Schulen und Digitalisierung reloaded

Bild: Harald Landsrath/Pixabay/CC0

Nachrichten aus der Wirklichkeit

Unlängst gingen auch im letzten Bundesland die Sommerferien zu Ende. Eine gute Gelegenheit, sich zu Beginn des neuen Schuljahrs einmal mit den digitalen Realitäten, bzw. realen Digitalitäten in und an deutschen Schulen auseinanderzusetzen. Denn die Debatte um Schule und Digitalisierung hat in den letzten anderthalb Jahren an Schärfe und Polarisierung gewonnen, nicht zuletzt durch die Ankündigung der Bundesregierung, im Digitalbereich erheblich investieren zu wollen. Der sogenannte Digitalpakt für Schulen ist in aller Munde und mit ihm eine Summe von etwa 5 Mrd. Euro, die der Bund für Schulen für den Zeitraum 2019 bis 2022 zur Verfügung stellen will.

Zur Debatte steht auch das Kooperationsverbot. Kritiker des Falls oder der Aufweichung des Kooperationsverbotes sehen darin eine Übergriffigkeit des Bundes in die im Grundgesetz nach Artikel 30 festgelegte Kulturhoheit der Länder, Befürworter aus fast allen Parteien erhoffen sich eine deutliche Verbesserung vor allem der in großen Teilen miserablen infrastrukturellen Situation. Denn laut einer Studie der staatlichen Förderbank KfW beläuft sich der aktuelle Investitionsrückstand an deutschen Schulen auf 47,7 Mrd. Euro, berichtete unlängst das ZDF-Magazin Frontal 21.

Eine Folge der jahrelangen Austeritätspolitik, die z. B. nicht nur auf die Verkehrsinfrastruktur, sondern auch auf die Bildungslandschaft voll durchgeschlagen ist. Dabei geht es noch nicht einmal um technische Ausstattungen der Schulen wie Computer, Beamer, WLANs usw., sondern in erster Linie um dringend notwendige Gebäudesanierungen, kaputte Toiletten, fehlende oder unzureichende Sporthallen, marode Dächer und weitere Baufälligkeiten.

Ein entsprechender, von der Linksfraktion gestellter Antrag zur Abschaffung des Kooperationsverbotes wurde am 22.11.2017 im Bundestag debattiert. Dabei sprachen sich Abgeordnete von Die Linke, SPD, FDP und Bündnis90/Die Grünen für die Abschaffung aus, jene von CDU und AfD waren dagegen. Die Positionierung vor allem der Grünen ist da nicht ganz eindeutig, denn Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann stemmt sich ebenfalls gegen die Abschaffung. Er befürchtet eine Zentralisierung der Bildungspolitik und schlägt stattdessen vor, die Steuern anders zu verteilen.

Wie auch immer sich das entwickeln wird, es kann davon ausgegangen werden, dass für Schule und Digitalisierung Gelder aus Berlin in Milliardenhöhe fließen. Das weckt Begehrlichkeiten, nicht nur seitens der Empfänger, der Länder und Kommunen, sondern auch seitens potentieller IT-Dienstleister aus der Privatwirtschaft. Zudem haben auch die Big Five, die IT-Multis Amazon, Apple, Facebook, Google und Microsoft sowie ihre Satelliten, den gebetsmühlenartig wiederholten Ruf ihrer neoliberalen oder libertären Thinktanks längst vernommen, dass Bildung in Zukunft weltweit ein Milliardenmarkt sein wird. Dabei liegt die Betonung auf Markt, nicht auf Bildung. Die Gurus der sogenannten Kalifornischen Ideologie basteln im Valley an der Zukunft der Bildung, die nach deren Vorstellungen "digital" sein soll.

Halten wir fest, der leider gerade von Vertretern aus der Politik häufig unachtsam verwendete Term "digitale Bildung" ist ein schmerzhafter maximaler semantischer Unfall, den unsere deutsche Sprache nicht verdient hat. Er ist nicht mal ein Begriff, denn daran lässt sich nichts be-greifen". Allerdings passt er optimal zum FDP-Wahlslogan zur letzten Bundestagswahl, "Digital first, Bedenken second". Was bitte soll an Bildung digital sein können?

Versteht man Bildung, das Sich-Bilden, als einen inneren Prozess der menschlichen Subjekte sowie als Prozesse der zwischenmenschlichen Kommunikation z.B. in einem Lehr-Lernverhältnis, dann ist Bildung weder digital noch analog. Denn das sind gar nicht ihre Kategorien. Allenfalls die äußeren Rahmen- oder Ermöglichungsbedingungen für Bildung können durch Digitales geprägt sein.

Wer also den Begriffsunfall "digitale Bildung" verwendet, gibt etwas, an dem unsere Innerlichkeit Teil hat, einer technischen Verdinglichung preis. Insofern lässt sich schon sagen, dass der Term seine Konsequenzen und damit auch seine eigene Bedeutung hat. Er deutet auf eine Haltung, die subjektives Menschliches gern aus der Betrachtung ausklammern will und die damit allzu hervorragend zum neoliberalen Warenfetischismus passt. Bildung als bloße Ware.

Vor diesem Hintergrund erheben sich - völlig zu Recht - natürlich auch Stimmen der Digitalisierungskritik. Denn das sollte zu einer gesellschaftlichen Debatte zur digitalen Revolution unbedingt dazu gehören. Profunde Kritik tut wirklich not. Ihre Aufgabe ist es, eine Differenz zu den existierenden politischen Vorstellungen und Vorhaben zu erzeugen, anhand deren eine erweiterte Reflexion des Themas ermöglicht wird, die einen kreativen Raum schafft, zu veränderten, weiter entwickelten oder völlig neuen Lösungen zu gelangen.

Also Bedenken first. Denn nicht zuletzt geht es darum, wie wir in Zukunft leben, lieben, lernen und arbeiten wollen. Aber was an der aktuell vorgebrachten Kritik wird diesem Anspruch gerecht, eine wirkliche Differenz zu schaffen?

Die lauteste Stimme hat zur Zeit das Bündnis für humane Bildung. Dessen Sprecher ist der Offenburger Medienwissenschaftler Ralf Lankau. Der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer und der Kölner Bildungsphilosoph Matthias Burchardt gehören, zusammen mit weiteren Persönlichkeiten aus meist universitären Bezügen, ebenfalls zu dem Bündnis und werden recht häufig zu Vorträgen und Veranstaltungen eingeladen.

Das Bündnis warnt mit humanistischem Impetus, das "digitale Bildung" "ein Projekt der Gegenaufklärung" sei und setzt dem landläufig verwendeten Begriff der Medienkompetenz den der Medienmündigkeit entgegen.

Leider wird diese Kritik ihrem eigenen, erklärten Anspruch der Wissenschaftlichkeit und Sachlichkeit nicht gerecht, denn schon hier stolpert sie. Ein Stolpern, das sich - wie zu zeigen sein wird - bis in die Details ihrer Argumente fortsetzt.

Der Begriff Medienkompetenz ist zwar - wie viele Begriffe aus den Geisteswissenschaften - nicht so scharf definiert wie etwa Naturwissenschaftliches. Er besitzt jedoch seit mehreren Jahrzehnten einen relativ klar umrissenen Konnotationsrahmen. Das lässt sich zum Beispiel bei Dieter Baacke (1934-1999) nachlesen. Er führte in die medienpolitische und medienpädagogische Diskussion "den Begriff der Medienkompetenz ein, der mittlerweile in zahlreichen Regierungsprogrammen, Koalitionsvereinbarungen und Verlautbarungen zur Kinder- und Jugendpolitik zu finden ist".

So trägt z.B. der in Nordrhein-Westfalen vereinbarte Medienkompetenzrahmen ganz deutlich die Handschrift Baackes. Nach Baacke steht der Begriff auf vier Säulen: Medienkunde, Mediennutzung, Mediengestaltung und Medienkritik. Zu Letzterem gehört ganz klar die Befähigung zur kritischen Reflexion, und das ist wiederum nichts anderes als Medienmündigkeit. Das hätte seitens der Kritik bei Baacke und anderen - hervorzuheben ist insbesondere das großartige Werk "Pädagogik der Navigation" (München 2003) von Franz-Josef Röll - problemlos nachgeschlagen werden können.

Alternativ hätte man auch mal einfach bei der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur nachfragen können. Die GMK mit ihren über 1000 persönlichen und 90 institutionellen Mitgliedern vertritt selbst sehr kritische Positionen zur Digitalisierung und klare Forderungen an die Bildungspolitik. Innerhalb der GMK wird immer noch völlig zu Recht beklagt, dass viele Kritiker unter Medienkompetenz vornehmlich das Erlangen rein technischer Fähigkeiten verstehen, wie bediene ich einen Browser, wo muss ich klicken, etc.? Dies entspricht jedoch, wie gezeigt, nicht der Faktenlage.

Was soll also diese an der begrifflichen Oberfläche verbleibende Kritik des Bündnisses für humane Bildung? Es lässt sich der Eindruck gewinnen, dass es weniger um Kritik oder Dialog, sondern eher um die Bewahrung einer Art universitär-geisteswissenschaftlichen Begriffshoheit gehen soll. Diese setzt sich jedoch dem Verdacht aus, ebenso ideologische Färbungen zu transportieren wie die Kalifornische Ideologie.

Für eine solche Interpretation spricht auch die Tatsache, dass Googles Engagement für die Verbreitung des Calliope Mini-Computers, eines Bastel- und Experimentierrechners, an Schulen kritisiert wird. Neben anderen Unternehmen fördert übrigens auch die deutsche SAP AG das Projekt. Was ist an dieser Förderung nun "gegenaufklärerisch"? Schließlich können Schüler damit spielerisch erste Schritte in der Welt des Programmierens und der Informatik machen und so einen Blick in technische Grundlagen werfen. Diese Argumentationslogik der Digitalisierungskritik erschließt sich nur dann, wenn man annimmt, dass es eben ein vornehmlich gegen Google gerichtetes Argument sein soll, der Versuch einer Stigmatisierung. Jedoch ist nicht alles, was der IT-Multi treibt, per se schlecht, und ganz sicher sind viele Aktivitäten des Konzerns sehr kritikwürdig. Auch in der Tiefe der Kritik wird schlicht danebengegriffen, was im Folgenden belegt wird.

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