Schon wieder eine Revolution verschlafen?

Kein Problem: Fragen Sie Rupert Murdoch

Man habe eine Revolution verschlafen, so wandte sich der Medienmogul an die Elite der amerikanischen Zeitungsredakteure. Kaum ein Tag vergehe, ohne dass nicht irgendwo ein Nachruf auf die "newspapers" zu lesen sei. In einem Buch werde sogar das genaue Todesdatum verkündet: April 2040.

Der Medienmogul heißt Rupert Murdoch.Weltweit gibt er 175 Zeitungen heraus, in den Vereinigten Staaten zwar nur eine, die New York Post, welche dem Medienarsenal der Neokonservativen zugerechnet wird; aber Murdoch ist zudem Chef eines recht berüchtigten Medienimperiums, der News Corporation, zu welcher u. a. auch Fox News gehört. Auch deshalb wohl wurde seine Rede über neue Trends und Zukunftsaussichten der Branche beim Konvent der American Society of Newspaper Editors und in der Blogosphäre mit einiger Aufmerksamkeit aufgenommen wurde.

Für immer weniger junge Amerikaner zwischen 18 und 34 ist die Zeitung die primäre Nachrichtenquelle, stellt eine Untersuchung des Carnegie-Instituts fest, auf die er beständig zurückgreift.

Die Babyboomer lasen um ein Drittel weniger Zeitung als ihre Eltern und die Generation Xler lesen um ein Drittel weniger Zeitungen als die Boomers

.

Lokal-TV wird von den Jungen in Amerika als primäre Informationsquelle genannt, aber die meist zitierte tägliche Newsquelle ist das Internet: Tendenz steigend. Man müsse sich entsprechend auf die Erwartungen und Haltungen der jungen Generation neu einstellen, falls die Zeitungen überleben wollen, so die Folgerung von Murdoch. Das Durchschnittsalter der regelmäßigen Zeitungsleser sei in den Staaten bei 53 Jahren. Irgendwann sei diese Leserschaft weg. Weswegen man sich auf die jungen Leser zubewegen müsse.

Während viel vom Niedergang der Zeitungen (in Deutschland verzeichneten sie in den letzten fünf Jahren einen Umsatzverlust von 30%) die Rede ist, sind Rezepte für eine bessere Zukunft eher rar, der Australier bot den amerikanischen Zeitungsleuten eine Art Königsweg an. Und der führt übers Internet:

Heute ist die Zeitung nur ein Papier. Morgen kann sie ein Ort sein, zu dem man hinwill.

Zwar würden Untersuchungen feststellen, dass die Jüngeren weniger Zeitung läsen, aber nicht, dass sie weniger als ihre Eltern an Nachrichten interessiert seien, der Zugriff auf die Nachrichtenseiten großer Web-Portale wie yahoo.com zeige das Gegenteil. Die Folgerung, welche Zeitungsmacher daraus ziehen müssten, sei, dass sie ihre Webpräsenz ausbauen, sie stark machen, damit sie zur "Homepage" für Leser werde. Es ginge darum, ein "Loyality-Programm" in Gang zu setzen, Leserbindung via "Community-Bildung".

Vorrausetzung dafür sei natürlich die täglich mehrmalige Aktualisierung der Nachrichten, aber vor allem auch deren Zuschnitt auf die Leser, auf die News-Consumer, die nicht mehr von oben herab belehrt werden wollen, sondern sich die Nachrichten aussuchen und einen entsprechenden Service verlangen: Die jüngeren Leser würden nicht mehr bloß wissen wollen, wie sich die Ereignisse im Mittleren Osten auf die Präsidentschaftswahl auswirken, sie würden viel mehr wissen wollen, welche Auswirkung das auf ihr eigenes Leben habe: "Was bedeutet das an der Tankstelle?" oder "Werde ich jetzt in den Irak geschickt?"

Künftig solle der Tag statt mit Kaffee und Tageszeitung mit Kaffee und dem Besuch der Homepage der Zeitung begonnen werden, "a place for news and conversation". Die Stärke der Zeitungen liege vor allem im Lokalen, die Stärke des Internet sei nicht nur die Schnelligkeit, sondern insbesondere die Möglichkeit zur Debatte und Kommentierung der Nachrichten, weshalb sich die Zeitungen auf das Experiment mit Blogs einlassen sollten.

Dass Murdoch Blogs als wichtige Ergänzung zum normalen Nachrichtengeschäft besonders erwähnt, freut zum Beispiel den amerikanischen Blog-Dad J. Jarvis, einen Liberalen mit viel Sympathie für die Konservativen. Jarvis propagiert seit langem und täglich die Blogs als Medienrevolution schlechthin, weil sie aus dem Internet eine große Weltredaktion der Citizen Media machen könnten (vgl. Die fünfte Gewalt). Deren Stärke soll Transparenz sein und ein geschärfter kritischer Blick auf Nachrichten. In seiner Rede spricht Murdoch viel von Transparenz und davon, was die künftigen Nachrichtenkonsumenten kritisch auswählen. In der Praxis jedoch fährt man bei Fox einen völlig anderen Kurs (vgl. Simpsons parodieren Demokraten-Bashing, Outfoxed). Und auch vom kritischen Potential der Blogosphäre hält der radikale Meinungs(gleich)macher in der Realität gewiss nicht viel. Es scheint aber der Zug der Blogger jetzt doch so wichtig geworden zu sein, dass er es für schlauer hält, aufzuspringen - zumindest rhetorisch oder auch im Sinne einer PR, welche die Blogs einspannen und verzwecken will. (Thomas Pany)

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