Schweiz: Fahrkarten-App berechnet Fahrpreis mit GPS-Standortdaten

Bild: Fairtiq

Schweizerische Bundesbahnen ziehen positive Zwischenbilanz, haben aber noch keine Entscheidung über die reguläre Einführung eines Systems gefällt

Die Schweizerischen Bundesbahnen ziehen eine positive Zwischenbilanz für ihr zusammen mit dem Berner Privatunternehmen Fairtiq entwickeltes "Preview" der Fahrkartenapp EasyRide. Eine Entscheidung, ob man sich nach dem Testende im Dezember 2019 für die reguläre Einführung des Systems entscheidet, ist aber noch nicht gefallen, wie ein SBB-Sprecher gestern auf Anfrage von Telepolis erklärte.

Diese für Android und iOS verfügbare Anwendung rechnet anhand der GPS-Daten, die die Mobiltelefone ihrer Nutzer liefern, automatisch Fahrpreise ab. Damit sie funktioniert, muss sich ein Nutzer ein SwissPass-Login holen und angeben, ob er mit Visa, MasterCard), PostFinance Card, Swisscom Easypay, Twint oder Reka zahlen will. Dann kann er sich den SBB nach auf andere Sachen als Zonen und Tarife konzentrieren, weil die App für ihn angeblich immer den günstigsten Preis berechnet: "Übersteigt beispielsweise der Wert der gefahrenen Strecke an einem Tag den Preis einer Tageskarte", heißt es, dann "wird dem Kunden nachträglich der günstigere Preis der Tageskarte verrechnet".

Bei leerem Akku droht ein Bußgeld

Hat ein Fahrgast für einen bestimmten Bereich eine Dauerkarte, soll EasyRide nur die Strecken berechnen, die darüber hinausgehen. "Sparbillette" werden jedoch nicht berücksichtigt. Die App gilt nur dann als Fahrkarte, wenn sie eingeschaltet ist. Auf bestimmten Smartphones von Google, Huawei und Xiaomi muss sie der Nutzer dazu über Settings, Power Saving und Protected App vor dem Energiesparmodus schützen. Gegen die Versuchung, dass Kunden EasyRide erst einschalten, wenn ein Fahrkartenkontrolleur kommt, hat man angeblich eine "technische Lösung" gefunden, über die man nicht mehr verraten will.

Für den Fall, dass sich ein Akku (vielleicht auch wegen der laufenden Apps) während einer längeren Fahrt leert, sollte ein EasyRide-Nutzer eine Powerbank dabei haben. Sonst kann es sein, dass er - wie auch bei anderen Handy-Tickets - ohne es zu wollen als Schwarzfahrer gilt (vgl. Münchner Fahrscheinkontrolle: Bei leerem Akku droht Bußgeld).

Ausschalten beim Aussteigen

Wenn man nicht das Risiko eingehen will, dass die SBB für Strecken kassiert, die man zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit einem Taxi oder privaten PKW zurücklegt, muss man die App nicht nur beim Einsteigen einschalten, sondern auch beim Aussteigen ausschalten, Diese Ausgestaltung ist potenziell günstig für ein Verkehrsunternehmen - aber potenziell schlecht für den Fahrgast. Abgemildert wird sie durch die Möglichkeit, sich beim Aussteigen elektronisch erinnern zu lassen.

Weniger als Problem sehen werden viele Nutzer, dass die App ihre Wege erfasst. Der Datenschutz hat durch das DSGVO-Debakel einen beträchtlichen Imageverlust erlitten (vgl. DSGVO: Anwaltskanzlei mahnt Friseure ab) - und andere Apps, wie beispielsweise Google Maps, nutzen die Standorte ohnehin schon. Zudem betont die SBB, "neben der digitalen Erfassung" werde "in Zukunft immer auch anonymes Reisen ohne Erfassung möglich sein".

"Tariflandschaft 2020" soll alle öffentlichen Verkehrsmittel in der Schweiz umfassen

Bislang haben lediglich 15.000 Fahrgäste EasyRide installiert. Das könnte sich ändern, wenn der Test in ein reguläres Angebot übergeht und die geplante Tariflandschaft 2020 Wirklichkeit wird. Sie sieht vor, dass sich mit einer einzigen Fahrkarte alle öffentlichen Verkehrsmittel in der Schweiz nutzen lassen. Damit würden sich dann beispielsweise auch die Trambahnen des Zürcher Verkehrsverbunds ZVV nutzen lassen, der eine eigene GPS-Fahrkartenapp anbietet, welche EasyRide ähnelt, aber mit der Technik eines anderen Unternehmens arbeitet.

Außer in der Schweiz gibt es GPS-Tickets inzwischen auch in Liechtenstein und im angrenzenden österreichischen Vorarlberg, wo sie Fairtiq in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Verkehrsverbund VVV unter dem eigenen Namen vertreibt. Hier haben Nutzer - anders als in der Schweiz - auch die Möglichkeit, ihre Fahrtkosten via PayPal einziehen zu lassen. (Peter Mühlbauer)