Schule als "kritische Infrastruktur"

Dank Masken und Hygieneregeln gelten Schulen als "weitgehend sichere" Orte. Doch wie lernt es sich damit auf die Dauer? Foto: Marc Thele auf Pixabay (Public Domain)

Ob Schulen in der Pandemie weiter offengehalten werden können, ist noch unklar. Eine Studie der Universität Tübingen gibt aber schon Hinweise, wie Distanzunterricht besser werden kann

Die deutsche Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) wünscht sich, dass Schulen künftig als "kritische Infrastruktur" angesehen werden. Denn sollten in nächster Zeit Corona-Tests wieder knapp werden, dann sollen die Schüler nicht das Nachsehen haben, sagte sie am Donnerstag im Bundestag. "Deshalb muss die Schule mindestens den Rang von Kultureinrichtungen bekommen in der kritischen Infrastruktur."

Wie wichtig Bildung sei, habe die Pandemie mit geschlossenen Schulen und Distanzunterricht "schmerzlich gezeigt", betonte sie. Nun müsse alles dafür getan werden, um Präsenzunterricht zu ermöglichen; damit werde das Recht der Kinder auf Bildung gewährleistet.

"Weitgehend sicher"

Mit ihren Aussagen im Bundestag warb sie erneut dafür, dass die Schulen in Deutschland geöffnet bleiben – trotz Omikron. Die Schulen seien durch Testen, durch Tragen von Masken und durch Hygienemaßnahmen "weitgehend sichere" Orte, hatte sie kürzlich gesagt. Man habe gesehen, dass durch Schulschließungen und Distanzunterricht "erheblichen Lernlücken" entstanden seien. Präsenzunterricht sei daher auch eine Frage der "Chancengerechtigkeit".

Mit ihrem Werben, die Schulen künftig zur kritischen Infrastruktur zu zählen, kommt Stark-Watzinger dem Drängen von Eltern und der Lehrergewerkschaft GEW entgegen. Beide hatten zum Beispiel in Brandenburg kurz vor Weihnachten gefordert, dass künftig in den Schulen alle – Lehrer, Angestellte und Schüler – täglich getestet werden sollen. Das tägliche Testen gehöre zu den Grundvoraussetzungen für das Offenhalten der Schulen, hatte der GEW-Landesvorsitzende Günther Fuchs erklärt.

Wenn die Schulen als kritische Infrastruktur anerkannt wären, dann kämen Bund und Länder den Eltern und Lehrern einen Schritt entgegen. Denn sie wären dann verpflichtet, dafür zu sorgen, dass es nicht zum Ausfall des Schulbetriebs kommt. Auch wenn sich dann vielleicht immer noch nicht alle jeden Tag testen müssten, so wären Bund und Länder zumindest verpflichtet, auch bei Engpässen eine ausreichende Zahl an Corona-Tests bereitzustellen.

Offene Schulen sind eine Lehre aus den zurückliegenden zwei Jahren Pandemie. Denn ein guter Distanzunterricht war in dieser Zeit kaum möglich. Die Qualität von Homeschooling war oft Glückssache, wie eine Untersuchung der Technischen Universität Dortmund zeigt.

Oft beschränkte sich Distanzunterricht darauf, Arbeitsblätter und Aufgaben zu übermitteln. Unterricht per Videokonferenz gab es dagegen nur selten. Bei vielen Schülern wirke sich dieser Zustand auf die Motivation zum Lernen negativ aus.

Sollten doch noch einmal die Schulen geschlossen werden, dann bleibt zu hoffen, dass die Bildungsministerien von Bund und Ländern aus den Erfahrungen der letzten beiden Jahre gelernt haben. Unter welchen Bedingungen Distanzunterricht gut laufen könnte, haben Forscher der Universität Tübingen untersucht. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift AERA Open veröffentlicht.

An der Studie beteiligten sich rund 3.200 Schüler, 1.700 Eltern und 300 Lehrer von weiterführenden Schulen in Baden-Württemberg. Untersucht wurde, wie im Frühsommer 2020 der Unterricht in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch konkret gestalten wurde. Und welche Methoden Eltern und Schüler als besonders hilfreich für das Lernen erlebten.

Es müssen keine perfekt gestalteten Videos sein

Es zeigte sich, dass der Kontakt per Video oder auch persönliche Treffen der Lehrer mit einzelnen Schülern zur Qualität des Unterrichts, aber auch zur Motivation der Schüler beitrugen. "Das große Bedürfnis von Schülerinnen und Schülern nach einem persönlichen Kontakt zur Lehrkraft zeigte sich auch eindrücklich an einem weiteren Ergebnis der Studie: Selbstgemachte Videos der Lehrkräfte wurden am besten beurteilt", erklärt Bildungsforscherin Ann-Kathrin Jaekel.

Dabei legten Schüler und Eltern keinen großen Wert auf perfekt gestaltete Videos. "Sie wollen lieber die eigene Lehrkraft sehen und das Gefühl haben, da hat sich jemand für uns richtig Mühe gegeben", fügte Jaekel hinzu. Dagegen wirkten sich Lernvideos, die von anderen Anbietern über Plattformen wie Youtube oder "Planet Schule" angeboten wurden, kaum auf die Qualität des Unterrichts aus.

Der regelmäßige persönliche Austausch mit Lehrern und Mitschülern ist auch im Distanzunterricht wichtig; aber Jaeckel betonte auch, dass dies zumindest für Lehrer einen großen Aufwand bedeuten kann. Von daher ist es zweifelhaft, ob die Ergebnisse der Studie bei der nächsten Schulschließung in die Gestaltung des Distanzunterrichts einfließen werden. Immerhin hatten vor einem Jahr schon neun von zehn Lehrern über die hohe Belastung durch Distanzunterricht geklagt – und damals war er nur selten hochwertig. (Bernd Müller)