Schottland: Totale Wählermobilmachung

97 Prozent der Wahlberechtigten wollen am Donnerstag abstimmen - Gegner und Befürworter einer Unabhängigkeit setzen auf Prominente

Bei der Europawahl im Mai gingen in Schottland nur etwa 35 Prozent der Wähler zur Urne. Für die Unabhängigkeit ihres Landes interessieren sie sich wesentlich stärker: Mit insgesamt 4,29 Millionen ließen sich etwa 97 Prozent der Wahlberechtigten für das Referendum registrieren. Wahlberechtigt sind alle in Schottland wohnhaften Personen über 16 - unabhängig von ihrer Abstammung.

Da Umfragen darauf hindeuten, dass das Ergebnis der Volksabstimmung sehr knapp sein könnte, verlassen sie sich nicht auf Auftritte von Politkern, sondern versuchen auch Schauspieler, Schriftsteller, Musiker und andere Prominente zu Meinungsäußerungen für oder gegen eine Unabhängigkeit Schottlands zu bewegen.

Am wenigsten Mühe hatte die Yes-Kampagne damit beim James-Bond-Darsteller Sean Connery, der die Scottish National Party (SNP) seit Jahrzehnten offen unterstützt. Neben ihm haben sich auch die Schauspieler Robbie Coltrane (Für alle Fälle Fitz (ab 39,95 €)) und Gerard Butler (König Leonidas in 300) für ein selbständiges Schottland ausgesprochen.

Wichtigstes Aushängeschild der Unabhängigkeitsgegner ist die Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling - eine Zugezogene aus der englischen Grafschaft Grafschaft Gloustershire. Sie spendete der BBC zufolge über eine Million Pfund an die Better-Together-Kampagne. Bei Jahreseinkünften von etwa 300 Millionen Dollar konnte sie sich diese Spende allerdings leisten, ohne dafür auf etwas verzichten zu müssen.

Die beiden bedeutendsten schottischen Science-Fiction-Schriftsteller sind geteilter Meinung: Während Charlie Stross vehement für die Unabhängigkeit plädiert, äußert sich Ken MacLeod eher bedächtig für einen Verbleib bei Großbritannien.

"He won't be listening to your sweet words. He won't be listening to your lying tongue. He'll be listening to the words being sung - by the blue boy"

Weniger unterschiedlicher Ansicht sind Edwyn Collins und Roddy Frame, die Schottland Anfang der 1980er Jahre mit den Postcard-Bands Orange Juice und Aztec Camera zu einer relevanten Größe in Sachen Popmusik machten: Collins verkündete am 4. September via Twitter seinen Wechsel ins Yes-Lager und Frame gab nach anfänglichen Vorbehalten gegen eine Unabhängigkeit am letzten Mittwoch bekannt, er sei mit jeder Entscheidung einverstanden, die "die Schotten glücklich macht", weil er bereits seit 30 Jahren in London lebt.

Tracyanne Campbell von der aktuell bedeutendsten schottischen Musikgruppe Camera Obscura sieht sich an der Grenze zwischen beiden Lagern - für sie wäre (ebenso wie für den Trainspotting-Autor Irvine Welsh) ein Abschütteln der Tories der wichtigste Grund, für eine Unabhängigkeit zu stimmen.

Wegen dieser Unbeliebtheit der Tories führten der britische Premierminister und andere Regierungspolitiker ihre Wahlkampfauftritte in Schottland nur sehr spät und vor handverlesenem Publikum durch. Beliebter wäre die englische Königin, die die Scottish National Party (SNP) auch nach einem Yes-Votum als formelles Staatsoberhaupt behalten will. Sie ließ jedoch verlautbaren, dass die Abstimmung die ausschließliche Angelegenheit des schottischen Volkes sei, in die sie sich nicht einmischen werde. Allerdings hoffe sie, dass die Schotten "sehr sorgfältig über ihre Zukunft nachdenken". (Peter Mühlbauer)