Schwarz-weiß-rot TV

Die NPD findet, sie sei eine junge und dynamische Partei - nun produziert sie ihr eigenes Web-TV

Früher war alles besser. Rasselnde Panzerketten rollten zum Endsieg, lächelnde Landser reparierten flink wie Windhunde liegen gebliebenes Kriegsgerät und Stalingrad war keine Niederlage, sondern der letzte Beweis, dass man der Roten Armee mal richtig auf die Fresse hauen müsste. Die Deutsche Wochenschau vermittelte dies alles sehr glaubhaft der Heimatfront und weil der Begriff deswegen historisch belastet ist, traut sich die nach Eigenangaben „nationaldemokratische“ NPD nicht, ihr neues Internet-TV als Wochenschau zu deklarieren. Schlicht Die Woche - Kritische Nachrichten nennt man das „Fernsehprojekt von Kameraden [...], durch das die Berichterstattung von und über die Nationale Opposition gestärkt und professionalisiert werden soll.“

Der Mann, der das derzeit via Web seinen „Kameraden“ mitteilt, nennt sich Marcel Wöll. Er ist der hessische NPD-Landesvorsitzende und kommt aus der Medienmetropole Butzbach. Wöll ist der Chefsprecher des Wochenrückblicks. Die beiden bislang produzierten, zehn Minuten langen Videoclips kommen im blauen Outfit der Tagesschau daher, eine völlig unbekannte Nachrichtensendung, produziert in der medialen Provinz Hamburg. Wöll gibt sich redlich, wirkt in seinem dunklen Nadelstreifenanzug und der roten Krawatte seriös. Nur seine Frisur erinnert an einen Hooligan – Modell Bürstenhaarschnitt.

In diesem Outfit verliest Wöll Nachrichten aus und für die Braunszene. Dabei hat er das „Heil Euch, Kameraden“, mit dem er laut Forum des „Freien Widerstandes“ (FW) seine Rundmails einleitete, schlicht gegen ein „Guten Abend, meine Damen und Herren“ ausgetauscht. Und nach einigem Medienwirbel um Wölls Web-TV hat auch die Mutterpartei reagiert und etwas rhetorisch vermurkst das „Nachrichtenprogramm mit bewegten Bildern“ gelobt.

Die Partei kündigt derweil auch ihre eigene NPD-Medienoffensive an. Bald sollen Clips wie jene von Wöll unter Regie der NPD-Bundespartei produziert werden. Denn: „Die Menschen trauen den gleichgeschalteten Medien immer weniger“, findet NPD-Pressesprecher Klaus Beier. Für einen Moment muss er da wohl vergessen haben, was bislang in den Probesendungen Wölls zu sehen und hören ist: hinlänglich aus dem NPD-Zentralorgan Deutsche Stimme und den Veröffentlichungen auf den NPD-Homepages bekannte Nachrichten, angereichert mit Meldungen oder Facetten aus anderen Teilen der „Bewegung“. In Neonaziforen wird das Web-TV zwar überwiegend gelobt, aber jenes „parteigebundene“ stößt gerade den „Freien Kräften“ der Braunszene auf. So kritisch wie die Neue Zürcher Zeitung, die von „agitatorisch verzerrten Nachrichten“ schreibt, sehen die Neonazis das Projekt indes nicht.

Die NPD ist nicht nur stolz darauf, deutsch zu sein, sondern auch ganz besonders darauf, keine nationalsozialistische Partei zu sein. Mit Verweis auf den Parteinamen freuen sich die Mitglieder denn auch immer wieder darüber – als seien sie Buben beim Flaschendrehen, die den durch das Spiel wehrlos gewordenen Schwarm erstmals die Zunge in den Hals stecken dürfen –, dass sie „Nationaldemokraten“ sind. Wöll ficht derlei Firlefanz in seinem Nachbau des Tagesschau-Studios aber nicht an. Statt des ARD-Logos dient ihm als Sendersymbol die so genannte Schwarze Sonne. Jenes zwölfarmige, runde Hakenkreuz verklärt die Braunszene als historisches Symbol aus der Ära der altgermanischen Naturreligionen. Fachleute – die sicherlich nie vor eine NPD-Kamera gezerrt werden, außer vielleicht dereinst in Sachen Standrecht – halten das für eine Ausrede. Sie erinnern daran, dass die Schwarze Sonne in Nazideutschland eine Schöpfung der SS war, die das Symbol als riesiges Bodenmosaik in der SS-Kultstätte Wewelsburg bei Paderborn verewigte.

Doch Wöll scheint es zu gefallen, jenes für ihn historisch nicht belastete Symbol zu nutzen. Der adrett gealterte Pimpf sieht sich als Aufklärer. Er liest Meldungen ab über Ausländerkriminalität, wettert gegen angebliche Einflussnahme von Juden und lobt NPD-„Mahnwachen“ unter dem Motto „Stoppt Israels Töten von Kindern/Frauen in Libanon“. Wöll findet auch den iranischen Judenhasser Ahmadinedschad und dessen Holocaust-Karikaturen-Gaudi ganz dufte. Keinen Spaß versteht der NPD-Mann indes gegenüber Bundespräsident Horst Köhler. Der hatte doch tatsächlich kürzlich die Vertreibung der Deutschen aus den früheren Ostgebieten als Folge des Zweiten Weltkriegs dargestellt...

Auch wenn die Probesendungen teils noch etwas holprig wirken – in der Regel versucht Wöll, den seriösen Nachrichtenvorleser zu mimen -, könnte man flapsige Ausrutscher – „nun springt die jüdische Gemeinde im Dreieck“ – noch als Coverversion der modernen Medienwelt werten, wo Katastrophen von hippen Jungmoderatoren mit einem tapferen Lächeln, einem soliden Piepsstimmchen und einem dummen Spruch auf den Lippen vorgetragen werden. Doch bei Wöll ist jene Flapsigkeit die Ausnahme. Fast pathetisch erklärt er in seinem ARD-Nachbau den Zuschauern, dass viele Inder Adolf Hitler als „Heiligen“ verehren, da Hitlers Weltkrieg die britischen Truppen einst geschwächt habe und die Inder so ihre Kolonialmacht hätten vertreiben können.

War das wegen Wölls heimlichen Hauptdarsteller schon nahe dran am Original, bedarf es zum echten Wochenschau-Feeling jedoch eine angebliche Liveschalte zu dem Neonazianwalt Jürgen Rieger. Während eines „Gedenkmarsches“ für den ehemaligen Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess steht Rieger Wöll wie ein Feldherr am Rande der Schlacht Rede und Antwort. Rieger ereifert sich über die Bundsrepublik, die kein Rechtsstaat sei, und man hört über ihm tatsächlich einen Polizeihubschrauber lärmen, als herrsche schon wieder Kriegszustand. Was fehlt in dieser Komposition, sind Bilder von vorrückenden Landsern, die hinter Rieger vorbei ziehen. Doch „Die Woche“ zeigt nur schnöde Bilder von Hess-Märschen. Alleine die Bilder und Töne eines sehr begnadeten Hitler-Imitators, der in einer Mischung aus rollendem und keifendem R während einer Hess-Demo selbst eine bekannte deutsche Persönlichkeiten blass aussehen lässt, lassen Erinnerungen an Goebbels wach werden. Ganz großes Kino.

Zuerst hat Wöll die beiden Clips über YouTube verbreitet. Doch nach wenigen Tagen sperrte das Video-Portal die Dateien. Wie Spiegel-Online vermutet, könnte dies an urheberrechtlichen Problemen bei Teilen des Bildmaterials liegen. Gegenüber Spiegel-Online kündigte die Partei indes an, die Clips künftig über eigene Server anzubieten. Derzeit kursiert das Material im Netz auf Neonaziseiten wie dem FW-Portal. Und NPD-Sprecher Beier – „Beauftragter für neue Medien“ – sagte, dass die Partei unterdessen an Konzepten feile, Wölls Idee zu professionalisieren. Der Grund dafür sei, dass die normalen Medien die NPD ignorierten. Aber Mitte November wolle man dann richtig auf Sendung gehen, so Beier. Ob die NPD auch die Casting-Show „Deutschland sucht den Super-Hitler-Imi“ produzieren wird, traute sich Spiegel-Online nicht zu fragen. (Michael Klarmann)

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