Schwedisches Statistikamt berichtet einen Rückgang der Lebenserwartung durch Covid-19

In Deutschland gab es im September bereits einen Anstieg der Übersterblichkeit, nach Destatis hatte dieser aber nichts mit Covid-19 zu tun

Schweden gilt einigen noch immer als Vorbild beim Umgang mit der Coronapandemie, andere weisen darauf hin, dass die Todeszahlen in dem Land deutlich höher sind als in den Nachbarländern. Schweden hat mit seinem Chefepidemiologen Tegnell das Ziel verfolgt, einen staatlich angeordneten Lockdown oder Shutdown zu vermeiden und stattdessen vor allem auf Empfehlungen für das Verhalten gesetzt, anfänglich wurde damit das Ziel verfolgt, durch eine so gebremste Ausbreitung eine Herdenimmunität zu erreichen. Gekostet hat dies das Leben vor allem der alten Menschen in den Alten- und Pflegeheimen.

In Schweden sind nach Angeben des ECDC für den 26. November bislang 6555 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben. In den letzten 14 Tagen waren dies 2,9 Menschen pro 100.000 und eine Infektionsrate von 621 pro 100.000. Die Zahlen sagen alleine noch nicht so viel. Schwedens Nachbarländer haben weiterhin eine niedrigere Mortalität: Norwegen 0,6 auf 100.000, Finnland 0,4 oder Dänemark 0,8. Auch die Infektionszahlen sind hier niedriger. Wirft man einen Blick auf die Infektionszahlen, so liegen sowohl Frankreich mit 454 und Spanien mit 399 pro 100.000 niedriger, weisen aber eine weit höhere Mortalität auf.

Nach Euromomo gibt es schon länger keine Übersterblichkeit mehr, ebenso wenig wie in Deutschland und Dänemark, in Finnland wird hingegen eine Untersterblichkeit registriert. In KW 48 liegt auch in Schweden keine Übersterblichkeit vor, aber in Italien, Frankreich, Spanien oder Großbritannien.

Allerdings meldet die schwedische Statistikbehörde, dass 2020 wahrscheinlich wegen Corona die Lebenserwartung der Schweden sinken wird bzw. bereits gesunken ist. Landesweit gebe es zwischen den Regionen große Unterschiede bei der Projektion, besonders betroffen ist die Region Stockholm, wo auch Covid-19 am stärksten ausgeprägt war und ist. Die Vorhersage basiert auf den Zahlen von Januar bis August, also mit der relativ hohen Übersterblichkeit zwischen KW 13 und 21 (März-Mai).

Die Entwicklung der Mortalität zwischen Januar und August bedeutet eine Verkürzung der Lebenserwartung für Frauen von 84,7 auf 84,4 Jahren und für Männer von 81,3 auf 80,8 Jahren. 2019 war die Lebenserwartung noch weiter um 0,5 Jahre angewachsen, da die Mortalität bei den älteren Menschen gesunken ist, jetzt fällt sie wieder auf den Stand von 2018 zurück, was nach der Statistikbehörde der größte Rückgang seit 1944 ist.

Wie in anderen Ländern ist die Lebenserwartung in Schweden von 1900 bis 2019 stetig gewachsen, schließt also auch die Zeit der Spanischen Grippe ein. Sie erreichte das Land 1918, mindestens ein Drittel der Bevölkerung soll sich infiziert haben. 35.000 starben zwischen Juni 1918 und April 1919 an der Influenza und Lungenentzündung, das sind also schon deutlich mehr als die bislang an Covid-19 Gestorbenen. Die Statistikbehörde meint lediglich: "Es gab einige Jahre und kürzere Zeitabschnitte der Stagnation oder verkürzter Lebenserwartung. Aber ist es weiter ungewöhnlich, dass die Lebenserwartung von einem Jahr auf das andere sinkt."

Wie auch immer, die Zahl der Covid-19-Todesfälle könnte mit der zweiten Welle, die auch Schweden erfasst hat, noch einmal ansteigen und die Lebenserwartung weiter senken. Die Übersterblichkeit betreffe vor allem die alten Menschen, aber 2010 dürften die Mortalitätsraten in allen Altersgruppen höher liegen als 2020.

Deutschland: Covid-19 kann Übersterblichkeit nicht erklären

Nach dem Statistischen Bundesamt war bereits im September, also noch vor der zweiten Welle, eine Übersterblichkeit zu erkennen. In dem Monat sind mindestens 73.010 Menschen in Deutschland gestorben, das sind 5 Prozent oder 3221 Todesfälle mehr als im Mittel der Jahre 2016 bis 2019, wo auch die schwerere Grippeepidemie im Frühjahr 2018 stattfand, die viel ausgeprägter am Anfang des Jahres 2018 zuschlug als bei Covid-19. 2020 sind die Todeszahlen vom Januar bis März gegenüber dem Durchschnitt 2016-2019 deutlich zurückgegangen, um dann mit Covid-19 im April um 10 Prozent anzusteigen.

Interessant daran ist, dass die Covid-Todesfälle die Übersterblichkeit nicht erklären können. Im September starben nach dem RKI nämlich nur 192 Personen an oder mit Covid-19: "Die gesamten Sterbefallzahlen der Monate Mai bis Juli bewegten sich im Bereich des Durchschnitts der Jahre 2016 bis 2019. Im August waren die Sterbefallzahlen im Zuge der Hitzewelle um 6 % erhöht."

Allgemein steigen unabhängig von Hitze- und Grippewellen die Todesfälle im September seit 2015 an. Das könnte am höheren Anteil der alten Menschen liegen. Die Zahl der Über-80-Jährigen ist allein zwischen 2015 und 2019 um eine Million von 4,7 auf 5,7 Millionen angestiegen. Die hohen Sterbefallzahlen im September 2020 verdanken sich dieser Altersgruppe - 3924 Todesfälle oder 10 Prozent mehr im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Allerdings könnten darunter auch Personen gewesen sein, die mit Covid-19 infiziert waren und womöglich daran gestorben sind, aber nicht getestet wurden. Aber die Todesfälle bei den Unter-80-Jährigen sind im September um 2 Prozent zurückgegangen.

Destatis erklärt, dass im Oktober die Sterbefälle wieder zunächst auf den Durchschnitt der Vorjahre zurückfielen, aber gleichzeitig mit dem Anstieg der Covid-19-Todesfälle Ende Oktober nahm die Zahl der Sterbefälle wieder um 5 Prozent zu. Auch das lässt sich nicht ausschließlich auf Covid-19 zurückbeziehen. (Florian Rötzer)