Schmelzende Gletscher in der Arktis und in den Anden

Arktisches Eis. Bild: NASA/Kathryn Hansen/CC BY-2.0

Die Energie- und Klimawochenschau: Kipppunkte in der Arktis, Klimaklage gegen RWE und Zweifel an den Biokraftstoffen

Mit Temperaturen, die 20 Grad Celsius über dem jahreszeitlichen Durchschnitt lagen, hat die Arktis vergangene Woche Schlagzeilen gemacht. Mittlerweile ist in der Arktis wieder der Frost eingezogen, Sorge bereitet die Polarregion den Klimawissenschaftlern aber weiterhin.

In dem vergangene Woche veröffentlichten "Arctic Resilience Report" identifizieren Forscher 19 Kipppunkte der natürlichen Systeme in der Arktis, deren Überschreiten für die Bewohner der Region, aber auch darüber hinaus gravierende Auswirkungen für Menschen und Natur haben könnte. Der Bericht ist das Ergebnis einer fünfjährigen Forschungsarbeit unter der Schirmherrschaft des Arctic Council, einem Forum der in der Arktis vertretenen Staaten. Explizit ging es in dem Bericht nicht nur darum, Risiken zu benennen, sondern auch Möglichkeiten, wie sich lokale und indigene Gemeinden an die Veränderungen anpassen und damit ihre Widerstandsfähigkeit erhöhen können. Als vordringlichste Maßnahme wird jedoch an vielen Stellen genannt, den CO2-Ausstoß zu stoppen, um so die globale Erwärmung zu begrenzen.

Zu erwartende Veränderungen durch steigende Temperaturen sind etwa eisfreie Meere in den Sommermonaten und weitere Verluste des Grönlandeisschildes, was global zum Anstieg des Meeresspiegels führt. Ebenfalls globale Folgen hätte die Veränderung der thermohalinen Zirkulation, die unter anderem mit dem Golfstrom für ein relativ mildes Klima in Europa sorgt. Der Verlust zusammenhängender Eisflächen ist auch lokal von großer Bedeutung, da sich Menschen wie auch Tiere zum großen Teil über das Eis bewegen. Fehlt das Eis, so gibt es erhebliche Einschränkungen in Mobilität und Lebensräumen.

Eine ganze Reihe der untersuchten Elemente betreffen den Lebensraum Meer, von sich verändernden Nahrungsnetzen, über abnehmende Fischbestände bis hin zu Sauerstoffarmut durch verstärkten Eintrag von Nährstoffen im Küstenbereich. Auch die Landökosysteme verändern sich mit steigenden Temperaturen und dem Auftauen von Permafrostböden. So könnten Moore künftig weniger Kohlenstoff speichern, Steppen an Stelle von Tundra weniger Schutz gegen Bodenerosion bieten. Die Ausbreitung borealer Wälder in vormaligen Tundragebieten sowie ein Wechsel von Nadelwäldern zu Laubwäldern könnte Vor- und Nachteile mit sich bringen.

Dabei könne eine systemrelevante Veränderung wieder andere nach sich ziehen, sagt Johan Kuylenstiema, Leiter des Stockholmer Umweltinstituts (SEI), das simultane Überschreiten von Kipppunkten zu unerwarteten Effekten führen: "Wie systemrelevante Veränderungen miteinander interagieren ist kaum verstanden. Wenn sich multiple Veränderungen gegenseitig verstärken, können die Ergebnisse katastrophal sein. Die Vielfalt der Effekte, die wir beobachten können, bedeutet dass die Bewohner der Arktis und die Politik sich auf Überraschungen einstellen müssen. Wir erwarten auch, dass einige der Veränderungen das regionale wie auch das globale Klima destabilisieren werden, mit potenziell gravierenden Auswirkungen."

Wasser aus dem See Palcacocha kann Huaraz innerhalb von 15 Minuten erreichen. Bild: Nasa

Gletscherverlust in den Anden

Nicht nur das Eis an den Polkappen schmilzt rasant, auch das Eis der Gebirgsgletscher. In den Anden ist das mit zwei gravierenden Problemen verbunden: zunehmender Dürre und lokal der Gefahr überlaufender Gletscherseen. Vor letzterem fürchtet sich der peruanische Bauer und Bergführer Saúl Luciano Lliluya aus Huaraz in Peru. Die Stadt in den Anden liegt unterhalb des Gletschersees Palcacocha, der seit 2003 um das Vierfache gewachsen ist. Sollte ein größerer Teil des Gletschers abbrechen, würde das den See zum Überlaufen bringen und große Teile von Huaraz würden von einer Flutwelle getroffen, zehntausende Menschen sind gefährdet. Es sind dringende Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung von Nöten, für die aber kein Geld vorhanden ist.

Am letzten Donnerstag begann in Essen die Verhandlung der Zivilklage Luciano Lliluyas gegen den Energiekonzern RWE. Luciano Lliluya, der in diesem Verfahren von der Organisation Germanwatch.org unterstützt wird, will das deutsche Unternehmen anteilig für die von ihm verursachten Klimaschäden zur Verantwortung ziehen. Es soll sich mit 17.000 Euro an Schutzmaßnahmen für die Stadt Huaraz beteiligen, entsprechend seinem Anteil an den weltweiten Kohlendioxidemissionen von einem halben Prozent.

Die Zivilklage gegen RWE ist vor allem der Versuch, einen Präzedenzfall zu schaffen. Sollte es dem peruanischen Kleinbauern und Bergführer gelingen, den CO2-Emittenten finanziell zur Verantwortung zu ziehen, dann könnten andere Zivilkläger seinem Beispiel folgen und auch andere große Emittenten für konkrete Klimaschäden zur Verantwortung ziehen. Das Landgericht Essen, vor dem die Klage anhängig ist, will am 15. Dezember entscheiden, ob der Fall in die Beweisaufnahme geht.

RWE ist derweil dabei, den Braunkohletagebau Hambach im Rheinischen Revier auszuweiten. Am Montagmorgen begannen Rodungsarbeiten im verbleibenden Teil des Hambacher Forsts, der dem Tagebau weichen soll. Die Mitarbeiter von RWE werden dabei von einem Großaufgebot der Polizei geschützt.

Die andere Folge schwindender Gletscher in den Anden sind immer häufiger vorkommende Dürren. Boliviens Präsident Evo Morales hat am 21. November wegen der schlimmsten Dürre seit 25 Jahren den Notstand ausgerufen. In der Hauptstadt La Paz wird das Wasser rationiert, zudem drohen 135.000 Hektar bewirtschafteten Landes zu vertrocknen. Nicht nur die Ernten, auch Viehbestände sind gefährdet.

Gerade La Paz und das Hochland sind in ihrer Wasserversorgung von den Gletschern abhängig. Diese sind jedoch seit den 1970er Jahren um 30 bis 50 Prozent zurückgegangen. Der Gletscher Chacaltaya, auf dem sich einst das höchstgelegene Skigebiet der Welt oberhalb von La Paz befand, ist bereits ganz verschwunden. Allerdings kam dort nicht das Trinkwasser für die bolivianische Hauptstadt und ihre Nachbarstadt El Alto her. Auch die Gletscher im Nachbarland Peru haben seit den 1970ern über 20 Prozent ihrer Eismasse verloren.

Tote Korallen des Bourke Reef. Bild: Greg Torda, ARC Centre of Excellence for Coral Reef Studies

Bestandsaufnahme am Great Barrier Reef

Hohe Meerestemperaturen setzten in diesem Jahr dem Great Barrier Reef vor Australiens Ostküste zu, wo eine Korallenbleiche zu erheblichen Schäden führte. Wissenschaftler des ARC Centre of Excellence for Coral Reef Studies haben nach dem Ende der Bleiche eine Bestandsaufnahme der Schäden veröffentlicht.

Die gute Nachricht sei, dass sich die Korallen im mittleren und südlichen Teil zum großen Teil erholt und ihre Farbe zurückgewonnen hätten. In einem 700 Kilometer langen Abschnitt im nördlichen Teil sind jedoch 67 Prozent der Korallen abgestorben. Diese Region wird nach Schätzungen der Wissenschaftler 10 bis 15 Jahre brauchen, um sich wieder zu erholen. Sie befürchten allerdings, dass es schon vorher zu einer neuen Bleiche kommen könnte, die den Erholungsprozess unterbrechen würde.

Immer mehr Palmöl im Tank

Laut Klimaschutzplan der Bundesregierung sollen die Klimaziele im Verkehrssektor durch Einsatz von Biokraftstoffen und durch Elektrifizierung erreicht werden. Der Einsatz von Biokraftstoffen, insbesondere Biodiesel aus Palmöl, wird von Umweltverbänden immer wieder hinterfragt.

So stellt eine vom NABU in Auftrag gegebenen Studie fest, dass in Europa immer mehr Palmöl in den Tanks von Fahrzeugen landet. "Um die Klimaziele im Verkehrssektor zu erreichen, ist das der falsche Weg, denn Biodiesel verursacht dreimal mehr CO2-Emissionen als fossiler Diesel", so der NABU. Die zusätzlichen Emissionen errechnen sich beispielsweise aus der Vernichtung von Primärwäldern für Ölpalmenplantagen, auch wenn diese eigentlich durch die Verwendung zertifizierten Palmöls verhindert werden soll.

Doch die große Gesamtnachfrage, außer für Biokraftstoffe auch in der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie, führt dazu, dass sich die Anbaufläche ausweitet. 46 Prozent des in die EU importierten Palmöls würden als Biodiesel verwandt, das sind 3,35 Millionen Tonnen, für die eine Anbaufläche von rund einer Million Hektar gebraucht würde. Insgesamt ist der Palmölkonsum in der EU von 2014 zu 2015 um 1,6 Prozent gestiegen, der Einsatz beim Biodiesel um 2,6 Prozent.

Auslöser des steigenden Verbrauchs von Palmöl dürfte der im Vergleich zu anderen Pflanzenölen niedrige Preis sein. Die Beimischungsquote differenziert nicht nach einer Treibhausgasbilanz der einzelnen Biokraftstoffe. Und diese sei weitaus schlechter als die von fossilem Diesel - insbesondere bei Palmöl, aber auch bei Biokraftstoffen aus Soja, Raps und Sonnenblumen. Sinnvoll wäre es, diese Pflanzenöle bis 2025 aus dem Verkehrssektor zu verbannen.

Nach Angaben des NABU sieht ein geleakter Entwurf zur Novellierung der Richtlinie für Erneuerbare Energien der EU aber nur eine geringfügige Reduktion der Biokraftstoffe im Verkehrssektor von 4,9 Prozent auf 3,8 Prozent im Jahr 2030 vor.

Über weitere geleakte Pläne der EU zum Thema Energiepolitik berichtet die ARD. Demnach plane die EU-Kommission mit ihrem "Winterenergiepaket", den Einspeisevorrang für erneuerbare Energien schrittweise abzuschaffen und Entschädigungen für Stromerzeugungskapazitäten zu erlauben, die wohl in erster Linie an die Betreiber von Kohle- und Atomkraftwerken gingen. Das Winterenergiepaket wird voraussichtlich heute veröffentlicht.

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