die in gut ausgestatteten und gut versorgten Gegenden gerne übersehen würde und dadurch von Regierungsbehörden und Gesundheitsdiensten nicht genügend versorgt werde.

Es gibt da eine Gruppe von Menschen, die wirklich einem Risiko ausgesetzt sind, und wir denken nicht einmal daran.

Catherine Cubbin, Co-Autorin der Studie

(Thomas Pany)