Schwedens Politiker wollen den Gang in eine bargeldlose Gesellschaft verhindern

Alte Banknoten. Bild: www.riksbank.se

In vielen Ländern sind bargeldlose Zahlverfahren gestiegen, aber auch die Zirkulation von Bargeld. Schweden nähert sich hingegen rasant dem Verschwinden von Münzen und Scheinen

Das Committee on Payments and Market Infrastructures der BIS (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) konstatierte unlängst in einem Bericht, dass die Verwendung von Geldkarten und deren Zahl zwischen 2000 und 2016 weiter angestiegen ist. Die Geldkarten würden für immer kleinere Zahlungen verwendet. Am meisten benutzt werden sie in Australien, Südkorea, Schweden und den USA, wobei in Russland, Brasilien und Südkorea die kleinsten Zahlungen damit getätigt werden. In Deutschland werden Geldkarten vergleichsweise wenig eingesetzt und die Zahlungshöhe ist am geringsten.

Man sollte also meinen, dass mit steigenden Kartenzahlungen und der Verbreitung von digitalen Währungen die Verwendung von Bargeld zurückgehen müsste. Es ist aber gerade das Gegenteil der Fall. Die Zirkulation von Bargeld hat in den untersuchten 22 Ländern im selben Zeitraum nämlich gleichfalls zugenommen, wenn auch nur um 2 Punkte von 7 auf 9 Prozent des BIP. Hauptgrund sei das Wirtschaftswachstum in den reichen Ländern, es könne aber in den "emerging markets" auch mit der Zahl der verfügbaren Bankautomaten zu tun haben.

Den größten Anstieg verzeichneten Hongkong und Japan. Dagegen ist die Bargeldnachfrage in China um 5 Prozent gesunken. In Schweden beträgt die Bargeldzirkulation nur noch 2 Prozent vom BIP. Island lag 2000 mit 1,2 Prozent weit darunter, Schweden, Norwegen und Dänemark lagen damals bei 3-4 Prozent. Aber die Finanzkrise hat das Misstrauen in den bargeldlosen Zahlungsverkehr offenbar gestärkt und die Bargeldzirkulation ist mit 2,4 Prozent des BIP wieder über die von Schweden und Norwegen gestiegen.

In den meisten Ländern ist die Zahl der großen Banknoten - die Schweiz hat mit dem 1000-Franken-Schein diejenige, mit dem höchsten Wert - kontinuierlich gestiegen, was die BIS als Hinweis wertet, dass Bargeld zunehmend als Wertanlage genutzt wird und weniger als Zahlmittel: "Payments are a-changin' but cash still rules." In Südkorea und Russland stieg die Zahl der großen Geldscheine, während die der kleinen sank.

Schweden ist wieder eine Ausnahme, da hier seit 2007 die Zahl aller Geldscheine zurückgegangen ist und das Land sich einer bargeldlosen Gesellschaft nähert, was auch schon länger von der Sveriges Riksbank angestrebt wurde, da Geschäfte kein Bargeld mehr vorrätig haben müssen. Nach Schätzungen werden 25 Prozent der Händler bis 2020 kein Bargeld mehr annehmen, 2025 sollen es bereits 50 Prozent sein.

Ganz anders die Situation in Deutschland. Nach einer im Februar veröffentlichten Bundesbank-Studie zum "Zahlungsverhalten in Deutschland 2017" geht hervor, dass Bargeld "weiterhin das beliebteste Zahlungsmittel" ist. Bei 74 Prozent der Einkäufe mit Bargeld bezahlt, 2014 waren es aber allerdings noch 79 Prozent. Beträge unter 50 Euro werden meist bar bezahlt. 107 Euro an Bargeld sollen die Deutschen durchschnittlich im Geldbeutel haben, was heißt, dass viele deutlich mehr mit sich herumschleppen. Seit 2008 hat sich da nichts geändert. Nur relativ langsam steigen die Deutschen auf bargeldlose Verfahren mit Karten, PayPal oder Sofortzahlungen um, aber die Nutzung steigt an. Gleichwohl wollen 88 Prozent auch in Zukunft mit Bargeld bezahlen, eine Bargeldabschaffung oder -einschränkung wird deutlich abgelehnt.

Bild: www.riksbank.se

Offenbar wächst nun auch in Schweden der Widerstand gegen den gewollten Trend zu bargeldlosen Gesellschaft. Der Riksbank-Ausschuss im Parlament, der für die Kontrolle der Zentralbank zuständig ist, hat vor kurzem mit der Unterstützung aller Parteien vorgeschlagen, die größten Banken des Landes zu zwingen, Bargeld vorrätig zu halten, um dessen schnelles Verschwinden zu verhindern. Viele Bankfilialen, Geschäfte und Restaurant haben kein Bargeld mehr und nehmen auch keines mehr an.

Größere Banken mit Einlagen von mehr als 8 Milliarden US-Dollar würden weiterhin dafür sorgen müssen, dass die Kunden Bargeld abheben und einzahlen können. Die Abgeordneten wollen, dass solche Bargelddienste der Banken in einer vernünftigen Entfernung im ganzen Land angeboten werden müsse. Maximal solle die nächste Möglichkeit zum Abheben 25 km entfernt sein - das ist schon ganz schön weit. Dabei wäre es aber egal, wie Banken die Bargeldabhebung anbieten, also in einer Filiale, mit Bankautomaten oder an Kassen. Würden die Auflagen nicht eingehalten, wären Strafzahlungen fällig.

Allerdings ist nicht ganz klar, ob das Bedürfnis der Menschen nach Bargeld so hoch ist, nach einer Rijksbank-Studie zahlen die Menschen eben auch immer mehr mit Karten oder mit mobilen Zahlverfahren. Auf die Frage, welche Bezahlmethode sie im letzten Monat benutzt haben, sagten 2014 noch 87 Prozent Bargeld, 2018 nur noch 61 Prozent. Die Kreditkartennutzung bliebt mit 93 Prozent gleich, die Nutzung von Smartphones (Swish) stieg hingegen von 10 auf 62 Prozent an. Junge Menschen verwenden Bargeld bereits deutlich weniger als ältere. Gefragt, wie sie den letzten Einkauf bezahlt haben, sagten nur noch 13 Prozent mit Cash, 80 mit einer Girokarte und 7 Prozent mit einer Kreditkarte. 20 Prozent holen sich kein Bargeld mehr von einem Bankautomaten, nur noch 6 Prozent holen sich einmal oder mehrmals von einem Bankautomaten Bargeld. Noch ist es offenbar relativ selten, dass man in Geschäften nicht bar bezahlen kann.

Ein Viertel der Befragten sagte, sie fänden das Verschwinden von Bargeld sehr gut, für weitere 23 Prozent wäre das ziemlich gut. Stark dagegen sprechen sich nur 12 Prozent aus, eher negativ finden das 15 Prozent, womit die Bargeldliebhaber bereits in der Minderheit wären. Der Anteil der Befürworter einer bargeldlosen Gesellschaft hat zugenommen. Auf größeren Widerstand trifft das Verschwinden von Bargeld in der ländlichen Bevölkerung. Hier sehen das 35 Prozent sehr oder eher negativ und 33 Prozent sehr oder eher positiv.

In einer anderen Umfrage im Auftrag von Bankomat, die interessiert sind an Bargeld, kam heraus, dass 68 Prozent der Befragten weiterhin die Möglichkeit haben wollen, mit Bargeld zu bezahlen. Bei den 18-29-Jährigen sagt dies auch noch eine Mehrheit von 56 Prozent, bei den über 65-Jährigen wollen 85 Prozent am Bargeld festhalten. Es scheint halt doch immer darauf anzukommen, wer frägt.

Der Bankenverband protestiert. Nur einzelne Banken zu Bargeld zu verpflichten, verstoße vermutlich gegen die Gesetze und verursache erhebliche Kosten für die betroffenen sechs Banken. Selbst Riksbank-Chef Stefan Ingves warnte, dass in Krisensituationen das Fehlen von Bargeld problematisch werden könne, beispielsweise wenn der Strom ausfällt. Er forderte gesetzliche Regelungen des Zahlungssystems und einen Zwang für Banken, weiterhin mit Bargeld umzugehen, aber auch die Einführung einer digitalen Währung. (Florian Rötzer)

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