Schon wieder eine neue "Wunderwaffe"

Angeblich will das Pentagon eine neue Mikrowellenwaffe, die Elektronik lahmlegen, aber Menschen nicht schaden soll, im Irak-Krieg einsetzen

Nach dem Time Magazine hat das Pentagon eine neue "Wunderwaffe" - natürlich bislang ultrageheim - bis zur Testphase entwickelt, die möglicherweise bereits im Irak-Krieg eingesetzt werden könnten, um elektronische Systeme auszuschalten. Besonders attraktiv soll der Mikrowellenblitz sein, der etwa von Flugzeugen oder Lenkwaffen wie Tomahawk-Raketen abgefeuert werden kann, weil er angeblich nur die Elektronik lahm legt, aber Menschen nicht schädigt.

Der Mikrowellenkanone basiert auf derselben Technologie wie die Mikrowellenöfen im Haushalt. Die haben eine Leistungskraft von normalerweise bis zu 1.500 Watt. Die HPM-Waffe (High-Power Microwaves), die im Air Force Research Laboratory an der Kirtland Air Force Base, New Mexico, entwickelt wird, soll jedoch Millionen oder gar Milliarden von Watt in einem blitzartigen Strahl erzeugen können. Die elektromagnetischen Strahlen zerstören alle elektronischen Geräte und können über Ventilationsschächte, Rohre oder Antennen angeblich auch in tief unter der Erde liegende Bunker eindringen. Das könnte deswegen interessant sein, weil dadurch zwar die Elektronik der dort gelagerten Waffensysteme, beispielsweise Raketen mit chemischen oder biologischen Sprengköpfen, zerstört werden kann, aber die gefährlichen Wirkstoffe nicht freigesetzt werden.

Nach Time wollen die Militärs nähere Einzelheiten der Waffe geheim halten, aber vielleicht gingen sie doch davon aus, dass es auch nicht schaden würde, ein paar Informationen an die Öffentlichkeit entlassen, um für ein bisschen Werbung zu sorgen. "Wunderwaffen" machen sich immer gut, zumal wenn zur Zerstörung der gegnerischen Elektronik nicht gleich Atombomben gezündet werden müssen. Auf der Website des Luftwaffenstützpunktes kann man jedenfalls lesen: "Ein kurzer Beschuss mit hoher Mikrowellenenergie kann für Elektronik tödlich sein, während es keinen Einfluss auf die Menschen hat, die die Geräte bedienen. Der niedrige Kollateralschadenaspekt der Technologie macht die Hochleistungs-Mikrowellenwaffen für viele Einsätze geeignet, bei denen es wichtig ist, zivile Opfer zu vermeiden."

Kurzschluss im Umkreis von 300 Metern

Die von den HPM-Waffen oder "e-bombs" ausgehenden Blitze mit zwei Milliarden Watt und mehr, sollen von Kondensatoren ausgehen, die an der Spitze von Lenkwaffen angebracht sind und alle elektrischen Schaltkreise in einem Umkreis von über 300 Metern um den Blitz durch Kurzschluss zerstören - falls diese nicht dagegen geschützt sind. Natürlich werden am Luftwaffenlabor auch Vorkehrungen zum Schutz der eigenen Elektronik vor ähnlichen Waffen entwickelt, schließlich sind Computer und Elektronik für Kriegseinsätze unverzichtbar geworden.

Im ersten Golfkrieg wurden zu Beginn irakische Elektrizitätswerke mit Tomahawk-Raketen beschossen, die Graphit-Fäden enthielten, woraufhin 85 Prozent des Landes keine Stromversorgung mehr hatte. Im Kosovokrieg hatte das US-Militär sogenannte Graphitbomben (BLU-114/B) eingesetzt, die eine ähnliche Wirkung haben. Diese "soft bombs" explodieren kurz über dem Ziel und setzen unzählige Graphitfäden frei. Graphit ist elektrisch leitend, weswegen damit Kurzschlüsse erzeugt werden können. Während des Kosovo-Krieges hatte man Elektrizitätswerke in Serbien mit Graphitbomben beschossen, wodurch es zu Stromausfällen in großen Bereichen kam. Gegenüber herkömmlichen Explosivwaffen haben auch die primitiven Graphitbomben den Vorteil, dass sie wenig Schaden verursachen.

Ob allerdings die "e-bombs" so ungefährlich für Menschen sind, wie dies die Luftwaffe gerne hätte, darf bezweifelt werden, auch wenn die Time berichtet, dass die Wissenschaftler versuchen, die Stärke des Strahls nach Belieben variieren zu können, um unnötige Schäden zu vermeiden. Zumindest können die Mikrowellen auch Herzschrittmacher und alle anderen elektrischen Geräte in der Umgebung außer Kraft setzen. Offenbar ist das Problem auch noch nicht wirklich gelöst, weswegen "e-bombs" zunächst nur auf Cruise Missiles, vielleicht auch auf Drohnen, aber nicht auf bemannten Flugzeugen angebracht werden.

Bei den Menschen, die sich in der Umgebung des einschlagenden Mikrowellen-Blitzes befinden, dürfte zumindest die Zellflüssigkeit sich vorübergehend erwärmen, was unangenehm sein kann. Was sonst noch geschehen kann, wird man bei den ersten Tests im wirklichen Kriegseinsatz - vielleicht - erfahren. Übrigens ist man bei der Air Force auch an sogenannter "Active Denial Technology" interessiert, bei der in einem konzentrierten Energiestrahl elektromagnetischer Wellen über größere Entfernungen auf Menschen als nichttödliche Distanzwaffe gefeuert werden kann (The Pentagons's People Zapper). Der Strahl soll nur 1,5 Millimeter tief in die Haut eindringen und Schmerzen hervorrufen, wie man sie beim Anfassen einer heißen Glühbirne entwickelt, ohne körperliche Schäden zu bewirken. Dadurch sollen Menschen am Weitergehen gehindert werden, weil sie dem Schmerz ausweichen wollen. Möglicherweise aber könnte eine etwas längere Aussetzung Verbrennungen bewirken, für die Augen wäre die Strahlung wohl gefährlich. Tests an Menschen und Tieren seien mit dieser Waffe für Fahrzeuge bereits durchgeführt worden. Auch hier wurde noch nicht genau erforscht, welche gesundheitlichen Auswirkungen elektromagnetische Strahlung tatsächlich hat.

Interessant ist freilich, wie sich die Perspektiven umkehren. Während nun nichtletale Waffen hoch im Kurs stehen, auch wenn sie dann wie bei der Geiselbefreiung in Moskau eher zur Geiselvernichtung dienen, schwärmte man im Kalten Krieg noch von Neutronenbomben, die alles unversehrt lassen und nur die Menschen töten, weswegen sie als taktische Atomwaffen eingesetzt werden könnten. (Florian Rötzer)

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