Schmerzmittel ohne Suchtpotenzial

Spinnengift könnte eine Alternative zu hochwirksamen Opiaten werden

Schmerz gehört zu einem der größten Probleme in der Medizin. Für rund ein Fünftel der Menschheit ist chronischer Schmerz Alltag. Oft ist er sogar mittelbar tödlich, weil Menschen ihn nicht mehr aushalten und sich das Leben nehmen. Ärzte sind mit der Vergabe hochwirksamer Schmerzmittel heute trotzdem zögerlicher als früher, weil diese Suchtpotenzial haben. Forscher an der australischen Universität Queensland machen jetzt in einem Aufsatz für das British Journal of Pharmacology Hoffnung auf ein neues Schmerzmedikament, dass hochwirksam sein, aber trotzdem nicht abhängig machen könnte.

Die Substanz, die solche Hoffnungen macht, ist keine Zufallsentdeckung, sondern ein Peptid einer Vogelspinne aus Myanmar. Die Haplopelma doriae betäubt damit ihre Beute, um sie sie besser fressen zu können. Insgesamt untersuchte das Team um die Molekularbiologin Jennifer Smith die Gifte von 205 Spinnenarten. Aggressive Arten (wie beispielsweise die Sydney-Trichternetzspinne) sonderten ihr Sekret bereits dann ab, wenn man sie anstupste; bei anderen (wie beispielsweise bei der Südamerikanischen Vogelspinne) mussten die Forscher die Drüsen operativ stimulieren.

Etwa 40 Prozent der untersuchten Spinnen setzen Peptide ein, die nicht an den Opioidrezeptoren wirken und stattdessen die Schmerzsignalübermittlung auf einem anderen Wege blockieren. Dass die Forscher das Peptid der Haplopelma doriae als besonders geeignet ansehen, liegt unter anderem an der Stabilität des Moleküls.

Haplopelma-Spinne. Foto: Roland Pfaffeneder. Lizenz: Public Domain

Sollte aus dem Haplopelmagift tatsächlich ein neues Schmerzmittel entwickelt werden, würde das nicht nur ein Indiz dafür liefern, dass die Forschung nach neuen Medikamenten bei Universitäten besser aufgehoben ist als bei der Pharmaindustrie (die trotz umfassender Monopolrechte in den letzten Jahrzehnten enttäuschte), sondern auch einen Beweis dafür liefern, dass Artenschutz mehr als ein Luxus sein kann.

Auch andere giftige Tiere und Pflanzen könnten Wissenschaftlern die Inspiration zur Entwicklung neuer Medikamente liefern: Besonders viele davon gibt es in Australien. Auf dem abgeschiedenen Kontinent entwickelte sich ein evolutionäres Gift-Wettrüsten, das nicht nur Landtiere wie Spinnen, Schlangen, Insekten und Schnabeltiere erfasste, sondern auch Meerestiere wie Quallen, Schnecken und Fische.

Das Gift der Inlandtaipan-Schlange (Oxyuranus microlepidotus), die in den dünn besiedelten Gebieten Australiens lebt, ist beispielsweise 20 Mal tödlicher als das der Kobra. Mehr Menschen sterben jedoch am Biss der unscheinbaren Braunschlangen (Pseudonaja), die in weniger abgeschiedenen Gegenden lauern. Auch das Gift der Sidney-Trichternetzspinne (Atrax robustus), die in der australischen Metropolregion heimisch ist, kann einen Menschen innerhalb einer Viertelstunde töten, wenn sie ihren ganzen Giftvorrat einsetzt. Der Seewespe-Würfelqualle (Chironex fleckeri) gelingt das sogar in fünf bis zehn Minuten. (Peter Mühlbauer)