Schuften von der Schule bis zur Bahre: Wirtschaft fordert "Rente mit 70"

Die gesetzliche Rente braucht eine Reform. Ökonomen und Wirtschaftsvertreter fordern ein höheres Renteneintrittsalter, was an den sozialen Realitäten vorbeigeht. Es ginge auch anders.

Stefan Wolf, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, hat sich ins Gespräch gebracht: Die Menschen in Deutschland sollten künftig erst mit 70 in Rente gehen, forderte er und löste damit eine Debatte aus.

Zuspruch bekam er von neoliberalen Ökonomen. "Der Vorschlag ist richtig und wichtig: Denn er hilft gegen Altersarmut und entlastet zudem die Rentenkasse, die vor dem Kollaps steht", erklärte am Dienstag zum Beispiel Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg der Bild-Zeitung.

Die "Wirtschaftsweise" Monika Schnitzer signalisierte Zustimmung. Gegenüber der Funke Mediengruppe erklärte die Münchner Wirtschaftsprofessorin: "Um die Rente auch in Zukunft zu sichern, gibt es drei Stellschrauben: Renteneintrittsalter, Beitragshöhe und Rentenhöhe". Man werde nicht umhinkommen, an allen drei Schrauben zu drehen, wenn künftige Generationen nicht überlastet werden sollen.

Unbegründet ist der Vorstoß nicht. Das Rentensystem in Deutschland steht unter Druck und ein Grund dafür ist der demografische Wandel: Immer mehr Rentnern stehen immer weniger Beitragszahler gegenüber.

Gleichzeitig beziehen die Menschen in Deutschland so lange Rente wie nie zuvor – dank längerer Lebensdauer. Die durchschnittliche Bezugsdauer lag 2021 bei 21,72 Jahren. Vor zehn Jahren waren es dagegen noch 18,3 Jahre.

Vor diesem Hintergrund scheint Wolfs Vorschlag nachvollziehbar zu sein – es bleibt dennoch unsozial. Denn er bedeutet: Knapp ein Fünftel der Beitragszahler käme gar nicht in den Genuss, einen Lebensabend mit Rente zu genießen – sie sterben nämlich vorher.

Ein Fünftel erreicht Rentenalter nicht

Der Bundesregierung ist dieser Umstand bekannt. Auf eine Anfrage der Linken antwortete sie im letzten Jahr, dass 19,8 Prozent der Verstorbenen jünger als 69 Jahren waren. 17 Prozent waren jünger als 67 Jahre und 14,4 Prozent vollendeten nicht das 65. Lebensjahr.

"Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Je höher das Rentenalter, desto weniger Menschen können jemals in den Genuss ihrer Rente kommen", hatte die Sozialexpertin der Linken, Sabine Zimmermann, die Daten kommentiert.

Der Trend setzt sich bei der Dauer des Rentenbezugs fort: Menschen mit niedrigen Einkommen und starken Belastungen leben kürzer als "diejenigen, die ohnehin auf der Sonnenseite des Lebens stehen", hieß es im Jahr 2019 beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

Der DGB hatte damals eine Studie dazu vorgestellt. Das zentrale Ergebnis:

Wer in seinem Arbeitsleben hohen Belastungen ausgesetzt war, stirbt früher als andere. Schlechte Arbeitsbedingungen beeinflussen also nicht nur das unmittelbare Wohlbefinden, sondern wirken über das Erwerbsleben hinaus - und führen dazu, dass die Betroffenen kürzer und damit weniger Rente bekommen.

Besonders wenig von der Rente hätten demnach Landarbeiter und Bergleute. Dagegen haben Beamte im höheren Dienst die höchste Lebenserwartung.

Aber nicht nur deshalb ist die "Rente mit 70", wie die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele, nun klarstellte. Es sei eine "reine Rentenkürzung" für viele.

Vor allem diejenigen, die heute in körperlich oder psychisch anstrengenden Jobs arbeiten, wären von einer Erhöhung der Regelaltersgrenze betroffen. Für diese Gruppe bedeutet eine Rente mit 70 eine reine Rentenkürzung, denn sie schaffen es schon heute kaum, bis zur Regelaltersgrenze zu arbeiten.

Verena Bentele

Präsident des Bundessozialgerichts mit Reformvorschlag

Die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) muss reformiert werden – das wird auch nicht von den Sozialverbänden bestritten. Beamte und Selbstständige sollen auch in die Rentenkasse einzahlen, fordert etwa der VdK seit Jahren.

Kürzlich mahnte auch der Präsident des Bundessozialgerichts, Rainer Schlegel, zu einer Reform der GRV. Seine Vorstellungen decken sich zum Teil mit denen der Sozialverbände. Beim 1. Bayerischen Sozialrechtstag sagte er kürzlich, auch Beamte und Selbstständige sollten künftig ihren Beitrag zur Rentenkasse leisten.

"Die derzeitigen Befreiungsmöglichkeiten für abhängig Beschäftigte und die Versicherungsfreiheit der Beamten, Richter und Soldaten sind nicht mehr zeitgemäß", argumentierte er. Deshalb sollten künftig ausnahmslos alle Erwerbstätigen einzahlen, auch geringfügig Beschäftigte.

Selbstständige einzubeziehen, sei schon deshalb notwendig, um Widersprüche im geltenden Recht zu beseitigen. Es gebe keine sachliche Rechtfertigung für die Befreiung von der Versicherungspflicht. Altersarmut, eine Abhängigkeit vom Ehegatten, Partner oder ein sich Verlassen auf die Hinterbliebenenrente seien dadurch vorprogrammiert.

Außerdem solle ein neues Sicherungsziel der GRV definiert werden – und zwar so, "dass jeder Erwerbstätige nach einem erfüllten Berufsleben – realistisch sind maximal 40 Arbeitsjahre – von seiner Altersrente gut leben kann".

In der öffentlichen Debatte bleibt dieser Vorschlag allerdings weitgehend unberücksichtigt. (Bernd Müller)