Schon längst leben wir in einer multikulturellen Gesellschaft

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Das zeigen auch Daten aus den USA, nur auf dem Land - oder hierzulande in Ostdeutschland - scheint es noch anders zu sein

Die Wirklichkeit ist, dass wir längst in multikulturellen oder bunten Gesellschaften leben, vor allem in den großen Städten, die die wirtschaftlichen und kulturellen Motoren sind. Die großen Städte sind weltweit vernetzt, bilden einen globalen Archipel und tauschen neben Waren, Daten, Wissen und Finanzen auch Menschen aus, die in Form von Touristen, flexiblen Experten, Studenten und Glückssuchern zwischen den Städten, Ländern und Kontinenten wandern. Die derzeit grassierenden rechtsnationalen Bewegungen, die auf Identität und Abschottung setzen, sind Zuspätgekommene, die etwas retten wollen, was es in großen und vor allem wichtigen Bereichen im Grunde seit Jahrzehnten nicht mehr gibt.

In den boomenden Großstädten mit Universitäten, Start-ups, Unternehmen und vielen Möglichkeiten der kulturellen und Freizeitaktivitäten ist auch der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund hoch. Die multikulturellen Global Cities sind allerdings auch Orte mit großen sozialen Unterschieden. Die Mitglieder der "kreativen Klasse" outsourcen große Teile der Alltagsaktivitäten, nachdem die geschlechtliche Arbeitsteilung nicht mehr greift, die digitalen Medien ein neue Organisation erlaubt und die Arbeitsstrukturen immer weniger echte Freizeit lassen, schließlich muss man auch noch für die eigene Gesundheit arbeiten. Daher sind schlecht bezahlte Zuwanderer mit den Dienstleistungen benötigt und beschäftigt. Wer in den Innenstädten von München, Berlin oder Hamburg lebt, wird in den Restaurants, Kneipen und auf den Straßen viele Sprachen hören.

Allerdings scheint in den Gebieten, in denen sich wie in Ostdeutschland die multikulturelle Gesellschaft noch nicht etabliert hat und mit 6,4 Prozent deutlich weniger Menschen mit Migrationshintergrund leben als in Wetdeutschland (25,5%), desto stärker die Angst zu lodern, das Gewohnte und Heimelige zu verlieren. Dabei sind gerade die ostdeutschen Länder, wo Rechtsnationale, Nazis und AfD-Anhänger besonders stark sind, auch Migrationsgebiete, wenn auch solche, aus denen die Menschen abwandern, um woanders besser zu leben.

Zurückbleiben vermutlich viele, die nicht neugierig, kompetent und flexibel genug sind, um mithalten zu können, aber auch nicht fähig sind, die strukturellen Hintergründe der wirtschaftlichen und kulturellen Dynamik zu verstehen. Daraus entsteht dann die Ideologie, dass die Schwachen im Verein mit den mächtigen Kräften an einem Bevölkerungsaustausch arbeiten würden, der die normale Bevölkerung an den Rand drängt und deren Kultur zum Untergang verdammt.

Das ist beileibe keine deutsche Diskussion, vor allem seit Trump ist die Angst vor Überfremdung zu einem wichtigen politischen Thema geworden, inklusive Beendigung der Einwanderung und Bau von Grenzmauern. Faschisten und Rassisten gab es schon immer in den USA, aber sie haben zugelegt, nachdem schon seit längerer Zeit die Angst umgeht, dass mit der Einwanderung von Latinos die Vorherrschaft der Weißen und der englischen Sprache zu Ende geht.

Jetzt wird wieder Aufregung inszeniert, weil nach Daten des Census Bureau, die vom einwanderungskritischen Center for Immigration Studies ausgewertet wurden, in den 5 größten US-Städten - vor allem in Los Angeles, New York und Houston - fast die Hälfte der Einwohner zuhause nicht mehr Englisch sprechen würden. In den USA würden 67 Millionen Menschen, die älter als 5 Jahre sind, zuhause nicht Englisch, sondern eine andere Sprache sprechen. Das sind fast 22 Prozent der US-Bevölkerung, fast doppelt so viel wie 1980. Man hätte auch sagen, dass die Zwei- oder Mehrsprachigkeit zugenommen hat. Dazu fehlen freilich die Daten, weswegen eine Untergangsstimmung befördert wird.

Spanisch sprechen mit 41 Millionen Menschen die meisten; Chinesisch 3,5 Millionen, Tagalog (eine philippinische Sprache) 1,7 Millionen; Vietnamesisch 1,5 Millionen und Arabisch und Französisch jeweils 1,2 Millionen.

Durchschnittlich spricht bereits ein Viertel der Kinder in den öffentlichen Schulen zuhause nicht mehr Englisch, in Kalifornien sind es schon 40 Prozent, in New York, Florida oder Texas ein Drittel. Fast 26 Millionen oder 39 Prozent der vom Statistikamt Befragten, die angaben, zuhause nicht Englisch zu sprechen, sagen auch, dass sie Englisch nicht sehr gut können.

Klar ist, dass dies auf dem Land anders ist. Dort ist man noch mehr unter sich, nur 8 Prozent sollen in den ländlichen Gebieten der USA zuhause nicht Englisch sprechen, wobei in den USA dazukommt, dass die "Identität" der Bevölkerung durch eine Einwanderung zustande kam, die tatsächlich dem Bild entspricht, das Rechtsnationale heute von den Flüchtlingen aus Bürgerkriegsgebieten zeichnen, indem sie diese als Invasoren bezeichnen. Die Amerikaner wissen, dass die Einwanderung die autochthone Bevölkerung fast auslöschte. Das aber ist als Bild nicht übertragbar, denn die neuen Migranten haben keine Macht und sind konfrontiert mit einer dominanten Kultur.

Insgesamt sollen nach dem Heimatschutzministerium in den USA 44,5 Millionen legale und illegale Einwanderer leben (Stand Juli 2017). Das ist, trotz Trumps Anti-Migrationspolitik, eine Zunahme um 800.000 seit 2016 und gegenüber 2010 um 4,6 Millionen und gegenüber 2000 um 13,4 Millionen.

13,7 Prozent der Bevölkerung sind eingewandert bzw. nicht in den USA geboren. Und da 17 Millionen Kinder in den USA 2017 geboren wurden, bei denen ein Elternteil aus dem Ausland stammt, wird die Rechnung aufgemacht, dass 61 Millionen Migranten und deren Kinder in den USA leben, was den Ausländeranteil dann auf 20 Prozent anhebt. 2017 erhielten 700.000 Ausländer die US-Staatsbürgerschaft, 6,5 Prozent weniger als 2016.

In Deutschland haben 22,5 Prozent der Gesamtbevölkerung einen Migrationshintergrund (10,9% Ausländer, 11,7% Deutsche). In Westdeutschland sind es 25,5 Prozent, on Ostdeutschland nur 6,4 Prozent. 60 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund lebten 2016 in Städten, nur 12,8 Prozent in ländlichen Regionen. 40 Prozent der Bevölkerung in München sind Menschen mit Migrationshintergrund. (Florian Rötzer)

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