Schützt Vitamin D vor Covid-19?

Studien zu Vitamin D

Nun aber zu den Hinweisen, zu den Studien. Da wäre erstmal eine iranische Studie - so gut wie unbekannt (wer glaubt schon dem Iran?) und in der Corona-Diskussion bis zum 3. April m.W. nirgendwo erwähnt. Warum auch, hat ja mit Corona nichts zu tun. Der Autor hatte sie bei der Suche nach Vitamin D und Sepsis zufällig im Netz gefunden und den Spiegel darauf hingewiesen. Wenige Tage später wurde sie im o.a. Vitamin-Artikel verrissen, dazu später, hier erstmal die Ergebnisse:

"The Relationship of Serum Vitamin D Level With the Outcome in Surgical Intensive Care Unit Patients": Vit D < 20 ng/mlVit D 20-30 ng/mlVit D > 30 ng/mlDurchschnittsalter66,2 +/- 14,665,3 +/- 14,353,7 +/- 17,3Sepsis36,7%18,3%2,5%Tage Intensivstation:24,112,36,2

Zu beachten ist: 1. und 2. Gruppe sind fast gleichalt (~65/66), dritte aber nur 54, allerdings mit einer sehr großen Bandbreite, 36-70 Jahre.

Trotzdem, das riecht schon stark nach Kausalität, zumal die Wirkung von Vitamin D auf das Immunsystem ja hinreichend bekannt ist. Und es deckt sich fatal mit dem, was wir über das Sterben vor allem der alten, vorerkrankten Senioren und deren Vitamin-D-Level wissen (s.o. BfR-Statistik). Was aber meint der Spiegel dazu (der diese völlig unbekannte Studie interessanterweise aufgegriffen hat):

Auf den ersten Blick scheinen die Daten ein klares Bild zu liefern: Vitamin-D-Mangel ging mit einem höheren Risiko für Sepsis und Tod einher. Doch die Forscher stellen selbst klar, dass der Vitamin-Mangel hier nicht der Auslöser ist, sondern ein Begleitsymptom der vorangehenden schweren chronischen Krankheiten der Betroffenen und hier als Hilfe dient, um zu ermitteln, wie es insgesamt um die Patienten steht.

Der Spiegel

Das nun ist eine mehr als freie Interpretation und steht so nicht in der Studie. Was drin steht: Man hat noch andere mögliche "Co-Faktoren" der Sepsis-Schwere gefunden, Calcium, Phosphorwerte etc.pp. Und kann deshalb nicht sagen, dass Vitamin D ein Biomarker für die Wahrscheinlichkeit einer Sepsis bzw. ihren Verlauf wäre.

Nun aber ist der Calcium/Phosphorstoffwechsel mannigfaltig mit dem Vitamin-D-Stoffwechsel verknüpft, wie uns Wikipedia belehrt. Da in der Studie keine weiteren Angaben zu den Calcium- und Phosphorwerten zu finden ist, kann leider nicht überprüft werden, wer da Henne und wer da das Ei ist. Zeigen alle Faktoren in sinngemäß dieselbe Richtung (je nach dem, reziprok oder nicht), wäre das nicht verwunderlich, denn wir wissen eines ganz genau: Der Calcium-Stoffwechsel ist vom Vitamin D abhängig, nicht umgekehrt. Und ja, es ist bekannt, dass Vitamin D von schweren Krankheiten (Krebs etc.) "verbraucht" wird. Aber die Autoren hatten prospektiv bei der Einlieferung auf die ICU gemessen, nicht hinterher!

Es gibt noch mehr Studien, die sich mit Lungenentzündungen und Vitamin D beschäftigen. Diese große Metanalyse von 2017 über insgesamt 11.000 Patienten kommt zu dem Schluss: "Die Vitamin-D-Supplementierung war sicher und schützte insgesamt gegen akute Atemwegsinfektionen."

Results 25 eligible randomised controlled trials (total 11 321 participants, aged 0 to 95 years) were identified. Vitamin D supplementation reduced the risk of acute respiratory tract infection among all participants (adjusted odds ratio 0.88, 95% confidence interval 0.81 to 0.96; P for heterogeneity <0.001).

Conclusions Vitamin D supplementation was safe and it protected against acute respiratory tract infection overall. Patients who were very vitamin D deficient and those not receiving bolus doses experienced the most benefit.

Und diese Studie kommt zu folgenden Ergebnissen: "Der mittlere Vitamin D-Spiegel in jedem Land war [...] stark mit der Mortalität / 1 M assoziiert. Diskussion: Der Vitamin-D-Spiegel ist in der alternden Bevölkerung besonders in Spanien, Italien und der Schweiz sehr niedrig. [...]"

Results: The mean level of vitamin D (average 56mmol/L, STDEV 10.61) in each country was strongly associated [...] with the mortality/1M (mean 5.96, STDEV 15.13, p < 0.00001).
Discussion: Vitamin D levels are severely low in the aging population especially in Spain, Italy and Switzerland. [...]
Conclusions: We believe, that we can advise Vitamin D supplementation to protect against SARS-CoV2 infection.

Es gibt noch mehr: Eine englische Studie kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen (übersetzt und gekürzt):

81 Patienten, Durchschnittsalter 62 Jahre. Patienten mit D-Werten von <30 ng/ml hatten im Vergleich zu Patienten mit D-Werten von >30 ng /ml häufiger eine schwere Sepsis (61% gegenüber 24%; p = 0,006) und eine Funktionsstörung von zwei oder mehr Organsystemen (50% gegenüber 18%). Alle vier Patienten, die während des Index-Krankenhausaufenthaltes starben, hatten 25 D-Spiegel von <30 ng/ml.

Die geringe Patientenzahl erlaubt keine vernünftige statistische Signifikanz, klar.

In dieselbe Richtung weist aber auch eine echte prospektive Studie, die am Ausbildungshospital in Boston stattfand. Dort wurden 3 x 10 ICU-Patienten sofort nach der Einleiferung auf D-Level untersucht und dann mit Placebo, 200.000 I.E. bzw 400.000 I.E behandelt. Bei nur 30 Probanden kann man statistische Signifikanz nicht erwarten, und einige Augangswerte unterschieden sich: die Placebo-Gruppe (1) hatte zu Beginn den höchsten D-Level (nach 5 Tagen dann den niedrigsten), die Gruppe 3 mit 400.000 IU Initialdosis dafür den höchsten BMI. Immerhin war der Altersschnitt relativ ausgeglichen. Im Ergebnis kann man vor allem hervorheben: Tage in der ICU: 12 / 4 / 3.
Wiederaufnahme in die ICU binnen 30 Tagen: 20% / 0% / 0%.
30 Tage Mortalität: 30% / 30% / 20%.

Alles nicht signifikant, aber die Tendenz ist unübersehbar.

In den letzten Tagen gab es auch noch zwei Meldungen auf Portalen, die eher vom medizinischen Fachpersonal goutiert werden:

Amerikanische Wissenschaftler haben in Zusammenarbeit mit Forschern der medizinischen Universität in Debrecen, Ungarn, Daten zum Thema Vitamin D und Infektionen ausgewertet. Nun vermuten sie, dass eine Vitamin-D-Supplementierung als nützliche Maßnahme zur Risikominderung bei der aktuellen Corona-Pandemie angesehen werden kann. […] Diese Möglichkeit beruhe auf der Freisetzung von Cathelicidinen und Defensinen. Cathelicidine sind antimikrobielle Peptide und Teil der angeborenen Immunantwort. Sie werden hauptsächlich in Immunzellen von Wirbeltieren produziert dienen der Apoptose körpereigener Zellen. Defensine sind ebenfalls Peptide. Sie kommen als antimikrobielle Peptide in allen tierischen Organismen vor und dienen der Abwehr von mikrobiellen Erregern, vor allem Bakterien, sowie Pilzen und Toxinen. Diese Peptide könnten die Virusreplikationsraten senken. Gleichzeitig könnte die Anzahl von entzündungsfördernden Zytokinen gesenkt werden. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass eine geringe Konzentration an Zytokinen im Körper zu weniger Folgeerkrankungen führt - beispielsweise Lungenentzündung.

Vitamin D zur Risikominimierung

Hier werden drei Publikationen zitiert, von denen allerdings die zweite und interessanteste leider schon wieder von den Autoren zurückgezogen wurde. Die dritte hatte ich oben schon zitiert.

Es gibt also ausreichend Grund einen Zusammenhang von Vitamin-D-Level und dem Verlauf der Covid-19 Erkrankungen zu untersuchen. Der D-Level ist vor allem bei alten Menschen sehr niedrig, und dort bei denen mit Vorerkrankungen (geriatrisch/mulitmorbide) nochmals niedriger, sagt das BfR, genau das ist aber die Bevölkerungsgruppe mit einer enorm hohen Letalität bei Covid-19.

Vitamin D und K2

Mutter Natur ist nicht dafür bekannt, energiehungrige Prozesse im Körper "just for fun" zu unterhalten. Beispiel: Der Muskelabbau bei Nichtbenutzung ist rasant, jeder, der mal eine gerissene Achillessehne beklagen musste, weiß, dass die Wade binnen weniger Wochen "Lockdown" zu einem dünnen Würstchen degeneriert. Energiesparen ist das eiserne Gebot des Körpers, statt Energie verbraucht, wird lieber in Fettpölsterchen gebunkert, so möglich - für schlechte Zeiten.

Warum also sollten Naturvölker und Schimpansen energieaufwendig 45-50 ng/ml Vitamin D synthetisieren, wenn es nicht evolutionär von Vorteil wäre? Warum wir in Europa nur weniger als 20 ng/ml haben? Weil selbst unsere weiße Haut hier nicht in der Lage ist, mehr bereitzustellen, so wenig, wie wir draußen sind. Bis vor 5000 Jahren waren wir auch noch dunkelhäutig, das war offenbar evolutionär nicht so erfolgreich wie Hellhäutigkeit und Vitamin D ist hierfür die einleuchtendste Erklärung. Israelische Strandwachen haben übrigens häufig einen D-Level von 60 ng/ml, man müsste also nur viel draußen sein und am Mittelmeer wohnen ...

Allerdings haben die Strandwachen auch viel mehr Nierensteine schon in jungen Jahren. Deshalb hier eine kurze Info, die nichts mit Corona zu tun hat aber unbedingt wichtig ist: Um Level von dieser Höhe durch Supplementation zu erreichen, müsste der Durchschnittserwachsene nicht die von der DGE/den Ärzten üblicherweise verschriebenen 800 I.E. (20 mcg) D3 zu sich nehmen, sondern 4.000-5.000 I.E. pro Tag. Davon ist aber ohne zusätzliches Vitamin K2 grundsätzlich abzuraten.

K2 ist nur zu sehr kleinen Mengen in der Nahrung vorhanden; in fermentierter Nahrung z.B. im Sauerkraut oder im Kwas wäre genug, aber wer isst heute noch Sauerkraut oder trinkt vergorene Brotsuppe? Grundsätzlich kann K2 auch vom Körper aus K1 synthetisiert werden, aber für Mengen, die man mit einem D-Level von 45-50 ng/ml benötigt, müssten wir sehr viel mehr Blattgemüse essen, als wir das tun (die Schimpansen tun es natürlich).

Dass in unserem heutigen, überdüngten Turbogemüse weit weniger "Vitalstoffe" enthalten sind, wurde schon oft bemängelt, zuletzt von Starkoch Nelson Müller im TV bezeugt bezüglich Vitamin C in Südtiroler Äpfeln, da war der Gehalt: Nullkommanull.

Ein Ungleichgewicht zwischen D und K2 aber führt unweigerlich zu einer Hypercalcämie. Die bekommen wir mit unseren kleinen D-Leveln eher nicht, wohl aber die israelischen Strandwachen, wenn sie sich von Falafel und Hotdogs ernähren.

K2 sorgt für die richtige Verteilung des Calciums. Ohne K2 löst ein hoher D-Level zusätzlich Calcium aus den Knochen und verschärft die Osteoporose, trotz zusätzlicher Calciumgabe. Das haben leider viele Studien bewiesen, die auch andere Folgen der Hypercalcämie dokumentieren mussten: Neben Nierensteinen auch verstärkte Calciumplaque und folgend Herzinfarkte und Hirnschläge, bei sehr starker Hypercalcämie auch Nierenschäden bis zum Ausfall. Daher: Vitamin D niemals ohne korrespronierendes Vitamin K2 (nicht 'K' oder K1, nicht mk4, sondern mk7, nicht cis, sondern am besten alltrans). Dosen von 40 mcg K2 mk7 alltrans auf je 1000 I.E. werden referiert und teilweise entsprechend gemixt mit D-Präparaten angeboten.

Man muss es ganz deutlich sagen: Alle negativen Studien zu Vitamin D (zuletzt eine aus dem Jahr 2013-2017) waren ohne begleitendes K2 und das, obwohl der Wirkmechanismus von K2 seit 1985 bekannt ist. Vitamin D in hohen Dosen ohne K2 müsste man als Kunstfehler und fahrlässige Körperverletzung bezeichnen. Wobei als "hoch" alles über 800 I.E./d zu gelten hat, man andererseits mit solchen Dosen niemals auf den Massai/Hadza-Level kommt.

Last-not-least: Alles Mögliche wird gemessen bei Patienten auf Intensivstationen, nur der D-Level nicht. Kostet im Labor ganze 17 Euro. Keine Messung, keine Werte, ergo auch kein möglicher Zusammenhang, der dem Personal auffallen könnte.

Bei der Hausärztin für Kassenpatienten kostet es 30 Euro, die in der Regel nicht von der Kasse übernommen werden. Deshalb wird auch dort nur selten gemessen, was dazu führt, dass auch dort der Zusammenhang zwischen D-Wert und Gesundheitsstatus gar nicht auffallen kann - die Datenlage ist für einen erstmal ja zu "erfühlenden" Zusammenhang viel zu dünn, deshalb dürfen wir auch von den Praktikerinnen nichts erwarten.

Der Autor hat einem schwer betroffenen Landkreis 5000 Euro für Ex-post Vitamin-D-Tests, durchzuführen bei 120 Covid-19-Positiven mit unterschiedlichen Krankheitsverläufen, angeboten. Leider ohne Erfolg. Aber irgendwann wird es solche Tests und daraus resultierende Statistiken geben. Das Ergebnis ist absolut vorhersehbar. Und irgendwann wird auch der Spiegel seinen Vitamin-Artikel berichtigen müssen, spätestens wenn die Regierung Vitamin D erstmal für alle Pflegeheime verordnet.

Und bevor Maybrit Illner Herrn Drosten die Frage stellt - er hat sie schon am 3. April dem NDR beantwortet:

Anja Martini: Können wir noch mehr tun, können wir zum Beispiel irgendwas tun für unser Immunsystem und das aufbauen, vielleicht Vitamin C, Vitamin D [...]

Drosten: [...] Also irgendwelche Dinge zu nehmen, irgendwelche Vitamine, da mag es hier und da schon wissenschaftliche Evidenz für geben, aber das ist nicht mein Forschungsgebiet, damit kenne ich mich überhaupt nicht aus, und ich habe auch noch nie gehört, dass es da irgendwo einen durchschlagenden Effekt gäbe, so dass man jetzt sagen würde, im Rahmen einer so laufenden Infektionsepidemie muss man das speziell so empfehlen.

Covid-19 wird niemals nur eine einfache Influenza sein und Vitamin D wird Covid-19 niemals "heilen" können. Aber es könnte dem Körper helfen, die Infektion wesentlich besser abzuwettern, als das bei den zu niedrigen D-Leveln bislang der Fall ist. Und damit die Pandemie besser beherrschbar machen. Wie gesagt: Was das bedeutet, kann sich jeder ausrechnen.

Last-not-least: Es sind keinerlei schädliche Nebenwirkungen eines D-Levels von 50 ng/ml (bei entsprechender K2-Versorgung) bekannt, die Toxizität beginnt allen Referenzen nach bei ca. 140-150 ng/ml, eine Supplementation von 5.000 I.E/d D3 bei 70 kg Körpergewicht und entsprechender Zufuhr von 200 mcg K2 gilt als vollkommen sicher.

Lorenz Borsche hat Mathematik und Physik studiert, später Soziologie und Politologie. Er ist Software-Entwickler (POS/PPS) und Statistik sein langjähriges Steckenpferd. Vom Spiegel wurde er wegen seiner Kritik an PISA einmal ironisch als "Statistik -Guru" bezeichnet. Er ist Gründer der größten Buchhändlerinnen-EK-Genossenschaft (ebuch eG) mit einem eigenem, bundesweiten Webshop "genialokal.de". Zuletzt ist von ihm das Buch erschienen: Zucker: Tödliche Versuchung. Zur Vitamin D-These siehe auch seine Webseite: Hilft Vitamin D (& C) bei Covid-19?

(Lorenz Borsche)