Schule und Homeschooling: Corona wirbelt vieles durcheinander

Homeschooling? Aber da fehlt den Kindern doch so vieles und die Eltern können doch oft gar nicht helfen...

Bevor das große C (Corona) die Realität kräftig durcheinanderwirbelte, war Homeschooling etwas, das großflächig von der Politik abgelehnt wurde. Die Schulpflicht galt als sozusagen auf ewig festgeschrieben und der Hausunterricht wurde fast stetig in Verbindung mit sektenartig agierenden Personen gebracht. Hinzu kam die Annahme, dass Eltern meist nicht in der Lage wären, den Kindern bei ihren Hausaufgaben zu helfen, weshalb auch die Ganztagsschule langsam zur Normalität wurde.

Ein Kind kann vielleicht auch durch Homeschooling schulisches Wissen erwerben. Was ihm aber entgeht, sind eine qualifizierte Schulbildung und soziale Koedukation (Gemeinschaftserziehung) in der Schule, wie sie in einem Land wie unserem unverzichtbar sind. Eltern, die ihr Kind zuhause unterrichten wollen, gehören meist kleinen religiösen oder weltanschaulichen Gruppen an. Der Staat schützt solche Lebensweisen auch bis zu einem gewissen Maße. Er darf aber verlangen, dass die Kinder in der Schule jungen Menschen anderer Prägung begegnen. Nur so kann gegenseitiger Respekt wachsen.

Ulrich Pfaff, Berichterstatter der Kultusministerkonferenz (KMK) für Schulrecht

Trotz fortschreitenden Mobbings, Lehrermangel usw. wurde in Deutschland, anders als in Nachbarländern, nicht von der Schulpflicht abgewichen. Nur wenige Ausnahmen galten bisher für die Abkehr von der Schulpflicht; salopp wurde auch bei religiösen Menschen auf Konfessionsschulen verwiesen oder Privatschulen, als sei dies finanziell für jeden möglich.

Auch die Digitalisierung war kein Thema - während z.B. in Norwegen jedes Kind einen Laptop erhält, hieß es lapidar, dass ja wohl Hefte, Stifte, Kreide und Tafel genügen würden. Dass ein Kind heutzutage ein Smartphone, Tablet oder Zugriff auf einen PC hat, wurde vorausgesetzt, bei ALG II-Beziehern wurde neben den üblichen Statements wie "die hängen nur faul rum und saufen und qualmen" noch angenommen, sie hingen die ganze Zeit vor dem Fernseher oder vor dem PC.

Ach, das geht schon irgendwie

Seit Corona nicht nur die Nachrichten dominiert, sondern auch den Schulalltag durcheinandergebracht hat, rächt sich das Beharren auf der Schulpflicht. Plötzlich sind Eltern fähig genug, den Kindern nicht nur bei den Hausaufgaben zu helfen, sondern auch Respekt gegenüber anderen beizubringen usw..

Die Digitalisierung wird als große Chance angesehen, die Umsetzung dagegen ist ein Trauerspiel. Apps oder Konferenzmöglichkeiten funktionierten nicht. Es zeigte sich, dass Ausrüstung sowohl bei Lehrern als auch Schülern fehlte. Es fehlte Kompetenz bei der Frage, wie viel einem Kind zuzumuten ist und was es lernen soll. Letzen Endes führte dies dazu, dass, statt auf Durchschnittsnoten zu setzen, nun bundesweit ein Durcheinander entstanden ist, das nicht nur die Eltern, sondern insbesondere die Schüler selbst auch schlichtweg im Regen stehen lässt.

Mal gibt es Unterricht, mal keinen, manche Schulen verzichten ganz auf Unterrichtspflicht, manche überlassen es den Eltern, ob sie die Kinder zur Schule schicken oder nicht, wieder andere bieten Schichtunterricht an, der darin besteht, dass zwischen 9 und 10 Unterricht ist, dann drei Stunden lang Aufenthaltspflicht in der Turnhalle herrscht und danach erneut 1 Stunde Unterricht stattfindet. Selbst Überlegungen, den Unterricht nun, nachdem man das Schlimmste hinter sich sah, in die Sommerferien zu verlegen, waren im Gespräch, was die ohnehin schon schwere Planung von familiären Zusammensein noch weiter erschweren würde.

Wer in Chats mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam spricht, der findet sich umgeben von Frustration, Verzweiflung, Überforderung und Wut angesichts der vielen Defizite, die sich jetzt bemerkbar machen.

Bereits die Inhalte der Aufgaben lassen oft zu wünschen übrig. Da gilt es, ein Buch zu lesen und jeden Tag über eine Seite zu schreiben, was einem dabei durch den Kopf ging; Mathematikaufgaben sind in schier endlose Texte eingebunden; im Zweifelsfall werden Essays abverlangt, deren Thematiken so weitgreifend sind, dass sich die Frage stellt, worauf sich jemand konzentrieren soll usw. Hinzu kommt die Unsicherheit, wie es weitergehen soll - manche Schule hat bereits nach zwei Tagen wieder schließen müssen, alles auf Anfang sozusagen.

Homeschooling an sich ist insofern derzeit der Normalzustand und die früheren Argumente zählen nicht mehr, sondern werden schlichtweg unter dem reinen Bildungsauftrag begraben. Die Leidtragenden sind hier Eltern und Kinder gleichermaßen, die, kaum, dass irgendwann die "Corona-Krise" oder "Pandemie" als beendet erklärt wird, sich für das verteidigen werden müssen, was nun von ihnen verlangt wird. Dass die psychologische Betreuung während der Pandemie sowohl für Erwachsene als auch für Kindern in einem desolaten Zustand ist, ist dann nur noch das I-Tüpfelchen des Ganzen.

Es ist mehr als bedauerlich, wie lange es gedauert hat, hier einmal umzudenken und dass dafür erst ein Virus notwendig war. Und es ist nicht anzunehmen, dass die momentane Besinnung auf Digitalisierungmöglichkeiten und die Abkehr von der reinen Schulaufenthaltspflicht nach der Pandemie lange halten werden. (Alexander und Bettina Hammer)