Schwere Materie

Bücherschrank in der Nordstadt Hannover. Foto: M. Magis

Die Kunst der Bücherschränke. Eine Überlegung

Bücher sind schwere Materie und damit ungeheuer träge. Das gilt nicht nur für Umzüge, sondern auch für den Handel. Die Transportkosten übersteigen oft den - rapide abnehmenden - Wert der Bücher. Was irgendwann ein Bestseller war, wird zum Ärgernis. Denn Bücher sind nicht nur schwere Materie, sondern auch raumgreifend. Und Raum ist kostbar.

Bücher haben die Eigenschaft, sich fortzupflanzen, was jeder ernsthafte Leser bestätigen kann. Bibliotheken wuchern und haben gleichwohl eine beruhigende Wirkung. Bücher sind also eine besondere Mischung aus Heilpflanze und Unkraut. Das erklärt, warum Bücherschränke funktionieren.

Die Anwendung ist einfach. Schränke findet man an immer mehr öffentlichen Orten. Man kann Bücher hineinstellen und herausnehmen. Kostenlos. Wenn man ein Buch herausnimmt, wird man gebeten, ein anderes einzustellen. Die Schränke sind rund um die Uhr offen. Paten achten darauf, dass alles in Ordnung bleibt. In der Regel bleibt alles in Ordnung.

Diese seltsame und wunderbare Selbstorganisation des Buchbestandes zeigt, warum das Medium Buch eben doch kein normales wirtschaftliches Gut ist. Für Flohmarkthändler und Antiquariate sind die eingestellten Bücher nur bedingt lukrativ, Randalierer scheinen sich ebenfalls wenig angezogen zu fühlen - bekannt ist zum Beispiel ein Fall in Wien, in dem die dort vorhandenen drei Bücherschränke in einer Nacht in Mitleidenschaft gezogen wurden. Das ist untypisch.

Beobachten konnte ich in Hannover dagegen einige Menschen, die mit großer Wut ihre Bücher entsorgten. Woher diese Wut stammt, kann man sich nur ausmalen. Generell lassen sich zwei Arten von Bücherschrankbenutzern unterscheiden: diejenigen, die Bücher mitnehmen, und jene, die sie einstellen. Eine Mischung dieser beiden Typen ist selten anzutreffen.

Letztlich findet also über die Bücherschränke eine Umverteilung statt. Die schwere Materie verhindert, dass einfach wahllos zugegriffen wird - das gilt sogar für den Händler mit den Bananenkisten auf dem Fahrrad, der die Reihen nach Verkaufbarem durchforstet. Und Leser sehen sich sowieso genau an, was sie sich ins Haus holen. Ungelesene Bücher gibt es schließlich genug. Unverkäufliche ebenfalls.

Foto: M. Magis

Gute private Bibliotheken fluktuieren und verändern sich. Es geht nicht um die Anzahl der Bücher, die man besitzt, sondern um einen inneren Zusammenhang. Die Bibliothek ist ein Ort, an dem sich die Bücher verbinden, zu einem Weltgebäude, einem neuen Buch, das man betreten kann. Der Form kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, schließlich haben wir es mit lebendigen Wesen zu tun, solange der Besitzer der Bibliothek noch präsent ist.

Die Bücherschränke sind eine Art Bibliothek temporär ungewollter Bücher. Sie verraten mehr über die Menschen, die in ihrer Umgebung wohnen, als man glauben mag.

(Marcel Magis)