Schmiert die alte Tanke ab?

Die Moderne als Überlebenskunst

Als im Verlauf der Zwanziger Jahre die Tankstellen analog zum Autoverkehr expandierten, separierte sich der Kiosk von den Tankanlagen und wurde als Tankwarthäuschen - oder gar als Aufenthaltsraum für Kunden - in einen größeren Komplex integriert. Eine der ersten "Großtankstellen" Deutschlands wurde 1927 in Hamburg errichtet. Tankstellen dieser Art waren durch gesonderte Zu- und Abfahrten vom fließenden Verkehr abgerückt. Ein ausladendes Flachdach auf Stützen, an dem Reklame prangte, schützte die Tankinsel. Es kam vor, dass mehrere Benzinmarken an einer Tankstelle vertreten waren. Zu den Dienstleistungen gehörten Druckluft, Öl- und Reifenwechsel. Solche Rundum-Service-Stationen konnten erweitert werden um Anbauten zum Waschen und für Reparaturen. Die Vorläufer heutiger Tankstellen waren geboren.

Autobahntankanlage Bergstraße (1968). Bild: Bildarchiv Foto Marburg. Aufnahme 1969. Bild: Renate Gruber.

Aus dem Tankwart wurde ein Autowart. Er trug eine schicke Montur mit Schirmmütze. Die Mineralöl-Gesellschaft, in deren Namen er tätig war, legte Maß an ihn an. Seine Bewegungen wurden zwecks Rationalisierung genau vermessen. Der Taylorismus hielt in den Tankstellen Einzug und presste aus den Tankwarten die größte Arbeitsleistung heraus. In Michendorf wurde 1935 eine Tankwartschule eingerichtet.

Stets dienstbereit zu ihrem Wohl / ist immer der Minol-Pirol.

Die beliebte Werbefigur, Sinnbild des guten Tankwarts, führt bereits in die Nachkriegs-Geschichte. Minol war die Monopolmarke der DDR und wurde auch an der Tank- und Rastanlage Michendorf verkauft. Es war für West-Berliner die erste stark frequentierte Station an der Transit-Autobahn. Die Tankwarte dort dirigierten streng die Reihenfolge. Die Zapfpistole hielten sie wie eine Kalaschnikow vor sich. Wehe, jemand tanzte aus der Reihe. Warum auch? Die DDR kassierte Devisen, und die Westler zahlten für den Liter weit weniger als zu Hause. Eine Win-win-Situation.

Michendorf ist im Nazi-konformen Heimatschutzstil errichtet worden, dem Blendwerk einer ländlichen oder klassizistischen nationalen Tradition speziell zur Verschönerung der Autobahn-Landschaft. Das Paradox ist, dass vor der Inthronisation dieses Stils sich eine ganz andere Tankstellenbauweise entwickelt hatte, die gleichsam subversiv weiterbestand, als der Heimatschutz-Ukas der Nazis kam. Diese Tankstellen, die eine eigenwillige Ausdifferenzierung der Moderne darstellten, waren ab 1936 an den Reichsautobahnen entstanden. In Fortsetzung des Paradoxes waren unter den Baumeistern klangvolle Namen, die bei den Nazis eine hohe Reputation genossen wie Friedrich Tamms und Werner March. Auch Paul Bonatz mischte mit, der den Stuttgarter Hauptbahnhof entworfen hatte.

Die neuen Tankstellen übertrafen die Großtankstellen der ersten Generation. Die Grundrisse der Anlage waren der Lage an Autobahnauffahrten angepasst, zum Beispiel V-förmig. Ein großzügig verglaster Pavillon hatte nun Aufenthaltsqualität für die Reisenden. Klinker und schmale Fensterbänder sind nur einige der Merkmale, die in mehreren Typ-Varianten vorlagen. Hervorstechend ist das weit ausladende, filigrane Flachdach, das "fast fliegend" erscheint, sofern zweiflügelig. Es ist bei den markantesten Ausprägungen gerundet und wird von schlanken Säulen getragen. Beim "Typ Hannover" sind Dach und Kassenhäuschen trapezförmig. Fürstenwalde, noch als Baudenkmal erhalten, verfügt über eine Pilzdeckenkonstruktion. 1937 kam das Verdikt der Nazis: Flachdächer sind undeutsch, sind palästinensisch-jüdisch, sind amerikanisch

Der Heimatstil verlangte Satteldächer, gerne abgewalmt, eine werkgerechte Durchbildung und einwandfreie Einfügung in die Umgebung sowie regionaltypische Baustoffe. Kurz, eine "anständige Baugesinnung". Aber unterhalb des Radars wirkte die Moderne weiter. Noch 1942 wurden drei Tankstellen in dieser Ausrichtung gebaut.

Ob die eleganten Schwünge der prototypischen Exemplare unter "Art déco" firmieren können, sei dahingestellt. Sie sind andererseits nur bedingt unter das "Neue Bauen" mit seinen aus geraden Linien gebildeten Kuben zu subsumieren. Die Kant-Garagen in Berlin (1929/20) stehen für solchen glasklaren Reduktionismus Aber gerade mit ihrer lichtdurchfluteten Leichtigkeit aus Rundungen, schwebenden Dächern und Glas schlagen diese Autobahntankstellen der 30er Jahre die Brücke zum Tankstellenbau der Nachkriegsmoderne. Die klassische Moderne konnte im Industrie- und Infrastrukturbau der Nazi-Zeit überleben.

Die Moderne nahm aber auch einen Umweg, um die nationalsozialistische Diktatur zu unterlaufen. Vertreten durch Institutionen wie das Bauhaus, emigrierte die Moderne Europas in die Neue Welt und kam nach dem Krieg als Re-Import, aber mutiert zurück. Den Boden hatten die amerikanischen Architekturspezialisten Philip Johnson und Henry-Russel Hitchcock bereitet, die 1932 über 80 europäische Architekturbeispiele zusammenstellten, in die sie den von ihnen proklamierten International Style hineinlasen. Darunter befand sich eine reizvolle Kasseler Tankstelle mit einem gläsernen Wärterhaus aus dünnsten Stahlprofilen.

Die Emigration über den Großen Teich veränderte jedoch die europäischen Vorbilder durch Abstraktion von regionalen Bezügen und die Aufstellung formaler und ästhetischer Prinzipien. Der International Style war wie ein Destillat der Moderne. So wurde der spezifische europäische Funktionalismus umgedeutet für internationalen Gebrauch. Das begünstigte auch den Hochhausbau mit "Curtain Walls", den bereits Mies van der Rohe in Entwürfen für Berlin (1921) vorweggenommen hatte. Amerikanische Tankstellenbauer nutzten die Vorlagen und Quintessenzen von Hitchcock und Johnson eher für einen mitunter gewagten "Freistil", und diese Freiheit färbte auf deutsche Tankstellenbauten der 50er Jahre ab. Der International Style war ein transatlantischer.

Das Design amerikanischer Tankstellen der 30er und 40er Jahre könnte zur Pointe zugespitzt werden: Bauhaus goes Las Vegas. So weit gingen die deutschen Tankstellen der Nachkriegszeit nicht. Aber über die Wiederbelebung der Neuen Sachlichkeit hinaus wurden Leichtigkeit und Transparenz erzielt durch filigrane Bauteile und die Emanzipation von Symmetrien. Aus Ecken wurden Kurven, und die großzügige Verglasung führte einen Grundsatz der frühen Moderne fort: die Trennung von Stütze und Wand. Der gestalterische Spiel-Raum wurde größer.

Joachim Kleinmanns3 beschreibt ein kühnes Exemplar: "Die fast völlig aus Glas bestehenden Wände über elliptischem Grundriss divergieren nach oben hin zum weit ausladenden Schutzdach." Die Spannbetondächer geizten nicht mit Biegungen und Schwüngen, Flugdächer lösten sich komplett vom Korpus. Die Stützen waren schlank und minimiert. In Köln-Deutz erhob sich 1959 eine riesige parabolische Schale von rautenförmigem Grundriss über sechseckigem Häuschen in die Lüfte, die Assoziation eines Zeltdaches erweckend. "Fliegender Teppich" hieß es bei einem anderen Dach.