Schulen im Corona-Modus: Frieren im Unterricht auch für nächsten Winter geplant

Ein Look auch für Innenräume? Die Meinung verfrorener Kinder und ihrer Eltern war jedenfalls nicht gefragt. Foto: René Bittner auf Pixabay (Public Domain)

Mobile Luftfilter und Bauteile werden zur Mangelware. Die Geräte sollen laut Bundesregierung nur zum Einsatz kommen, wo die Lüftungsmöglichkeiten eingeschränkt sind

Die Hoffnung auf mobile Luftfilter ist groß: Die Geräte sollen dabei helfen, vor allem Kinder in Grundschulen und Kindergärten vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Die Bundesregierung will jetzt eigens dafür 200 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Das hat das Bundeswirtschaftsministerium letzte Woche mitgeteilt. Die Hoffnung ist trügerisch, denn hier zeichnet sich eine neue Beschaffungskrise ab - und der flächendeckende Einsatz der Anlagen ist gar nicht geplant.

"Wir haben heute im Kabinett einen wichtigen Beschluss für Schulen und Kitas getroffen", hatte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am vergangenen Mittwoch gesagt. Man stelle den Ländern Geld für die Beschaffung von mobilen Raumluftreinigern zur Verfügung. "Gemeinsam mit den Ländern wollen wir damit einen Beitrag dafür leisten, den Präsenzunterricht und die Kinderbetreuung im Herbst und Winter auch bei Verschlechterung der Infektionslage aufrechtzuerhalten."

Frieren bevorzugt - von Regierenden, die nicht im Klassenzimmer sitzen

Was die Bundesregierung nur nebenbei erwähnt: Prioritär soll im Herbst und im Winter bei offenen Fenstern unterrichtet werden. Mobile Filteranlagen sollen nur dort zum Einsatz kommen, wo die Lüftungsmöglichkeiten eingeschränkt sind.

Damit folgt die Bundesregierung einer Empfehlung des Umweltbundesamtes (UBA). Luftfilter sieht das UBA nach wie vor nur als Ergänzung an - und wenn sie eingesetzt werden sollten, dann haben fest verbaute Anlagen Vorrang. Doch bis diese in allen Schulen einsatzbereit sind, kann es dauern: "Allerdings besitzen bis heute erst rund zehn Prozent der Schulen solche fest installierten Lüftungsanlagen", heißt es beim UBA.

Für den Einsatz der mobilen Anlagen unterscheidet das UBA nach Lüftungsmöglichkeiten. Wo das gut möglich ist, sei "der Einsatz mobiler Luftreinigungsgeräte nicht notwendig"; regelmäßiges "Stoß- und Querlüften" wäre ausreichend. Dies treffe auf die Mehrzahl der Schulräume zu. Bei 15 Prozent bis 25 Prozent der Räume sei die Lüftung nur eingeschränkt möglich; Fenster seien zum Beispiel nur ankippbar. Hier seien "mobile Luftreinigungsgeräte somit, neben der eingeschränkten Lüftung, ein wichtiges Element eines Maßnahmenpakets, die Konzentration virushaltiger Partikel in Innenräumen durch Filtration zu reduzieren oder luftgetragene Viren mittels Luftbehandlungsmethoden (UV-C, Ionisation/Plasma) zu inaktivieren".

Die dritte Kategorie an Räumen, die das UBA aufführt, sind Räume, die nicht gelüftet werden könnten. Diese seien aber aus "innenraumhygienischer Sicht" nicht für den Unterricht geeignet - auch nicht mit mobilen Luftfiltern. Beim UBA heißt es dazu: "Die mobilen Geräte beseitigen nicht die sich in einem Schulraum durch Atmung anreichernde Luftfeuchte, das Kohlendioxid und weitere chemische Gase aus Mobiliar und Bauprodukten. Daher muss auch bei Nutzung mobiler Luftreiniger regelmäßig gelüftet werden."

Die Linke macht Druck, die AfD hält Luftfilter für überflüssig

Mancherorts keimt aufgrund der Bundesförderung Hoffnung auf ein halbwegs normales Schuljahr. Im Brandenburger Landtag macht die Fraktion Die Linke Druck: Man erwarte von Bildungsministerin Britta Ernst (SPD), "dass sie schnellstens reagiert und alles in die Wege leitet, damit wir in drei Wochen mit Luftfiltern an Schulen und Kitas starten können", erklärte Kathrin Dannenberg, bildungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Die Zeit sei äußerst knapp. "Wieder hat Brandenburgs Bildungsministerium wertvolle Zeit verschlafen und wieder starten wir holterdipolter in das neue Schuljahr", so Dannenberg.

Für die AfD im Brandenburger Landtag ist das Ausrüsten der Schulen mit mobilen Luftfiltern nicht mehr als ein Verschwenden von Steuergeldern. Deren bildungspolitischer Sprecher Dennis Hohloch begründet dies damit, dass in der Vergangenheit "lediglich 0,02 Prozent der 1,2 Millionen Schülerschnelltests positiv ausfielen".

Eine schnelle Lösung wird es aber wohl nicht geben: Ein Bericht des Handelsblatts (Montagsausgabe) legt nahe, dass die Hersteller gar nicht so viele Geräte in kurzer Zeit liefern könnten, wie gebraucht werden. "Die Politik hat sehr spät reagiert, noch vor vier Wochen hat kaum jemand über die Raumluftreinigung in den Schulen gesprochen", sagte demnach Thomas Kneip, Chef der Wolf GmbH aus dem bayerischen Mainburg, einem der größten deutschen Hersteller. Er prophezeite demnach ein regelrechtes Wettrennen um die Geräte, da sich Schulträger genauso wie Veranstalter, die Gastronomie und Fitnesscenter jetzt um die mobilen Luftfilter bemühten. "Der Markt wird überfordert sein, wenn Kommunen jetzt deutschlandweit Hunderttausende Geräte für Schulen bestellen", sagte Kneip und betonte, unter diesen Umständen werde es zu "größeren Engpässen" kommen.

Ein anderer Hersteller erklärte, manche Schulträger hätten sich schon seit Wochen auf die Beschaffung von mobilen Luftfiltern vorbereitet; diese könnten nun umgehend über Bestellungen entscheiden. Diese Kommunen könnten bis September beliefert werden. Aber die Kommunen, die noch eine Weile warteten, müssten mit längeren Wartezeiten rechnen.

Ein anderes Problem sehen die Hersteller im Chipmangel. Die Geräte werden von Chips gesteuert, die in der gesamten Wirtschaft zur Mangelware geworden sind. Und weil die Hersteller mit anderen Branchen um die begehrte Elektronik konkurrieren, könne es bei größeren Bestellungen zu längeren Wartezeiten kommen. "Alle deutschen Schulen mit einem Luftfilter auszustatten könnte ein bis zwei Jahre dauern", ist die Prognose von Martin Jakobs, dem Chef der JK-Gruppe aus Rheinland-Pfalz, die er gegenüber dem Handelsblatt abgab. (Bernd Müller)