Schwedens beneidenswerte Lage im Anti-Corona-Kampf

Während die Infiziertenzahlen anderswo in Europa steigen und der nächste Lockdown näher rückt, kann Schweden es sich leisten, die Beschränkungen zurückzufahren

Mehr als 15.000 Corona-Infektionen täglich in Belgien und Tschechien bei einer Verdopplung während der letzten zwei Wochen nähren Befürchtungen, dass die Gesundheitssysteme dem Patientenansturm bald nicht mehr gewachsen sind. Weder kann der Anstieg allein durch eine Zunahme der PCR-Tests erklärt werden, noch durch falsch-positive Resultate, worauf Kritiker verweisen. Ihre Argumentation besaß bis Ende September noch eine gewisse Plausibilität, als der Anteil der positiv Getesteten in Deutschland um ein Prozent schwankte. Aktuell nähert er sich jedoch der Vier-Prozent-Marke.

Während die WHO im globalen Maßstab einen Rückgang der Neuinfektionen registriert, gibt es in Europa seit Anfang September eine nahezu exponentielle Zunahme. Auffällig stark sind einige Staaten Osteuropas betroffen, die von der Corona-Epidemie bislang weitgehend verschont blieben. Der Trend schlägt sich mittlerweile in den Sterbestatistiken nieder: Im Vergleich zum Frühjahr haben sich die durch Sars-CoV-2 (mit)verursachten Todesfälle in Rumänien verdreifacht, in Polen vervierfacht und in der Ukraine versiebenfacht.

Epidemiologen sehen die wesentliche Ursache in der längeren Überlebenszeit der Viren bei niedrigen Temperaturen und geringer Luftfeuchtigkeit. Da sich die Menschen während der kalten Jahreszeit überwiegend in beheizten Innenräumen bei maximal 40 Prozent Luftfeuchtigkeit aufhalten, steigt das Ausbreitungsrisiko erheblich. Als weiterer Grund wird der Vitamin D-Mangel während der Wintermonate genannt, was jedoch umstritten ist. Schließlich wird die Zunahme der Infektionen während der letzten Wochen auf wachsende Unvorsichtigkeit und die Öffnung der Schulen nach dem Sommer zurückgeführt.

Der schwedische Sonderweg

Während sich die Infektionszahlen nahezu überall in Europa im Vergleich zum Frühjahr vervielfacht haben und die Todesfälle zunehmen, bildet Schweden eine Ausnahme. Zwar ist ein saisonbedingter Anstieg zu konstatieren, allerdings liegen die Oktoberzahlen (noch) unter dem Durchschnitt der Monate April bis Juni, und dies bei einer starken Zunahme der PCR-Tests. Obwohl die schwedische Bevölkerung zahlenmäßig in etwa jener Belgiens und Tschechiens entspricht, betragen die täglichen Neuinfektionen weniger als ein Zehntel (ECDC).

Noch im Frühjahr war die schwedische Regierung harscher Kritik ausgesetzt. Am 5.4. unkte die FAZ vom "Ende des schwedischen Sonderwegs", der sich dadurch auszeichnete, dass er Empfehlungen an die Stelle von Restriktionen setzte. Einzige Ausnahmen waren das Versammlungsverbot von mehr als 50 Personen und später das Besuchsverbot in Pflegeheimen. Letzteres wurde als notwendig erachtet, da Schutzausrüstungen nicht in ausreichendem Maß verfügbar waren, was zu einer rapiden Zunahme der Sterbefälle führte.

Der Staatsepidemiologe des Landes, Anders Tegnell, geriet unter Erklärungsdruck und übte diesbezüglich Selbstkritik. Gleichwohl verteidigte er den schwedischen Weg unter Verweis, dass dem Land negative Folgeschäden erspart blieben, die ein Lockdown unweigerlich verursachen würde. Er war überzeugt, dass mit der gewählten Anti-Corona-Strategie der kommende Winter ohne größere Korrekturen zu überstehen sei. Trotz der Kritik mancher Experten setzte die schwedische Führung den Sonderweg fort, wobei sie die breite Unterstützung der Bevölkerung hatte.

Die bereits für Ende Mai erwartete Herdenimmunität schien sich indessen nicht einzustellen. Nach einer Untersuchung des schwedischen Gesundheitsamts hatten Anfang Mai lediglich 7,3 Prozent der Bürger des besonders betroffenen Großraums Stockholm Antikörper im Blut. Obwohl die schlechten Zahlen zu diesem Zeitpunkt wenig Grund dafür boten, zeigte sich Tegnell weiterhin optimistisch. Er vertröstete seine Landsleute auf die Zukunft: "Wir sind noch lange nicht am Ende der Straße angekommen, deshalb wissen wir nicht, wie das Endergebnis aussehen wird."

Wie nun neuere Forschungen belegen, kommt im Kampf gegen Covid-19 den T-Zellen eine herausragende Funktion zu. Der Tatbestand, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung trotz Kontakts mit Sars-CoV-2-Viren nicht erkrankt, wird durch die Aktivierung von Fresszellen, sogenannte Makrophagen, erklärt. Um die infizierten Zellen eliminieren zu können, müssen sie jedoch erkannt werden. Dies leisten T-Zellen, die eine solche Fähigkeit über eine frühere Infektion durch Corona-Viren erlangt haben. Ein entscheidender Vorteil ist, dass T-Zellen wesentlich langlebiger sind als Anti-Körper. Der schwedische Arzt Sebastian Rushworth ist überzeugt, dass es in seiner Heimat gelungen ist, mittels der T-Zellen die angestrebte Herdenimmunität zu erreichen.

Die moderaten Infektionszahlen untermauern diese Einschätzung, zumal von der schwedischen Regierung keine weiteren Restriktionen beschlossen wurden. Im Gegenteil wurde seit Anfang Oktober das Besuchsverbot in Pflegeheimen aufgehoben. Die einzige erwähnenswerte neue Empfehlung betrifft Personen, die mit Corona-Infizierten denselben Haushalt teilen: Sie werden aufgefordert, eine Woche zu Hause zu bleiben. Aber auch hier werden Kita- und Grundschulkinder ausgenommen. Des Weiteren gibt es in Schweden keine App zur Kontaktverfolgung, und das Thema Corona-Epidemie nimmt in der Berichterstattung deutlich weniger Raum ein als in anderen westlichen Ländern.

Haben andere Länder zu stark auf Eindämmung gesetzt?

Am 24.9. schlagzeilte die FAZ schließlich: "Hatte Schweden doch die bessere Strategie?" Trotz partiellen Eingeständnisses richten Kritiker des schwedischen Weges den Fokus auf die hohe Opferzahl von fast 6000. Mit 586 Toten auf eine Million Bürger ist Schweden zwar mittlerweile auf den 17. Platz in der Corona-Weltstatistik abgesunken. Unter den europäischen Staaten wird das Land aber lediglich von Belgien, Spanien, Großbritannien und Italien übertroffen. Da seit Anfang August täglich nur noch vereinzelt mit Sars-Cov-2 infizierte Personen gestorben sind, dürfte Tegnells Argumentation mit dem Verweis auf das "Endergebnis am Ende der Straße" dennoch an Überzeugungskraft gewinnen.

Auch ist zu berücksichtigen, dass die Sterbefälle in Schweden dem langjährigen Durchschnitt entsprechen. Während der ersten 35 Wochen dieses Jahres gab es 620 Tote auf 100.000 Einwohner, womit die Zahlen der vorhergehenden Dekade fünfmal über- und fünfmal unterschritten wurden. Der höchste Wert wurde für 2012 mit 650 ermittelt, was ca. 3000 Todesfälle mehr als in diesem Jahr bedeutet. Damals grassierte eine schwere Influenza-Epidemie, die augenscheinlich mehr Opfer forderte als gegenwärtig das Sars-CoV-2-Virus.

Da für das letzte Jahr mit 564 Toten der geringste Wert seit 2010 gemessen wurde, lebten in Schweden während des vergangenen Frühjahrs mehr hochmorbide und immungeschwächte Personen als normal. Wird ein Vergleich mit dem durchschnittlichen Jahreswert angestellt, dann beträgt die Zahl etwa 5000. Dies stützt die Annahme, dass für einen Großteil der an Covid-19 Erkrankten die Haupttodesursache anderswo liegt, wenn auch die Virusinfektion den Todeseintritt beschleunigt haben dürfte. Für diese Sicht spricht ebenfalls das mit 86 Lebensjahren recht hohe Medianalter der infizierten Toten, das fünf Jahre über dem internationalen Vergleichswert liegt.

Was Schweden während der Monate April bis Juni hinter sich gebracht hat, steht anderen europäischen Staaten erst bevor. Das Timing erscheint wichtig, bestand doch die erklärte Absicht der Anti-Corona-Maßnahmen im "Flatten the Curve", um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Während deutsches Krankenhauspersonal im Sommer auf Kurzarbeit gesetzt wurde, weil die Infektionsrate - was ja zu erwarten war - stark zurückging, werden aktuell Befürchtungen geäußert, dass die Kapazitäten bald nicht ausreichen könnten. Einige Nachbarländer befinden sich bereits in einer dramatischen Lage, und auch hier wären die Verantwortlichen gut beraten gewesen, wenn sie nicht zu Sommerbeginn derart massiv auf Eindämmung gesetzt hätten.

Die wiederholten Warnungen vor einer zweiten Welle wurden offenbar von den westlichen Staatslenkern nicht ernst genommen. Es entsteht der Verdacht, dass sie vornehmlich der Rechtfertigung der erlassenen Restriktionen dienten, anstatt frühzeitig in die strategischen Überlegungen einzufließen. Anders handelte die schwedische Regierung: Indem die Ausbreitung des Virus nur moderat gebremst wurde, konnte sich eine partielle Herdenimmunität entwickeln. Das Sommerklima sorgte dafür, dass die Neuinfektionen nicht eine Schwelle überschritten, die das Gesundheitssystem überfordert hätte. Wer hingegen alles daran setzte, das Corona-Virus weitestmöglich einzudämmen, ist heute Opfer der eigenen Kurzsichtigkeit.

Trotz der vergleichsweise niedrigen Infiziertenzahlen äußert sich der schwedische Staatsepidemiologe Tegnell angesichts des rapiden Anstiegs der letzten Tage besorgt. Zwar sei der Schutz von Pflegeheimen, auf die bislang etwa die Hälfte der Todesopfer fiel, weitgehend gewährleistet. Doch auch wenn die aktuell Betroffenen überwiegend der jüngeren Bevölkerungsgruppe angehören, dürfe sich Schweden nicht auf die im Vergleich zu anderen Ländern höhere Immunität verlassen. Die Ausbreitung des Corona-Virus sollte durch Nachverfolgung der Infektionsketten und lokale Sondermaßnahmen in Schranken gehalten werden, damit die Behandlungskapazitäten auch in Zukunft ausreichen. Gravierende Probleme wie in anderen europäischen Ländern sieht er dennoch nicht auf seine Heimat zukommen. (Bernd Murawski)