Schweden in der zweiten Welle: Die Ernüchterung

Die Dynamik der zweiten Welle hat Schwedens Gesundheitsbehörde (Folkhälsomyndigheten) kalt erwischt. Die Corona-Fallzahlen übersteigen selbst die pessimistischsten Szenarien, die Krankenhäuser füllen sich, und es sterben wieder mehr Menschen

Zunächst einmal: Es gibt immer noch keine Maskenpflicht in den meisten Situationen. Es gibt keine Bußgelder, wenn sich Personen aus zu vielen Haushalten privat treffen. Kosmetiktstudios haben weiterhin geöffnet. Allerdings gelten nun in allen Regionen die verschärften lokalen Empfehlungen, die in vielen Punkten einem Lockdown light ähneln - man möge seine Kontakte so weit wie möglich beschränken, Menschenansammlungen meiden, keine Partys feiern und auf Einkaufsbummel verzichten. In einigen Regionen wird auch vom öffentlichen Nahverkehr und vom Reisen abgeraten. Um dies zu unterstützen, haben die meisten Museen, viele öffentliche Sport- und Freizeiteinrichtungen und sogar Skansen geschlossen.

Dazu kommen Beschränkungen, die Gesetz sind, wie die Höchstgrenze von acht Personen für öffentliche Veranstaltungen (Ende des schwedischen Sonderwegs) und das Ausschankverbot für Alkohol nach 22 Uhr. Dass hier die Regierung die Initiative übernahm, wurde auch international aufmerksam registriert. Immer wieder muss sich Staatsepidemiologe Anders Tegnell inzwischen die Frage gefallen lassen, ob er das Vertrauen der Regierung verloren habe. Man sei in ständigem Austausch, und die Regierung regele das, was eine gesetzliche Regelung benötige, sagt er dann. Es ist allerdings nicht zu überhören, dass die Ermahnungen von Stefan Löfvén inzwischen deutlicher und schärfer sind als die des obersten Epidemiologen.

Im September, als Schweden niedrige Zahlen vorweisen konnte und die zweite Welle dort noch nicht begonnen hatte, genoss Staatsepidemiologe Anders Tegnell große Popularität. Doch er und seine Behörden-Kollegen haben die zweite Welle zuerst nicht wahrhaben wollen und auch unterschätzt. "Nach der Prognose von Folkhälsomyndigheten haben wir einen Hügel erwartet, aber es sieht aus, als seien wir auf dem Weg zu einem Kebnekaise", sagte eine Chefärztin in Stockholm zu SVT.

Zuletzt lag Schwedens 14-Tage-Inzidenz bei 634,3 pro 100 000 Einwohner. 229 Personen befinden sich aufgrund von Covid-19 auf der Intensivstation. Das ist noch weit entfernt vom Spitzenwert im April mit 558, aber die Zahlen steigen. Die 14-Tage-Sterblichkeit liegt aktuell laut ECDC bei 3,5 pro 100 000 Einwohner, Tendenz ebenfalls steigend.

Die Behörde verweist darauf, dass es sich nicht um Prognosen, sondern um Szenarien gehandelt habe, die aufgrund der Umstände mit Unsicherheiten behaftet gewesen seien. Die Medien haben aber alte Einschätzungen Tegnells und seiner Kollegen zu Corona herausgesucht, die sich auch nicht erfüllt haben. Ein Expressen-Kommentator kam deshalb zu dem Schluss, dass auch Krake Paul diesen Job hätte erledigen können.

Nicht erfüllt hat sich beispielsweise die Hoffnung, dass eine wachsende Immunität die Virusverbreitung dämpfen könnte. Herdenimmunität, so hatte Anders Tegnell immer wieder betont, sei kein Ziel der schwedischen Strategie. Immunität sei aber eine willkommene Nebenwirkung. Die Frage nach der Immunität genoss große Aufmerksamkeit und war Gegenstand wildester Spekulationen. Tegnells Vorgänger Johan Giesecke hatte sogar von Herdenimmunität in Stockholm im Mai orakelt.

So ist es nicht gekommen. Stockholm gehört zu den Regionen, die von der zweiten Welle erneut am meisten betroffen sind. "Wir sehen keine Anzeichen dafür, dass wir eine Immunität in der Bevölkerung haben, die die Ansteckungen bremst", musste Tegnell in einer Pressekonferenz einräumen. Der Mathematiker Tom Britton, der mit Modellrechnungen zur Diskussion beigetragen hatte, bedauert dies nun in einem Interview mit Dagens Nyheter. Möglicherweise hätten Menschen sich zu sehr auf den Effekt der Immunität verlassen und sich nicht mehr an die Empfehlungen gehalten. Nach zehn Monaten Pandemie, mit 243 000 Infizierten und 6681 Toten in Schweden kann man jedenfalls den Schluss ziehen, dass von einer Herdenimmunität nichts zu merken ist.

"Geh nicht ins Fitnesstudio!"

"Geh nicht ins Fitnessstudio. Geh nicht in die Bibliothek. Veranstalte keine Feste" - so redete jüngst Ministerpräsident Stefan Löfvén den Bürgern ins Gewissen und ermahnte sie, ihre Pflicht zu tun und Verantwortung zu übernehmen. Doch eine schwedische Regierung kann weder Fitnessstudios, Restaurants oder Einkaufszentren einfach schließen, solange diese sich an die gesetzlichen Auflagen halten. Dazu fehlt die gesetzliche Grundlage, die in Deutschland das Infektionsschutzgesetz bildet.

Im Frühjahr hatten sich Regierung und Opposition auf eine zeitlich befristete Ausnahmeregelung geeinigt, die aber nicht in Anspruch genommen wurde und inzwischen ausgelaufen ist. Über einen neuen Anlauf ist nichts bekannt, allerdings wird an einem Pandemiegesetz gearbeitet, das mehr Möglichkeiten böte. Das wird wohl aber erst zum Sommer fertig. Da dabei vom Grundgesetz geschützte Freiheiten berührt werden, müsse dieses Gesetz sehr sorgfältig vorbereitet werden, erklärte Gesundheitsministerin Lena Hallengren.

Im Frühjahr hatten die Kontakt- und Reisebeschränkungen auf Empfehlungsbasis eine Wende gebracht, wenn es auch länger dauerte als in den Lockdown-Ländern. Dies zeigt auch der jüngst herausgekommene OECD-Gesundheitsbericht, der Covid-19 einen eigenen Teil widmet. Die Empfehlungen der zweiten Welle funktionieren weniger gut, obwohl sie eigentlich noch viel weiter gehen als die aus dem Frühjahr. So erhielt Uppsala diese verschärften Regeln bereits am 20. Oktober, doch eine Trendwende gab es dort bisher nicht, möglicherweise einen etwas verlangsamten Anstieg.

Für Schweden insgesamt stieg die Zahl der Infizierten pro Woche zuletzt nur noch wenig - dabei könnte aber auch eine Rolle spielen, dass die Testkapazitäten an ihre Grenzen kommen. Das neue Szenario der Gesundheitsbehörde beruht auf den Zahlen bis zum 6. November und sieht einen Anstieg bis Mitte Dezember vor.

Diskussion über Mund-Nasen-Schutz

Mit den gestiegenen Infiziertenzahlen flammte auch die Diskussion um den Mund-Nasen-Schutz wieder auf, der anderswo längst Alltag ist, wenn auch nicht von allen geliebt. Das renommierte Karolinska Institut in Stockholm spricht sich schon länger dafür aus und verlangt dies auch auf dem eigenen Campus, wo man keinen Abstand halten kann. Nun hat sich auch die schwedische Kungliga Vetenskapsakademien dafür ausgesprochen.

Immer mehr Diskutanten fordern, den Mundschutz offiziell in bestimmten Situationen zu empfehlen, wie beispielsweise im öffentlichen Nahverkehr. Die Haltung von Folkhälsomyndigheten sei wirklichkeitsfremd. Inzwischen nutzen einige den Mundschutz in Bus und Bahnen sogar freiwillig - und wer auf diese angewiesen ist, wäre vermutlich dankbar, wenn dies offiziell empfohlen würde. Allerdings hat die Diskussion darüber inzwischen auch eine ideologische Note bekommen.

Kein Zwangstötungen von Nerzen

Schweden geht auch seinen eigenen Weg, was dem Umgang mit coronainfizierten Nerzen angeht. Im Gegensatz zu Dänemark (Dänisches Wuhan?) ist das Gewerbe in Schweden allerdings unbedeutend, es gibt noch knapp 40 solcher Farmen, die meisten in Blekinge. Auf zehn davon wurde das Coronavirus bei den Tieren nachgewiesen, der erste Fall trat im Oktober auf.

14 Personen aus der Nerzbranche sind mit dem Virus infiziert. Es ist allerdings unklar, ob sie sich gegenseitig angesteckt haben oder bei den Tieren. Bisher wurde dort auch keine Mutation wie in Dänemark nachgewiesen. Da 80 Prozent der Tiere ohnehin nun für die Entpelzung getötet werden, werden die Farmen zwar überwacht und haben besondere Vorschriften bekommen - Zwangstötungen wie in Dänemark oder den Niederlanden gibt es jedoch nicht.

Aufarbeitung der ersten Welle

Die Erinnerung an die erste Welle kam wieder hoch, als vor kurzem die Aufsichtsbehörde für den Pflegebereich (Inspektionen för vård och omsorg, IVO), ihren Untersuchungsbericht vorstellte. Dieser fiel vernichtend aus - es habe ernsthafte Mängel in allen Regionen gegeben.

IVO hatte 847 gemeldete Fälle in 98 Seniorenheimen anhand der Patientendokumentation untersucht. Dabei ging es vor allem darum, dass viele kranke Bewohner von Seniorenheimen keine individuelle ärztliche Beurteilung bekommen haben und dass der Übergang von der therapeutischen zur palliativen Versorgung nicht den geltenden Regeln entsprach. Diese Vorwürfe waren nicht neu, sind aber nun auch offiziell dokumentiert. Die von der Regierung eingesetzte Coronakommission, deren erster Bericht sich verspätet, wird dies zur Kenntnis nehmen.

Eine Aufarbeitung der ersten Welle mitten in der zweiten - das sorgt für eine gewisse Ernüchterung, nicht nur in Bezug auf die Seniorenheime. "Das Urteil der Geschichte über Löfvén, die Regierung und die beteiligten Behörden kann hart werden", äußerte jüngst Kommentator Mats Knutsson von SVT - bisher eher regierungsfreundlich. Aber Pandemieforscher haben nun Material für Jahrzehnte. (Andrea Seliger)