Acht weniger oft ausgesprochene Antworten

Wollte man von der automatisierten Symbolpolitik Abschied nehmen, würden auf das weiße Papier ein paar weniger oft ausgesprochene Antworten gehören.

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Erstens: Die Toten bleiben tot. Der ganze Zirkus, der um sie aufblüht, in ihrem Namen, zur angeblichen Erinnerung an sie, zur Rache für sie, ändert daran keinen Deut. Die Verletzten werden noch mit ihren Verletzungen zu kämpfen haben, wenn die Kirmesorgel schon lange wieder verstummt ist.

Zweitens: Der Anschlag war das Werk eines Militanten, der sich zu einer islamistischen Terrorsekte bekannt hat. Deswegen hat der Anschlag mit Religion zu tun. Es gibt in vielen, wenn nicht in allen Konfessionen eine handfeste Tradition von religiösem Terror. Religion und Terror schließen sich nicht nur nicht gegenseitig aus - sie haben viele grundsätzliche Gemeinsamkeiten. Die wichtigste davon ist die Überzeugung, dass es Dinge gibt, die so wichtig sind, dass sie außerhalb jeder Kritik zu stehen haben. Ihr Wert beweist sich genau daran, dass zu ihrer Verteidigung Menschen sterben müssen.

Drittens: Die Autoindustrie und die Regierungen werden weiter machen, und die Terroristen und die Süppchenkocher auch. Der Schrecken anderer Menschen, ihre panische Aufmerksamkeit ist den Terroristen wie ein Lebenselixier. Genau so wie für die Süppchenkocher, die mit dem Terror ihre eigene Politik begründen möchten, und sei sie auch noch so blöde. Ob die Süppchenkocher nur Sicherheitsequipment verkaufen möchten oder den dazugehörigen autoritären Polizeistaat gleich mit, ist egal. Die Terroristen und die Süppchenkocher sind süchtig nach Gift.

Viertens: Apropos Polizeistaat. Gegen Leute, die zum Sterben bereit sind, um möglichst viele andere mitzunehmen und den Überlebenden und Zuschauern einen möglichst großen Schrecken einzujagen, hilft der polizeilichste Polizeistaat nichts. Polizeistaaten, die den Kriminellen mal so richtig zeigen wollen, wo der Hammer hängt, neigen dazu, massenhaft die Verbrechen zu begehen, an denen sie die Kriminellen hindern wollen. Wie so was in der aktuellen Darreichungsform aussieht, kann man an den Philippinen unter Duterte sehen.

Die Sehnsucht nach dem Polizeistaat ist immer die Sehnsucht nach der Barbarei.

Fünftens: Das heißt nicht, dass wir ohne Repression auskommen werden. Mit einigen Leuten ist nicht zu reden. Es gibt mit ihnen nicht einmal so etwas wie einen Schlagabtausch, nicht einmal die Diskurse der Gewalt, denn sie wollen gar nicht kämpfen, sondern nur schwarze Krater hinterlassen, die Schrecken erzeugen. Es geht darum, sie so oft und so nachhaltig an dem zu hindern, was sie von Herzen tun wollen.

Sechstens: Ja, da ist ein Sumpf, in dem solche Leute aufwachsen, sich wohlfühlen, geformt werden; da sind Strukturen, in denen sie die Aufwärmstuben und Rückzugsräume finden, die sie für ihre Taten brauchen. Ein Sumpf und die dazu passende Ideologie.

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Da sind die Medientrottel, die unbedingt mit Vollverschleierten reden wollen. Die aggressiven Koranverteiler und Internetprediger. All die auf so dreckig-reine Weise Schariaverliebten. Wir sollten uns aber nicht um solche Dinge wie die Burka, Ehrenmorde, Kinderehen und dergleichen kümmern, weil sie uns ach so fremd sind. Sondern weil sie elementare Menschenrechte verletzen.

Es geht um Verbrechen, in deren Rückraum noch größere Verbrechen geplant werden. Für die nötige Differenzierung sei ein Blick auf München geworfen. Südlich des Bahnhofs sind die Straßenzüge (Goethestraße, Schwanthalerstraße, Landwehrstraße) stark migrantisch geprägt. Wen stört das Gemisch aus Handyläden, Dönerbuden und Gemüseauslagen? Wer kann das Hotel Goethe nicht ertragen?

Rassisten. Was uns wirklich stören sollte, sind die Männer mit den weißen Kaftanen, weißen Käppchen und den rotgefärbten Bärten, die abends durch die Menge gehen und auf diese verflucht heilige Weise nach dem Rechten sehen. Diese Leute, die in den radikalsten deutschen Konvertiten ihre Nachahmer finden, können gar nicht genug polizeiliche Aufmerksamkeit kriegen (wie die radikalen deutschen Konvertiten auch).

Siebtens: Die Vertuschung der wahren Ausmaße des NSU, die auch in München stattfindet, vor allem das krampfhafte Übersehen der staatlichen Beteiligung an den Mordtaten des NSU, hilft nur den Rassisten. Den ungebundenen und den institutionellen. Niemand freut sich so sehr über den islamistischen Terrorismus wie der real existierende Nazi-Unter- und Obergrund in diesem Land. Es ist dann, als gäbe es Gründe für ihn, und nicht nur Vowände.

Achtens: Den Menschen, die es trotz aller Widrigkeiten schaffen, sich erfolgreich in verschiedenen Kulturen zu bewegen; die die Widersprüche, Herausforderungen und Anfeindungen ertragen, die das mit sich bringt, könnten wir ruhig einmal die gebührende Wertschätzung entgegenbringen. Es ist lang an der Zeit, diejenigen als Beispiel zu begreifen, die dem tobenden Wahnsinn nicht irgendwelche wohlfeilen Predigten entgegenstellen, sondern ganz einfach ihren Alltag.

Ja, es geht um eine dreifache Entwaffnung. Dabei ist nicht einmal wahrscheinlich, dass es gelingt, Religion, Rassismus und Hysterie parallel zu entwaffnen. Aber nur wenn es gelingt, zumindest teilweise, besteht eine reale Chance, der Kirmesorgel Anlässe zum Losscheppern zu nehmen, und die Lautstärke des Gescheppers zu vermindern, wenn es dann doch ertönt. (Marcus Hammerschmitt)

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