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Anlässlich des Weltgipfels in Genf: Das Thema "Information" in der Ethik

Wir leben im Informationszeitalter. Aber brauchen wir dazu auch eine neue Ethik? Reichen in Sachen Privacy, Digital Divide und Geistigen Eigentums nicht die geltenden Gesetze und die alte Moral? Die philosophischen Disziplinen "Computerethik" und "Philosophie der Information" geben Aufschluss über die Neuartigkeit von moralischen Fragen in Verbindung IT und demonstrieren, wie man es schafft, die vielfältigen Probleme unter dem einheitlichen Nenner der "Information" zusammenzufassen. Beim Nachzeichnen der Konturen einer an "öffentlichen Gütern" orientierten Gesellschaft bringt die Informationsethik schließlich die Urheberrechts-Ansprüche von Softwareherstellern und Verwertungsgesellschaften ins Wanken. - Ein Lektürebericht.

Kurz vor dem dritten Advent werden dieses Jahr in Genf die Vertreter der UNO auf dem "WSIS", dem "Weltgipfel zur Informationsgesellschaft" zusammenkommen (vgl. die Chronik der Gipfelplanung: von Konstruktive Einmischung oder destruktive Aufmischung?) bis Notoperation vorerst gescheitert). Von einer "gemeinsamen Vision der Informationsgesellschaft" ist in der vorab diskutierten Version der auf dem Gipfeltreffen zu Verabschiedung anstehenden Deklaration von Prinzipien die Rede - einer Gesellschaft, "where everyone can create, access, utilize and share information and knowledge" (in der jeder Informationen und Wissen erschaffen, darauf zugreifen, sie benutzen und weiter geben kann). Es ist zweitrangig, ob in dieser Erklärung der Begriff der Information tonangebend ist, der der Kommunikation, wie in der NGO-Initative Communication Rights in the Information Society, oder das "Wissen", wie in der von der deutschen Zivilgesellschaft anlässlich des WSIS verfassten Charta der Bürgerrechte für eine nachhaltige Wissensgesellschaft. Auf die Stoßrichtung des Unternehmens kommt es an. Gibt es wirklich Bedarf für eine neue "Informationspolitik", für "Kommunikationsrechte" oder eine neue "Global Information Ethics"?

Computerethik und Informationsphilosophie

Reichen in Sachen Privacy, Digital Divide und Geistigen Eigentums nicht die geltenden Gesetze und die alte Moral? Diese Frage steht im gemeinsamen Schnittpunkt von "Computerethik"1 und "Philosophy of Information" - zwei benachbarten, noch jungen philosophischen Disziplinen. "Computer Ethik" konzentriert sich auf moralische Probleme im Zusammenhang mit Cyberspace und Computertechnik (eine umfangreiche Bibliographie zum Thema bietet Herman T. Tavani). Die "Philosophy of Information" befasst sich darüber hinaus mit Künstlicher Intelligenz, Logik und wissenschaftlicher Methodologie. Einen guten Überblick bietet der soeben erschienene Blackwell Guide to Philosophy of Computing and Information.

Das Vakuum füllen

Den Grundstein der Informationsethik, auf den in der gegenwärtigen Debatte immer wieder Bezug genommen wird, hat der amerikanische Philosoph James Moor 1985 mit einem kurzen Aufsatz in einer Sonderausgabe der Zeitschrift Metaphilosophy (erhältlich via ZDB). Moor beschreibt die Aufgabe der neuen Disziplin als die Füllung moralischer Vakuum-Räume, die dadurch entstehen, dass neue Techniken sich nicht eindeutig in alte Begriffe fassen lassen. Computerprogramme etwa: Sind sie "geistiges Eigentum"? Fallen sie unter den Schutz des Urheberrechtes oder sind sie patentierbar? Und was ist das Kriterium dafür, dass es sich bei zwei Programmen um Typen desselben Musters handelt?

Moors Auffassung, nach welcher mit Fragen, die im Zusammenhang mit Informations- und Kommunikationstechnologien auftreten, ethisches Neuland beschritten wird, nährt sich durch die juristische Sicht auf die Probleme. In den USA beispielsweise entwickelte sich die Datenschutz-Rechtsprechung unter anderem aus einem Verbot des "unbefugten Betretens" heraus. Eigentumsrechte waren es, auf die sich die ersten Kläger gegen fremde Lauscher beriefen. Erst als deutlich wurde, wie wenig das Eigentumsrecht dazu imstande war, den Schutz innerhalb der eigenen vier Wände zu sichern, wurde im achtzehnten Jahrhundert "Belauschung" als ein vom unbefugten Betreten unabhängiges Delikt anerkannt. Auf ähnliche Weise wurde in Deutschland vor zwanzig Jahren das damals völlig neuartige Recht auf "informationelle Selbstbestimmung" geschaffen - aus der Erkenntnis heraus, dass den Risiken der Informationstechnologie nicht mehr länger allein durch die allgemeinen Bestimmungen des Grundgesetzes begegnet werden konnte.

Eine neue Ethik?

Ob nun die neu aufgeworfenen Fragen nicht nur aus dem Rahmen bestehender Gesetze fallen, sondern zudem auch Grenzen der etablierten Moral übersteigen - darüber gibt es in der Computerethik eine eigene Grundsatzdiskussion: die "Foundationalist-" oder die "Uniqueness-Debatte"2.

Einer der beiden Pole dieser Grundsatzdebatte wird durch die "Traditionalisten" verkörpert. Traditionalisten sind der Auffassung, dass die Mittel der herkömmlichen Moraltheorie völlig ausreichen, um es mit den Problemen der Computerethik aufzunehmen. Zu den Traditionalisten in diesem Sinne zählen der amerikanische Moralphilosoph Bernard Gert, der seinen Entwurf einer philosophisch fundierten Moral des gesunden Menschenverstande auf das "Computing" ausweitet3; James Moor mit einem Entwurf des "Gerechten Konsequentialismus"4 oder Jeroen van den Hoven, der John Rawls' Konzeption eines "Überlegungsgleichgewichtes" auf informationsethische Probleme anwendet.

In ihrer Skepsis gegenüber der Eigenständigkeit der Informationsethik verabschieden sich die Traditionalisten leicht auch von dem Ziel: dem Wunsch, die Einheit des neuen Gebietes zu erweisen. Terrence A. Maxwell entwirft ein solches Einheitsmodell im Internet-Magazin First Monday: Toward a Model of Information Policy Analysis: Speech as an Illustrative Example. Ähnlich verfahren Jeroen van den Hoven und Gert-Jan Lokhorst in ihrem Aufsatz Deontic logic and computer-supported computer ethics, wo sie die gemeinsame Syntax von moralischen Forderungen freilegen, die mit Privacy, Urheberrechten und gleichem Zugang zusammenhängen. Mit Hilfe spezieller Logiken, so stellen sie in Aussicht, sollen die formalisierten Computerethik-Probleme sogar durch den Computer selbst gelöst werden können.

Respekt vor Informationsobjekten

Die Exzentrizität dieses Vorhabens wird noch übertroffen von einem anderen Versuch, zugleich die Einheit der Disziplin "Informationsethik" als auch deren Neuheitscharakter zu erweisen. In einer ganzen Reihe von Aufsätzen, die zum größten Teil über die Webseite des Autors zugänglich sind, stellt Luciano Floridi jeweils verschiedene Facetten einer "ontozentrischen Makroethik" vor (s. Artificial Morality). Diese soll die gängigen Modelle anthropozentrischer- beziehungsweise biozentrischer Ethik überrunden, welche allein die Belange menschlichen Miteinanders berücksichtigen oder allenfalls noch den Respekt vor Tieren gelten lassen.

Floridi verallgemeinert Überlegungen, wie sie beispielsweise den Ethik-Prinzipien der Society for American Archaelogy oder dem Code of Conduct der Italienischen Bibliotheksgesellschaft AIB zu Grunde liegen. Informationsobjekte, behauptet Floridi, haben einen eigenen moralischen Wert - und wir haben eine gewisse Pflicht, diesen Wert zu erhalten. Das übergreifende Ziel dieser Ethik des kleinsten gemeinsamen Nenners ist es, Entropie in der Infosphäre zu vermeiden.

Parallelfall: Umweltschutz

Floridis ausgeklügelter und verästelter Entwurf einer Infosphären-Ethik ist mit einem hoch professionellen technischen Apparat ausgestattet - was es schwer macht, das dem Alltagsverstand zuwiderlaufende Szenario einer Infosphären-Ethik als leichtfertiges Konstrukt abzutun. Gerade die Parallele zum Umweltschutz ist besonders plausibel, wie James Boyle in einem Aufsatz im Duke Law Journal aufzeigt.

In den sechziger und siebziger Jahren musste die Ökologie erst den Nachweis dafür bringen, dass der Markt als Instrument versagt, um Akteuren die vollen Umweltkosten ihres Handelns bewusst zu machen. Umweltkosten verschwanden quasi in allzu eng gefassten Ursache-Wirkungs-Modellen des vorökologischen Zeitalters. Erst als mit dem Einzug des Farbfernsehens in den 60er Jahren Bilder von gelben Flüssen ihren Weg in die Wohnzimmer fanden, wendete sich das Blatt. Ähnlich wie der Schutz der "Umwelt" einen gemeinsamen Bezugspunkt von verschiedensten Interessensgruppen herstellte, glaubt Boyle, müssten heute Softwareingenieure, Bibliothekare, Wissenschaftler, Parodisten und Biotech-Forscher erst noch lernen, den Erhalt der "public domain" als ihr gemeinsames Ziel zu begreifen5.

Effizienz ist nicht alles: Public Domain

Die "public domain" oder die "global commons", auf deutsch: die "öffentlichen Güter"(Zugang statt Verteilung), sind das große, übergreifende Thema, in dem Politik und politische Philosophie zusammenfinden. Für Lawrence Lessig stellt sich in The Future of Ideas) die Frage so dar: Nicht darauf, ob der Markt oder ob der Staat für die Verteilung und die Bereitstellung öffentlicher Güter zuständig ist, soll es ankommen, sondern, ob eine bestimmte Resource frei ist oder kontrolliert wird.

"Frei", soll heißen: die Erlaubnis zur Benutzung einer Ressource muss, wenn sie denn überhaupt notwendig ist, zumindest neutral gewährt werden. Freie Ressourcen, das möchte Lessig beweisen, sind eine notwendige Voraussetzung für Innovation und Kreativität. Aber ökonomische Effizienz soll nicht alles sein. "Demokratische Werte", sagt Lessig, deuten auf den Wert, den es hat, Ressourcen als gemeinsame zu bewahren.

Wem gehören Computerprogramme?

Beim Nachzeichnen der Konturen einer an öffentlichen Gütern orientierten Gesellschaft geraten die Urheberrechtsansprüche von Softwareherstellern und Verwertungsgesellschaften leicht ins Wanken.

Auf den Spuren von Richard Stallmans Thesen in seinem Pamphlet Why software should not have owners fragt Deborah G. Johnson in ihrem Artikel "Should Computer Programs be owned?"6 nach den moralischen Gründen, Werken von Softwareproduzenten den Status von geistigem Eigentum anzuerkennen.

Nach der Betrachtung verschiedener philosophischer Begründungen für Eigentumsrechte, nach Überlegungen zu der Frage, was ein Computerprogramm ausmacht, und nach einer Rekonstruktion der leitenden Grundsätze, die dem Copyright, dem Patentgesetz und dem Schutz von "Trade Secrets" zugrunde liegen, gelangt Johnson zu folgender Konklusion: Aus moralischer Sicht, resümiert sie, gäbe es überhaupt keine Notwendigkeit, Eigentumsrechte für Software anzuerkennen. Vieles hänge vielmehr ab von empirischen Fragen. Denn ob Eigentumsrechte speziell auf Quellcode und Objektprogramm die Versorgung mit Software insgesamt verbessern oder verschlechtern würden, sei alles andere als ausgemacht - für die moralische Beurteilung von Ansprüchen auf Geistiges Eigentum aber ausschlaggebend.

"Trusted Computing" sät Misstrauen

Setzt man den Orientierungsschwerpunkt auf die "public domain", werden auch andere Ziele fraglich, die neben der Stärkung des "Geistigen Eigentums" auf der offiziellen WSIS-Agenda enthalten sind. Die angestrebte Schaffung von "Sicherheit" durch Systeme des "trusted computing" etwa, das legt Helen Nissenbaum in Can Trust be Secured Online? A theoretical perspective dar, dient allem anderem als der Schaffung von Vertrauen in der Online-Welt. In einer völlig abgesicherten Umgebung könne kein Vertrauen entstehen - denn um dieses zu entwickeln, müsse ein Akteur die Möglichkeit haben, sein Gegenüber einer Bewährungsprobe auszusetzen. Wer "Security" unter dem Banner von "Vertrauen" schaffen will, schließt Nissenbaum, sät generelles Misstrauen.

Mit dem Ideal der "global commons", wie es sich die WSIS-Bürgerrechts-Charta zu eigen gemacht hat, ist eine Politik des "trusted computing" schwerlich vereinbar. Die WSIS-Vision einer Gesellschaft hingegen, "where everyone can create, access, utilize and share information and knowledge", findet auch für die flächendeckende Installation von Misstrauens-Computing-Anwendungen noch anerkennende Worte. (Ralf Grötker)

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