Schweinegrippe: Geschäft mit der Angst

Auch in Deutschland steigt die Zahl der Infizierten schnell, Panik ist nicht angesagt, aber die Pharmakonzerne machen ihr Geschäft mit der Angst

Die Schweinegrippe kommt nun auch in Deutschland an. Sie wird von Urlaubern, vor allem aus Spanien, eingeschleppt. Und hierzulande wird sie sich ähnlich schnell verbreiten, wie dies etwa in den USA oder in Großbritannien geschehen ist. In Großbritannien sollen sich die vom neuen A(H1N1)-Virus Infizierten letzte Woche verdoppelt haben – auf nun 100.000 Erkrankte.

Gestern wurde eine Webseite vom britischen Gesundheitsministerium freigeschaltet, die aber in wenigen Minuten nicht mehr erreichbar war, weil zu viele Internetnutzer Informationen wollten oder sich virtuell zu diagnostizieren suchten. 9,3 Millionen Aufrufe gab es pro Stunde. Ein deutliches Symptom für die Stimmung. Überall spart man nicht mit Szenarien, in denen es zu Millionen Grippekranken mit entsprechend vielen Toten kommen könne.

Obgleich die Schweinegrippe gegenüber der saisonalen Grippe weiterhin relativ harmlos ist, gedeihen die Ängste, die schon lange vor einer globalen Pandemie vor allem in den Ausmaßen der Spanischen Grippe nach dem Ersten Weltkrieg gezüchtet worden sind. Seit Jahren wurde vor einer Pandemie der Vogelgrippe gewarnt. Jetzt sind wir beim Schwein als Inkubator für den menschlichen Virus gelandet. Es seien nur kleinste Mutationen notwendig, so heißt es auch, um den jetzt relativ harmlosen Virus zur Bombe zu machen (Noch kann sich die Schweinegrippe schlecht verbreiten). Die Pandemie gesellt sich nun zur globalen Finanz- und Wirtschaftskrise und ersetzt wieder einmal die Angst vor dem Terrorismus.

Die wurde auch immer nicht nur wegen der realen, in den westlichen Ländern vergleichsweise geringen Gefahr von interessierten Kreisen gepflegt, die damit ihr politisches und kommerzielles Süppchen kochen konnten. So gab es jahrelang staatliche Förderprogramme für den Kauf und die Entwicklung von Sicherheitstechnik und floss viel Geld in die Rüstung, um den Terror am Hindukusch und anderswo zu bekämpfen und für Energie- und Ressourcensicherheit zu sorgen – sehr viel mehr als in Programme zum Wiederaufbau oder zur sozialen und wirtschaftlichen Stabilisierung.

Vermutlich erleben wir nun gerade erstmals in Echtzeit, wie eine Pandemie sich verbreitet und die Menschen darauf reagieren. Keiner kann bislang sagen, wie es werden wird, Erfahrungen gibt es nur im Rückblick, wenn auch freilich unter anderen Bedingungen. Noch nie war die Erde so dicht virtuell und real vernetzt. Während die Zahlen von anderen Infektionskrankheiten, auch die der saisonalen Grippe, kaum jemanden interessieren, wird die Ausbreitung der Schweinegrippe von den Medien, den Regierungen und den Menschen genau verfolgt. Das ist ganz ähnlich wie beim Terrorismus. Obgleich andere Gefährdungen viel höher sind, beispielsweise das Besteigen einer Leiter oder eines Autos, starrt man auf die neuen Bedrohungen, die "alten" werden gewissermaßen hingenommen.

Bei der Angst vor dem Terrorismus profitiert die Rüstungs- und Sicherheitsbranche, seit der Möglichkeit, biologische Waffen zu entwickeln und einzusetzen, aber auch schon die biomedizinische Branche. Die Grippe ist vor allem der Markt der Pharma-Konzerne, die antivirale Medikamente und Impfungen entwickeln und anbieten. Und eine drohende Pandemie ist natürlich das El Dorado, da sich keine Regierung, die über das Geld verfügt, dem Vorwurf aussetzen lassen will, die Sicherheit der Menschen fahrlässig zu gefährden. So werden also antivirale Mittel und Impfstoffe en masse geordert, um sie bei Bedarf verfügbar zu haben. Da das Geld und die Kapazitäten nicht ausreichen, jedem Menschen einen Schutz zu gewährleisten, muss selektiert werden, wer schützenswerter und bedrohter ist. Sollte eine wirklich gefährliche Pandemie ausbrechen, dürfte dies schnell zu politischen Problemen führen.

Vorerst freuen sich die Pharmakonzerne. Der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline geht davon aus, mindestens drei Milliarden US-Dollar an der Schweinegrippe durch Impfstoffe und das antivirale Medikament Relanza zu verdienen. Arme Länder sollen den Impfstoff kostenlos erhalten, Roche bietet es nur billiger an (Roche bietet Tamiflu billiger für arme Länder an). Pro Impfung – erforderlich sind jeweils zwei – verlangt GlaxoSmithKline 10 Dollar. Bislang wurden 195 Millionen Impfdosen bestellt. Der Verkauf von Relanza ist gegenüber dem Vorjahr um 2000 Prozent gestiegen. Der Verkauf von Tamiflu von Roche soll im ersten Halbjahr um 200 Prozent gestiegen sein. 2 Milliarden US-Dollar erwartet der Konzern an Einnahmen allein für Tamiflu dieses Jahr, drei Mal so viel wie letztes Jahr. (Florian Rötzer)

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