Schützt Rauchen vor Corona?

Absurde Akrobatik von Interessenverbänden, die Coronavirus-Pandemie zu instrumentalisieren

Man sollte meinen, es ist ein Witz oder eine skurrile Persiflage, wenn man eine Pressemitteilung mit dem Betreff "Raucher seltener durch Corona krank" stößt. Verschickt wurde sie vom Netzwerk Rauchen ("Vereinigung gegen die Raucherentrechtung" oder "Verbraucherschutz für Tabakgenießer"), das damit gegen angebliche Fake News antritt, wie das mittlerweile üblich wurde, da Fake News immer nur die anderen verbreiten.

Die Welt versinkt in Fake News, weswegen selbige mit ebensolchen beantwortet werden. Es stört ja niemanden mehr, man ist an alternative Wirklichkeiten gewöhnt, der Konstruktivismus ist zur herrschenden Weltanschauung geworden, also dass es die Wahrheit da draußen nicht gibt, sondern nur Beobachterperspektiven, die man - anything goes, wie Donald Trump immer wieder demonstriert - desto ungenierter vertreten und bewerben kann.

Also die Raucherlobby will "die Menschen von den Fesseln der 'Tabakkontrolle' und anderer Formen der Gesundheitsdiktatur befreien und sie in selbstbestimmtem tolerantem Miteinander unterstützen". Das klingt gut. Man will schließlich auch, dass "der Umgang mit Tabakrauch im Lichte korrekter, sachlicher und glaubwürdiger Informationen erfolgt - und dafür sorgen, dass aus volksgesundheitlichen Ansprüchen keine Diskriminierung und Herabwürdigung der Raucher erwächst."

Raucher gelten für Covid-19 als Risikogruppe. Das ist auch die Vermutung der WHO, da Rauchen der Lunge schadet. Dem will man entgegentreten und verweist auf Studien, nach denen auffällig wenige Raucher unter Corona-Infizierten ausgemacht wurden: "Gemessen am Raucheranteil in der Bevölkerung findet sich eine auffällig geringe Zahl an Tabakrauchern unter Corona-Patienten." Man hätte natürlich fragen sollen, ob dies auch bei den Corona-Toten der Fall ist. Suggeriert wird, dass Rauchen womöglich sogar vor der Coronavirus-Pandemie schützen könne: "Entweder stecken sich Raucher viel seltener an oder aber sie haben eine stark vergrößerte Chance, Corona ohne Symptome bzw. nur mit sehr mildem Verlauf durchzustehen." Also macht Rauchen gesund und schützt vor einer Infektion.

Man will auch nichts davon wissen, dass Raucher einen schwereren Krankheitsverlauf zu befürchten haben, wie das berichtet wurde. Alles Schmarrn, wie das auch einst von den Tabakkonzernen gegenüber Studien behauptet wurde, die Rauchen mit erhöhtem Lungenkrebsrisiko verbanden: "Der Verein fordert, Fake News zu unterlassen, die Raucher mit unrichtigen und manipulativen Behauptungen zum Tabakverzicht bewegen wollen."

Warum meinen Interessenvertreter von der Tabakindustrie bis zur Politik oder der Nato, mit der Denunzierung von angeblichen Fake News Kritiker ins Abseits schieben zu können? Mittlerweile ist so ja ein ganzer von Konzernen und Staaten finanzierter Betrieb entstanden, der die Wahrheit gegen Kritiker verteidigen will, anstatt kritisch die eigene Position mit ihren Mängeln zu reflektieren? Klar, es geht darum, Recht für die eigene Position zu beanspruchen, also auch wie hier darum, das Recht auf Rauchen als Geste der Freiheit zu verteidigen. Das wäre ja unbenommen, wenn man dann nicht versuchen würde, Rauchen als Demonstration des freien Willens zu retten, ohne die damit verbundenen Risiken zu erwähnen, die auf der Hand liegen. Wer raucht, geht ein zusätzliches Risiko ein, tanzt auf dem Vulkan, was natürlich auch bei vielen anderen Verhaltensweisen der Fall ist.

Das Netzwerk Rauchen will die These, dass Rauchen möglicherweise vor der Coronavirus-Pandemie schützt, ausnutzen, um Weiteres zu fordern:

Außerdem setzt sich der Verein für eine baldige Wiederöffnung aller Gaststätten ein und regt an, gesetzliche Rauchverbote für die Gastronomie aufzuheben. So könnten Verluste, die Wirte durch die Corona-Politik erlitten haben, kompensiert werden können.

Der Überschwang führte wohl zu dem wiederholten "Können", als ob die Wiedereinführung des Rauchens in der Gastronomie zu höheren Gewinnen führen würde. Sollen wir also alle wieder rauchen und glücklich werden, vielleicht mit geringerer Wahrscheinlichkeit nicht an Corona, sondern an Lungenkrebs zu sterben? (Florian Rötzer)