Schnell und oberflächlich

Zur Qualität des Online-Angebots klassischer Medien

In den Medienblogs herrscht seit Jahren eine lebhafte Debatte über die Qualitätseinbußen, die mit dem Internet als Distributionsweg von Nachrichten verbunden sind. Selbstverpflichtungen wie das Internet-Manifest Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen oder das Slow Media Manifest betonen dabei zumeist Qualitätskriterien "wie Quellenkritik, die Einordnung und Gewichtung von Informationsquellen". Mängel, die den Charakter von Flüchtigkeitsfehlern haben, geraten nur selten in den Blick.

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Der Medienjournalist Stefan Niggemeier nahm sich dieses Problems an, als die Nachrichtenagentur dpa einen Text über den Erfolg eines Kinofilms der Schauspielerin und Sängerin Beyoncé Knowles mit der Headline "Frank Schirrmacher erhält Ludwig-Börne-Preis" versah, woraufhin von donaukurier.de bis zu zeit.de und sueddeutsche.de eine große Palette von Webportalen Text und unpassende Überschrift unkorrigiert auf ihre Webseiten übernahm.

Niggemeier war von dieser qualitativen Fehlleistung beeindruckt:

Ist es nicht beeindruckend, in welchem Maße vermeintliche Qualitätsmedien bereit sind, ihre ebenso vermeintlich guten Namen über Inhalte zu setzen, über die vor der Veröffentlichung kein Mitarbeiter von ihnen auch nur eine Zehntelsekunde drübergeschaut hat? Und ist es nicht beeindruckend, in welchem Maße vermeintliche Qualitätsmedien glauben, es sei eine gute Idee, ihre Online-Angebote automatisch generiert mit exakt den Inhalten zu füllen, die wortgleich, fehlergleich überall, überall, überall sonst stehen?

Stefan Niggemeier

Was die Agenturen liefern, "wird vor allem im Online-Bereich auf schnellstem Weg durchgereicht. Fehler inklusive", benannte Medienblogger Bastian Berkner das Problem. "Spiegelfechter" Jens Berger fasste dieses Phänomen zwar weiter, wenn er schrieb, "gerade Journalisten im Bereich 'Nachrichten' verlassen sich heutzutage leider all zu oft blind auf Agenturmeldungen", traf damit jedoch neben traditionellen Medien auch den Online-Journalismus.

Gut ein Jahr nach Niggemeier soll hier untersucht werden, in welchem Ausmaß bzw. wie Online-Medien auf Fehler in der Agenturberichterstattung reagieren. Bei der untersuchten fehlerhaften Agenturberichterstattung ging es um folgenden Sachverhalt:

Am 1. Juni 2010 explodierte in Göttingen gegen 21 Uhr 30 eine alte Fliegerbombe. Um 22 Uhr 45 verbreitete dpa unter der Headline "Drei Tote bei Bombenentschärfung in Göttingen" eine zusammenfassende 940-Zeichen-Meldung über die verunglückte Kampfmittelbeseitigung. Teil der Meldung war auch die Wiedergabe einer irrtümlich über Twitter verbreiteten Information, wonach die Detonation nicht auf eine Bombe, sondern auf eine explodierte Gasleitung zurückzuführen gewesen sei. Zwar hatte Twitter schneller informiert als jedes andere Nachrichtenmedium, "aber auch Falschmeldungen verbreiteten sich rasend schnell und wurden sofort ungeprüft von Mainstream-Medien übernommen", analysierte der Branchendienst Meedia.de.

Die schließlich von dpa verbreitete Textpassage lautete:

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In Göttingen kursierende Gerüchte, eine Gasleitung sei explodiert konnte der Sprecher nicht bestätigen. Nach Angaben der Stadtwerke hat es keinen Duckabfall in den Gasleitungen in dem Stadtteil gegeben.

dpa

Die Frage ist, inwieweit sich die in dieser Passage enthaltenen Fehler bei Webangeboten von Tageszeitungen, TV-Sendern und zentralen Wochenblättern fortsetzten. Führte die Produktionsgeschwindigkeit zu Flüchtigkeit und dies zu Flüchtigkeitsfehlern? Geschaut wurde nach Seiten, deren "Bomben"-Berichterstattung nach einer Woche noch online war.

Die Ergebnisse sind wenig erfreulich: Insgesamt 37 klassische Medien haben sich in der Nacht vom ersten auf den zweiten Juni mit der dpa-Meldung befasst und diese in ihr Online-Angebot integriert. Soweit eine Uhrzeit vermerkt war, erfolgte die Veröffentlichung der Meldung zwischen 15 Minuten vor der Versendung der dpa-Meldung bei der Schwäbischen Zeitung, fünf Minuten nach Verbreitung bei der Frankfurter Neuen Presse und mehr als neun Stunden später bei der Financial Times Deutschland.

Rund 92 Prozent der untersuchten Medien übernahmen die Fehler, unabhängig davon, ob es sich um Qualitätsmedien wie die Zeit und die Süddeutsche Zeitung oder Regionalblätter wie die Nordsee-Zeitung oder die Rhein-Zeitung handelte.

Auch wenn viele Redaktionen mit dem Thema bereits rund eine Stunde nach der dpa-Meldung online waren und die Veröffentlichung automatisiert erfolgte, verhinderte auch eine langsamere Reaktion nicht, dass die Fehler übersehen wurden. Denn zu den Medien, die die Fehler übernahmen, gehörte sowohl die FTD, die mehrere Stunden zur Korrektur gehabt hätte und offenbar den Text nicht automatisiert online stellte, wie auch die Frankfurter Neue Presse, die für den nächsten Morgen um 7 Uhr noch einmal eine Überarbeitung vorgenommen haben will. Auch das Hamburger Abendblatt, das den dpa-Text bearbeitet hatte und mit einer anderen Meldung verband, übersah die Mängel. Anders als von Niggemeier beschrieben, werden Fehler offenbar auch dann übernommen, wenn die Texte nicht automatisch übernommen, sondern bearbeitet werden.

Fehlerkonstanz von Online-Angeboten

Zu Fehlerkorrekturen kam es lediglich in den Online-Redaktionen von Focus und n-tv. n-tv korrigierte den Druckfehler, setzte jedoch nicht das fehlende Komma. Focus hatte zunächst die fehlerhafte Fassung online, verbesserte den Text immerhin jedoch bei einer Generalrevision. Die österreichische Nachrichtenagentur APA übernahm die Fehler ebenfalls nicht.

Die Untersuchung bestätigt grundsätzlich die Aussage des Medienforums NRW, wonach es "vielen Online-Redaktionen mehr auf die Geschwindigkeit als auf die Richtigkeit an[kommt]. Oft bleibt nicht mal Zeit zum Redigieren. Der Leser wird zum Tester von Text-Betaversionen, in denen Rechtschreibung, Grammatik oder Interpunktion vernachlässigt wurden." (Stefan Matysiak)

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