Schweden: Fürsorgliche Stromstöße ins Hirn

Elektrokonvulsionstherapie als Display im Glenside Museum. Bild: Rodw / CC-BY-SA-4.0

"Elektroschocks sind wie einen Rechner starten", sagt der Psychiater, "Elektroschocks sind wie Dunkelheit trinken", sagt die Betroffene

Linda Boström-Knausgard, Ex-Frau des bekannten Romanautoren Karl-Ove Knausgard und selbst in mehrere Sprachen übersetzte Schriftstellerin, hat kürzlich einen Roman namens "Oktoberbarn" (kleiner Oktobrist) veröffentlicht, der die Erlebnisse der Autorin in der schwedischen Psychiatrie mit Elektroschocktherapie verarbeitet.

Der stark autobiographische Roman fängt dort an, wo Karl-Ove Knausgards "Lieben" aufhört. Der norwegische Autor beschreibt in seinem Roman schonungslos seine Ehe und die psychische Erkrankung seiner Frau, die aufgrund ihrer Borderline-Persönlichkeitsstörung unter schweren Depressionen leidet. Die sechsteilige Romanserie, die außerhalb Deutschlands in den meisten Ländern "Mein Kampf" heißt, war vor allem wegen dieser Offenheit über das gerne tabuisierte Thema populär und umstritten.

Die Autorin Linda Boström-Knausgard, 46 Jahre alt, Mutter von vier Kindern bekam wegen schwerer Depression vor fünf Jahren ihre erste Elektroschockbehandlung, danach folgten mehrere Behandlungen, der Zwangseinweisungen in die "Fabrik" vorangegangen waren, wie sie die Psychiatrie benennt.

"Die Elektroschockbehandlung heilt nichts"

Bei der Elektrokonvulsionstherapie (ECT), wie sie in der Fachsprache genannt wird, werden unter Narkose der Stromstöße in das Hirn geleitet, die eine Überregung dort auslösen. Als Anwendungsberich gelten schwere Depressionen und manische Zustände sowie Schizophrenie. "Zählen könne sie die Behandlungen nicht mehr", hat sie jüngst der Zeitung Svenska Dagbladet offenbart. Denn durch die Stromimpulse geht etwas verloren, was für Schriftsteller essentiell ist - die Erinnerung. Zumindest vorläufig, bei manchen jedoch für immer.

Die Autorin beschreibt in dem Roman, der bislang nur auf Schwedisch erschienen ist, wie langsam die Bilder und Gedanken der Vergangenheit zurückkehren. Aber auch Beobachtungen in der überlasteten Psychiatrie in Schweden, die zunehmend auf dieses Verfahren setzt. Patienten, die so behandelt werden, würden in einem Raum "Körper an Körper" nebeneinander liegen. Wer nach der Behandlung aus der Narkose aufwache, würde schreien.

"Die Elektroschockbehandlung heilt nichts", meint Boström-Knausgard im Interview mit der Zeitung. Sie sei nach einer kurzen Unterbrechung der Depression bald wieder an der gleichen Stelle angelangt und musste wieder eingeliefert werden. In dem Roman entbrennt ein Machtkampf zwischen der Institution und der Patientin. Die Autorin selbst wollte in Schweden eine Debatte anstoßen.

Eingeführt wurde die Methode in den späten 30er Jahren erstmals von dem italienischen Arzt Ugo Cerletti, der sie an Tieren erprobte. Das Verfahren, das dann später in vielen Psychiatrien weltweit übernommen wurde, ist mit vielen Horrorvorstellungen verbunden, da sich Patienten durch die starken Zuckungen die Knochen brachen. Am bekanntesten ist die filmische Darstellung in dem Film "Einer flog über das Kuckucksnest". Mittlerweile werden sanftere Formen angewendet.

In Deutschland ist die Methode hohen Auflagen unterworfen, dazu gehört auch die Freiwilligkeit der Patienten. Ihre Berechtigung ist Gegenstand einer ständigen Debatte. Als Alternative gilt etwa die Magnetstimulation.

Befürworter der ECT verweisen darauf hin, dass es manchmal keine Alternative zu der Methode gebe, da Medikamente nicht anschlagen und dass so Menschenleben gerettet würden. In Skandinavien, USA, Kanada und Australien ist die Methode weitaus verbreiteter.

Zwangsanwendungen

In Schweden gibt es, wie die Autorin schildert, auch Zwangsanwendungen. Denn dort hat der Staat eine größere Fürsorgepflicht gegenüber dem Einzelnen. In Sachen Wohlfahrt aber auch in Sachen Eingriffe in die persönliche Freiheit. Die schwedische Sozialbehörde "Socialstyrelsen" fordert eine Ausweitung der Behandlung in der Anzahl und auch in der Altersgruppe. Die Behörde hat Ende 2017 neue Richtlinien herausgegeben, wonach sie auch die Behandlung von Kindern als angemessen erklärt, was bereits umgesetzt und stark kritisiert wurde.

Auch der EU-Kommissar für Menschenrechte, Nils Muižnieks, kritisierte die Zwangsanwendung von ECT in Schweden. In letzter Zeit häufen sich Zeitungsberichte über Klagen von Fehldiagnosen und von ehemaligen Patienten, die ihr Gedächtnis verloren haben. Im vergangenen Jahr wurden 4130 Patienten in Schweden mit Elektroschocks behandelt, seit sechs Jahren die höchste Zahl.

Neben der Schilderung der schwedischen Psychiatrie wird auch die Trauer um das Ende der Ehe (mit Karl-Ove Knausgard) verhandelt, Trennung und Krankheitsverlauf scheinen miteinander untrennbar verbunden. Der Titel des Romans bezieht sich auf die Pionierbewegung in der Sowjetunion, deren Uniform die Romanfigur in der Schulzeit trug, um ihrer Sehnsucht nach Einordnung in ein Kollektiv Ausdruck zu geben. Von der Autorin wurde bislang der Roman "Willkommen in Amerika" ins Deutsche übersetzt. "Oktoberbarn" soll auch auf Deutsch erscheinen. (Jens Mattern)