Schützt Vitamin D vor Covid-19?

Das Vitamin könnte dem Körper helfen, die Infektion besser abzuwehren, als das bei den in der Regel zu niedrigen D-Leveln bislang der Fall ist

Am 3. April titelt der SPIEGEL unter "Faktencheck: Schützen Vitamine vor dem Coronavirus?" Und fasst das Ergebnis kurz zusammen: "Aktuell preisen Menschen Vitamin C und D als Wunderwaffe gegen Covid-19 an. Warum Sie sich trotzdem nicht dazu verleiten lassen sollten, sofort Nahrungsergänzungsmittel einzukaufen."

Damit liegt die Autorin und Fachfrau Nina Weber mal wieder ganz auf der Linie der DGE und der Ärzteschaft, die einmütig sagen: Wer sich ausgewogen ernährt, muss keinerlei Mängel an Vitaminen oder Mineralstoffen befürchten, Nahrungsergänzungsmittel, so die einhellig vertretene Fach-Meinung, seien im Allgemeinen überflüssige Geldausgaben.

Die Angst vor Snake-oil-Verkäufern mit windigen Heilsversprechen ist groß, so groß, dass man gerne auch die eigenen Angaben aus den Augen verliert. So konstatiert die DGE, dass der Tagesbedarf an Jod beim Durchschnittserwachsenen bei ca. 200 mcg liegt. Und gleichzeitig, dass die deutsche Bevölkerung nur eine tägliche Zufuhr von 120 mcg hat, das jodierte Salz schon inkludiert. Kein Mangel? Und die ca. 80.000 Schilddrüsen-OPs pro Jahr? Kein Zusammenhang?

Gleiches gilt z.B. auch für Selen. Weil die europäischen Böden seit Millionen Jahren ausgewaschen und daher selenarm sind, fehlt uns Selen im Brot. Die Finnen reichern ihren Getreidedünger mit Selen an. Deutschland nicht. Und die Stiftung Warentest warnt dann noch ausdrücklich vor Selenpräparaten: "Nahrungsergänzungsmittel mit Selen: Hilft nicht viel - schadet im Zweifel." Hilft nix wogegen? Ah, Herzinfarkt. Wer hat das behauptet? Niemand. Klassische Taktik: Widerlegen was der vermeintliche "Gegner" (= der tumbe Verbraucher) gar nicht gefragt hat.

Und die Warnung? Ja, man kann einen Chow-Chow zum Trocknen in die Mikrowelle stecken. Das wird nicht gut ausgehen. Ja, man kann sich mit Selen vergiften, indem man 6 Monate lang die 7-fache Tagesdosis zu sich nimmt. Das geht auch nicht gut aus. Wen wundert's, aber wer braucht solche Argumente?

Man sollte also, was Vitamine und Spurenelemente angeht - von Ökos, Bios und anderen Randgruppen auch gerne "Vitalstoffe" genannt, ein Wort, das den berührungsempfindlichen Normalos sofort suspekt ist -, die Aussagen der DGE, der Ärztebünde und anderer Standesvertretungen, von Bundesernährungsinstituten wie dem DIFe oder auch dem Bundesinstitut für Risikoabschätzung (BfR) zumindest kritisch hinterfragen und auch mit internationalen Empfehlungen vergleichen.

Beispiel Jod: eingeführt schon 1925 in der Schweiz gegen Kretinismus und Struma (Kropf). Mit 20 mcg Jodid pro 1g Salz. In der BRD überhaupt erst seit 1985 "erlaubt". In der Schweiz werden 2/3 der verarbeiteten Lebensmittel (Wurst, Pizza etc.) mit jodiertem Salz hergestellt, in der BRD aber nur 1/3. Die Schweiz hat den Wert im Salz mittlerweile auf 25 mcg/g erhöht. Und wir haben Jodmangel, das ist doch prima, wie die vereinte Bundeswissenschaft sich um uns kümmert.

Nun aber zu Vitaminen und dem Corona-Virus. Dazu der Spiegel:

Achtung! Bevor nun sofort online die größtmögliche Packung Vitamin D gekauft wird: Zur Einnahme wird nur geraten (Quelle: DGE), wenn tatsächlich eine Unterversorgung vorliegt, also wenn ein zu niedriger Wert nachgewiesen ist und man einen besseren Wert nicht durch Aufenthalte in der Sonne sowie die Ernährung erreichen kann. Wer ohnehin genug Vitamin D hat, profitiert wahrscheinlich nicht von zusätzlichen Pillen. Man kann Vitamin D überdosieren und sich damit schaden. Das kann zum Beispiel zu Nierensteinen führen.

Der Spiegel

Oh, da ist ja fast alles falsch. Angefangen von der Packungsgröße, die mit dem Inhalt der einzelnen Tagesdosis ja nichts zu tun hat, oder? Bei 100 ASS sind genau dieselben 500 mg Tabletten drin, wie bei der 20er Packung. Naja, über Dosierungen will die Autorin ja nicht reden, das ist gefährliches Terrain.

Eine Unterversorgung? Ja, das gibt es, vor allem bei alten Menschen. Das sagt uns auch das BfR in einem Paper von 2011 - ein neueres gibt es nicht) in zwei hübschen Grafiken:

Ja, die "gesunden" Senioren rangieren von 66-96 Jahren (arithm. Mittel wären 81 Jahre), die multimorbiden (geriatrisch ist ein hübscher Euphemismus für multimorbid) sind aber ca. 83 Jahre alt (bzw. 78-88 Jahre). Trotzdem ist die Korrelation zwischen krank und unterversorgt und gesund und gut versorgt wohl unübersehbar.

Allerdings wird hierbei auch der urdeutsche Grenzwert von 20 ng/ml (=50 mmol/L, Umrechnungsfaktor ist ~1:2,496) reproduziert, der als gesund, nein, sogar "optimal" gelten soll. Das ist international längst anders, üblicherweise gelten <20 ng/ml als deficient (Mangel), 20-30 ng/ml als insufficient (ungenügend) und erst >30 ng/ml als sufficient.

Ergänzen könnte man: In der Wiege der Menschheit, in Ostafrika, haben die dort traditionell lebenden Stämme der Massai und Hadza einen Level von 46 ng/ml:

Traditionally living populations in East Africa have a mean serum 25-hydroxyvitamin D concentration of 115 nmol/l.

t1p.de/tl4s

Freilebende Schimpansen, unsere genetisch ähnlichsten Cousins, haben 48 ng/ml. In europäischen Zoos allerdings nur 24 ng/ml. Ähnlich wie wir: Durchschnitt der deutschen Bevölkerung: 18 ng/ml. Im Jahresdurchschnitt. Da Vitamin D kaum durch Nahrung zugeführt wird, sondern durch UVB gebildet wird und der D-Speicher nur 2-3 Monate hält, sind Werte von <10 ng/mol im Januar und Februar keineswegs selten, schon gar bei Senioren: Die über 65-Jährigen haben - im Jahresdurchschnitt - zu 40% weniger als 10 ng/ml, zu weiteren 40% weniger als 20 ng/ml. Was mag da wohl im Januar los sein, wenn die Grippe wütet?

Aber Korrelation ist ja nicht gleich Kausalität

Das berühmteste Beispiel für eine "Fake"-Kausalität bei hoher Korrelation ist wohl immer noch die der Anzahl der Störche mit der Geburtenrate. Beides hat zwar wohl indirekt mit der Industrialisierung zu tun, aber trotzdem wird dadurch das Ammenmärchen, dass der Storch die Babys bringt, nicht wahrer.

Was spricht denn für eine Kausalität? Denn dass es im Falle von durch Grippeviren verursachter echter Influenza vornehmlich die Alten sind, die dann an einer Lungenentzündung sterben, ist ja kein Beweis, auch wenn das hoch mit dem im Alter abnehmenden Vitamin-D Level korreliert (alte Menschen bilden nur noch 25% so viel Vitamin D wie junge, dazu kommt noch ein anderes Sozialverhalten: nackert Sonnenbaden ist da eher die Ausnahme als die Regel).

Für Vitamin D-Mangel ist nur eine Krankheit wirklich unbestritten: die Rachitis. Und die wird zuverlässig mit einer Tagesdosis von ca. 1000 internationalen Einheiten (I.E. oder IU) verhindert, ziemlich genau der Inhalt eines Löffels Lebertran, den man früher den Kindern verpasst hat. 1.000 I.E. oder 25 mcg D3 führen zu einem zusätzlichen Level von ca. 10 ng/ml D(25), je nach vorherigem Level (wer schon "45" hat wird damit nur noch "5" zulegen, der Körper hat eine eingebaute Bremse).

Analog beim Jod: anerkannt bei schwerem Mangel ist Kretinismus, in Maßen auch die Struma (der Kropf). Ob ein minder schwerer Mangel zu Schilddrüsenunter- resp. Überfunktion führt, dazu gibt es wenig bis nichts in der Literatur. Aber gleichzeitig eine absurd hohe Anzahl von Schilddrüsen-OPs, denn 80.000/a bedeutet, dass jeder Zehnte im Laufe seines Lebens an der Schilddrüse operiert wird. Korrelation oder Kausalität? Eine ewig unterversorgte Schilddrüse, die reagiert, indem sie versagt, ihren Betrieb einstellt oder aber hyperaktiv wird, um den Mangel auszugleichen? Müsste man doppelblind über 30 Jahre testen. Jod kostet nichts, OPs aber viel - die Patienten bzw. Krankenkassen. Mit Jod kann man nichts verdienen, mit OPs aber durchaus. Da gibt es keinen Anreiz für teure Studien, denn solche Studien werden fast immer nur von der Pharmaindustrie bezahlt - die mit Jod nichts verdienen kann.

Vitamin D gilt als Immunmodulator

Zurück zum Vitamin D. Was tut es denn sonst noch, außer eine Rachitis zu verhindern? Es ist an der Synthese von über 2000 körpereigenen Proteinen und Enzymen beteiligt, man müsste also eher fragen: Was tut es nicht? Und etliche dieser Enzyme steuern unsere Immunabwehr, Vitamin D gilt als Immunmodulator. Denn der Krieg, den unser Körper gegen Entzündungen jeglicher Art, seien sie bakteriell oder viral ausgelöst, muss moderiert werden, es müssen ausreichend "Krieger" da sein und schnell in die Schlacht geschickt werden können, aber wenn es zu viele werden, dann greifen sie unweigerlich die eigenen Leute, die gesunden Zellen, an und produzieren in ihrem Abwehrkampf so viele Zytokine (Zellgifte), dass es zu einem gefürchteten Zytokinsturm kommt (= noch mehr Krieger), der allzu häufig in einer Sepsis und Multiorganversagen endet.

Am 6. Februar noch sagte Prof. Christian Wendtner, Chefarzt in Schwabing und Infektiologe im Bayrischen Rundfunk Corona sei auf keinen Fall gefährlicher als Influenza. Nur sieben Wochen später aber im Zeit-Interview: "Wir intubieren und beatmen auch junge Menschen. [..] Bei vielen Patienten [..] sind riesige Flächen der Lunge infiziert. [...] Das ist hier schon ein sehr wuchtiges Geschehen." In vielen Fällen komme es zu einer überschießenden Reaktion des Immunsystems, einem Zytokinsturm. "Vereinfacht gesagt schießen dabei Entzündungszellen in die Lunge ein. Dadurch werden die Lungenbläschen in ihrer Funktion stark eingeschränkt und der Gasaustausch kann nicht funktionieren. Bei einem Großteil der Patienten, die auf die Intensivstation kommen, sehen wir irgendwann so eine Reaktion."

"Besonders bei vorerkrankten und alten Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist, kann Sars-CoV-2 die Lunge regelrecht zerstören. Zum einen gehen die versklavten Epithelzellen mit der Zeit zugrunde, zum anderen greifen offenbar körpereigene Immunzellen die entzündete Lunge an", sagt Corona-Forscher Hilgenfeld im Spiegel.

Und was hat jetzt Vitamin D damit zu tun? Wie gesagt, D ist ein Immunmodulator, das Herunterregeln der Immunantwort gehört genauso zu seinen Funktionen, wie das Bereitstellen der Armee von Immunkriegern. Eine solide Balance zwischen beidem sichert einen vernünftigen, ausgewogenen Umgang des Körpers mit Entzündungen.

Die Vermutung ist, dass ein solider Vitamin-D-Level (eher im Bereich der Massai/Hadza, also eher 45-50 ng/ml, als nur die deutschen 20 ng/ml) die Inzidenz von Zytokinsturm und Sepsis sehr stark senken könnte. Weniger Sepsis, weniger Tote, kürzere Beatmung, kürzerer Aufenthalt auf der Intensivstation, weniger Überlastung der Krankenhäuser, weniger Letalität. Was das gesamtgesellschaftlich bedeuten würde, muss ich hier nicht erläutern, so schlau sind Telepolis-Leser allemal.