Schon wieder Alarm

Werden die Ohren junger Menschen mit deutschnationalen Parolen zugedrönt?

Glaubt man einem Artikel, der am Donnerstag online und Tags drauf in der SZ im Print zu lesen war, dann hiphopt und rapt sich gegenwärtig eine "Neue Rechte Deutsche Welle" ins Bewusstsein unserer Jugend. Als Die rassistischen Vier outet und brandmarkt Alex Rühle die Hiphopper Fler, Bushido, Sido und Eko Fresh, die allesamt aus Berliner Problemvierteln stammen und ihre "virtuelle" Heimat beim dort ansässigen "Aggro"-Label haben.

Nun ist das, was die Viererbande da in die Mikrophone brüllt, wirklich nicht unbedingt das, was man als sittsamer und aufgeklärter Mitteleuropäer seinen Kindern zum Hören, Nachsingen oder Imitieren wünscht. Vor allem dann, wenn man andere Ansprüche an Musik, Kunst und Leben hat und nicht im Ghetto, in Plattenbauten oder anderen Abbruchvierteln, sondern in der Vorstadt oder im Jugendstilaltbau aufgewachsen ist. Und, zugegeben, was beispielsweise Fler oder Bushido ihrem Publikum mitzuteilen haben, ist zumeist wirklich nur Bullshit und kaum wert, rezipiert oder irgendwie ernst genommen zu werden.

Dass sich nun auch Battle- oder Proll-Rapper, wie der Edeljournalismus diese Art von Rap mit Verweis und Anlehnung ans "Unterschichtenfernsehen" lieber nennt, zwecks Aufmerksamkeitsgewinn (was hiermit gelungen ist) mit stramm deutschnationalen Texten, Bildern, Insignien und Symbolen umgeben oder spielen, ist alles andere als neu. Die Berliner Punkrockband "Mia" hat das im letzten Jahr auch schon mal ausprobiert und ist mit derlei Deutschtümelei und Nationalismus prompt auf die Nase gefallen. Seitdem sind sie nur noch Zaungast jenes Erfolgs, den die "Heldenmafia" mit all ihren Klonen mittlerweile eingeheimst und den Plattenfirmen auf dem deutschen Popmarkt beschert hat.

Hochziehen muss man das Thema, wie das die SZ gerade gemacht hat, deswegen aber nicht. Zum einen, weil ständiger Alarm sich abnutzt und das Gegenteil dessen bewirkt, was man erzeugen wollte, also Desinteresse und Indifferenz; zum anderen, weil derartig lautes Trommeln überzogen ist und der Sache insgesamt viel zu viel Beachtung oder Bedeutung schenkt. Man denke nur an all die Landser-Punkbands, die Naziparolen mit harten Riffs und Beats versehen, aber in all den Jahren trotz alarmistischer Parolen aufgeregter Politmagazine und -Zeitschriften und trotz all der versteckten Reklame auf den Schulhöfen und im Internet, über ein Nischendasein nicht hinausgekommen sind.

Ob sich das beim Großstadt-Hiphop, der vorwiegend von elf- bis sechzehnjährigen Migrantenkindern, minderbegabten Restschülern und anderen Randgruppenjugendlichen in den Schulpausen, auf dem Schulweg oder auf den Spielplätzen in ihrem MP3-Playern ständig goutiert wird, recht viel anders verhält, wage ich zu bezweifeln. Und ob die harten, direkten Texte tatsächlich die soziale Realität ungefiltert und authentisch im Plattenbau-Ghetto widerspiegeln auch. Im Prinzip üben diese Rapper-Hohlköpfe mit ihren zottigen und selten dämlichen Sprüchen, die nur ihren eigenen Frust und ihre eigene Unfähigkeit in die Welt hinausschreien, um sich und die Taschen von Produzenten und Labeleignern mit Geld voll zu stopfen, nicht mehr Einfluss auf die Jugendlichen (insbesondere Jungen) aus wie all die tätowierten Stripper, Mundgepiercten und anderen absonderlichen Figuren und Gestalten, die sich nachmittags in eine der unzähligen Prolltalks und allabendlich bei Big Brother ein Stelldichein geben.

Beunruhigend und für die Gesellschaft hochriskant wird es jedoch, wenn Prolo-TV, Ego-Shooter und Fäkalsprachen zum alleinigen Lebensinhalt und Konsum von jungen Menschen werden, die ihr Zuhause oder ihr allernächstes Umfeld tagtäglich nur noch in sozialer und emotionaler Verwahrlosung erleben. Und weil das für eine wachsende Anzahl von Jugendlichen gilt, sie nur noch Müll und Alkoholismus, Zerfall und kaputte Beziehungen um sich herum erleben, muss man sich, und da hat Alex Rühle vermutlich wirklich Recht, ernsthaft Sorgen über die Zukunft dieser Gesellschaft machen, einer liberalen Gesellschaft, die zu Interventionen und Verboten kaum noch fähig ist, weil ihre Beobachter in den Medien sofort und überall Zensur und Angriff auf die Meinungsfreiheit wittern. Mit dieser Haltung, die an Selbstentmachtung grenzt, schaufelt sie sich aber ihr eigenes Grab. (Rudolf Maresch)

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