Schulen und Corona: "Ungleiches ungleich behandeln"

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Unzählige Fachkommissionen, alarmierte Entrüstung, aber ein guter Plan ist weit entfernt. Friedrich-Ebert-Stiftung fordert nun, benachteiligte Schüler gezielt zu unterstützen

Das Bildungssystem wurde durch die Corona-Krise mit besonderer Wucht getroffen. Diskussionen über eine notwendige Reform des Schulunterrichts angesichts "neuer Herausforderungen" gab es schon vor dem Frühjahr 2020, dem ersten Lockdown mit Schulschließungen. Wenn Elternansprüche auf Bildungsvertreter, Schuldirektoren und Lehrer trafen, ging es jedes Mal hitzig zu. An Streitthemen mangelte es nie.

Sie gingen von grundsätzlicher Kritik am Schulsystem - "Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern", Richard David Precht war bei manchen Eltern ein sehr beliebter Stichwortgeber - bis hin zu wütenden Auseinandersetzungen über eine Schulaufgabennote, die von Eltern mit Begleitung von Anwälten durchgefochten wurden, wie es unzählige Anekdoten erzählen. Man wolle doch nur das Beste für die Kinder, war die Überschrift.

Die Corona-Krise mit den Schulschließungen und den auf bislang beispiellose Weise überforderten Schülern, Lehrern und Eltern stellt die Diskussion auf eine völlig neue Grundlage. Jetzt wird Neues tatsächlich ausprobiert, die Vorschläge, dass sich der Unterricht mehr der digitalen Welt öffnen sollte, sind kein Veranstaltungsthema mehr, sondern sind Praxis geworden. Homeschooling ist das neue Reizthema. Ein bestimmtes Heatmap-Muster ist aber gleichgeblieben.

Auf der einen Seite gibt es eine alarmierte Entrüstung darüber, dass zu wenig Schulbildung vermittelt werde, dass die versäumten Lehrinhalte nicht mehr aufzuholen sind und dies Nachteile für die spätere Berufslaufbahn haben würde. Auf der anderen Seite gibt es die Klagen von Eltern, die von Überforderung reden, dass das alles nicht mehr zu schaffen ist. Die Kinder kämen mit der neuen Unterrichtsmethode nicht mehr mit, sie würden aussteigen. Dazu kommen Aussagen, wonach die Schule auch für warme Mahlzeiten gesorgt habe.

Einen Masterplan gibt es nicht. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, hat, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, einen solchen vor Weihnachten von den Bundesländern gefordert. Es ging ihm um die Beantwortung der Frage, wie die Lücken, die in mittlerweile zwei Lockdowns entstanden sind, zu füllen wären. Bislang wurde seine Forderung nicht erfüllt. Die Antwort ist "work in progress", sie wird, so der Eindruck, von Schule zu Schule unterschiedlich gegeben, wenn man genauer hinschaut: von Lehrer zu Lehrer.

In dem Artikel der SZ steckt allerdings auch ein interessanter Ansatz, der weiter reicht. Berichtet wird von der Expertenkommission im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, die im November letzten Jahres damit beauftragt wurde, bis Anfang 2021 Empfehlungen zu entwickeln. Der Arbeitstitel der Kommission der Bildungsfachleute lautet "Lehren aus der Pandemie: Gleiche Chancen für alle Kinder und Jugendlichen sichern".

Der Süddeutschen Zeitung lagen die Empfehlungen schon vor der Veröffentlichung vor und sie präsentiert daraus den Teil, von dem sie glaubt, dass er eine wichtige Debatte anregen kann. Die Überschrift dazu lautet "Ungleiches ungleich behandeln". Es geht um eine gezielte Förderung derjenigen Schülerinnen und Schüler, die aus Mangel an finanzieller Ausstattung, einem anderen Bildungshintergrund der Eltern, einer anderen Lebenssituation, bei weitem nicht so gut mit den neuen Unterrichtsmethoden zurecht kommen wie Kinder aus besseren Verhältnissen.

Die Kluft, die sich jetzt nochmal krasser auftut, wurde bereits in mehreren internationalen Leistungsvergleichen als deutsche Auffälligkeit herausgestellt. Die Corona-Krise bringt das nochmal anders in die Aufmerksamkeit. Der Vorschlag der Experten, wie ihn die Zeitung aus deren Empfehlungspapier herausgelesen hat, lautet so:

Für Kinder, die besondere Förderung brauchen, solle es jeweils eine Ansprechperson geben, die wenn möglich täglich Kontakt aufnimmt. Zudem sollen sie täglich "in stabilen Kleingruppen von bis zu vier Kindern" betreut werden, digital oder auch analog. Dafür müssten Räume außerhalb der Schule gefunden und Studierende oder pädagogisches Fachpersonal angeworben werden. Das Ziel: feste Strukturen für einen geregelten Tagesablauf.

Empfehlung der Bildungsexperten der Friedrich-Ebert-Stiftung, SZ

Ergänzt wird diese konkrete Empfehlung mit einer allgemeinen, wonach im zweiten Schulhalbjahr Prüfungen reduziert werden sollten und der Lehrplan entschlackt werden soll. Es gelte gerade in der Grundschule, "sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Lesen, Schreiben, Rechnen", wird der Bildungsexperte Kai Maaz, Geschäftsführender Direktor des Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation zitiert.

Doch heißt es auch, dass an den Schulen schnell viele Daten erhoben werden müssten, um Lernrückstände einschätzen und Schüler gezielt fördern zu können. Das bedeutet: Leistungstests. Es gehe hier aber nicht um Sanktionierungen, sondern um Diagnose, wird dazu gesagt. Ob das die Schülerinnen und Schüler auch so verstehen?

Update: Mittlerweile sind die Empfehlungen der Expert-Innen-Kommission der Friedrich-Ebert-Stiftung online: Lehren aus der Pandemie: Gleiche Chancen für alle Kinder und Jugendlichen sichern. (Thomas Pany)